Mini-Feature, Spielbericht, VfB
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The show must go on

Die 60. Minute der Partie VfB Stuttgart gegen Borussia Mönchengladbach: Das Jagd-Geschwader von Alexander Zorniger setzt den Champions League Teilnehmer vom Rhein derart unter Druck, dass sich die Gladbacher wiederholt nur befreien können, indem sie die Bälle möglichst weit aus dem eigenen 16er schlagen.

Im zentralen Mittelfeld gewinnt Serey Dié tatsächlich jeden verdammten Zweikampf und auf dem linken Flügel läuft Filip Kostic mal wieder seinem Gegner davon und schlägt am Samstag Nachmittag gefühlt 60 Flanken aller Qualitätsstufen in den Sechzehnmeterraum. Hinten wird es eigentlich nur dann gefährlich, wenn die Innenverteidiger Sunjic und Baumgartl mit schlechten Pässen das Nervenkostüm ihres Keepers strapazieren, der mittlerweile aber bis auf wenige Ausnahmen auch einen recht soliden Eindruck macht.

Selten hat es so viel Spaß gemacht, dem VfB zuzuschauen. Die Mannschaft erarbeitet sich nicht nur Chancen am Fließband, sondern sie ist vor allem eins: Gierig. Nahezu jeder Einwurf wird schnell ausgeführt, um dem Spiel und dem Gegner ja keine Gelegenheit zum Verschnaufen zu geben. Als der eingewechselte Alexandru Maxim zwanzig Meter vor dem Tor gefoult wird, signalisiert er noch auf dem Boden sitzend, dass er und niemand anders den fälligen Freistoß ausführen wird. Jeder scheint bereit, den Ball und damit Verantwortung zu übernehmen. Das Team hat Selbstvertrauen. Immer noch.

Das ist die erstaunlichste Erkenntnis des Wochenendes: Auch nach fünf Niederlagen aus sechs Spielen war das Selbstvertrauen der Schwaben intakt. Und warum auch nicht? Nach dem Befreiungsschlag gegen schwache Hannoveraner hatte das Zorniger-Team die Gladbacher genauso unter Kontrolle wie bereits am vergangenen Mittwoch die Schalker. Erneut eine überzeugende Leistung gegen einen starken Gegner, die am Ende mal wieder nichts wert ist.

So ist der VfB ist auf dem besten Weg, die beliebteste Showtruppe der Bundesliga zu werden. Schon jetzt ist die Mannschaft zum Synonym für Trotteligkeit geworden. Begriffe wie „absurd“, „ein Witz“ oder „irre“ werden herangezogen, um das Stuttgarter Verhältnis von Leistung und Ertrag treffend zu beschreiben. Der viel zitierte Stuttgarter Weg ist derzeit lang und steinig und führt unweigerlich in den Abgrund. Das Team sorgt für gute Stimmung und macht das Spiel – aber eben keine Punkte. Außerdem schafft es der VfB auch den Gegner immer wieder gut aussehen zu lassen. Aus dem VfB Stuttgart werden langsam aber sicher die Cannstatt Globetrotters.

Doch sind wir ehrlich: Das Problem ist nicht die Leistung, sondern die Tabelle. Existierte dieses rationale Zahlenkonstrukt nicht, würde der VfB Stuttgart die beste Hinrunde seit 2003 spielen. Wer etwas anderes sagt, der möge sich bitte noch mal die ersten Partien der letzten Rückrunde ansehen. Ich erinnere mich noch gut an die Partie gegen Dortmund und Marcel Reifs Statement, dass die Performance des Stuttgarter Teams peinlich sei. Das Schlimme: Er hatte recht. Ich konnte es nicht fassen, dass der VfB trotzdem zwei Tore erzielt hatte. Mittlerweile kann man es nicht fassen, dass er es nicht getan hat. Zorniger sagt, seine Art, Fußball spielen zu lassen, sei „alternativlos“. Das mag aus seiner Sicht stimmen. Doch leider sind die Cannstatt Globetrotters im Gegensatz zu ihren Kollegen aus Harlem doch noch auf Ergebnisse angewiesen. Und so langsam muss man sich fragen, warum der VfB es einfach nicht schafft, seine hochkarätigen Chancen in Tore zu verwandeln. Didavi, Ginczek, Werner und Maxim waren es diesmal, die aus besten Positionen die Murmel nicht in der Kischte unterbringen konnten. Manchmal hat man fast das Gefühl, dass vor lauter Jagdfieber die Torgeilheit etwas gelitten hat. Der unbedingte Willen, den Ball verdammtnochmal und mit welchem Körperteil auch immer über die Linie zu bringen, scheint zu fehlen. Da wird lieber nochmal abgespielt oder quer gelegt bevor endlich abgeschlossen wird. Ich wünsche mir die Entschlossenheit, die Dié im Mittelfeld zeigt, von den Stürmern beim Abschluss.  

Das Selbstvertrauen ist wie beschrieben intakt. Noch. Doch es ist höchste Zeit, mit Punkten nachzulegen. Die Partie gegen Hoffenheim ist bereits am achten Spieltag ein 6-Punkte-Spiel. Zwei Punkte auf die Hoppster, sieben bzw. acht Zähler Rückstand auf die Aufsteiger, die ja eigentlich keine Chance auf den Klassenerhalt haben sollten. Es ist höchste Zeit für Punkte –verdient oder nicht. Falls der VfB auch die Partie in Sinsheim nach einer guten Leistung verliert, sollte man ernsthaft darüber nachdenken, die Mannschaft vom Spielbetrieb abzumelden und stattdessen auf große Tournee zu gehen:

Die Harlem Globetrotters sind eine weltbekannte Basketball-Showtruppe. Für ihre Show kombinieren sie ihr Basketballspiel mit Slapstick-Einlagen.

Quelle: Wikipedia

2 Kommentare

  1. Der VfB als Showtruppe, der die Bundesliga bespaßt. Wirklich witzig, wenn es nicht so traurig wäre.

    Habe ich ganz anders gesehen, dass – Pommes wie Ihr ihn nennt – Tyton immer sicherer wird. Das erste Tor geht klar auf seine Kappe. Alle dachten, nach Ulle kann es nur besser werden und jetzt das. Selbstvertrauen im Team? Sieht für mich anders aus. Die Spielweise ist gut und schön, sie führt aber dazu, dass die ohnehin schon wacklige Abwehr verstärkt gefordert ist. Klein spielt deutlich schlechter als letzte Saison, Baumgartl wirkt oft überfordert, Sunjic ist nicht mehr als solide und Insua ein routinierter Mann, dem dann doch die Geschwindigkeit fehlt. Die Chancenverwertung ist lächerlich, aber es scheint mir ein mannschaftstaktisches Problem zu sein. Es wirkt manchmal so, als ob die Spieler mehr nebeneinander her rennen, als gemeinsam den Karren aus dem Dreck zu zerren. Der Trainer bekommt wohl nur noch ein, zwei Spiele. Hoffenheim ist ein 6-Punkte-Spiel.

  2. Pingback: #Link11: Heimnachteil | Fokus Fussball

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