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Schluss mit toter Hose. Oder: das neue Pep-Prinzip beim VfB

Erinnert Ihr Euch noch? Damals, als der VfB Stuttgart noch in der ersten Liga kickte und sein Trainer Bruno Labbadia hieß? Sicherlich kein schlechter Coach (übrigens bei Wolfsburg im Gespräch). Seine Spielweise war selten begeisternd, aber aus heutiger Sicht durchaus erfolgreich. Was der gute Bruno allerdings überhaupt nicht konnte, war das, was wir Laptop-Fans heute “Ingame-Coaching” nennen. Ab der 60. Minute begann er meist mit Assistent Eddy Sözer zu diskutieren, wie man denn tauschen könnte. Ab der 70. Minuten wurden die Fans unruhig und in der 78. Minute kam dann der Wechsel: Stürmer für Stürmer.

Mit Alexander Zorniger kam dann endlich ein Trainer, der für taktische Überraschungen gut war. Erinnert Ihr auch an Lord Hlousek in der Innenver … ach, lassen wir das lieber. Jedenfalls hatte Zorniger einen Plan. Ein Plan, der leider nie aufging. Dennoch sind viele der Meinung, dass Zorniger genau der Coach war, den der VfB Stuttgart benötigt(e). Und jetzt frage ich mich: Ist Hannes Wolf so etwas wie Angry Zorniger – nur in erfolgreich? Ein Trainer mit Ideen? Und im Gegensatz zu Zorniger jemand, der nicht engstirnig und überheblich auftritt, sondern bereit ist, sein taktisches Konzept auch anzupassen und aus Fehlern zu lernen?

Eins kann Wolf auf jeden Fall: Uns überraschen. Gegen Fürth schmiss er Carlos Mané und Benjamin Pavard ins Team. Und im für viele wichtigsten Spiel des Jahres verhilft er auf einmal Marcin Kaminski zu seinen ersten Minuten im Stuttgarter Dress – und das gleich auf zwei Positionen, von denen er die erste eigentlich gar nicht spielen kann.

Wolf lässt die beiden Sturmochsen Simon Terodde und Daniel Ginczek auf der Bank und beordert lieber Özcan in die Spitze. Wolf tauscht nicht in der 78. Minute Stürmer für Stürmer, sondern bringt zur zweiten Hälfte einen Stürmer für einen Innenverteidiger. Inklusive dem damit verbundenen Position-wechsel-dich-Spiel in der Formation.

Was ich damit sagen will: Wir haben endlich einen Trainer, der sich vercoachen kann. Weil er überhaupt mal coacht. Er hat Ideen, bedient sich der Breite des Kaders und stellt sein Team gegnerbezogen auf. Ein bisschen so wie Thomas Tuchel, nur unverkrampfter. Klar: Solange das Team seine Spiele gewinnt, könnte Wolf auch den Busfahrer einwechseln, aber so langsam festigt sich der Eindruck, als ob der Trainer weiß, was er da macht. Und die Art und Weise, wir er das tut, macht Spaß.

Wir müssen nicht verstehen, warum Toni Sunjic immer wieder unsere Nerven strapazieren darf oder warum Alexandru Maxim auf der Bank sitzt. Die überraschenden Aufstellungen und Wechsel über drei Positionen kommen mir hin und wieder fast ein wenig pep-esk vor. An der Seitenlinie ist Wolf ähnlich ernst und aktiv wie der Katalane. Ist der VfB-Trainer gar der Wolf im Pep-Pelz? Am heutigen Mittwoch war der VfB zu Gast beim Breuninger. Vielleicht hat sich Hannes Wolf bei der Gelegenheit gleich mal einen Slim-Fit-Anzug rausgelassen. Muss ja nicht gleich maßgeschneidert von Dsquared2 sein, bodenständiges Strellson oder klassischer Paul Smith gehen ja auch ersma. Aber andererseits passt der Casual Style besser in der zweiten Liga. Den Dreiteiler sollte er sich vielleicht für die internationalen Spiele Bundesliga aufheben.

Egal in welchem Styling: Hannes Wolf tut dem VfB gut. Nach dem Laissez-faire-Stil des Elder Statesman Armin Veh, nach dem ruppigen Old-School-Turnhallen-Style von Huub Stevens, nach dem krawalligen Alexander Zorniger und nach dem überforderten Jürgen Kramny weht mit dem 35-jährigen ein Hauch von Innovation und Guardiola durch die Mercedes Straße.

Wolf scheint ein erstklassiger Taktiker zu sein, eine empathische Führungsfigur und ein mutiger Entscheider. Er betont immer, alle Facetten des Fußballs nutzen zu wollen. Ballbesitz-Fußball und schnelles Umschaltspiel. Für ihn gibt es kein entweder-oder, sondern vielmehr ein sowohl-als-auch. Wie es der Gegner und die Spielsituation erfordern. Das ist anstrengend für die Spieler und interessant für die Fans und Medien. Und sicherlich wird es auch nicht immer funktionieren.

Doch für was steht Hannes Wolf eigentlich? Sicherlich nicht für eine Taktik, die Ballbesitz zur Religion erhebt und ihre Jünger um sich schart. Und wahrscheinlich hoffentlich auch nicht für zornigen Blitzkriegfußball, der all zu oft im eigenen Tornetz endet. Hannes Wolf steht für unkonventionelle Ideen, die der VfB Stuttgart schon länger nicht mehr erlebt hat. Und die die Mannschaft vitalisiert. Niemand kann sich seines Stammplatzes sicher sein. Jeder Spieler weiß, dass er sein Bestes geben muss. Ist das die oft herbeigewünschte Leistungskultur in Stuttgart? Der aktuelle Erfolg gibt Hannes Wolf jedenfalls den nötigen Rückenwind, um diesen Kurs weiter zu verfolgen. Ich finde das toll. Der VfB Stuttgart ist (auch abseits seiner MV-Skandale) endlich wieder ein spannender Verein. Wenn auch nur in der zweiten Liga. Noch.

8 Kommentare

  1. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit der ausführlichen Antwortbeiträge möchte ich heute einfach mal nur diesem Post zustimmen und damit gleichzeitig meiner Hoffnung Ausdruck verleihen, dass (wir) alle auch bei Rückschlägen die notwendige Gelassenheit zeigen können.

  2. Pep immer wieder in einem Atemzug mit Wolf zu nennen, puh … echt mutig wie ich finde xD. Ich weiß schon, wie der Zusammenhang gemeint ist, aber dennoch. Wir können froh sein, Pep würde wenigstens mal mit seinem Auto durch die Mercedesstraße fahren. Wird er aber nicht. Und wenn schon Pep = Wolf, dann halte ich Wolf für wesentlich menschennäher als Pep. Okay, mag der ein oder andere sagen, ist jetzt nicht die große Kunst, aber in dem Punkt bin ich froh, dass Pep nicht unser Trainer ist. Es gab vielleicht – nach der Meistersaison – gerade mal 2 Trainer, von denen ich sagen würde, die hätte man (so schnell) nicht vom Hof jagen sollen. Christian Gross und den im Beitrag bereits erwähnten Bruno Labbadia. Und ich bin ehrlich: heute würde ich beide Trainer mit Kusshand wieder in Stuttgart begrüssen. Wenn ich lediglich die Wahl hätte, dann Christian Gross. Aber kurz noch ein Wort zu Labbadia (und dem Versuch einen Vergleich mit Herrn Wolf zu ziehen). Er ist für mich der Wolf in „gay“. Ich halte Labbadia zwar nicht für den besten Trainer, aber er kann meiner Meinung nach Spieler besser reden als sie sind. Nicht coachen, sondern reden. Und das schafft er dann auch auf eine gesamte Mannschaft zu übertragen. Hört sich jetzt nicht sonderlich spektakulär an, aber der Glaube an sich und wenn ein Team an sich glaubt, das kann schon Berge versetzen, würde ich meinen. Was der Pep im taktischen und spielerischen Bereich ist, ist Labbadia für mich im mentalen Bereich, eine Koryphäe. Und Herr Wolf versucht aus meiner Sicht so ein bisschen die „eierlegende Wollmilchsau“ zu sein (hast du ja auch in dem Beitrag auch angedeutet). Dürfte unserem VfB jedenfalls nicht schaden. War ich doch zwischenzeitlich äußerst skeptisch (wie wohl sehr viele von uns), so sehe ich doch so etwas wie Licht am Ende des Tunnels. Scheint im Moment alles Hand und Fuß zu haben was Herr Wolf macht. Die Eier muss man auch erstmal haben (auch wenn man eben die gesamte Situation des VfB betrachtet), beim Stande von 1:0 für uns nen Verteidiger rauszunehmen und nen Stürmer zu bringen. Wie einst schon der Titan sagte: „wir brauchen Eier“. Und die scheint jetzt unser Trainer zu haben. Und wer weiß, vielleicht wachsen unseren Spielern die Eier auch wieder im Laufe der nächsten Wochen und Monate. Dann brauchen die Spieler vielleicht weitere Hosen, weil die Eier zu groß geworden sind. xD

    • @buzze sagt

      Mit dem mutigen Vergleich hast Du natürlich recht. Aber wenn wir es eine oder mehrere Nummern kleiner gemacht hätten, würde es doch niemand lesen. :-) Meine Einschätzung ist, dass Wolf ein Konzept für jede Partie hat. Und das unterscheidet ihn meiner Meinung nach von vielen seiner Vorgänger. Und ich denke auch, dass er seine Ideen und Konzepte optimieren wird, wenn er die Zeit dafür hat. Mir ganz persönlich ist Hannes Wolf übrigens auch lieber als Pep Guardiola, bei dessen Aktionen ich mich schon hin und wieder fragte, ob es zum Wohle des Erfolgs oder zur Erhöhung des eigenen Egos passiert.

    • Ich hoffe ja auch, dass die Eier in naher Zukunft zu groß werden, aber was mir aktuell auch gefällt, ist die Bescheidenheit, mit der Trainer und Vorstand auftreten. Und wenn man sich das Spiel gegen Dresden anschaut, dann ist diese auch angebracht und mehr als nur ein Stilmittel. Und ich nehme den beiden das auch tatsächlich ab.

  3. Chuck sagt

    Kann den Ausführungen auch nur Zustimmen. Man sieht auch, dass Wolf in den wenigen Wochen bereits selbst eine Entwicklung durchgemacht hat. Anfangs wirkte er noch etwas schüchtern und alles war plötzlich so „groß“ (Medien/Fans/Stadion etc.). Mittlerweile tritt er sehr selbstbewusst auf und man merkt auch, dass er von den Spielern einiges einfordert (vor allem nach dem Dresden-Spiel). Er und Shindy tun dem VfB definitiv gut – alles wirkt deutlich professioneller und leistungsorientierter – hoffentlich auch weiterhin erfolgreicher!!

  4. Chuck sagt

    BL war vielleicht der „erfolgreichste“ Trainer nach der Meisterschaft, trotzdem bin ich froh, dass er nicht mehr da ist. Unter ihm gab es nur eine Entwicklung und zwar nach unten – spielerisch war es eine Katastrophe. Die ersten 10 Spiele sind meist „erfolgreich“ (was für seine „Motivationskünste“ spricht), aber danach sieht man keinerlei Entwicklung mehr bei den Spielern und das taktische Können von BL ist mehr als begrenzt (siehe auch Text von @buzze Stichwort: Ingame-Coaching)…

  5. Berndi sagt

    Zugegebenermaßen war ich bis dahin ein skeptischer, warum denn der, geht gar nicht, Anwesender (im 36b), beim Anblick der Manschaftsaufstellung. Gegen die Arminia werde ich auf die Arbeit von H.W. vertrauen und meine Klappe halten. Ach so, wie heißt nochmals der Busfahrer unseres Teams? ?

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