Alle Artikel in: vp History

Texte über Spieler und Trainer, die heute kaum noch jemand kennt.

Robert Schlienz ist unser Held, war der beste Mann der Welt!

Allgöwer, Buchwald, Klinsmann, Ohlicher, Khedira, Gomez, alles Legenden. Aber der Größte in der Geschichte des VfB wird immer Robert Schlienz sein. Der einmalige Stuttgarter Journalist und Romancier Hans Blickensdörfer schrieb über ihn: “Wir werden nie mehr einen wie Robert Schlienz erleben. Aber wir können alle von ihm lernen.“ Natürlich ist Schlienz der Einmalige, aber auch der Einarmige, dem nach einem Autounfall der linke Unterarm amputiert werden musste. Sein Comeback gab er keine vier Monate nach dem Unglück und alle schauten im Neckarstadion ungläubig, weil keiner es glauben konnte, wie ein Einarmiger im Fußball mit seinen vielen Zweikämpfen bestehen könnte. Wie soll er fallen, wie soll er das Gleichgewicht halten? Mit eiserner Disziplin und ungebrochenem Willen kämpfte er sich zurück. Das waren sowieso seine Stärken. Er war kein Feinfuß, er war ein unerschrockener Arbeiter, ein unermüdlicher Antreiber, im „Doppelpass“ würde man wahrscheinlich von einem „Mentalitätsspieler“ sprechen. Angefangen hatte er als Mittelstürmer und schoss in der Saison 1945/1946 in 30 Spielen sagenhafte 45 Tore. Als Schlienz von seiner rot-weißen Wolke auf Robert Lewandowski schaute, konnte er nur …

Der VfB-Rekordtorschütze

Ottmar Hitzfeld ist Deutschlands erfolgreichster Vereinstrainer, Welttrainer 1997 und 2001, deutscher Meister, Pokalsieger, er gewann die Champions League für Bayern München und Borussia Dortmund. Aber was machte Hitzfeld, bevor er einen beigen Trenchcoat trug, „Der General“ genannt wurde und sich von Karlheinz Rummenigge sagen lassen musste, Fußball sei keine Mathematik? Er spielte drei Jahre beim VfB Stuttgart. Hitzfeld sagte von sich selbst, dass er alles andere als unberechenbar war und “ein eher durchschnittlich begabter, aber sehr schneller Stürmer“ gewesen sei, “der die 100 Meter in 11,7 Sekunden laufen konnte. Läuferisch war ich als ehemaliger Leichtathlet generell stark, konnte gut dribbeln und hatte vor dem Tor gute Nerven.“ Das brachte ihn geradewegs ins Estadio Santiago Bernabeu im damaligen UEFA-Cup gegen Real Madrid. Denn 1971 wechselte er vom Amateurligisten FV Lörrach zum von Helmut Benthaus trainierten FC Basel. Basel hielt gegen die Königlichen gut mit, schied aber nach zwei 1:2-Niederlagen gegen den großen Favoriten in der ersten Runde aus. Für die Olympischen Spiele 1972 in München wurde Hitzfeld für die deutsche Auswahl nominiert. Der damals 23-Jährige spielte …

Die laute Goschn

Jürgen Sundermann, der Erfinder der Jungen Wilden Ende der 70er Jahre, stand auf autoritäre Spieler. Weil er sich selbst als Autorität sah und Spieler benötigte, die dies während der 90 Minuten auf dem Platz für ihn übernahmen. Denn auch wenn er mit Trikot auf der Bank Platz nahm, eingreifen konnte selbst Sundermann nicht. Zu seiner Zeit gab es zwei Autoritäten im Team: Dragan Holcer und Roland Hattenberger. Während der Jugoslawe eher ruhig führte, mit Blicken und kleinen Gesten, war sein österreichisches Pendant ein Mann des Wortes. Er konnte auch einmal laut werden, wenn ihm etwas nicht passte. Zusammen mit Hermann Ohlicher und Georg Volkert gab er den Ton an. 51 Länderspiele hat er auf dem Zettel und zwei WM-Endrunden (1978, 1982). Wobei er 1978 verletzungsbedingt ohne Einsatz blieb, 1982 dagegen stand er in vier von fünf Spielen auf dem Platz. Wie Kevin Kuranyi und Wataru Endo absolvierte Hattenberger 99 Bundesligaspiele im VfB-Dress. In seinen insgesamt 125 Pflichtspielen zwischen 1977 und 1981 für den VfB gelangen dem Mittelfeldspieler 10 Treffer. Zusammen mit Erwin Hade­wicz hielt er …

Mister Zuverlässig

Er spielte sich nie groß in den Vordergrund, er stand einfach hinten drin und alle wussten, man kann sich auf ihn verlassen: Helmut Roleder, Meistertorhüter der Saison 1983/1984, absolvierte 410 Pflichtspiele für den VfB, heute wird er 70 Jahre jung. Sein Torwartspiel: seriös, unspektakulär, zuverlässig. Roleder war kein Flieger, kein Showman, keiner, der seine Vorderleute anbrüllte. Effektheischend war sein Stil nicht, eher still und unauffällig verrichtete er seine Arbeit. Die Schlagzeilen beherrschte er ganz kurz: Als er als erster Torhüter der Bundesliga für eine Notbremse die Rote Karte bekam. Er hatte 1983 den Bochumer Christian Schreier außerhalb des Strafraums zu Fall gebracht. Er wird gerne auf diese Szene reduziert, so wie sein Mannschaftskamerad Bernd Martin auf seinen Minuten-Einsatz bei der Nationalmannschaft. Für den VfB war Roleder allerdings über Jahre ein wichtiger Fixpunkt in der VfB-Abwehr. Kein reiner Linientorwart, er war mutig im 1:1, bei Flanken holte er sich die, die er pflücken musste. Er suchte schonmal im Strafraum seine Kontaktlinse, er zog sich zwei Nierenrisse zu und musste am Anfang seiner Karriere einen Schienbeinbruch verkraften. …

Als wir im Stadion übernachten wollten

VfB-Präsident Erwin Staudt war ganz aufgeregt vor dem ersten Champions League Heimspiel und das auch noch gegen Manchester United: “Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass wir für Deutschland spielen.“ Ob ganz Fußball-Deutschland zuschaute, ist nicht überliefert. Dass ganz Fußball-Deutschland nach dem 2:1-Sieg gegen Manchester von den „Jungen Wilden“ begeistert war, ist nicht übertrieben. Es war ein trüber, nieseliger, ungemütlicher Tag, es war Wasen, aber es war egal. Wenn die Spieler von Manchester ähnlich auftreten würden wie ihre Fans, dann hat der VfB gute Chancen. Aber nur dann, dachte ich. Denn kein Manchester-Fan konnte mehr gerade laufen, nachdem sie auf dem Wasen waren: Sie fielen Treppen hinunter, singen konnten sie nicht und wenn sie Schals schwenken wollten, schlugen sie sich selbst ins Gesicht. Ich saß mit Sebastian und meinem Vater auf der Gegengerade, mein Vater hatte sich sogar CL-Merch geholt. Vadder rutschte auf seinem mitgebrachten Sitzkissen hin und her, natürlich wie immer bruddelig, nachdem der VfB das erste Spiel gegen die Glasgow Rangers mit 2:1 verloren hatte. Er erwartete nicht viel, er hatte schon zu …

Der Supermann, den keiner verstand

„Er macht eben Dinge, die keiner erwartet“, sagte Arie Haan einst über José Horacio Basualdo, „er ist ein Supermann, aber das kapiert hier ja keiner.“ Sein Nachfolger Christoph Daum jedoch meinte lapidar: „Er macht Sachen, die selbst seine Mitspieler nicht verstehen.“ Als der slowenische Mittelfeldstratege Srecko Katanec nach dem UEFA Cup-Finale gegen den SSC Neapel den VfB für 3,5 Millionen D-Mark Richtung Sampdoria Genua verließ, machte der VfB ausnahmsweise einen smarten Move: Für gerade mal 1,3 Millionen Mark kam der argentinischer Feinfuß Basualdo 1989 an den Neckar. Carlos Bilardo, Nationaltrainer der Albiceleste, hatte ihn Arie Haan ans Herz gelegt. Basualdo wurde überrascht von dem Transfer und hatte Bedenken, weil er befürchtete, dass ihn Bilardo in Deutschland nicht mehr im Blick hätte. Doch der Nationaltrainer meinte, der VfB würde zu seinem Spielstil passen und ein Wechsel ins Ausland wäre gut für seine persönliche Entwicklung. In Stuttgart traf er auf eine völlig neue Welt. “Sogar die Taxis waren von Mercedes“, wunderte sich Basualdo. Alles war neu, vor allem die Gepflogenheiten. Als sein Bruder seinen Mercedes sonntags wusch, …

Der Fummler

Es gibt sie, die ikonischen Szenen in der VfB-Vereinshistorie: Wataru Endos 2:1 gegen Köln in der Nachspielzeit, Thomas Hitzlspergers 1:1 gegen Cottbus, das 2:1 von Daniel Ginczek in Paderborn, wie Alexandru Maxim nach dem Aufstieg 2017 auf dem Dach der Auswechselbank steht, die Tore von Kevin Kuranyi und Imre Szabics gegen Manchester United. Nur eine kurze Auflistung. Es gibt natürlich noch viel mehr. Zu den Bildern der Vereinsgeschichte, die man nie vergisst, gehört auch der 2:1 Siegtreffer von Guido Buchwald 1992 in Leverkusen. Der Kapitän musste nur noch einnicken, die perfekte Flanke kam von Ludwig Kögl. “Es gibt nur zwoa Möglichkeiten: Entweder i geh links vorbei oder i geh rechts vorbei”, sagte er einmal auf die Frage, wie er seine Gegenspieler ausspielt. In Leverkusen ging er links vorbei an Christian Wörns und nachdem der Ball auf dem Kopf von Buchwald landete, wurde der VfB überraschend Meister. Der Wiggerl, wie man in Bayern einen kleinen Ludwig nennt, galt lange als Riesen-Talent, ging mit 18 von den Löwen zum großen Nachbarn, pendelte aber dort zwischen Bank und …

Der Cheffe

Anfang der 2000er Jahre, da war Schalkes Manager Rudi Assauer in etwa so beliebt in Stuttgart wie Winnie Schäfer. Es kursierte jede Woche ein neues Gerücht: Kuranyi: Was läuft da mit Schalke? Wechselt Hinkel in den Pott? Assauers Plan: Bordon neuer Abwehr-Chef auf Schalke! Und so kam es dann 2004. Auch wenn wir Bordon in unser Herz geschlossen haben, der Brasilianer ist ein echter Königsblauer geworden. 2000 war Bordon für rund 4,5 Millionen Mark aus Sao Paulo an den Neckar gewechselt. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass er eine Zeit lang der beste Abwehrspieler der Bundesliga war. Nach einer kurzen Anlaufzeit entwickelte er sich in Stuttgart zum unumstrittenen Abwehrchef. Er hatte besondere Führungsqualitäten und war Fixpunkt in der Mannschaft, an dem sich seine Mitspieler orientieren konnten. Er hatte das Talent zum Zweikampf mit Signalwirkung, wenn er einen Gegner in beeindruckender Art ablief oder zu einem Tackling heranflog. Wenn er eine Flanke im Strafraum klärte, dann köpfte er den Ball so weit wie andere ihn nicht schießen konnten. Bordon verkörperte den absoluten Siegeswillen auf dem Platz. …

Die Autorität

Soldo bei Köln in der Startelf? Ich hatte mich nicht verlesen. Es ist Nikola, der Sohn von Zvonimir, der auch eine Vergangenheit beim 1. FC Köln hatte: als wenig beliebter Trainer, der einfallslosen und sehr defensiv geprägten Fußball spielen ließ. Mit dem VfB Stuttgart war Zvoni deutlich erfolgreicher, gewann unter Jogi Löw 1997 den DFB-Pokal und erreichte 1998 das Finale im Europapokal der Pokalsieger gegen Chelsea. Er führte die Mannschaft als Kapitän im Champions League-Spiel gegen Manchester United 2003 auf das Feld. Soldo war nicht schnell. Er begeisterte nicht mit technischen Kabinettstückchen. Er hatte in etwa den Aktionsradius von der Größe eines Bierdeckels, meinte man. Aber er stand immer richtig im Raum, gab der Mannschaft Stabilität und Struktur, Führung und Format. Er verstand sich immer als Arbeiter und als Dienstleister für die Mannschaft. Bot sich in schwierigen Situationen bei seinen Mitspielern an, spielte die einfachen Pässe, die so lapidar aussahen, aber große Wirkung im Spielaufbau hatten. Gegnerische Angriffe prallten an ihm ab, seine Grätschen waren fruchterregend, in Kopfballduelle wollte mit ihm sowieso keiner gehen. Soldo …

Sosa (fast) auf den Spuren von Elmer und Greiner

Deadline Day ist immer ein Wahnsinn. Verrückte Gerüchte und noch verrücktere Gerüchte, die wie bei Union Berlin und Isco beinahe wahr werden. Beim VfB standen Dinos Mavropanos und Borna Soasa auf der Kippe. So dringend wie der VfB Geld benötigt, musste man mit allem rechnen. Aber Mavropanos wechselte schießlich nicht zu Inter Mailand und Sosa ging nicht zu Bayer Leverkusen. Überhaupt: Wer geht schon vom VfB nach Leverkusen – von Bernd Leno mal abgesehen? Das wäre wirklich noch verrückter gewesen als ein Isco-Transfer zu den Eisernen. Aber es gibt sie, die VfB-Spieler, die einmal nach Leverkusen wechselten: Linksverteidiger Markus Elmer und Torhüter Uwe Greiner in den 80er Jahren. Wer erinnert sich noch? Uwe Greiner ist mir deshalb eindrücklich in Erinnerung, weil ich ihm als Balljunge in einem Spiel gegen Leverkusen (ausgerechnet) die Kugel zuwarf. Ich stand hinter dem Tor, ein unter Balljungen begehrter Platz obwohl man eine beschissene Sicht hatte. Das Spiel blieb mir in erster Linie in Erinnerung, weil ich endlich in dem riesigen Stadion stand (mit knapp 20.000 Zuschauern spärlich gefüllt) und ich …