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Das Duell der Trainer-Streber

Wisst Ihr noch? Damals am 7. Spieltag holte der VfB einen völlig unbekannten U19-Trainer als Chefcoach. Und schnell war Hannes Wolf der heißeste Trainer-Scheiß der zweiten Liga. Mit 35 Jahren im besten Zweiliga-Alter für einen Spieler, überraschte er mit kreativen Aufstellungen statt starrer Taktik. Von ihm hörte man keine Phrasen, sondern bekam Statements, die man sich ohne Korrekturschleife auf den Unterarm hätte tätowieren lassen können. Die Fans liebten ihn und Blogs ohne jeden Sachverstand meinten sogar, einen einen Hauch von Guardiola zu verspüren. Was für ein Blödsinn.

24 Spieltage später ist Hannes Wolf nicht mehr Stuttgarts Pep, sondern eher Cannstatts Carlo: Während sie in München unzufrieden sind, weil Ancelotti “nur” die Meisterschaft geholt hat, ist man in Stuttgart der Meinung, dass Platz 1 mit dem Kader ja wohl das Mindeste ist, was der Trainer erreichen muss.

Die Epizentren des Trainer-Hipstertums befinden sich mittlerweile ganz woanders. Nicht unbedingt an den Orten, an denen man sie vermuten würde, sondern in der Provinz. In der ersten Liga ist es Sinsheim, wo Julian Nagelsmann die TSG Hoffenheim erst vor dem Abstieg gerettet hat, nun vermutlich in die Champions League führt und sich dann wohl aussuchen kann, wo er den nächsten Karriereschritt machen möchte.

Das Sinsheim der zweiten Liga heißt Aue. Ausgerechnet jener Club, der für so vieles steht, aber sicher nicht für taktische Innovationskraft. Unter Gerd Schädlich, Rico Schmitt und Pawel Dotschew zählten im Erzgebirge vor allem Kampf und Disziplin. Unter dem neuen Trainer ist alles anders. Auch Domenico Tedesco war bis vor kurzem U19-Trainer. Im Januar betreute er noch Hoffenheims Nachwuchs beim Mercedes-Benz JuniorCup und der Hallensprecher erwähnte mehr als einmal, dass Tedesco die Fußballlehrerausbildung mit der Note 1,0 abgeschlossen habe. Besser als Nagelsmann. Besser als Wolf. Mit Erzgebirge Aue holte Tedesco 13 Punkte aus seinen ersten fünf Spielen, darunter ein 2:2 gegen Hannover, Ausgleich in der 94. Minute inklusive. Von seinen Spieler wird Tedesco schon jetzt vergöttert. „Von denen, die ich bisher kenne, ist er der beste Trainer” sagt Zweitliga-Urgestein Nicky Adler. Der ist mit 31 genauso alt wie sein Trainer, hat aber schon 185 Zweitligaspiele auf der Uhr.

Am Sonntag kommt es also zum Clash der Laptop-Trainer, zum großen Duell der Trainerbubis. Wer wird Germany’s next Nagelsmann? Logisch, dass Tedesco zeigen will, dass er der neue Stern am Trainerhimmel ist. Hannes Wolf hingegen wird sich von dem Emporkömmling wohl kaum die Butter vom Brot nehmen lassen wollen. Und deswegen können wir uns auf ein taktisches Feuerwerk mit abkippenden Sechsern, Winkelspielern und falschen Neunern freuen. Es wird rotiert, rochiert und überladen werden. Die einen verknappen den Raum, die anderen versuchen, zwischen die Linien zu spielen. Und im Deckungsschatten ist es sowieso immer noch einen Kittel kälter. So könnte das Spiel aussehen:

Um Aue zu überraschen und noch mehr Qualität von der Bank bringen zu können, finden sich weder Ginczek noch Terodde in der Startelf wieder. Statt Doppelochsen-Sturm setzt Wolf auf einen kleinen Sturm. Im wahrsten Sinne des Wortes: Denn Florian Klein ist nach seinem Last-Minute-Siegtreffer gegen Nürnberg absolut on fire und will sich für einen neuen Verein empfehlen. Außerdem setzt Wolf auf eine Vierfach-Sechs, um das Spiel zu kontrollieren: Ofori, Zimmermann, Zimmer und Grgic sollen im defensiven Mittelfeld alles abräumen.

Damit hat Tedesco nicht gerechnet. Als Meister der Videoanalyse versucht er auf die Schnelle, Youtube-Videos der Spieler in der Vierfach-Sechs zu finden, aber das schlechte Mobilfunknetz im Stadion lässt das nicht zu. Da Aue nicht über die gleiche Kadertiefe verfügt wie der VfB, entschließt sich Tedesco zu einer radikalen Maßnahme: Wie im Volleyball lässt er nach jedem Abschlag komplett durchrotieren. Nur Torwart Martin Männel behält seine taktische Position. Zusätzlich greift Tedesco in die Taktik-Mottenkiste und lässt Christian Tiffert als waschechten Libero spielen. Das verwirrt Hannes Wolf und seine Spieler, die nicht wissen, ob Aues Taktik Vintage oder Retro ist. Wie nicht anders zu erwarten, entwickelt sich ein chaotisches Spiel, bei dem selbst Taktik-Nerds den Überblick verlieren; ein Alptraum für die Fans beider Seiten. Als es nach 87 Minuten 3:3 (Doppelpack Klein und ein Freistoßtor von Maxim) steht, wechselt Wolf endlich Ginczek und Terodde ein. Die beiden Ochsen brauchen nicht lange, um sich in die Partie zu ackern: In der dritten Minute der Nachspielzeit nutzt Terodde ein Zuspiel seines Kollegen zum umjubelten 4:3. In der 96. Minuten legt Ginczek nach und köpft einen Abschlag von Mitch Langerak ins leere Tor. Denn Tedesco lässt in der Schlussphase mit fliegendem Torwart spielen.

Hannes Wolf und der VfB Stuttgart werden ihrem Ruf mal wieder gerecht und erhalten Bestnoten in den Fächern Spannung und Drama. Die Versetzung in die erste Liga ist zum Greifen nah. Und Tedesco? Der gewinnt die letzten beiden Saisonspiele mit Aue und übernimmt dann völlig überraschend das Traineramt in Leverkusen. Mission: direkter Wiederaufstieg.

 

 

 

1 Kommentare

  1. drausvomLande sagt

    Klasse, großes Lob und Dank,
    habe endlich mal wieder mit Schmunzeln und nicht mit Bangen an den VfB gedacht …
    Aber jetzt bitte nicht mehr ablenken

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