Mini-Feature, VfB
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Troy, so vereins-troy!

Let’s talk about Vereinstreue: In Stuttgart ist man troy, so troy: Die Fantastischen Vier findet man in deren Rentenalter noch ganz ok und man geht auch noch mit über 40 in den Perkins Park und die Boa. „Bisch oimol beim Doimler, haschs g’schafft“, hat mein Vater mir mal vor langer, langer Zeit gesagt und heute verstehe ich ihn: 13 und mehr Monatsgehälter, Urlaub hat man in Möhringen und Untertürkheim auch nicht wenig, überraschende Prämien, weil es dem Daimler gut geht, 35-Stunden-Woche, Konfirmationsgeld und immer den neusten Karren vor dem Haus. Warum soll man da weggehen?

Komfortabel war es lange Jahre beim VfB, wenn man alles so glaubt, was man zum Thema Leistungskultur, Jahresgehälter und Wohlfühl-Atmosphäre beim Verein so liest. Die Vereinstreue finden die Stuttgarter Fans bei Spielern wie Koka Rausch, Vedad Ibisevic, Adam Hlousek nicht so prall, obwohl sich diese Spieler außer durchaus diskutablen Leistungen nichts zu Schulden kommen ließen. Nicht mal zu schnell gefahren sind sie.

Bei einem Verein zu bleiben, hat aber nicht immer nur finanzielle Gründe. Wie beim Doimler auch. Einmal Daimler, immer Daimler, schließlich ist man stolz auf die Autos. Ja, ich weiß, sowas kann nur ein Romantiker sagen, aus Liebe zu einer Marke und einem Verein unter Umständen auf persönliche Vorteile zu verzichten, wo gibts denn sowas? In Mailand, beim AC zum Beispiel gab es Paolo Maldini, bei Manchester United waren es Ryan Giggs und Paul Scholes, bei Barcelona Carles Puyol. Aktuell ist da noch Francesco Totti bei AS Rom und derzeit noch Bastian Schweinsteiger bei Bayern und Iker Casillas bei Real. Das sind die Role Models für die VfB-Kicker, oder?

Denn derzeit wird viel diskutiert, ob Daniel Didavi den Verein verlassen darf. Das „darf“ bezieht sich nicht auf einen bestehenden Vertrag, sondern hat einen moralischen Hintergrund. „Das darf der nicht“, schließlich sei er einer von uns und der Verein und die Fans haben ihn in schwierigen Verletzungszeiten immer unterstützt. Undankbar wäre der Kerle, wenn er jetzt nach Hoffenheim oder Leverkusen geht.

Ich bin auch so ein troyer Begleiter, höre noch die Bands von früher und werfe mich nicht immer gleich dem nächsten heißen Scheiß an den Hals, aber ich finde bei Didavi sollte man pragmatisch sein: Er kommt aus der Jugend, er bringt das gewisse Etwas und hat zwei Mal so gut performt, dass der VfB nicht absteigt. Aber es gibt auf der anderen Seite eine Verletzungshistorie, die aus ihm für die nächste Saison einen Wackelkandidaten macht. Wenn er bleibt, muss auch Alexandru Maxim bleiben, zumindest als Back-up. Es wird nicht einfach sein, das dem Rumänen schmackhaft zu machen. Ganz abgesehen von den Talenten Kevin Stöger und Marvin Wanitzek, die erstmal außen vor wären. So gesehen wäre ein Abgang Didavis unter romantischen Gesichtspunkten dramatisch, planerisch aber zu verschmerzen. Es kommen drei Mios rein, es reduziert das Risiko, motiviert Maxim und lässt den Talenten Raum.

Ich weiss nicht mehr, wo ich es gelesen habe, schon ewig her – war glaube ich – beim Wechsel von Mesut Özil von Schalke nach Bremen: „Die vereinstreuen Spieler wohnen neben den Typen, die auf Einhörnern reiten und den Topmodels, die kochen wie Mutti.“ Word! Verließe Didavi den VfB, wäre das Geschrei aber groß, oder?

Mehmet Scholl sagte einmal, wenn er wieder geboren wird, möchte er Spielerfrau oder der Hund von Uli Honess werden. Noch besser ist allerdings Eratzkeeper bei Bayern:

Der Wechsel von Sven Ulreich ging steil in die Magengrube wie ein Bass bei Metallica und zwar unterschiedlich: Auf Twitter begrüßte man den Weggang (zumindest in meiner Timeline), drüben bei Facebook bekam er ein Shit-Störmle ab. Auch er „darf“ offensichtlich nicht wechseln und schon gar nicht zu den bösen Bayern, die dem VfB echt schon böse viel Ablösesummen gezahlt haben. Aber lassen wir mal alle Romantik beiseite: Beim VfB war er eine absolute Identifikationsfigur, ein untadeliger Profi, aber zuletzt sehr umstritten und nun offensichtlich nicht bereit, sich dem Konkurrenzkampf zu stellen oder er war der Meinung, dass er keine faire Chance bekäme. Jetzt davon zu sprechen, der VfB würde seine Talente (womöglich mit Zusatz „beste“) wie immer verscherbeln, ist nicht romantisch, sondern unsachlich. Denn Ulreichs Wechsel ist nur logisch, der VfB hat ein Problem weniger und sein ehemaliger Keeper kommt in eine absolute Komfortzone: Viele Titel, viel Asche, kaum Verantwortung, so nen Job will ich auch mal. Wäre mir jedenfalls lieber als Hund von Hoeness.

Ulreichs Wechsel wird von den der ZEIT kopfschüttelnd kommentiert. Oli Fritsch hat mit manchem Recht aber damit nicht: „Vielleicht will er nicht noch mal die Fehler der Vereinsspitze ausbaden.“ Der Vereinsspitze kann man viel vorwerfen, aber nicht schlechte Strafraumbeherrschung, mangelnden Spielaufbau und grassierende Unsicherheit im Tor. Hier geht’s zum Text der ZEIT.

Lieber auf der Bayernbank als im Team der Schwaben? Vielleicht. Aber andererseits: Wenn schon Bank, dann die beste der gesamten Liga. Niemand weiß, ob Robin Dutt seiner ehemaligen Nr. 1 nicht einen Wechsel ans Herz gelegt hat. Außerdem ist Ulreich nach Ablauf seines Vertrages bei den Bayern 29 Jahre alt und damit im besten Torwartalter. Und dass man als zweiter Keeper bei den Bayern nichts machen muss, glauben hoffentlich nicht mal die Menschen, die es schreiben. Ulreich wird seine Einsatzzeiten bekommen. Und wer weiß, ob Manuel Neuer weiterhin so frei von Verletzungen bleibt wie bisher. Durch die EM 2016, den Confed Cup 2017 und die WM 2018 hat er jedenfalls einen ziemlich vollen Terminkalender.

Aber das soll nicht mehr unsere Sorge sein, denn die war natürlich die Frage nach Ulreichs Nachfolger. Doch den präsentierte der Club postwendend und zur Freude von Fans fieser Wortspiele: Der Pole Przemysław Tytoń wurde vom FC Elche verpflichtet. Die Attribute „Stammkeeper in der Primera Division“ und „polnischer Nationaltorhüter“ klingen erstmal überzeugend. Aber guckt man sich die fußballerische Vita Tytońs genauer an, fragt man sich, ob er wirklich als klare Nummer Eins verpflichtet wurde. Oder planen Dutt und Zorniger einen Pitch um den Platz im Tor zwischen Tytoń und Nachwuchsmann Odisseas Vlachodimos? Den Keeper der U23, den jetzt viele als Nr. 1 fordern, ohne ihn je gesehen zu haben. Auch möglich, dass der VfB noch einen Torwart verpflichtet.

Doch wer sollte noch kommen? Da fällt einem sofort Roman Weidenfeller ein, der auch ein perfekter Kandidat für die Reina-Nachfolge in München gewesen wäre. Mit seinen 34 Jahren hat er schon so ziemlich alles im Fußball erlebt und man kann sich trotz einiger Wackler in der jüngeren Vergangenheit auf ihn verlassen, wie auch das Länderspiel gegen Gibraltar gezeigt hat. Ob Weidenfeller Lust hat, nach Stuttgart zu kommen, sei mal dahingestellt.

Uns schwebt ohnehin eine viel kreativere Lösung vor. Letzte Woche war zu lesen, dass Real Madrid Iker Casillas so dringend loswerden will, dass der Verein das Gehalt, das er von seinem neuen Club erhält, bis 2017 auf die sechs Millionen Euro aufstockt, die er in Madrid bekommt – netto versteht sich. Das bedeutet, San Iker könnte auch für ’ne Kiste Bier die Bude des VfL Kaltental hüten, während Real Madrid ihm monatlich ein halbes Milliönchen überweist. Das ist natürlich völlig unrealistisch. Genau wie ein Engagement beim VfB. Und überhaupt, wie siehts denn da mit der Vereinstroye aus? „Darf“ Iker überhaupt wechseln?

Aber wer weiß schon, welche Asse Robin Dutt noch im Ärmel hat. Wer seinen umstrittenen Stammkeeper für 3,5 Millionen an die Bayern verkaufen kann, dem ist alles zuzutrauen.

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5 Kommentare

  1. Paule sagt

    Gut geschrieben, aber ich möchte trotzdem, dass Didavi bleibt ;-) Er ist einfach auch besser als Maxim!

    Mir gefällt die Schreibe von Der Zeit auch meistens gut, vor allem das Analytische, lese dort vieles, was ich woanders nicht lese. Aber hier liegt Die Zeit auch daneben:
    „Lieber ins Bernabéu reisen als in der Cannstatter Kurve ausgebuht werden“
    Ulle wurde von der Cannstatter Kurve nie ausgepfiffen. Haupttribüne und Gegengerade, ja, aber nie Cannstatter Kurve!

  2. Pingback: #Link11: Fußball ist Fußball | Fokus Fussball

  3. Pingback: Rund um den Brustring am Mittwoch, 17. Juni 2015 | Rund um den Brustring

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