Arminia, Feature_drei
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Die hippste Mannschaft Deutschlands

Graue Maus, Fahrstuhlmannschaft, Stadt, die es nicht gibt. Das war Arminia Bielefelds Definition bis vor einem Jahr. Dann kam das Spiel des Jahres: Der Zweitliga-Abstiegskampfkrimi in Dresden. Die Bielefelder gewannen unter dramatischen Umständen, erreichten die Relegation gegen Darmstadt, gewannen das Hinspiel am Böllenfalltor souverän, um im nächsten Spiel des Jahres in letzter Sekunde doch noch abzusteigen.

Und heute? Sind sie souveräner Tabellenführer in der dritten Liga, haben mit Fabian Klos den besten Stürmer der Liga im Team, schießen Tore des Monats und werden nach ihrem Halbfinal-Aus gegen Wolfsburg von ganz Fußballdeutschland gefeiert. Ist die Alm auf einmal die Anfield Road Deutschlands? Laufen die Großstadt-Hipster in Zukunft nicht mehr mit St. Pauli Hoodie durch die City, sondern im RUN DSC Shirt und mit tätowiertem Lohmann auf dem Oberarm?

In Zeiten, in denen vielen Fans der Fußball zu kommerziell, zu stromlinienförmig geworden ist, und in denen sich die zweiten Mannschaften vieler Bundesligisten regen Zulaufs erfreuen, ist Arminia Bielefeld genau der Gegenentwurf, den viele suchen. Back to the roots eben. Arminia ist Acker statt Rasenteppich. Arminia ist Grätsche statt Wegspitzeln. Arminia ist deftige Hausmannskost statt veganer Feinkost. Arminia ist Schweinskopfsülze statt Chia-Samen.

Zugegeben, auch in Ostwestfalen hat man den Stadionnamen vertickt, aber wer sagt denn schon „Schüco-Arena“, wenn „Alm“ so viel hipper klingt? Außerdem würde es den DSC Arminia Bielefeld ohne die tüchtigen und generösen ostwestfälischen Unternehmer, allen voran Gerry Weber, gar nicht mehr geben. Und, während man sich in München beschwert, dass man zum 178. mal deutscher Meister wird, ohne überhaupt auf dem Platz gestanden zu haben, wird in Bielefeld ein 0:4 frenetisch gefeiert.

Zur Erinnerung: In Ostwestfalen ist man nicht furchtlos und treu. Echte Liebe gibt es zwar auch in Bielefeld, aber darüber redet man doch nicht. Ostwestfalen sind dafür „stur, hartnäckig, kämpferisch“. Und das scheinen ausnahmsweise Werte zu sein, die aus dem Selbstverständnis des Vereins und nicht aus dem Marketingplan einer überbezahlten Werbeagentur entspringen. Die Werte, die sich die Bielefelder auf die Fahnen geschrieben haben, sind weder modern noch sind sie sexy – und deshalb passen sie perfekt zur Arminia. Und deswegen passt übrigens auch Trainer Norbert Meier so perfekt nach Bielefeld. Denn auch er ist nicht so cool wie Pep Guardiola oder so emotional wie Jürgen Klopp. Dass sich das nicht unbedingt negativ auf den sportlichen Erfolg auswirken muss, zeigt derzeit nachdrücklich das Duo Hecking/Allofs, das ungefähr so aufregend ist wie die jährliche Steuererklärung, aber aus der zusammengeschusterten Wolfsburger Truppe wieder einen Champions League Kandidaten gemacht hat.

Aber trotzdem kam mit Norbert Meier, der sich mit seiner legendären Kopfnuss-Schwalbe 2005 unsterblich gemacht hat, das Spektakel in die Stadt. Spektakel und Bielefeld schließen sich zwar eigentlich aus, aber kaum hatte Meier das Traineramt von Stefan Krämer übernommen, der seinerseits bereits mit seinem atzeschröderesken Aussehen und Auftreten für Furore gesorgt hatte, wurde es spektakulär bei der Arminia. Last minute Rettung, Last minute Abstieg. Pokal-Paradies.

Den Saisonbeginn der dritten Liga verschlief das Team zwar, oder wie wir Ostwestfalen sagen: Die Arminia kam einfach nicht zu Potte. Platz 17 nach vier Spieltagen. Erst ab Spieltag 7 gaben die Arminen ordentlich Kabitt und waren zum Ende der Rückrunde endlich da angelangt, wo sie hingehören: An der Tabellenspitze, von der sie sich seit 16 Spieltagen nicht mehr verdrängen lassen.

Das Endspiel in Berlin mag Arminia Bielefeld verpasst haben, doch das eigentliche Finale ist ein Heimspiel. Am Samstag gastiert Holstein Kiel auf der Alm. Wird gegen den Tabellenzweiten gewonnen, kann man bereits die Aufstiegsfeier planen. Wenn man jedoch wie üblich nach einer Pokalpartie in der Liga verliert, läuft die Arminia Gefahr, den sicheren Aufstieg doch noch zu verdölmern, wie man vor Ort sagen würde. Doch das wird nicht passieren.

Bielefeld wird aufsteigen. Und Bielefeld wird wieder absteigen. Oder wie Edel-Fan Casper sagt:

„Wir scheitern immer schöner; sind Versager mit Stil.“

Die Partie gegen Wolfsburg am Mittwoch war Scheitern in Perfektion.

Titelbild: Sascha Uding/www.arternative-design.com

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