Beliebt, VfB
Kommentare 8

Tim Walter: So tickt der neue Trainer des VfB Stuttgart

Tim Walter VfB

Mittlerweile ist es offiziell: Tim Walter wechselt von Holstein Kiel nach Stuttgart und wird der neue Cheftrainer des VfB. Aber wer ist er überhaupt und wie lässt er Fußball spielen? Wir wollten mehr hören als die Schlagworte „KSC, Bayern-Jugend und Zorniger reloaded“. Deswegen haben wir mit jemandem gesprochen, der es ganz genau wissen muss: Martin Brinkmann ist ein intensiver Beobachter der Nachwuchsabteilung des FC Bayern und beobachtet pro Saison aktuell über 100 Spiele der U-Teams. Martin konnte Tim Walters Werdegang nahezu ab Tag 1 in München eng verfolgen und ihn über die drei Jahre hinweg auch ein wenig kennenlernen. Ihr findet Martin auf Twitter unter @NaptoFCB. Seine Analysen und Texte zum Bayern-Nachwuchs erscheinen regelmäßig auf dem Blog Miasanrot.

Wir bedanken uns bei Martin für die ausführlichen Antworten und die interessanten Insights. Uns dürfte mit Tim Walter eine spannende Saison bevorstehen. Jetzt aber die Fragen und Antworten!

Lest dazu unbedingt auch den Artikel drüben bei Rund um den Brustring! Die haben sich mit Holstein Kiel Blogger Pike über Walter Zeit im hohen Norden unterhalten.

Fast alle Teams der ersten Liga setzen auf schnelles Umschaltspiel.
Was macht Tim Walter anders?

Tim Walter ist einer der modernen Trainer, die sich nicht mehr komplett in das alte Schema „Ballbesitz- oder Umschaltfußball“ eingliedern lassen. Natürlich ist sein höchstes Ziel, dominant zu sein und dem Gegner möglichst selten den Ball zu überlassen. Dennoch beinhaltet seine Spielidee immer wieder Umschaltmomente, gerade gegen stark pressende Teams, wenn es seinen Mannschaften gelingt, die ersten zwei Linien zu überspielen.

Generell lässt er seine Mannschaften konsequent flach von hinten heraus spielen, das bezieht gerade den Torwart als wichtige Anspielstation ein. Dies geht oft einher mit einigen Positionswechseln. So steht gerne mal einer der beiden Innenverteidiger 15m vor seinem Pendant als Anspielstation im Mittelfeld bereit, auch die Außenverteidiger machen immer mal wieder diagonale Wege durch das Mittelfeld. Das verschafft ihm Überzahl im ballnahen Raum, fordert aber auch ständige Aufmerksamkeit der Mitspieler, die die verlassenen Positionen übernehmen müssen. Gleichzeitig stellt es aber auch den Gegner vor ständig neue Entscheidungen, auf die Rochaden von Walters Team richtig zu reagieren.

Offensiv fällt das klassische Tim Walter Tor zweifellos über eine Kombination mit dem Flügelstürmer, der mit dem Ball bis an die Grundlinie im Strafraum durchbricht und ablegt. Ein technisch begabter 10er mit enger Ballführung, der sowohl den Flügelstürmer in Szene setzen kann, als auch selbst abschlussstark ist, war hier meistens charakteristisch für sein Team. Oft wird eine Seite überladen, indem Spieler aus dem Zentrum Überzahl herstellen, um einen Durchbruch in die Tiefe zu ermöglichen und der ballferne Flügelstürmer dann das Zentrum besetzt.

Darüber hinaus lässt Tim Walter auch recht viele Ecken kurz ausführen, es stehen fast immer grundsätzlich zwei Spieler an der Eckfahne, um auch gleich zwei Gegenspieler dort zu binden. Das führt auch durchaus manchmal zu sehr misslungenen kurzen Ecken, die viel Angriffspotential für unzufriedene Fans bei schlechten Ergebnissen bieten.


Ballbesitzfußball. Das klingt nach Pep Guardiola.
Aber wie soll das mit dem Tabellensechzehnten funktionieren? Wäre es für einen “Walter-VfB” nicht sogar besser, in der zweiten Liga zu starten, um das Spielsystem dort zu perfektionieren?

Das ist die etwas populistisch formulierte Variante. Ich bin absolut davon überzeugt, dass man auch als Team in der unteren Tabellenhälfte einen mutigen, offensiven Fußball erfolgreich spielen kann. In der zweiten Liga haben Tim Walter mit Kiel und Steffen Baumgart mit Paderborn gerade eine Saison lang gezeigt, dass mutiger Fußball mit eher als schwächer eingeschätzten Teams Erfolg bringen kann.

Kiel hatte mit Czichos, Drexler und Ducksch die drei absoluten Stützen verloren, dazu den Trainer und den Sportdirektor. Das Team galt gemeinhin als Abstiegskandidat. Dann fielen mit Kinsombi und Schindler auch noch zwei Leistungsträger in der Rückrunde ganz oder länger aus. Dennoch gelang es Tim Walter, dass das Team bis zum 30. Spieltag erneut in Reichweite der Aufstiegsplätze stand, während der SC Paderborn als Aufsteiger mit einer ähnlich mutigen Philosophie sogar erneut aufsteigen wird oder gegen euch in der Relegation antreten darf. Das ist für mich Beweis genug, dass sich der Mut auszahlt.


Welche Spielertypen bevorzugt Tim Walter?

Muss der Stuttgarter Kader komplett umgebaut werden?

Als Tim Walter 2015 zum FC Bayern kam, sortierte er nach rund vier Trainingswochen drei U17-Spieler aus, darunter den Kapitän der Vorsaison. Die Begründung war, dass er bei den drei kein Entwicklungspotential sah und er dafür lieber die talentierteren Spieler aus der U16 weiterentwickeln wolle. Darunter übrigens die heute durchaus bekannten Spieler Lukas Mai und Franck Evina, die er früh förderte. Ähnlich war es, als er die Amateure übernahm. Gemeinsam mit seinem Co-Trainer Tobi Schweinsteiger, der als früherer Teamkapitän ein hervorragendes Gespür für die Mannschaftschemie hat, wurde mehreren Spielern mitgeteilt, dass man nicht mehr mit ihnen plant, selbst wenn sie noch einen Vertrag besaßen.

Das bedeutet nicht, dass der Stuttgarter Kader deswegen komplett umgebaut werden wird. Aber es wird sicher den ein oder anderen Spieler erwischen, der mit Tims Philosophie nicht zurecht kommt. Tim Walter ist ein hervorragender Entwicklungstrainer, unter dem der Großteil der Spieler spürbar über die Saison besser wird. Das war in allen seinen Spielzeiten beim FC Bayern so und das war auch jetzt bei Holstein Kiel so, die deshalb auch diesen Sommer mit Kinsombi und Schindler wieder ihre beiden besten Spieler verlieren werden. Talent, Entwicklungspotential, ständige Aufmerksamkeit und hohe Spielintelligenz sind die Attribute, die einen Spieler zu einem Tim-Walter-Spieler machen.

Nach Köln und Paderborn hat Kiel in dieser Zweitliga-Saison die meisten Tore geschossen, allerdings auch die zweitmeisten der Teams in der oberen Tabellenhälfte kassiert. Ist das Zufall oder der Spielweise der Walter-Mannschaften geschuldet?

Das ist zweifellos kein Zufall. Tims offensive Spielphilosophie führt dazu, dass die Innenverteidiger deutlich mehr Eins-gegen-Eins Situationen lösen müssen als sie es aus ihrer Vergangenheit gewohnt sind. Das führt gerade in der Anfangszeit zu Gegentoren und erfordert eine hohe Lernbereitschaft der Verteidiger. Beim FC Bayern im Jugendbereich hat das zu Saisonbeginn vermehrt zu Gegentoren geführt, allerdings auch zu einer herausragenden Weiterentwicklung der jeweiligen Innenverteidiger, die stets einen großen persönlichen Sprung machen konnten. Er hat auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass er lieber 4:3 als 1:0 gewinnt.


Sowohl in München wie auch in Kiel hatte Walter Rainer Ulrich als Co-Trainer an seiner Seite. Wie wichtig ist Ulrich? Stuttgart hat schließlich mit Rainer Widmayer bereits einen Co-Trainer verpflichtet.

Es hat mich damals ein wenig überrascht, dass Rainer mit Tim nach Kiel ging. Rainer Ulrich ist 69 und körperlich nicht mehr der agilste Zeitgenosse, es gab keine Notwendigkeit für ihn, nochmal ein Engagement so weit weg von seiner Wahlheimat München anzunehmen. Er hatte nur diese eine Saison bei den Amateuren mit Tim Walter gearbeitet, war vorher Co-Trainer unter Heiko Vogel, Erik ten Hag, Mehmet Scholl und Hermann Gerland.

Für Tim Walter ist Rainer Ulrich aber enorm wichtig als Ausgleich. Tim ist unglaublich ehrgeizig, er besitzt diese gewisse Gewinnermentalität. Das führt dazu, dass er auch mal in einer Mannschaftsansprache über das Ziel hinausschießt. Das weiß er aber auch und gerade deshalb legt er Wert auf einen Co-Trainer, der ihn kennt und das ausgleichende Element gegenüber der Mannschaft sein kann. Generell halte ich auch die Philosophie, wie sie der FC Bayern mittlerweile verfolgt, für sehr sinnvoll. Nämlich einen Co-Trainer, der vom Verein gestellt wird und einen Co-Trainer, den der Trainer mitbringt.

(Mittlerweile steht fest, dass Rainer Ulrich als Co-Trainer nach Stuttgart kommt. Unseren Informationen zufolge war seine Personalie der Knackpunkt in den Verhandlungen. Denn zum einen passt ein fast 70-jähriger Co-Trainer nicht wirklich in das neue Konzept und zum anderen wurde mit Rainer Widmayer bereits ein Co-Trainer verpflichtet, der unabhängig vom Cheftrainer die VfB-Philosophie vertreten soll.)


In Stuttgart wünschen sich viele, dass es wieder mehr U-Spieler in den Profikader schaffen. Ist Walter als Nachwuchstrainer nicht der perfekte Mann dafür?

Ich kann nicht vorhersehen, wie mutig Tim hier unter dem deutlich höheren Druck in der Bundesliga agieren wird. Was ich aber definitiv weiß, ist, dass die von ihm trainierten Nachwuchsspieler ihm zu 100% vertrauen. So folgte ihm Franck Evina im Winter nach Kiel und so wird im Sommer meinen Informationen nach Benedict Hollerbach vom FC Bayern Campus in den Nachwuchs des VfB Stuttgart wechseln, explizit auch wegen der Personalie Tim Walter. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass Lukas Mai oder Adrian Fein ein Thema beim VfB werden könnten.

Ich bin mir sehr sicher, dass eine handvoll Spieler aus dem U19-Meisterteam vom VfB in der Saisonvorbereitung die Möglichkeit bekommen werden, sich zu zeigen und eine ernsthafte Chance darauf haben, sich mit herausragendem Fleiß und Einsatz im Training für den Kader zu empfehlen. Denn eine klare Philosophie von Tim war auch immer, dass von zwei gleichwertigen Spielern der jüngere dann spielt.


Taktik beiseite: Tayfun Korkut und Markus Weinzierl hatten es auch aufgrund ihrer eher verschlossenen Art nicht einfach. Was für ein Typ ist Tim Walter?

Soweit ich das aus Kiel wahrnehme, ist Tim Walter nicht der medienaffinste Trainer der Liga. Das war ja in seiner bisherigen Karriere als Jugendtrainer auch noch nicht gefragt. Das bedeutet jedoch nicht, dass er verschlossen ist, im Gegenteil, er ist eher ein Mann der klaren Worte. Worte, die so klar sind, dass er mit seiner Art durchaus aneckt. Deshalb hat er sich in seiner Zeit beim FC Bayern auch nicht nur Freunde gemacht. Wer Tim jedoch persönlich kennenlernt und mit seiner direkten Art zurechtkommt, der wird ausnahmslos ihn als absolut geilen Typen beschreiben. Die Spieler, die unter ihm gespielt haben, wären im wahrsten Sinne des Wortes für ihn gestorben.

Seine Ansprache während der Spiele an der Seitenlinie ist durchaus direkt, gerade die Spieler auf der Seite der Trainerbank haben es manchmal nicht leicht. Aber den selben Spieler, den er kurz vorher während des Spiels lautstark kritisiert hat, nimmt er nach Schlusspfiff dann auch sofort in den Arm. So haben sehr viele Spieler eine persönliche Beziehung zu ihm aufgebaut, die auch im Anschluss an ihre Zeit unter ihm weiter gepflegt wurde.

Was an Tim Walter beeindruckt, ist wie bereits erwähnt sein absolutes Siegergen. In nahezu jedem Training baut er Wettkampfformen ein, es gibt ständig Sieger und Verlierer. Und auf letztere wartet dann oft „Arschbolzen“, wie man bei uns in Bayern sagen würde. Davon waren sie in Kiel, wie man hört, wohl sehr erschüttert, während es hier bei uns im Münchner Raum jedes Kind kennt und vollkommen selbstverständlich ist.

Tim Walter war einer der spannendsten Jugendtrainer, die ich beim FC Bayern je erlebt habe. Seinen Weg werde ich daher weiterhin eng verfolgen. So wie ich dieses Jahr Holstein Kiel enger verfolgt habe, werde ich mir nächstes Jahr den VfB deutlich öfter anschauen. Weil mir Tim Walter in seinen drei Jahren beim FC Bayern durchaus ans Herz gewachsen ist, weil er einen sehr attraktiven Fußball spielen lässt und weil er – ich weiß, ich wiederhole mich – einfach ein geiler Typ ist, den ich gerne eines Tages wieder zurück bei uns in München sehen würde.

Hier noch ein interessanter Twitter-Thread zum „System Walter“:

Foto: imago images / Sven Simon

Darf gerne geteilt werden:

8 Kommentare

  1. Pingback: Tim Walter: So tickt der neue Trainer des VfB Stuttgart – ploggo

  2. drausvomLande sagt

    … und ich hatte mir schon Gedanken gemacht, ob es bei allen diesen neuen Fachleuten nicht langweilig wird nächste Saison …

  3. Mozy sagt

    Soviel taktisches Generde! Mag ja ein guter Trainer sein, aber ob er den VfB im Blut hat, so wie dass ein NW hat, bezweifle ich ob seiner Vergangenheit. Dazu kommt, dass er bislang null den Kader hat, den er für sein Spiel braucht. Und dann auch die Frage, ob das ganze Experiment Erstliga tauglich sein wird, sofern wir nicht absteigen. Bitte entschuldigt meine Skepsis, aber ich sehe schon, wie NW nächste oder übernächste Saison bei einem anderen Verein erfolgreich sein wird. War immer schon so beim VfB…

  4. TM User01 sagt

    Hallo,
    zum Thema taktisches Generde: Mit Stammtischparolen kommt man nicht weiter, das hat sogar der Letzte beim VfB verstanden und nun setzt man wohl wieder auf Fußballkompetenz. Endlich ist das Thema Markus W. durch, bis zum Saisonende hätte ich das nicht durchgestanden.
    Schmink es dir ab, NW will wieder in die Jugend, wie oft soll er das noch sagen? In 2-3 Jahren kann man sicher mit ihm Reden, aber momentan möchte er es einfach nicht. Punkt aus.
    Nun zum Thema Walter:
    Ich bin schon sehr gespannt auf die neue Saison. Liebe Damen und Herren vom Vertikalpass, bitte mehr „generde“. Ich will mehr über abkippende 6er und invertierende Außenstürmer lesen. Ich will mehr über tiefspielende Spielmacher und Box-to-Box-Player lesen.
    Bitte füllt euren Content mehr mit fuballerischem Inhalt, anstatt dieses belanglose Geschreibsel der StN oder StZ nachzumachen.
    Auch auf die Gefahr hin, dass Mancher dem nicht folgen kann. Dafür ist in der (süd-)deutschen Sportjounallie noch genügend Niesche vorhanden.

  5. Pingback: Neu beim Brustring: Tim Walter

  6. Mozy sagt

    Lieber TM User01, wenn Dich das beeindruckt, was ein Bauern Scout über Herrn Walter und sein technisches Verständnis über Fusball so zum besten gibt, freut mich das sehr. Fussball ist allerdings ein Sport, der durch Mentalität und Leidenschaft seinen Reiz auf die Massen ausübt, weniger durch abkippende 6er oder invertierende 9er. Zudem hat der VfB nicht die Spieler im Kader, die meines Erachtens mit so einer Art Fussball zu spielen klar kommen würden. Und: Leider haben wir gerade nicht mal Spieler, die Leidenschaft und Mentalität auf den Rasen bringen, so dass evtl. mangelndes Talent oder fehlendes Spielverständnis kompensiert werden könnten. Das heute gegen Union war mal wieder ein Armustzeignis sondergleichen! Keinerlei Laufbereitschaft, keinerlei Druck, keinerlei Kampfgeist – nüscht, wie die Berliner freudig festgestellt haben und den VfB eben mit dem Mehr Wollen, mit dem Mehr an Leidenschaft und Mentalität, weniger durch das Mehr an Können in den Griff bekommen haben!

  7. Pingback: Neu im Brustring: Maxime Awoudja

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.