Mini-Feature, Querpass, VfB
Kommentare 9

Wer hat Angst vor Timo Werner?

Am Ende ist Timo Werner gerne gegangen. Zu viel Abstiegskampf, zu hohe Erwartungen, zu viel Häme und Mobbing in der Kabine. Und am Ende war allen klar, dass Werner beim neuen Verein steil gehen wird. Denn beim VfB Stuttgart konnte er seine Stärken nicht einsetzen: Schnell laufen, wenig denken. Das macht er jetzt in Leipzig. Durch das Pressing/Gegenpressing-Spiel der Bullen bekommt er den Raum, den er für seine Sprints benötigt. Und vor dem Tor macht er sich keinen Kopf und haut die Dinger rein.

 

Timo Werner ist der Rekordmann des deutschen Fußballs. Als B-Jugendlicher beim VfB wurde er Torschützenkönig der A-Jugend-Bundesliga, mit 17 erhielt er die Fritz-Walter-Medaille in Gold und debütierte in der Bundesliga. Er ist der jüngste Debütant des VfB, der jüngste Torschütze des Clubs und der jüngste Doppeltorschütze der Bundesligageschichte. Niemand, der 100 Bundesligaspiele absolviert hatte, war jünger als er, keiner stand so oft im Abseits. Von Filippo Inzaghi heißt es, er wäre im Abseits geboren. Timo Werner könnte sein Sohn sein.

Beim VfB hemmte ihn die fatale Sehnsucht der Stuttgarter nach dem nächsten jungen Wilden. Sein Image als Wunderkind hat Werners Entwicklung nicht befördert, im Gegenteil, neben den hohen Erwartungen empfanden die Silberrücken in der Mannschaft Werner als Gefahr. Und Alexander Zorniger war ziemlich sicher auch nicht der Trainer, der Werner zu Höchstleistungen antreiben konnte. Über Timo Werner kann man sich auch trefflich lustig machen: Sein lächerlicher Rollkragenpullover, seine naiven Aussagen zu Ernährungsfragen, seine unverschämte Schwalbe gegen Schalke, sein überraschendes Lautstärkeempfinden beim CL-Spiel gegen Istanbul. Es gibt „Timo Werner ist ein Hurensohn“ auf T-Shirts und Songs mit dem gleichen Inhalt, die leider nicht nur auf dem Ballermann mit 1,5 Promille intus gegrölt werden. Die Abneigung gegen den Stürmer von RB Leipzig hat fast schon pathologische Züge. Insofern passen RB Leipzig und Timo Werner wunderbar zusammen. Und in Stuttgart kennt man das, Mario Gomez musste in der Vergangenheit auch einiges durchleiden, nachdem er Stuttgart verließ. Die mangelnde Liebe des Publikums in Deutschland hinderte ihn aber nicht daran, Tore zu schießen.

Seit seinem Wechsel läuft’s für Timo Werner. Nicht nur in Leipzig, sondern auch für die deutsche Nationalmannschaft. Dabei fragt man sich in fast jedem Spiel, ob ihm mehr Spielverständnis, Spielintelligenz und Übersicht nicht gut tun würden. Viele Ballaktionen wirken hektisch und überhastet. Manchmal ist er für mich eine Miniaturausgabe des Rumpelrussen Pawel Pogrebnyak, denn er hat unübersehbare Defizite in Ballannahme und Ballmitnahme. Am besten, Werner muss keines von beidem machen, sondern einfach nur laufen und schießen, laufen und schießen.

Laufen und schießen. Wie wollen Timo Baumgartl und Holger Badstuber den Stürmer bremsen? Ich fürchte mich vor seiner wahnsinnigen Geschwindigkeit, ich fürchte mich vor Werners Torjubel, so wie ich den Torjubel von Mario Gomez gefürchtet habe. Ich werde mich ziemlich sicher ärgern über Timo Werner. Aber nicht nur, weil er den VfB Stuttgart am Samstag wahrscheinlich auf die Hörner nehmen wird, sondern vor allem, weil der VfB nicht alles getan hat, damit dieses große Talent sich in Stuttgart zu dem Spieler entwickeln kann, der er heute ist: Der beste deutsche Stürmer – mit einem Marktwert von 50 Millionen.

9 Kommentare

  1. s'Äffle sagt

    Es wird in etwa so ablaufen: Werner trifft und will im Torjubel Richtung VfB-Bank zum Küsschenverteilen abdrehen. Dann stoppt er abrupt und senkt sein Köpfchen. Mit rudernden Bewegungen wehrt er die Schulterklopfer seiner Dosenfreunde ab. Er erinnert sich nämlich an sein Zeitungsinterview, dass er für immer VfB-Fan bleiben wird. Hinterher wird er in feinstem Oettingerschwäbisch etwas in die Kameras sagen in der Art von „alles Gute dem VfB weiterhin in der Saison“. Ich tröste mich derweil mit dem Gedanken, dass Timo Werner eigentlich beim Hornbach Regale einräumen würde, könnte er nicht so schnell laufen…

  2. @abiszet sagt

    Ja, so ähnlich wird es wohl ablaufen. Aber das ist nicht weiter schlimm, denn das sehen wir jede Woche in irgendeinem Stadion. Einzig Mario Gomez machte seinen Torrero auch im Neckarstadion. „Nur“ laufen und schießen zu können, ist allerdings mehr als viele andere in ihrem Leben je erreichen werden ;-)

  3. „… konnte er seine Stärken nicht einsetzen: Schnell laufen, wenig denken.“

    So richtig nett finde ich das ehrlich gesagt nicht. Klar, man muss nicht immer nett sein.

    Davon ab: Natürlich habe ich auch Angst vor dem, was Werner mit der VfB-Abwehr anstellen könnte. Jetzt, wo der schnelle Kaminski ausfällt.

    • @abiszet sagt

      Ich finde, wir sind meistens nett ;-)

      Das von Dir angeführte Zitat kann man so oder so verstehen ;-) Ich meine es so: In der Saison 2010/2011 schoss Timo Gebhart in Gladbach einen Elfmeter in der 87. Minute. Er traf zum 2:3, was irgendwie den Grundstein legte für den späteren Klassenerhalt. Hätte Gebhart nicht getroffen, wäre es knüppeldick gekommen. Ich bin der Meinung: keiner aus dem damaligen Team – und da waren immerhin Gentner, Harnik und Kuzmanovic dabei – hätte den getroffen. Weil Gebhart nicht denkt. Ob er es „nicht geblickt hat“, sich also der Verantwortung gar nicht bewusst war oder ob er sie ausgeblendet hat, das zu interpretieren, überlasse ich anderen …

  4. Ich finde auch, dass Ihr meist nett seid, und ich weiß, dass man den Satz unterschiedlich lesen kann. Und ich weiß, dass Ihr das wisst. Und gehe zunächst einmal davon aus, dass Ihr es in Kauf genommen habt. Was dann zum Beispiel zu Hornbachregalen führt. Was ich schade finde. Gern räume ich aber ein, dass ich möglicherweise nicht allzu objektiv bin, wenn es um die Qualitäten von Timo Werner geht.

    • abiszet sagt

      Du hast natürlich mit allem Recht. Das Hornbachregal ist wohl mit einer Mischung aus Enttäuschung aufgrund des Wechsels und Einschätzung der Person aufgrund seines Auftretens in der Öffentlichkeit entstanden (hat mit Fußball erstmal nix zu tun). Da sind schon ein paar Klöpse drin gewesen. Deine Einschätzung seiner fußballerischen Qualitäten deckt sich mit der von Löw, Gomez und Sandro Wagner, die ihn alle für den derzeit besten deutschen Stürmer halten. Was natürlich auch an der Auswahl liegt. Es bleibt abzuwarten, ob die Nationalmannschaft mit Werner bei der WM etwas reißen wird. Aber für den VfB reicht es allemal und damit kommen wir wieder zur Eingangsfrage: Ja, ich habe Angst vor Timo Werner.

  5. s'Äffle sagt

    @heinzkamke: Deine Kritik zum „Hornbachregal“ kann ich verstehen. Ich bitte aber, das richtig einzuordnen. Es sollte ironisch-spaßig sein. Weit ab vom Schmähgedicht eines Böhmermanns oder ähnlichem. Ganz aus der Kategorie „mit gelegentlichen Fouls“ (wie sich vertikalpass selbst beschreibt). Ich nehme die gelbe Karte an!

    Leitgedanke bei mir zu Timo Werner ist: da ist einer von uns gegangen, um woanders aufzublühen– das schmerzt. Du siehst Timo Werner nicht objektiv, wie du selbst zugibst. Ich ebenso wenig, nur in eine andere Richtung. Seit dem berühmten Hannover-Heimspiel in der Abstiegssaison, wo es Werner fertigbrachte, selbst die Hundertpro-zentigen vorbeizusemmeln, sehe ich ihn kritisch. Mir ist dennoch sein großes fußbal-lerisches Potential bewusst. Und sein jugendliches Alter. Und die damaligen Begleit-umstände in Cannstatt. Vorschlag zur Güte: wenn Werner uns zum Weltmeistertitel läuft, schießt und köpft, schließe ich meinen Frieden mit ihm!

  6. @s’Äffle:
    Gelegenheitsfoulspiel, nicht grob, vielleicht im leichten Überschwang. Und ein Schiri, bei dem die gelbe Karte an dem Tag aus irgendwelchen Gründen recht locker saß.
    Will sagen: Wir brauchen keinen Gütetermin. Aber mit diesem Weltmeistertitel könnte ich mich dennoch gut arrangieren.

  7. Pingback: Presse 20.10.2017 | rotebrauseblogger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*