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Nur zu Gast oder Aufstieg, adé? Das große Hinrunden-Fazit.

32 Punkte, fünf Niederlagen, Platz 3, ein neuer Trainer und ein neuer Präsident: Das sind die nackten Zahlen der VfB-Hinrunde. Wie sie interpretiert werden, da ist man sich beim VfB-Anhang nicht so sicher. Während die einen in hysterische Panik verfallen und den Aufstieg bereits abgeschrieben haben, wähnen sich die anderen tiefenentspannt auf einem guten Weg. Vielleicht ist es genau diese Zerrissenheit, die als sogenanntes „schwieriges Umfeld“ bezeichnet wird. Wir wollen versuchen, in diesem Spannungsfeld ein unemotionales Hinrundenfazit zu ziehen und fragen uns: Ist das Glas halbvoll oder halbleer?

Torwart:
Habe ich Mitch Langerak hier zu früh gelobt? Aus einem sicheren Rückhalt wurde Ulle 2.0 Abschläge landen im Seitenaus, Strafraumbeherrschung sieht anders aus und dazu streut der Australier noch den einen oder anderen verheerenden Fehler ein.

Fazit:
Er gehört ganz sicher zu den besseren Torhütern der zweiten Liga, muss aber seine Form stabilisieren.

Abwehr:
Toni Sunjic hat die Erwartungen voll erfüllt. Er ist vor beiden Toren gleichermaßen torgefährlich und es gibt nicht wenige, die ihm zutrauen, ein Laufduell gegen eine Schildkröte zu verlieren. Während Benjamin Pavard die Frisur von Atze Schröder trägt, ist sein Spiel alles anderes als prollig: elegant und ballsicher, bisweilen jedoch fehlerhaft. Timo Baumgartl schwang sich dagegen zum Abwehrchef auf: Clevere und kompromisslose Zweikampfführung kombiniert er mit einem herausragenden Stellungsspiel, einer guten Spieleröffnung und einer vernünftigen Abwehrorganisation. Neben ihm hat sich auch der hüftsteife und farblose Marcin Kaminski zu einem zuverlässigen Abwehrspieler entwickelt.

Stephen Sama – unter Jos Luhukay noch Stammkraft – spielt keine Rolle mehr. Auf der Außenverteidigerposition ist Emiliano Insua trotz einiger Torvorlagen nicht mehr als solide. Es scheint, als ob er genau die Performance bringt, die notwendig ist: Zweitliga-Niveau eben. Auf der rechten Seite spielen Florian Klein und Jean Zimmer das, was sie können. Leider ist das nicht so viel. Dazu überzeugt Kevin Großkreutz mehr auf Instagram als auf dem Platz. Philipp Heise fiel nur durch einen Fehler im ersten Spiel gegen St. Pauli auf, vielleicht sollte er sich wenigstens grüne Sneaker kaufen.

Fazit:
Wenn Baumgartl nicht spielen kann, wackelt die Abwehr gewaltig.

Defensives Mittelfeld:
Viele sehen da ein Loch und sie haben Recht: Ich suche da den Mittelfeldstrategen, der den Unterschied machen kann, der ein Spiel ordnen kann, der weiß, wann man früh anlaufen muss und wann man sich zurückzieht und der die Mitspieler koordiniert. Hajime Hosogai ist oft verletzt, Anto Grgic offensichtlich noch nicht so weit und Matthias Zimmermann meist überfordert.

Fazit:
Sind wir ehrlich: In dieser Besetzung wird es nur was mit dem Aufstieg, wenn Terodde weiterhin Dreierpacks schnürt. Pavard kann eventuell eine Lösung sein, aber eine prägende Figur sehe ich in ihm (noch) nicht. Shindy, bitte übernehmen.

Offensives Mittelfeld:
Wir wollen uns gar nicht vorstellen, wo der VfB stünde, hätte sich Luhukay gegen Jan Schindelmeiser durchgesetzt. Ohne Takuma Asano und Carlos Mané würde dem VfB enorme Qualität und Geschwindigkeit fehlen, obwohl beide noch schwankende Leistungen zeigen. Ihnen fehlt in manchen Spielsituationen die Zielstrebigkeit, dieses Verspielte muss ihnen Hannes Wolf austreiben.

Auch unter dem siebten Trainer kann sich Alexandru Maxim nicht durchsetzen. Pro Spiel hat er zwei bis drei gute Szenen und das reicht eben nicht für einen Stammplatz. Er ist derjenige, den Wolf meint mit der Aussage „Ein bissle rumkicken“. Aber eins lässt sich garantiert vorhersagen: Sollte er den Verein verlassen, wird er im neuen Team explodieren. Timo Werner-Style halt. Und wer weiß: Vielleicht hat man mit Julian Green auch bereits seinen Nachfolger gefunden?
Nachwuchstalent Berkay Özcan haben wir beim Mercedes Benz Junior Cup im Januar mit Sami Khedira verglichen (siehe hier). Definitiv zu hoch gegriffen. Technisch hervorragend fehlt ihm oft die Handlungsschnelligkeit. Tobias Werner ist kaum zu beurteilen, er war mehr in der Reha-Welt als auf dem Platz. Mané oder Asano wird er aber kaum verdrängen können.

Fazit:
Wir müssen hoffen, dass sich Asano und Mané nicht verletzen.

Christian Gentner:
Ja, der Kapitän bekommt eine eigene Rubrik. Nicht weil er Kapitän ist, sondern weil er sich schwer einordnen läßt. Er ist hinten, er ist vorne, er ist nirgendwo. Torgefährlich ist er und womöglich unverzichtbar, wenn wir das Würzburg-Spiel als Gradmesser nehmen.

Fazit:
Le Gente ist die einzige Führungsfigur im Team und das ist definitiv zu wenig.

Angriff:
Simon Terodde, am Anfang so bieder wie seine Frisur, zeigt er nun, dass er im Strafraum der absolute Killer sein kann. Als Zielspieler ist er enorm wichtig, als erster Abwehrspieler setzt er die Gegner im Pressing unter Druck. Muskeln & Tattoos: Daniel Ginczek kam nach seiner Verletzungspause ein bisschen im Tim Wiese-Style zurück, er braucht noch Zeit, wie wir an der vergebenen Torchance gegen Hannover gesehen haben. Der große Hoffnungsträger für die Rückrunde, aber wir sollten nicht zu viel von ihm erwarten. Das Auffälligste an Boris Tashy hingegen sind seine grünen Sneakers, die er zusammen mit Selfies aus seinem Mercedes auf Instagram postet. Hannes Wolf ist das zu wenig. Mir auch.

Fazit:
Sollte Terodde sich verletzten oder sich eine Formkrise nehmen, wird es nichts mit dem Aufstieg.

Trainer:
Er liegt manchmal mit seiner Taktik daneben, seine Aufstellungen sind wohl nicht nur für Fans eine Wundertüte. Aber Hannes Wolf hat Ideen, bedient sich der Breite des Kaders und stellt gegnerbezogen auf. Allerdings oft zu Lasten einer durchgängigen Spielidee, die nicht immer ersichtlich ist. Oder ist die Mannschaft mit seinen Vorgaben überfordert? Seine Wille, der Mannschaft den Schlendrian auszutreiben, ist jedenfalls unübersehbar.

Fazit:
Wolf will Grundsätzliches ändern, will eine neue Leistungs-Kultur schaffen. Daran sind vor ihm schon einige gescheitert. Hoffen wir, er setzt sich durch. Nur mit ihm als starkem Trainer ist der Aufstieg zu schaffen.

Vorstand:
Ruhig. Besonnen. Unaufgeregt. Jan Schindelmeiser ist alles andere als ein Selbstdarsteller. Das macht ihn noch nicht zu einem guten Mann, viel eher sein strategischer Blick auf das Ganze und seine Transfers von Pavard, Mané und Asano.

Fazit:
Schindelmeiser muss und will in der Winterpause die Mannschaft umbauen. Wie gut er diese schwierige Aufgabe löst, davon wird der Aufstieg abhängen.

Die Mission „Wiederaufstieg“ ist alles andere als ein Selbstläufer. Die bekannten Baustellen im Kader müssen in der Winterpause behoben werden. Noch größer scheint nach wie vor das Mentalitätsproblem im Kader zu sein. Denn zweifelsohne darf man auch mit dem bestehenden Kader nicht gegen einen Aufsteiger verlieren. Schon gar nicht auf die Art und Weise wie es in Würzburg passiert ist. Doch es scheint, als sei sich Hannes Wolf dieses Problems sehr bewusst. Drücken wir ihm die Daumen, dass er den Kampf gegen die berühmt-berüchtigte VfB-Lethargie gewinnt.

2 Kommentare

  1. Florian sagt

    Schön geschrieben. Gibt genau die Situation wieder, die man auf dem Platz sieht. Ginczek bleibt hoffentlich fit und spielt sich in die Stammelf! Ich denke, er ist ein Beisser und kann die Mannschaft mit antreiben. Auch Timo Werner würde ich gerne wieder sehen und das mit dem Spielgestalter könnte er vielleicht.

    • @abiszet sagt

      Danke schön!
      Ui, Timo Werner als Spielgestalter? Das ist mE überhaupt nicht seine Rolle, da wäre er komplett überfordert. Werner braucht Raum, er braucht Vertikalpässe (!), um seine Schnelligkeit auszuspielen, das ist in Leipzig gut zu sehen. :-))

      Oder meinst Du Tobias Werner? Den sehe ich auch eher auf der Außenbahn.

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