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Die tragischen Meister von 2007

Kevin Kuranyi kommt zurück in die Bundesliga, das wird allenthalben gefeiert, zu allererst von ihm, denn er ist eine tragische Figur im deutschen Fussball. Einst hochgelobt als Stürmerhoffnung in der Post-Rumpelfuß-Ära, wurde er von Jürgen Klinsmann rasiert vor der WM 2006. Zwei Jahre später wurde er während des Länderspiels gegen Russland auf der Tribüne bepöbelt und floh wortlos aus dem Stadion. Joachim Löw hatte wenig Verständnis dafür und suspendierte ihn. Und als schliesslich sein Heimatverein VfB Stuttgart 2007 Meister wurde, war Kuranyi zwei Saisons vorher nach Gelsenkirchen gewechselt, vermeintlich wegen der besseren sportlichen Aussichten und Zahlen, die in der Gehaltsabrechnung auf Schalke ein bisschen größer waren als im Kessel. Als Stuttgarter Homeboy, der gerne am Waranga und abseits cornert, hätte Kuranyi auch nach Stuttgart gepasst; weniger sportlich, denn an Daniel Ginczek, Martin Harnik und Timo Werner käme er nicht vorbei, eher folkloristisch, denn Karrieren verlaufen beim VfB oft tragisch. Besonders auffällig ist dies bei der Meisterschaftmannschaft 2007.

Timo Hildebrand:
Irritierte durch seinen Vertragspoker und verließ nach überragenden Leistungen (Bochum!) den VfB nach der Meisterschaft in Richtung Valencia. Setzte sich dort nicht durch, vor der EM 2008 aus der Nationalmannschaft geflogen. Danach gescheitert in Hoffenheim und frustriert in Lissabon. Erhielt eine letzte Chance auf Schalke, wurde dort aber nicht geliebt. Sprang nochmal bei Eintracht Frankfurt für drei Spiele ein. Wäre er in Stutgart geblieben, wäre er statt Karl Allgöwer Rekordspieler des VfB und man hätte ihm ein Denkmal gesetzt am Marienplatz.

Ludovic Magnin und Arthur Boka:
Beides Verrückte, mehr für ihre Personality als für ihr Können beliebt. Sie spielten je eine Halbserie brillant und zehrten von diesen Leistungen. Magnin rumpelte noch beim FC Zürich und verpasste die WM 2010. Die goldene Generation um Bokas besten Freund Didier Drogba verzehrte sich nach einem Sieg in der Afrikameisterschaft. Als Boka und Drogba ihre internationale Karriere beendeten, holten die Elefanten das Ding. Tragisch.

Fernando Meira:
Der Kapitän der Meistermannschaft war sieben Jahre beim VfB und trotzdem bleibt in erster Linie in Erinnerung, dass er die Meisterschale falsch herum hielt. Immer hatte man das Gefühl, dass er sein enormes Potential nicht abgerufen hatte. Wechselte zu Galatasary, was der Beginn seines Abstiegs war. Wenn jemand in die Türkei wechselt, dann ist seine Karriere auf höchstem Niveau vorbei, meint Sebastian. Auf Instanbul folgten St. Petersburg und Saragossa.

Matthieu Delpierre:
2006/2007 mit den meisten Spielen in der Innenverteidigung. Erhielt zur Belohnung eine Vertragsverlängerung mit üppiger Gehaltserhöhung, wurde aber zum Abonnent in der Reha-Welt und immer mehr zur Belastung für den Verein. Von Kumpel Markus Babbel nach Hoffenheim gelotst, was an sich eine gute Idee war, wenn er dort nicht in der Trainingsgruppe 2 gelandet wäre. Über Utrecht ging er dann nach Melbourne. Schöne Stadt und in Australien kann man auch sportlich glücklich werden, wie man an Thomas Broich sehen kann.

Serdar Tasci:
Die Entdeckung der Meistersaison, Armin Veh warf ihn einfach rein und er funktionierte, in der Innenverteidigung wie auch als rechter Außenverteidiger. Sollte eines der Gesichter des VfB werden, wurde aber immer kritisch gesehen. Er stand gerne im Raum, ohne zu verteidigen, sah dabei aber immer gut aus. Bundestrainer Löw gefiel sein Spielaufbau und deshalb galt er vor der WM 2010 als Stammplatzkandidat. Es reichte für eine Minute im Spiel um Platz 3. Heute in Moskau, da ist es kälter als in Melbourne, Tasci hat sich aber einen schönen Vertrag rausgelassen. Will nochmal in der Türkei spielen, passt perfekt zum Karriereende, meint Sebastian.

Ricardo Osorio:
Er spricht immer noch von „uns“, wenn er heute Interviews zum VfB gibt. Der letzte gute Rechtsverteidiger des VfB, der nie so gewürdigt wurde, wie er es verdient. „Ich habe bei der Verabschiedung geweint. Es gab Anfragen aus der Bundesliga. Doch ich würde nie innerhalb Deutschlands wechseln. Dafür habe ich viel zu großen Respekt vor dem VfB. Ich möchte nie gegen Stuttgart antreten, das könnte ich nicht.“

Roberto Hilbert:
34 Spiele, 7 Tore, 3 Vorlagen. Nie wieder war er so gut wie in der Meistersaison. Nach vier Jahren wechselte er zu Besiktas. Was entgegen Sebastians Einschätzung aber nicht sein Abschied vom hochklassigen Fussball bedeutete. Mittlerweile im dritten Jahr in Leverkusen, spielt hinten rechts, was er aber nicht so tragisch findet. Wer aus der Meistermannschaft ausser ihm spielt Champions League? Richtig, Sami Khedira.

Sami Khedira:
Kam, sah und traf in seinem vierten Bundesligaspiel, gleich zweimal gegen Schalke und allein das macht ihn sympathisch. Köpfte das entscheidende Tor gegen Cottbus, allein das macht ihn unsterblich. Tragisch, dass er beim WM Endspiel 2014 wegen einer Verletzung zuschauen musste. Tragisch sein Abgang bei Real Madrid. Tragisch seine Trennung von Lena Gehrke. Obwohl, das kann man so und so sehen.

Thomas Hitzlsperger:
Machte sich mit seinem Hammer gegen Cottbus unsterblich. Wurde Kapitän und dann erst von Markus Babbel degradiert und schließlich von Christian Gross weggemobbt. Verlor seinen Kaderplatz bei der WM 2010. Bei West Ham und Everton nochmal auf der Insel, beendete Hitz verletzungsbedingt seine Karriere mit 31 Jahren. Egal, was er macht, er wird immer von den Fans geliebt werden. Ein Denkmal ist nur noch eine Frage der Zeit. Am Johannes-Brenz-Platz gegenüber der Stiftskirche wäre ein guter Platz.

Antonio da Silva:
Trotz 28 Spielen eher ein Mitläufer, so wurde er auch zwei Mal Meister bei Dortmund. Sechs Torvorlagen und die entscheidende Flanke auf den Kopf von Khedira, da Silva hat alles aus seiner Karriere herausgeholt, was geht. Spiel heute Beach-Soccer in Rio. Gar nicht tragisch. Mein Ding wäre es nicht, der Sand wäre mir an den Füßen viel zu heiß, dann lieber Werbung für Sprühkondome.

Pavel Pardo:
Il Comandante hielt zwei Jahre den Laden zusammen, bis er Sami Khedira Platz machen musste und zurück nach Mexiko ging. Ein Fehler, wie er heute zugibt, denn „ich bin VfB’ler durch und durch!“. Nicht für die WM 2010 nominiert, ließ er es danach auslaufen in Chicago. Der Beckenbauer Mexikos ist heute Versicherungsvertreter. Dann doch lieber Beach-Soccer in Rio. Warum bindet ihn der VfB nicht ein?

Marco Streller:
Ergänzungsspieler und Stimmungskanone, entscheidend an der Meisterschaft beteiligt durch sein kurioses Tor gegen Hannover 96, als sich zwei Abwehrspieler gegenseitig behinderten. Danach in Basel zur Legende geworden. Mit denkwürdigen Champions League Abenden, unter anderem einem 3:3 in Old Trafford und einem 2:1 inklusive Tor im Rückspiel gegen ManUnited. Hätte schlechter laufen können für Streller.

Benny Lauth:
Ein Song der Sportfreunde Stiller über ihn („Lauth anhören“) ist neben der Meisterschaft mit dem VfB sein absoluter Karrierehöhepunkt. Ein echter Sechzger, der die Löwen nie hätte verlassen dürfen. Auf seinen Stationen in Stuttgart, Hamburg und Hannover schoß er in vier Jahren und 79 Spielen ganze elf Tore. Tragisch, dass er in München nicht in Ehren grau werden durfte, sondern zu Ferencváros Budapest wechseln musste. Dort wurde er immerhin ungarischer Pokalsieger. Sein zweiter Titel.

Cacau:
Lebte seinen Traum. Von ganz unten zum Meister 2007. Deutscher Nationalspieler geworden, Torschütze bei der WM 2010. Danke, für zwei Tore gegen Bayern und das faltige, saure Gesicht von Ottmar Hitzfeld, der noch gesagt hatte „Den VfB holen wir auf jeden Fall ein!“. Abgestiegen mit Osaka, aber hey Helmut, das ist wirklich nicht tragisch!

Mario Gomez:
Wird von niemandem gemocht. Warum auch immer. An der Frisur darf es nicht liegen. Er schoß immer seine Tore, fiel ausserhalb des Platzes nie unangenehm auf. In Stuttgart hat man ihn dagegen geliebt – bis er nach München ging. Kam dort und auch in der Nationalmannschaft nie wirklich an. Will jetzt von Florenz in die Türkei. Was seiner Karriere den engültigen Knick geben würde, meint Sebastian. Wäre Gomez noch immer hier, hätte er Allgöwer als Rekordtorschütze abgelöst und man hätte ihm ein Denkmal gebaut. Der Erwin-Schöttle-Platz ist ja im Kommen (siehe hier).

Zur tragischen Figur hätte in der letzten Saison auch Christian Gentner werden können. Aber er bekam gerade noch rechtzeitig den ivorischen Soldo an seine Seite. Seine Karriere ist vordergründig mit zwei Meisterschaften und ein paar Nationalmannschafts-Einsätzen ein voller Erfolg. Aber seit Jahren verwaltet er den sportlichen Niedergang des VfB und muss aufpassen, dass er nicht zum Gesicht des Mißerfolgs wird. Das wäre tragisch für ihn, denn er ist einer mit eintätowiertem Brustring und wer weiss, vielleicht bekommt er auch mal ein Denkmal. Mir sind jetzt allerdings die Plätze in Stuttgart ausgegangen.

7 Kommentare

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  2. Chris sagt

    Schöner Rückblick auf die Zeit, als der VfB noch so richtig Freude machte. Scheint Lichtjahre weit weg zu sein (8 Jahre!). Dennoch würde ich es nicht tragisch nennen, schließlich waren unter den von dir genannten viele mittelklassige Spieler, die zufällig alle in einem Team zusammenkamen und -geschweißt wurden und an langer Leine vom Trainer geführt ihren Karrierehöhepunkt hier hatten. Ich glaube daher auch nicht, dass die Meisterschaftsteilnehmer (bis auf wenige Ausnahmen) ihre Karriere als tragisch nennen würden.

    • abiszet sagt

      Hi Chris, „tragisch“ ist immer so ne Sache, schließlich hatten (oder haben) sie einen der schönsten Berufe der Welt, der auch nicht so schlecht bezahlt wird. Wie oben geschrieben: Hilde und Gomez hätten in Stuttgart zu Ikonen werden können, Hitz wurde weggeschickt und hatte dann Verletzungsprobleme. Aus Tasci und Meira hätte viel mehr werden müssen. Auch für die Mexikaner war die Zeit nach dem VfB eher mittel. Aber vielleicht lege ich den falschen Maßstab an ;-)

      • Chris sagt

        Nicht den falschen Maßstab, sondern du siehst es durch die VfB-Brille – was nichts schlechtes heißen muss. Im Prinzip hast du ja auch recht: Jeder Spieler, der vom VfB weg geht, verschlechtert sich, immerhin verlässt er den besten Verein der Welt…;-)

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