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Was wäre, wenn …?

Bissle ruhig hier gewesen. War auch nicht viel los, neben der Verpflichtung von Orel Mangala wurde nur das neue Trikot geleakt und dazu haben wir schon vor einiger Zeit unsere Vorschläge gemacht. In erster Linie lag die zweiwöchige Stille daran, dass Sebastian im Urlaub war und uns mit seinen Fotos mächtig genervt hat und dass ich gelesen habe. Ich bin eher ein mittelschneller Leser, aber es war das Buch „4 3 2 1“ von Paul Auster, ein Brocken deutlich schwerer als ein nasser Lederball. Der amerikanische Autor erzählt in dem 1250 Seiten dicken Werk vier Mal die Geschichte von Archibald Ferguson. Es sind sozusagen vier Romane in einem, in sieben Kapiteln werden hintereinander jeweils vier verschiedene Versionen des Lebens von Ferguson dargestellt. Sie verlaufen unterschiedlich aufgrund von Eigensinnigkeiten, Risiken, Glück und Pech, Eitelkeiten, Unsicherheiten und krimineller Energien. Dieser große Roman handelt von der Macht des Zufalls, über die Sekunden im Leben, in denen sich entscheidet, ob man die Liebe seines Lebens trifft oder ob man arm oder reich wird, ob man überlebt oder nicht. Letztlich beruht das ganze Leben auf komischen oder tragischen Zufällen, jedes Leben kann auch ein anderes Leben sein, ein einzelnes Ereignis kann den gesamten Lebensweg verändern, so das Leitmotiv des neuen Paul Auster-Buches.

Dass eine einzige Entscheidung alles verändern kann, bringt mich auf den VfB und die Frage: Was wäre gewesen, wenn die letzten vier entscheidenden Situationen anders ausgegangen wären. Schauen wir es uns an:

Situation 1:
30. Spieltag, Saison 2015/2016
Der VfB verliert kampflos gegen den FC Augsburg. Sportvorstand Robin Dutt entscheidet, dass ein neuer Reiz das Team aus der Lethargie holen kann und beurlaubt Trainer Jürgen Kramny. Dutt macht einen typischen Dutt-Move und verpflichtet Mirko Slomka. Der holt gegen Dortmund, Bremen, Mainz und Wolfsburg fünf Punkte und landet auf Platz 13. Slomka wird gefeiert und Dutt sonnt sich in diesem „Erfolg“. Beide gehen sorglos und überheblich in die neue Saison, ohne das Team wirklich zu verstärken.

Von Spieltag 1 auf einem Abstiegsplatz, geht der VfB sang- und klanglos unter, auch zwei weitere Trainerwechsel (Thomas Doll! Klaus Augenthaler) helfen nichts. Präsident Bernd Wahler schleicht mit allerlei Events und Hashtags um die Ausgliederung, am Ende tritt er zurück. Dutt muss entlassen werden, obwohl er sich keines Fehlers bewusst ist. Was bleibt? 2. Liga, keine Aufbruchstimmung, kein Zuschauerschnitt von 50.000, keine Ausgliederung, Verzweiflung.

Situation 2:
4. Spieltag, Saison 2016/2017
Mit dem neuen Trainer Jos Luhukay gewinnt der VfB gegen den FC Heidenheim in der Nachspielzeit durch ein Tor von Toni Sunjic (Der kicker macht ihn zum Mann des Spieltages). Der Holländer versöhnt sich mit Jan Schindelmeiser trotz ihrer unterschiedlichen Meinungen zu jungen Spielern. Die anfängliche Euphorie und der enorme Zusammenhalt zwischen Team und Fans schwinden wegen des uninspirierten Beamtenfußballs von Luhukay. Carlos Mané sitzt nur auf der Bank („Er ist noch nicht soweit“), ebenso Alexandru Maxim.

Der VfB stellt einen neuen Rekord auf mit 15 1:0-Siegen, bester Torschütze ist Simon Terodde mit elf Treffern. Es liegt eine bleierne Schwere über der Mercedesstraße, weil sich alle sicher sind, dass Luhukay gar nicht lachen kann. Zum letzten Saisonspiel gegen die Würzburger Kickers kommen 35.000 Zuschauer, der Aufstieg des VfB wird von den Supportern und der ganzen Stadt achselzuckend zur Kenntnis genommen.

Situation 3:
23. Spieltag, Saison 2016/2017
In der Faschingswoche vor dem Spitzenspiel gegen Braunschweig bereitet sich Kevin Großkreutz seriös vor, schafft es aber nicht ganz in den Kader. In der Folge verliert er seinen Stammplatz an Benjamin Pavard und kommt nur zu Teileinsätzen. Seinen großen Auftritt hat er beim Derby gegen den KSC, bei dem er als Einwechselspieler einen Doppelpack schnürt. Fischkreutz begeistert mit emotionalen Insta-Postings und sucht stets die Nähe zu den Fans. Nach dem Aufstieg löst er die Wette mit Laura Wontorra ein und zieht für einen guten Zweck blank.

Situation 4:
27. Spieltag, Saison 2016/2017
Der VfB liegt lange gegen 1860 zurück. In der 92. Minute wagt sich Innenverteidiger Marcin Kaminski in den Löwen-Strafraum, er verpasst jedoch eine Flanke von Emiliano Insua und wird nur angeschossen. Der Ball rollt knapp am Tor vorbei. Mit diesen drei Punkten starten die Löwen eine Siegesserie und landen am Ende auf Platz 9. Der VfB entscheidet zwar das Derby für sich, muss sich aber mit zwei 2:2-Remis gegen Bielefeld und Nürnberg zufrieden geben und schafft nur den Relegationsplatz. In zwei dramatischen Duellen mit dem VFL Wolfsburg setzt sich letztlich der Bundesligist dank dreier Tore von Mario Gomez durch. Die VfB-Fans sind so enttäuscht, dass sie sich zu „Mario Gomez ist ein Hurensohn“-Gesängen hinreißen lassen.

So hätte es laufen können. Oder auch ganz anders. Ich denke, wir können ganz zufrieden sein mit der tatsächlichen Entwicklung des VfB, oder?

2 Kommentare

  1. 1893-im-Weckla sagt

    Ich hab den neuen Auster noch nicht gelesen, aber der Inspirationsimpuls, den du mitgenommen hast, ist großartig. Sehr schöne Szenarien…

    • @abiszet sagt

      Danke! :-) Ein schönes Buch, das mich gefangen genommen hat, wie fast alle Paul Auster-Werke. Die Komposition ist recht ungewöhnlich und man darf das Buch nicht lange weglegen, sonst kommt man bei der Menge an Figuren durcheinander und weiss nicht mehr, welcher Ferguson gerade dran ist.

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