Allgemein
Schreibe einen Kommentar

Kleiner vp-Jahresrückblick: 7 ausgewählte Highlights

Tim Wiese

An das Jahr 2014 werden wir uns erinnern. Von 2014 werden wir noch unseren Enkeln erzählen. Das Jahr, in dem wir nach 24 Jahren wieder Weltmeister wurden. Das Jahr, in dem Philip Lahm zurücktrat. Das Jahr, in dem Per Mertesacker in die Eistonne wollte. Und dann auch zurücktrat. Aber auch das Jahr, in dem das Champions League Finale zum Stadt-Derby verkam. Das Jahr, in dem Uli Hoeneß in den Knast ging. Und das Jahr, in dem Eusebio starb.

Nicht zuletzt war 2014 auch die Geburtsstunde von vertikalpass.de. 100 Beiträge, knapp 100.000 Seitenaufrufe und mittlerweile über 500 Facebook-Fans sind die beste Motivation für 2015.

Hier aber erstmal unsere sieben Highlights 2014:

Arminia Bielefeld – SV Darmstadt 2:4 nach Verlängerung
Ich bin kein Bielefeld-Fan. Aber ich mag die Arminia, weil Sebastian sie liebt. So geht es mir auch mit anderen Clubs: Ich werde zum kurzfristigen Anhänger der Lauterer, weil Holger ein roter Teufel ist. Obwohl ich die Bayern gerne verlieren sehe, finde ich sie die trotzdem ganz gut, nicht nur international gesehen, sondern weil Philip ein Hardcore-Fan ist. Ich schaue gern nach Nürnberg, weil Kai, Flo Dino und Frank Clubberer sind. Und ich habe die Freiburger ins Herz geschlossen, weil zwei meiner Kunden echte Fans der Breisgauer sind und echte Freiburg-Fans schimpfen leidenschaftlich über den VfB, das erdet ganz gut.

Die Relegtion für die zweite Liga habe ich deshalb angeschaut mit dem Straßenfeger Bielefeld gegen Darmstadt. Nach dem 0:2 der Arminia im Hinspiel in Darmstadt schien das eine klare Sache zu sein. Nur aus reinem Pflichtgefühl gegenüber Sebastian habe ich mich zum Rückspiel vor den Fernseher gesetzt. Es war dann dramatisch, mitreißend, unglaublich, ich stand 20 cm vor dem Bildschirm und es nahm kein gutes Ende. Aber das scheint bei Bielefeld immer so zu sein, meint auch Casper im 11Freunde-Interview und schrieb einen Song über seinen Lieblingsclub:

„Eines Tages an der Spitze stehen,
nach all den bitteren Jahren über den Witzen steh’n.
Wir reißen nicht viel, aber glauben an Kampfschweiß,
fressen Scheiße mit Stil, geben Leistung im Spiel.“

Helped the Aged
Nicht nur in Deutschland herrscht im Fussball ein regelrechter Jugendkult. Jung kickt besser, so scheinen viele Manager und Trainer zu denken, mit 30 trudelt jetzt die Karriere schonmal aus, Fussball auf allerhöxxtem Niveau traut man den alten Männern kaum noch zu. Sebastian Kehl, Emir Spahic und Ivica Olic scheinen Ausnahmen zu sein, ansonsten reichts wohl nur noch für Teileinsätze wie bei Claudio Pizarro, Roel Brouwers, Simon Rolfes,

Bei der WM fielen drei alte Männer auf, die frei nach Pulp definitiv keine Hilfe benötigten. Ihr Spiel war extrem tight , es war agressiv und meist erfolgreich.
Nee, Andrea Pirlo ist nicht dabei, der schlich bei seinen Italienern altersgemäß über den Platz und hatte nur feiern im Kopf.

Klar, der ewige Miro (36), ewiger WM-Torschützenkönig, der laut eigener Aussage seinen „Kadaver über den Platz schleppt“. Und sonst? Bei Mexiko spielte Rafael Marquez (35) eine herausragende Rolle, Kapitän und Torschütze, leider verschuldete er auch den entscheidenden Elfmeter gegen Arjen Robben. Es war seine vierte WM und er erinnert mich an ein Spiel des VfB gegen Barcelona. Es war 2007, alle waren da: Messi, Henry, Puyol, Xavi, Deco, Thuram, Ronaldinho, Iniesta. Der VfB machte kein schlechtes Spiel, hätte in Führung gehen müssen, aber ein Schwede namens Alexander Farnerud schob einen Meter vor der Linie den Ball parallel dazu ins Aus. Und Marquez lachte. Er lachte!

Kolumbien wurde von Mario Yepes (38) aufs Feld geführt. Der älteste Feldspieler der WM hat gelernt, seine Kräfte geschickt einzuteilen und mit gutem Stellungsspiel Kilometer zu sparen. Gleichzeitig ist er der unumstrittene Boss auf dem Platz. Ok, die Gegenspieler Fred und Teofanis Gekas hätte ich auch im Griff gehabt, aber Didier Drogba, Edson Cavani und Forlan sahen gegen Yepes alt aus. Wegen seiner Autorität und seiner verwegenen Frisur wird er „Captain Jack Sparrow“ genannt.

Brasilien – Deutschland 1:7
Wenig einfallsreich, ich weiss, in jedem verdammten Jahresrückblick ist das Spiel vertreten. Aber was soll ich machen. Ein once-in-a-liftime-Moment, bei dem manchem die Augen aus dem Gesicht fielen. Brasilien fand ich immer gehemmt, ohne Mut. Sie umarmten sich ständig und klatschten sich ab und weinten und brüllten und beteten, aber wandelten diese Emotionen nicht um in positive Energie. Ich hatte vom Feeling her ein gutes Gefühl, das Rumgeheule und Hymnengesinge war total drüber. Das sah ein Freund und nachgewiesener Fussballfachmann ganz anders, er schrieb mir folgendes vor dem Spiel:

„Ist ja immer leicht mit total skeptisch sein. Und auch sooooo deutsch. Aber ganz ehrlich. Ich habe noch kein wirklich überzeugendes Spiel der Deutschen gesehen – im Gegensatz zu …. mindestens zeitweise … Brasilien. Ja… Leidenschaft versetzt keine Berge, schießt aber das eine oder andere Tor. Und ja, der Fred steht ein bisschen rum und der Paulinho ist manchmal nicht Weltklasse. Aber wir schleppen Höwedes, Özil und Götze mit durch, Schweinsteiger und Khedira gehen nach 60 Minuten die Puste aus und Manuel Neuer macht auch mal ´nen Fehler.

Ich hätte gerne einen Marcelo und noch lieber einen Luiz. Würde hierfür gerne Schubs-mich-nicht-Özil, H.P.-Briegel-Gedächtnis-Höwedes und den völlig überschätzten ich-bin-zu-recht-nominiert-hab-nämlich-einen-Vertrag-bei-Chelsea-Schürrle einbrasilianern.

Was macht Deutschland eigentlich, wenn ein frühes Gegentor fällt? Leidenschaft? Laufwege? Passgenauigkeit? Unter Druck? Tippe 3:2, wenn wir das erste Tor schießen. 0:3, wenn andersrum.“

Nach dem Spiel rief er mich an:
„Du, sag‘ mal, hast Du von mir ein komisches Mail bekommen zum Brasilien-Spiel? Ich glaube, mein Mail-Account wurde gehackt“.

Schon richtig, ein so epochales Spiel konnte keiner erwarten und an Skepsis gegenüber „La Mannschaft“ erinnert sich jetzt auch keiner mehr. Jeder hats gewusst. Is‘ klar.

Zu Recht wird das 1:7 abgefeiert, wie zum Beispiel mit dem wunderbaren Sonderheft von Oliver Wurm. Absolut lesens- und sehenswert, hier gehts lang zum 100 Seiten dicken Heft.

Aber mal ehrlich: Das Spiel gegen Algerien war viel spannender und viel deutscher.

Toni Kroos
Ich habs seit Jahren gesagt: Mit dem Kroos kannste nix gewinnen. Der schießt das 3:0 oder macht einen spektakulären Seitenwechsel in der 80. Minute, aber in den entscheidenden Momenten ist er unsichtbar. Ich glaube ja auch, dass der FC Bayern deshalb 2012/2013 Triple-Sieger wurde, weil sich Kroos rechtzeitig vor den wichtigen Spielen verletzte. Karlheinz Rummenigge ist mit mir da einer Meinung und gab dem Rostocker nicht die Gehaltsaufbesserung, die er forderte. Er wollte nur so viel verdienen wie Mario Götze, ist ja echt nicht zu viel verlangt, oder? Jedenfalls haben Rummenigge und ich uns geirrt. Mit Kroos kannste sogar Weltmeister werden, nicht wenige bezeichnen ihn als derzeit besten Mittelfeldspieler der Welt.

Paul Ripke
Jaja, auch wir können uns der Ripkesierung des Fußballs nicht entziehen. Ob seine Bilder etwas besonderes sind, darüber kann man streiten. Ich bin seit längerem dieser Meinung, abiszet hingegen attestiert den meisten höchstens Instagram-Qualitäten. Aber vielleicht ist er auch nur sauer, weil Paul Ripke die Widmung in seinem Exemplar von One Night in Rio verpfuscht hat. Bemerkenswert ist aber definitiv die unkonventionelle Herangehensweise. Der Lohn sind ebenso ungewöhnliche Bilder der Finalnacht und der Feier in Berlin. Statt der Hochglanz-Super-Tele-Shots kommen wir in den Genuss von Bildern, die aus der Hüfte geschossen sind und dank der kurzen Brennweite von Ripkes Leica einfach näher dran sind. Das Erstaunlichste dabei ist aber, dass die FIFA nicht verhindert hat, dass ein bärtiger Hansel auf dem Platz rumspringt und die akkreditierten Fotografen geärgert hat. Gott sei Dank.

Mittlerweile wurde Paul Ripke durch sämtliche Illustrierten und Talkshows gereicht. Wer trotzdem noch etwas mehr über ihn wissen will, dem sei das Interview mit Steffen Böttcher aus dem April 2014 empfohlen.

Eintracht Frankfurt – VfB Stuttgart 4:5
Seit Jahren sage ich, dass der VfB eine Euphorie-Mannschaft ist, Erfolg oder Misserfolg hängt ab von der Laune der Spieler und ob sie gerade Ärger mit ihrer Frau, dem Hund oder Trainer haben. Einen Rückstand aufholen? Konnte ich mich nicht dran erinnern. Und dann schießen die nach 0:3 Rückstand und einer saumäßigen ersten Halbzeit noch ein 3:3 gegen Leverkusen raus. Eine Woche später dann nach 2:0- und 3:1-Führung liegen sie 3:4 zurück, um dann noch zu gewinnen. Gehts noch? Kann man sich denn auf nix mehr verlassen? Doch, auf Trainerwechsel. Wenige Wochen später macht Armin Veh die Biege, ich sage „Danke“ für das tolle Spiel in Frankfurt.

Tim Wiese
Geschichten, wie sie nur das professionelle Wrestling schreibt. Der ehemalige Nationalkeeper fand 2014 endlich seine wahre Berufung. Erst in der Muckibude, dann im Ring. Kurz nachdem er seinen Wechsel in die WWE bekannt gegeben hatte, kursierten bereits die ersten Gerüchte über seinen Kampfnamen. Darunter befanden sich absolute Perlen wie „Eraser from the Weser“ oder „Der weiße Wiese“. Wir sind gespannt, wie Wieses Finishing Move aussehen wird. Unser Tipp: Der an Ivica Olic erprobte „Decapitator“.


Titelbild: Abel Tumik / Shutterstock.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*