Monate: Juli 2015

Die tragischen Meister von 2007

Kevin Kuranyi kommt zurück in die Bundesliga, das wird allenthalben gefeiert, zu allererst von ihm, denn er ist eine tragische Figur im deutschen Fussball. Einst hochgelobt als Stürmerhoffnung in der Post-Rumpelfuß-Ära, wurde er von Jürgen Klinsmann rasiert vor der WM 2006. Zwei Jahre später wurde er während des Länderspiels gegen Russland auf der Tribüne bepöbelt und floh wortlos aus dem Stadion. Joachim Löw hatte wenig Verständnis dafür und suspendierte ihn. Und als schliesslich sein Heimatverein VfB Stuttgart 2007 Meister wurde, war Kuranyi zwei Saisons vorher nach Gelsenkirchen gewechselt, vermeintlich wegen der besseren sportlichen Aussichten und Zahlen, die in der Gehaltsabrechnung auf Schalke ein bisschen größer waren als im Kessel. Als Stuttgarter Homeboy, der gerne am Waranga und abseits cornert, hätte Kuranyi auch nach Stuttgart gepasst; weniger sportlich, denn an Daniel Ginczek, Martin Harnik und Timo Werner käme er nicht vorbei, eher folkloristisch, denn Karrieren verlaufen beim VfB oft tragisch. Besonders auffällig ist dies bei der Meisterschaftmannschaft 2007. Timo Hildebrand: Irritierte durch seinen Vertragspoker und verließ nach überragenden Leistungen (Bochum!) den VfB nach der Meisterschaft in …

Die Lederhose steht ihm gut

Der FC Bayern München hat jetzt also seinen Drecksack. Oder wie Die ZEIT Arturo Vidal nennt, ein „fußballerisches Arschloch“, dagegen wirken Stefan Effenberg und Mark van Bommel wie artige Backgroundsänger einer gecasteten Girl-Band. Dass sich der Proll-Fashion-Store „Pool“ in der Maximilianstraße freut, ist klar, ebenso die Coiffeure und Tattookünstler, aber passt Vidal wirklich zum Stern des Südens? Systemisch sollen die Möglichkeiten erhöht worden sein, meint der spielverlagerung.de-Autor Tobias Escher bei 11Freunde und Vidal fügt dem Bayern-Spiel, das manchmal sehr pflichtbewusst und beamtenmäßig daher kommt, wohl tatsächlich zwei neue Aspekte hinzu: Wildheit und Geschwindigkeit, Vidal ist ein Pressing-Krieger, terrorisiert die Gegner im Mittelfeld und generiert so Ballgewinne und Überraschungsmomente. Das erinnert mich ein bisschen an den Wechsel von Serey Dié zum VfB. Nicht nur, dass beide absolute Siegertypen sind – Diè als Afrikameister, Vidal als Südamerikameister – auch bei Dié gab es kritische Stimmen, ob einer, der Balljungen ohrfeigt, sich mit dem Trainer anlegt und immer am Rande einer roten Karte wandelt, der Richtige sei. Nach wenigen Spielen war klar: Diè gibt dem gutmütigen Christian Gentner …

Abgezockt oder fahrlässig?

„Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“ Was klingt wie eine potenzielle Zeile aus einem Cro-Song, ist in Wirklichkeit ein uraltes Zitat von Georg Christoph Lichtenberg, seines Zeichens Schriftsteller und der erste deutsche Professor für Experimentalphysik. Wir wissen nicht, ob auch Robin Dutt die erhellenden Worte des guten Lichtenbergs kennt, aber es hat ganz den Anschein, als ob er nach ihnen handeln würde. Neuer Trainer, neuer Keeper, neues System, neues Trikot und Transfers, die keiner auf dem Zettel hatte. Wer kennt den schon Tyton, Heise oder Insua? Ich denke, solche „Wundertütentransfers“ wie Kollege abiszet sie nennt, sind der richtige Weg. Aber ich bin ja auch ein Fan des Lichtenberg-Zitats. Robin Dutt kärchert ordentlich durch und geht damit ein nicht zu unterschätzendes Risiko ein. Ist das noch höhere Transferphysik oder schon Gezocke? Denn nüchtern betrachtet wurde ein Team, das knapp dem Abstieg entronnen ist, auf keiner Position zwingend verbessert. Aber die vergangenen Saisons haben gezeigt, dass sich etwas ändern muss. Nicht nur …

Das System ist der Star!

Wahrscheinlich gehöre ich zu den ein, zwei Deutschen, die Berti Vogts gut finden. Das liegt wohl auch mit daran, dass meine Eltern mir ein Buch über ihn geschenkt haben als ich so sieben oder acht Jahre alt war und fiktive Fussballreportagen schrieb, in denen er hinten rechts gegen Kevin Keegan verteidigte, aber gegen den VfB immer unglücklich verlor. Es war mehr ein Bildband, Berti am Strand, Berti mit Schlaghosen, Berti grätschend auf überflutetem Rasen, Berti mit Günter Netzer, dazu ein einfühlsamer Text von Hans Blickensdörfer, der die Rolle von Hennes Weisweiler als Ersatzvater beleuchtet. Viel später schrieb Stefan Raab auf dem Rücken von Berti einen Top-10-Hit („Böörti Böörti Vogts“) und Vogts hatte einen Tatort-Kurzauftritt, wo er in 30 Sekunden eine Familie vor dem sicheren Tod durch eine Gasexplosion rettet. Neben seinem kulturellen Wirken ist er auch als Fussball-Philosoph in Erscheinung getreten, obwohl manche meinen, er hätte viel eher das Genre des Comedians begründet und somit überhaupt die Karriere von Mario Barth erst ermöglicht. Vogts sagte „Sex vor einem Spiel? Das können meine Jungs halten, wie …

Was kann Alex Zorniger außer schwäbisch?

Das neue VfB-Trikot ist der Burner, der Trainer scheint ein Fuchs zu sein und erste Tests liefen verheißungsvoll. Aber es ist Zeit, die Euphorie-Bremse zu ziehen! Diese Woche saßen Vertikalpass-Kollege Sebastian und ich beim Mittagessen und spielten unser Spiel. Es ist so etwas wie das Quiz, das Trainer Baade regelmäßig drüben auf Twitter veranstaltet (unbedingt @trainerbaade folgen!), nur nicht so gut wie seins. Meistens stellt mir Sebastian Fragen wie „Wie heißen die vier Spieler, die Franz Beckenbauer vor der WM 1990 aussortiert hat?“ oder fordert „Nenne mir acht Trainerstationen von Peter Neururer“ oder er zeigt mir alte Mannschaftsbilder aus den 70ern und ich muss 11 von 22 Spielern erkennen. Wenn ich es nicht schaffe, dann muss ich manchmal einen Text schreiben. Also, diese Woche saß Sebastian mit Hot Pants und Flip-Flops und mir beim Mittagessen und nach nur einer Frage wechselte Sebastian das Thema und sagte: „Ich bin ja immer am Anfang der Saison euphorisch. Trainer, Neuzugänge und dann noch das neue Trikot – Weltklasse!“. Dabei lachte er. Etwas, was im Zusammenhang mit dem VfB …