Mini-Feature, Querpass, VfB
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Käpt’n der guten Hoffnung

Junge Spieler, alte Spieler, erfahrende Spieler, Grünschnäbel: Beim VfB wurde in den letzten Wochen weniger über die Qualität von Spielern gesprochen, sondern über deren Alter und Anzahl von Bundesligaspielen. Vorläufiger Höhepunkt ist die Berufung von Dennis Aogo zum Kapitän. Seine Haupt-Qualifikationen scheinen sein Geburtsjahr 1987 und seine 220 Bundesligaspiele zu sein. Es wäre genau so, wenn man die Qualitäten des VfB-Präsidenten an seinen Mitgliedsjahren im Verein festmachen würde. Aogo ist ein Spieler, der erst acht Wochen beim VfB ist und in dieser Zeit nicht mit einer außerordentlichen Form aufgefallen wäre. Solide spielt er, mehr rückwärts als vorwärts, zwei Tore durch Ecken hat er vorbereitet, eines durch einen Elfmeter verschuldet. Alles okay also. Aber kann er auch Kapitän? Wer kann das beim VfB Stuttgart überhaupt? Wie sieht die Statik der Mannschaft aus?

Es gibt in Cannstatt Schiffsjungen, Leichtmatrosen und alte Seebären, aber keinen echten Kapitän. Dennis Aogo ist eine pragmatische Lösung, Christian Gentner verletztsbedingt nicht an Bord, Simon Terodde formbedingt nicht immer an Deck. Timo Baumgartl trug die Binde einmal beim Testspiel, aber er hat immer noch mit seinem eigenen Spiel genug zu tun. Daniel Ginczek und Holger Badstuber sind unsichere Kandidaten aufgrund ihrer Verletzungshistorie. Bliebe noch Ron-Robert Zieler – und dass sein Einfluss auf dem Feld eingeschränkt ist, sieht man am Frankfurt-Spiel. Wütend ermahnte er immer wieder seine Mitspieler, genutzt hat es nichts.

Ist es also ein gutes Zeichen, wenn mit Dennis Aogo einer Spielführer ist, der bisher noch nicht dadurch aufgefallen ist, andere mitreißen zu können? Ist er wirklich einer, der den Kurs vorgeben kann? Jemand, der das Ruder rumreißen kann? In Frankfurt sah es nicht danach aus.

Bereits nach dem Abstieg hat sich durch viele neue und junge Spieler eine flache Hierarchie gebildet. Dort, wo sich früher Harnik, Niedermeier und Schwaab um die Binde gezofft hätten, spielen jetzt Kaminski, Pavard und Brekalo. Und, nein: Früher war nicht alles besser. Diese flache Hierarchie wird von Hannes Wolf geschätzt und gefördert. In der zweiten Liga hat sich das Modell bewährt, aber navigiert es den VfB auch durch stürmische Zeiten? Mit Aogo, Badstuber, Beck und Zieler haben sich allesamt Neuzugänge an die Spitze gesetzt, deren Persönlichkeit und Vergangenheit – mit Ausnahme von Badstuber – sie nicht unbedingt zu Führungsspielern macht. Keiner von ihnen konnte den kollektiven Einbruch in Frankfurt verhindern. Allerdings bleiben Hannes Wolf aktuell keine anderen Optionen.

Einer könnte das ändern: Emiliano Insua. Der Käpt’n der guten Hoffnung und Erfinder der Kabinenfotos nach Siegen. Seine schwere Verletzung im letzten Testspiel war eine echte Katastrophe und ist einer der Gründe, warum der VfB in dieser Saison noch nicht so richtig Fahrt aufgenommen hat. Denn nicht nur Simon Terodde vermisst die Flanken des Argentiniers schmerzlich. Insua verkörpert die Zuverlässigkeit, die dem VfB noch abgeht: Ein einziges Spiel verpasste er in zwei Saisons. Er blieb nach dem Abstieg und wurde eines der Gesichter des Aufstiegs. Und dieses Gesicht scheint fast immer zu lachen – nicht nur auf Instagram. Der VfB braucht dringend einen wie Insua, der wie beim Heimspiel gegen Dresden auf einmal von links außen in den Strafraum zieht und völlig überraschend den Abschluss sucht und ansonsten einfach immer da ist und Zuversicht ausstrahlt.

Ist Emiliano Insua also die Lösung aller Stuttgarter Probleme? Nein, mit Sicherheit nicht. Seine Tempodefizite waren auch in der zweiten Liga nicht zu übersehen und nach der langen Pause werden sie sicherlich nicht kleiner sein. Außerdem wird er einige Zeit brauchen, um wieder auf das alte Niveau zu kommen. Aber er wird das Team nicht nur spielerisch weiterbringen, sondern vor allem die Hierarchie im Team festigen und den VfB so wieder in ruhigere Gewässer lotsen. Und dann heißt es: Volle Kraft voraus in Richtung Klassenerhalt!

 

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8 Kommentare

  1. Pessimist sagt

    Hallo A-Z
    Klassenerhalt… das sind süße Träume.
    Sollten wir abhaken und uns lieber auf die kommende Zweitliga-Saison vorbereiten.
    Das Frankfurt Spiel war ein Offenbarungs-Eid.
    Wir brauchen wohl nocheinmal eine Schleife durch Liga 2 – aber auf jeden Fall mit Hannes Wolf.
    Viele Grüße vom P

    • @abiszet sagt

      Nee, nee, mein Lieber: Die Buli abhaken nach 7 Spieltagen? Du machst Deinem Namen alle Ehre ;-) Es gibt nicht wenige, die von der schlechtesten Bundesliga aller Zeiten sprechen. Mindestens acht Mannschaften rumpeln durch die Liga, dazu gehört auch der VfB. Es war noch nie so einfach, nicht abzusteigen. Und es war noch nie so schwer, nicht abzusteigen, wenn man Spiele wie gegen Frankfurt nicht erfolgreich bestreitet.

  2. Ich habe mich ja schon immer gefragt, was es beim Fußball mit diesem mystisch verklärten „Kapitän = Führungsspieler“-Ding auf sich hat, insbesondere in der heutigen Zeit. Aber vermutlich werde ich es als jemand, der nie in einer Fußballmannschaft gespielt hat, auch nicht verstehen.

    Ja, es sollte in jeder Mannschaft Spieler geben, die vorangehen und andere mitreißen können. Die fehlen dem VfB jedoch (seit Jahren), weshalb in meinen Augen auch die Kapitäns-Diskussion eine überbewertete ist.

  3. drausvomLande sagt

    Lieber abiszet,
    irgendwie hast Du das mit den Zahlen falsch verstanden. Dieses Jahr gilt ebenso wie vor 2 Jahren nicht die Anzahl von schlechten Mannschaften, sondern schlicht die erreichte Platzierung. Und da sieht es bei uns leider so aus:
    Wir sind 1 Tor besser als unser Minimal-Ziel.
    Wir sind 2 Tore besser als unser allerletzter Strohhalm.
    Wir stehen 3 Punkte vor der erneuten Katastrophe.
    Ich hake nichts ab, ich hoffe und bete, auch dafür, dass HW im Spiel nach Köln noch Trainer ist.
    Und irgendwie warte ich immer noch auf den Anschub, gell, Herr Präsident!!!

  4. @abiszet sagt

    Genau @Christoph:
    Es fehlen dem VfB seit einigen Jahren Spieler, die mitreissen und vorangehen. Und genau deshalb ist die Diskussion nicht überbewertet

    Danke @dvL für den Hinweis. Wie gesagt: An Spieltag 7 sollten wir uns nicht über Minimalziele, Strohhalme oder Katastrophen unterhalten. Ich meine: Aufgrund der „Stärke“ der Buli ist ein Klassenerhalt für den VfB gut möglich.

    Und ganz klar, ich hoffe ich auch auf HW nach dem Köln-Spiel. Nur: Es wird definitiv nicht besser, wenn wir jetzt darüber diskutieren. Warum malen wir jetzt schon den Teufel an die Wand?

  5. Titagru sagt

    Wir spielen seit Jahren ohne Käptn. Gente ist ein Kümmerer/Organsisationstalent und dergleichen. Aber ein Drecksack auf dem Platz, der Kollegen mitreißt ist er nicht. Es reicht halt nicht, bei strittigen Aktionen immer den Schiri zuzuquatschen. Das ging mir schon immer auf den Sack. Ohne Gente haben wir nun die Chance, eine neue Hierarchie zu schaffen. Junge Spieler, bitte traut Euch!
    Ich erinnere daran, als der Überkapitän Soldo abdankte ein gewisser Sami Khedira die Position übernahm und innerhalb weniger Spiele eine zentrale Position innerhalb der Mannschaft innehatte.
    Vertraut den Jungen und lasst sie sich finden. Ein paar Spiele brauchen sie noch…Gebt sie ihnen und richtet erst nach der Winterpause..
    Ich habe ein sehr gutes Gefühl bei vielen dieser Jungen!

  6. Sommerwind64 sagt

    Alle reden von Spielerqualität. Aber was unterscheidet unseren VfB zur Zeit von Hannover?
    Warum stehen Die zehn Plätze weiter oben? Aus meiner Sicht, weil es eine Mannschaft ist. Gewachsen, schon in den Abstieg hinein. Gefunden und geformt in der zweiten Liga.
    Zurück zum VfB, wie lange wird es dauern, bis sich eine homogene Mannschaft findet?
    zählen wir mal die Punkte, Köln 3, Freiburg 3, HSV 1, Hannover 1, Bremen 1.
    9 + 7 = 16. Rückrunde optimistisch 24 … weil wir gegen Frankfurt, Berlin und Gladbach zuhause gewinnen. Puuuh, das wird knapp.
    Wir schaffen das!

    • @abiszet sagt

      Warum H96 zehn Plätze besser steht? Weil sie weniger Fehler machen, mehr Spielglück haben und vorne Harnik (fast) alles trifft. Breitenreiter läßt dabei noch vorsichtiger spielen als Hannes Wolf.

      Deine Rechnung ist nicht unrealistisch für die Hinrunde, zeigt aber zugleich das Problem: 16 Punkte sind zu wenig …

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