Der VfB hatte schon immer legendäre Torhüter: Meistertorhüter Otto „Gummi“ Schmid oder Karl Bögelein, der aus dem Krieg mit nur drei Zehen am linken Fuß zurückkehrte. Es gab den „Mann mit der Mütze“ Günter Sawitzki, Gerhard „Flieger“ Heinze, EM-Keeper Eike Immel, Comedian Franz Wohlfahrt. Natürlich Timo Hildebrand, den verrückten Jens Lehmann, Frührentner Sven Ulreich und schließlich Nübel Nübel Nübel.
Aber es gab nur einen „Goalie“ und der saß viele Jahre beim VfB auf der Bank: Jochen Rücker.
Generationen von Profis riefen Rücker ausschließlich bei seinem Spitznamen: „Goalie, Goalie, Goalie“ schallte es bei jeder Gelegenheit im Chor über Trainings- und Spielplätze. Rücker nahm es hin, lächelte dazu bescheiden, er konnte aber auch streng sein, wenn ihm etwas nicht passte!
Er bestritt kein einziges Spiel für den VfB, im Tor schon gar nicht. Rücker war Keeper in Botnang und Kaltental, bei der zweiten Mannschaft der Stuttgarter Kickers und bei der SpVgg Ludwigsburg 09. Er war der Familie Mayer-Vorfelder freundschaftlich eng verbunden und in den 80er Jahren auch Fahrer des Präsidenten. 1987 stieg er beim VfB als Amateurtrainer ein und leitete Spieler wie Jürgen Kramny, Jens Keller und Marco Kurz an, mit denen er 1990 den Aufstieg in die Oberliga schaffte, damals gleichbedeutend mit der dritthöchsten Spielklasse. Er trainierte ebenso Jochen Endreß, Markus Beierle, Klaus Mirwald, Marcus Sorg, Herbert Briem und Uwe Schneider.
1992 wurde er Torwartrainer bei den Profis und wechselte 2006 in den Betreuerstab. Sein Markenzeichen neben den extrem krummen Beinen war die kurze Hose, mit der er stets in der Nähe des Trainers auf der Bank saß. Auch bei deutlich unter Null Grad. International für Aufsehen sorgte der VfB-Teambetreuer beim UEFA-Cup Halbfinalrückspiel in Moskau 1998, als er auf der Stuttgarter Reservebank neben dem Trainer Jogi Löw in seinen kurzen Hosen Platz nahm und ihm die russischen Eisschranktemperaturen offenbar nichts ausmachten. Im russischen Frühling waren übrigens kurz zuvor 15 cm Schnee gefallen.
Rücker sah von der Bank aus den 1:0-Sieg (Torschütze: Bobic), der den Einzug ins Finale bedeutete, und zwar in gelben Trikots und mit diesem VfB-Line-up:
Wohlfahrt – Berthold, Verlaat, Spanring, Stojkovski – Poschner (89. Thomas Schneider), Soldo, Haber, Balakov – Akpoborie (84. Endreß), Bobic.
Auch wenn ich mir Namen gut merken kann, Stojkovski habe ich wohl verdrängt, den „schönen Spanring“ ebenfalls.
Es sind Menschen wie Rückert, der langjährige Physio Gerhard Wörn, das Unikum Jochen Seitz, der Betreuer der Lizenzspielermanschaft Peter Reichert und Teammanager Günther Schäfer, die die Konstanten beim VfB bilden. Sie tragen den Brustring im Herzen, sie prägten und prägen den VfB, oft abseits der Öffentlichkeit. Sie sind ein großer Teil der VfB-Identität, sie leben Werte vor und geben sie weiter.
Jochen Rücker feierte in verschiedenen Positionen mit dem VfB die deutsche Meisterschaften 1992 und 2007 sowie den DFB-Pokalsieg 1997. Der „ Goalie“ ist nun im Alter von 81 Jahren verstorben.
Ich kann mir gut vorstellen, dass er es sich auch im Himmel nicht nehmen lässt, seine kurzen Hosen zu tragen.
Zum Weiterlesen:
Ob Asgeir Sigurvinsson, Günther Schäfer, Hermann Ohlicher oder Didier Six: Weitere Texte über VfB-Legenden findet Ihr in vp History.

