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Warum ich ein bisschen Angst um Hannes Wolf habe

Eins muss man sagen: Seit Wolfgang Dietrich beim VfB Präsident ist, geht es auf allen Ebenen deutlich professioneller zu. Alles ist durchdacht und bis ins letzte Detail durchchoreografiert. Beispiel Ausgliederung: Eine stufenweise Kommunikation, die clever aufeinander aufbaute, mit einer Kampagne, die einfache Botschaften als Vorteile wiederholte und die Club-Legenden wie Buchwald, Khedira und Hitzlsperger smart mit einband. Dasselbe jetzt bei der Demission von Jan Schindelmeiser: Klug wurden vermeintliche Fehlleistungen in der lokalen Presse lanciert, clubintern wurden Mehrheiten hergestellt und gleichzeitig ein hochkarätiger Nachfolger verpflichtet. Bevor man sich über den Rausschmiss von Slim Shindy ärgern konnte, „musste“ man sich über die bayerische Supernase Michael Reschke freuen. Hut ab!

Dabei liest sich die Transferbilanz von Schindelmeiser genau so gemischt wie die von Supernase Reschke und von Max Eberl und von Michael Zorc. Laut Dietrich geht es aber auch um die nicht getätigten Transfers. Und da müssen wir Schindelmeiser wirklich dankbar sein. Bei Jos Luhukay verweigerte er die Transfers von Ronny(!), Marko Marin und Alexander Baumjohann. Laut verschiedener Quellen hat Schindelmeiser bei den von Beratern angebotenen Rani Khedira, Daniel Didavi und Christian Träsch den Daumen gesenkt und statt Klinsmanns Filius Ron-Robert Zieler geholt.

Es muss also etwas anderes sein: Es geht wohl auch um die mangelnde strategische Ausrichtung von Scouting, Nachwuchs und Kaderplanung. Aber dient der Rauswurf dem Wohle des Clubs, der immer an erster Stelle stehen muss, wie Dietrich unmittelbar nach dem Rauswurf von Schindelmeiser konstatierte? Oder ging es darum, wer den Längeren hat? Ging es nicht viel eher um Kompetenzen, Macht, sportliche Mitsprache und Eitelkeiten? Um eines ging es vielleicht weniger: Um den VfB.

Schindelmeiser ist alles andere als fehlerlos (Stichwort Innenverteidiger!), aber seine Verdienste sind unbestritten seit er vor einem Jahr die Hektik rausnahm, den Kader erneuerte und den Mut hatte, Trainer Hannes Wolf zu verpflichten. Und genau um den geht es mir: Selten hat der VfB einen größeren Sympathieträger auf der Trainerbank gehabt. Er ist bescheiden, unaufgeregt, empathisch, fordernd, er ist das sportliche Gesicht des Vereins. Es ist nicht alles gut, was Wolf macht, und es reicht nicht, nur nett zu sein. Aber er hat den selbstverständlichen Aufstieg bewältigt, er kann auch Krisen und er geht den Weg konsequent mit, auf junge Spieler zu setzen. Wolf sucht nie nach Ausreden und bei ihm kann man wohl wirklich sagen: Nichts tut er für sich, alles, was er macht, soll dem Erfolg des Clubs, dem Wohle des VfB dienen.

Aber was ist, wenn jemand seine Aufstellungen beeinflussen möchte? Wenn es vermeintlich besser wäre, wenn Christian Gentner spielt anstatt Dzenis Burnic? Wenn der Ochsensturm mit Terodde/Ginczek gefordert wird, statt einem 4-1-4-1? Wenn ein auf den letzten Drücker verpflichteter ehemaliger VfB-Spieler plötzlich Stammspieler sein soll? Hannes Wolf hört sich sicher andere Meinungen an, aber dann wird er freundlich und bestimmt darauf hinweisen, dass er die sportliche Verantwortung trägt. Er wird sich also nicht reinquatschen lassen. Wird es dann auch einmal völlig überraschend heißen, dass man mit Wolfs Arbeit sehr zufrieden sei, aber meint, eine neue personelle Konstellation zu benötigen, um die Ziele des Clubs zu erreichen? Hoffentlich nicht.

Die wissenschaftliche Literatur definiert einen Machtmenschen übrigens wie folgt:
Der Machtmensch will bestimmen, was geschieht. Er ist an guten Argumenten nicht interessiert, insbesondere, wenn er befürchten muss, dass seine Machtstellung dadurch gefährdet ist. Der Machtmensch wird nichts aus der Hand geben, selbst wenn er weiß, dass er etwas nicht bewältigen kann. Er versucht Schuldige zu finden, um von seinen Fehlern abzulenken; er opfert Kollegen und Mitarbeiter, um seine Machtposition zu sichern.

14 Kommentare

  1. Pessimist sagt

    Hallo A-Z
    Was ist denn dann Dein Fazit?
    Dietrich weg? Oder gleich die ganze Vereinsführung weg?
    Meckern ist immer einfach.
    PS: Verschiedene Quellen haben auch berichtet, dass PorscheJan seit der Winterpause auch komisch drauf war.
    Grüße P

  2. @abiszet sagt

    Lieber Pessimist, bitte verstehe mich nicht falsch, aber ich muss nichts definieren, ich kein Unternehmensberater. Es müssen Schnittstellen definiert werden, wer für was zuständig ist und wer was abnicken kann. Sport sollte dabei dem Sportverantwortlichen obliegen.

  3. Pessimist sagt

    Ja da wird es kompliziert und ich verstehe dass du dich da raushalten willst. Ich hätte auch keine einfachen Lösungen hierzu.
    Und gefällt mir die schwarz weiß Analyse in deinem Text nicht.
    Ein Stück weit ist auch der Präsident /AR Vorsitzende der Sport-verantwortliche.
    Das ist auch bei anderen Vereinen nicht anders.

  4. Florian Götze sagt

    Es ist ein sehr sachlicher Text, der die richtigen Fragen stellt. Schwarz-weiss-Denke machst Du daraus, @Pessimist.

    Scheinbar gibt es Regeln, innerhalb derer Slim Shindy entscheiden durfte (siehe kicker-Artikel). Daran hat sich Schindelmeiser gehalten und Dietrich sah sich nicht genug gewertschätzt. Immer mehr wird klar, dass Dietrich ein egozentrischer Präsident ist, der nur seine Meinung gelten läßt und der bei allem glaubt, er wüsste es besser. Er hat um sich eine Reihe von Ja-Sagern geschart beziehungsweise solche, die froh sein müssen, überhaupt so weit gekommen zu sein und ihm dankbar sind (Heim/Röttgermann). Wie beim SWR gesagt, muss Dietrich nun liefern, oder wie Du sagst @abiszet, delivern!

    https://www.swr.de/sport/fussball/vfb-stuttgart-kommentar-der-druck-auf-wolfgang-dietrich-waechst/-/id=16376138/did=20052256/nid=16376138/p7qr7w/index.html

    Dietrich hat die Popularität Schindelmeisers bei der Ausgliederung genutzt, er hat bei allen Veranstaltungen die Wahrheit gebeugt und er hat Kritiker verunglimpft oder einfach ignoriert. Nach dem Rausschmiss von Schindelmeiser müssen jetzt die Ergebnisse stimmen. Zunächst bin ich auf die Transfers von Reschke gespannt (womöglich darf er mehr Geld ausgeben als Shindy). Als letzte Möglichkeit wird Dietrich Trainer Wolf entlassen, wenn auch nur der Hauch einer (Ergebnis)Krise entsteht. Von daher kann der Text nicht treffender sein. Wer vor allem den letzten Absatz liest, muss Dietrich vor Augen haben!

    • Leoking sagt

      Ich halte von Heim und RÖTTGERMANN auch nichts aber die waren vor Dietrich in Amt und Würden. Es gibt in jedem Betrieb eine Geschäftsordnung und einen Wirtschaftsplan, an den sich die Leitenden Angestellten/Vorstände halten müssen. Nach allem was durchsickert, hat sich Schindelmeiser nicht immer dran gehalten …

  5. @abiszet sagt

    @Fabian
    delivern ;-)

    @Leoking
    Das wäre eine gute Erklärung, die ich noch nirgendwo gelesen habe. Wo ist denn das durchgesickert? Das Gegenteil steht jedenfalls im kicker-Text.

    @Pessimist
    demokratisch gewählt, mit großer Mehrheit

  6. nutman sagt

    Angst habe ich um Hannes Wolf noch keine – die bekomme ich erst nach einer Serie von vier oder fünf Niederlagen, weil er dann angreifbar wird.

    Wie in einem anderen Kommentar von mir bereits beschrieben, wird diese Saison für HW schwieriger als die letzte werden – der Kader ist zu 92% komplett (ein RV muss noch kommen und potentiell noch ein IV – und mir fehlt einer, der das Spiel machen kann…) – der Aufstieg war mit einem überdurchschnittlichen Zweitligakader leichter zu erreichen als der Klassenerhalt mit einem durchschnittlichen Bundesligakader mit einer Mischung aus Routiniers (z.T. über ihren Zenit hinaus) und Frischlingen (mit Potential, aber ohne Erfahrung). Das kann alles ganz wunderbar funktionieren – aber das hätte es bei Zorniger mit seinem Harakiri-Fußball auch. Hannes Wolf hat die notwendige Demut, um zu sehen, wo wir herkommen (Grüße an Bruno für diesen Spruch), ohne aber Labbadia-mäßig nur schwarzseherisch zu wirken. Ich hoffe, er bleibt wie er ist und hat auch wirklich freie Hand in dem Bereich, in dem er die größte Kompetenz alles VfB-Mitarbeiter hat: bei der Aufstellung der Mannschaft am Spieltag und im Wirken am Spielfeldrand!

    • @abiszet sagt

      Lieber Nutman, ob der Aufstieg leichter war als der Klassenerhalt, ist schwierig zu beurteilen.
      Das Problem ist: Es wird diese Serie (Niederlage oder sieglos) hundertprozentig geben! Der VfB startet „traditionell“ nicht besonders gut (was auch mit der seit Jahren späten Verpflichtung von Neuzugängen zu tun haben kann).
      Das Auftaktprogramm heißt Berlin (A), Mainz (H), Schalke (A), Wolfsburg (H), Gladbach (A), Augsburg (H). In den ersten sechs Spielen wird es nicht viele Siege geben. Und jetzt kommt es darauf an, wie die VfB-Führung reagiert: Ruhig, besonnen, mit der ruhigen Hand (wie man es Schindelmeiser zutrauen würde) oder reflexhaft mit einem Rauswurf?

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