Autor: @abiszet

Der neue und der alte VfB

„Der lupft gerne“, das sagte mein Vater oft. Weniger im Fußballumfeld, er meinte eher jemand, der stark am Glas war. Tanguy Coulibaly lupft auch gerne, ich denke, nur auf dem Spielfeld. Kurz vor dem Halbzeitpfiff hatte er nach einer sasa-tyischen Ablage von Kalajdzic die Chance zum 2:1. Er lupfte, Timo Horn brachte die Fingerspitzen dran und nix war es mit der Pausenführung. Da hätte ich mir den verschmitzten Matteo Klimowicz gewünscht: Der hätte den Ball am Keeper vorbei gelegt und locker eingeschoben. Das Spiel wäre ganz anders gelaufen. Ganz anders gelaufen wäre das Spiel auch, wenn Daniel Didavis Freistoss von der Latte ins Tor und nicht ins Feld gegangen wäre. Didavi hält sich ja für einen begnadeten Freistossschützen und das ist die einzige Parallele zu Cristiano Ronaldo: Auch der meint, jeden Freistoss verwandeln zu können und versucht es immer wieder, mit immer weniger Erfolg. Statt 2:0 nach 2 Minuten stand es 1:1 nach 22 Minuten. Ein saublöder Elfer und ein verletzter Marc-Oliver Kempf brachten Köln ins Spiel und den VfB aus dem Tritt. Coulibaly hätte …

Leichtes Spiel gegen den schönen Bruno

Berlin ist ja sowas wie eine Außenstelle von Stuttgart. Bruno Labbadia, Vedad Ibisevic, Santi Ascacibar, bis vor wenigen Monaten noch Jürgen Klinsmann. Am 4. Spieltag ist Stuttgart das bessere Berlin. Das wussten wir zwar schon vorher, aber die Souveränität des zweiten Auswärtssieges ist schon erstaunlich. Bruno Labbadia hat in Stuttgart nicht den besten Ruf. Er klagte gerne über die (finanziellen) Umstände, ließ unattraktiven Fußball spielen, hatte meist kein Offensivkonzept und seine ersten Spielerwechsel vollzog er erst ab der 80. Minute, nachdem er sich ewig mit seinen Co Eddy Sözer abgesprochen hatte. Trotzdem ist er der Trainer mit der längsten Amtszeit beim VfB in den letzten zehn Jahren. In Berlin hat er es auch nicht leicht: Hohe Erwartungen, ein spät zusammen gestellter Kader und ein Spieler wie Cunha, der sich selbst für Neymar hält, die einzigen Ähnlichkeiten aber der akkurat gestutzte Bart, die fein gezogenen Augenbrauen und die geschmacklosen Tätowierungen sind. Er hätte sich ein Beispiel an Tanguy Coulibaly nehmen sollen. Er ist die pain in the ass für die Berliner. Spiel- und lauffreudig, giftig im …

Gegen Leverkusen muss man nicht gewinnen

Die gute Nachricht vor dem Spiel: Stefan Kießling sitzt nur auf der Tribüne. Er war es in den letzten Jahren, der immer sein Tor gemacht hat gegen den VfB. Die schlechte Nachricht kurz nach Spielbeginn: Der VfB setzt seine Serie der frühen Gegentore fort. Die Lernkurve beim VfB erscheint nicht besonders steil. Die wenig überraschende Nachricht: Der Champions League-Kandidat Bayer Leverkusen ist besser als der Aufsteiger VfB Stuttgart. Den Qualitätsunterschied macht der VfB mit enormem Einsatz wett und holt sich damit einen hochverdienten Punkt. Apropos Lernkurve: Das 0:1 ist bereits das dritte Gegentor in dieser Saison nach einer Flanke. Und es ist ja nicht so, dass es unbekannt wäre, dass Patrik Schick ein sehr guter Kopfballspieler wäre. In der 60. Minute fast das 0:2 nach demselben Muster: Alario kommt völlig frei zum Kopfball, Waldemar Anton und Konstantinos Mavropanos schauen zu. Der Grieche feierte dennoch ein gelungenes Debüt: autoritär in der Defensive, mit angedeuteten Lucio-Ansätzen bei seinen Offensivaktionen, durchsetzungsstark im fremden Strafraum, unter anderem mit einem Lattenkopfball. An Einsatz und Willen mangelt es dem VfB gegen …

Hitz und die Mitglieder-Verarsche

Seit Februar 2019 habe ich Angst um Thomas Hitzlsperger. Zu diesem Zeitpunkt wurde er von Wolfgang Dietrich zum Sport-Vorstand und Nachfolger von Michael Reschke berufen. Zum ersten Mal bekam er damals wirklich operative Verantwortung beim VfB Stuttgart und wurde so abhängig vom Erfolg des Clubs aus Cannstatt. Das kann bekanntlich schnell zum Schleudersitz werden. Dabei wünsche ich mir, dass Hitzlsperger beim VfB langfristig wirken kann und so etwas wie das Gesicht meines Herzensvereins wird. Bei seiner Antrittspressekonferenz im Februar letzten Jahres als Sport-Vorstand hätte ich ihm ewig zuhören können. Da war nichts Großspuriges in ihm, wie beispielsweise bei seinem Vorgänger Reschke, er trat das Amt demütig, dankbar und voller Tatendrang an. Immer mit dem Hinweis, dass er nicht alles besser wisse. Auch das ein großer Unterschied zum „Perlentaucher“ und natürlich zu seinem damaligen Vorgesetzten Dietrich. Die Funktionärskarriere von „The Hammer“ verlief steil beim VfB. Innerhalb kürzester Zeit wurde er zum wichtigsten Mann im Club, zum Vorstandsvorsitzenden der VfB Stuttgart 1893 AG. Wäre ich beim VfB, hätte ich es nicht anders gemacht, gleichwohl mir die Doppelfunktion …

Das hat mit Naivität nichts zu tun

7.123 Zuschauer im Neckarstadion – nur im Jahr 1976 in der zweiten Liga bei der 2:3 Niederlage gegen den SSV Reutlingen kamen weniger. 2.500 sollen es damals gar nur gewesen sein, so wurde es jedenfalls überliefert. Aber aus der Zeit gibt es ja nur noch Höhlenmalereien. Die Niederlage gegen Reutlingen vor 44 Jahren war trostlos, für die Zuschauer – soweit erkennbar sehr diszipliniert im Tragen des Mund-/Nasenschutzes – wiederholte sich dieses Erlebnis gegen den SC Freiburg nicht, auch wenn der VfB fünf Tore kassierte, ein Glück waren zwei Abseits. Der VfB trat beim Saisonauftakt 2020/2021 mit Roberto Massimo, Wataru Endo, Silas und Matteo Klimowicz mit vier Spielern an, die ihr Bundesligadebüt feierten, später kamen noch Momo Cissé, Hamadi Al Ghaddoui und Sasa Kalajdzic dazu. Insgesamt also sieben Bundesliga-Neulinge! Dass der VfB nach rund 20 Minuten mit 0:2 zurücklag, hatte aber nichts mit der Unerfahrenheit der Mannschaft zu tun. Beim 0:1 präsentierte sich die Innenverteidigung mit Waldemar Anton, Marcin Kaminski und Marc-Oliver Kempf – allesamt gestandene Bundesligaspieler – völlig orientierungslos. Vor dem 0:2 beging Daniel Didavi …

Castro als Kapitän: Eine logische Wahl

Gonzalo Castro zum neuen Mannschaftskapitän des VfB zu machen, scheint eine logische Entscheidung von Trainer Pellegrino Matarazzo zu sein. Mit 33 Jahren ist er der Älteste im blutjungen Kader und verfügt mit 383 Bundesliga-Spielen mit Abstand über die meiste Erfahrung. Zusammen mit Sami Khedira, Mesut Özil, Mats Hummels, Manuel Neuer und Benedikt Höwedes wurde er 2009 zudem U21-Europameister. Gibt es in diesem Kader keinen geeigneteren Kapitän als Castro? Scheint so. Denn es ist auch deshalb eine logische Wahl, weil sich kein anderer aufgedrängt hat: Pascal Stenzel? Wataru Endo? Gregor Kobel? Marc-Oliver Kempf? Mal scheint es das Naturell, mal sind es die Sprachkenntnisse, mal die Position, mal die unsichere Situation, Stammspieler zu sein. Und beim zweiterfahrensten Spieler im Team, Daniel Didavi, entspricht dessen Standing im Verein wohl in etwa der Zuverlässigkeit seines Körpers. Als Lautsprecher ist Castro bisher nicht aufgefallen. „Ich halte mich lieber im Hin­ter­grund.“ sagte er einmal im Interview mit 11 Freunde. Er ist eher der Typ „stiller Techniker“, der auf dem Platz jedoch durchaus temperamentvoll sein kann. Allerdings in erster Linie bei Diskussionen …

Das Prinzip Hoffnung

„Das könnte sein Jahr werden!“ Sven Mislintat ist im „kicker“ optimistisch, dass Borna Sosa nach diversen Verletzungen und Formkrisen in seiner dritten Saison den Durchbruch beim VfB schafft. Der junge Kroate ist nicht der Einzige, bei dem der VfB hoffen muss, dass er den nächsten Entwicklungschritt macht. „Das könnte sein Jahr werden!“ Das könnte Mislintat auch über Silas Wamangituka sagen. Für den schnellen und manchmal überdrehten Übersteigerkönig könnte es durchaus mehr Raum geben für seine raumgreifenden Sprints und Soli. Wenn er dann noch an seinem ersten Kontakt arbeitet und öfter die richtige Entscheidung trifft, wann er ins 1:1 gehen und wann er abspielen sollte, ja dann könnte es zu seinem Jahr werden. Es könnte auch das Jahr des Sasa Kalajdzic werden. Das muss es fast. Der Österreicher, wie sein Sturmkollege Hamadi Al Ghaddoui bisher ohne eine einzige Bundesligaminute, sollte schon wissen, wo das Tor steht. Denn, wer sonst soll die Buden machen – vor allem dann, wenn Nicolas Gonzalez den VfB verlassen sollte? Selbst er wäre keine Garantie. Auch wenn sich Gonzalez nach der Corona-Spielpause …

„Schorschi, Schorschi noch einmal, …

… es war so wunderschön. Schorschi, Schorschi noch einmal, wir wollen Tore sehn!“ Leser unserer VfB-Fibel wissen: Wir sind Fans von Georg Volkert, dort schrieben wir unter anderem über ihn: Erst mit knapp 33 Jahren wechselte der gebürtige Franke zum VfB, nachdem er mit dem 1. FC Nürnberg Deutscher Meister und 1977 mit dem Hamburger SV Europapokalsieger geworden war und längst nicht mehr so flink auf den Beinen wie zu Anfang seiner Karriere. 75.000 Mark betrug 1978 die Ablösesumme für Volkert. Eine selbst für damalige Verhältnisse geradezu lächerliche Summe für einen, der lange Zeit als bester Linksaußen Deutschlands galt, den sogar Juventus Turin verpflichten wollte. Volkert hatte seine Launen, er war ein guter Orgelspieler und Sänger, aber am wichtigsten: an guten Tagen war er unwiderstehlich. Würde man einen Film über ihn drehen, so müsste er „Der Trixxer“ heißen. Volkert hatte alles drauf, er war ein Fopper, ein Fummler, aber kein Ego-Shooter. Dribbeln bedeutete bei ihm nicht Eigensinn, sondern Raumgewinn. Er konnte Tricks im Stehen, im Laufen und wahrscheinlich auch im Sitzen, er schnickste mit dem …

vp weekly KW32

Die Woche begann mit etwas Erfreulichem: Der VfB stellte die Trikots der Saison 2020/2021 vor. Wer ein weißes Trikot mit einem roten Brustring erwartet hatte, der wurde nicht enttäuscht. We call it a Klassiker und zum Glück wurde von Jako auch im zweiten Jahr nicht verkrampft dran rumgespielt. Das Auswärtstrikot in rot bzw. schwarz ist recht kreativ geworden. Es ist inspiriert vom Auswärtsjersey der Saison 1997/1998. Der Stuttgarter Stadtplan ist das zentrale Gestaltungselement des Trikots, wobei sich das Herzstück (=Stadion) direkt unter dem Wappen befindet. Ganz neu ist die Idee zwar nicht, aber trotzdem ist es wieder ein unverwechselbares Trikot geworden. Well done, Jako! Wie beim Heimtrikot trägt die Innenseite am Nacken das Ortsschild „Bad Cannstatt“ und an der Außenseite befindet sich ein VfB Nackenprint. So bilden Heimat und Verein – mit allen Menschen, die dazugehören – den symbolischen „starken Rücken“ der VfB-Spieler. Wer sich ein Trikot holen will, hier gehts lang: 75,90 EUR für Mitglieder. Schnäppchen! Fit für die neue Saison! 💥 Unser Heim- und Auswärtstrikot 2020/2021 #auscannstatt. Zusammen mit der Mercedes-Benz-Bank und JAKO …

Eine reine Legende

Man kann Mario Gomez nicht viel vorwerfen. Seine aktuelle Frisur vielleicht. Seinen Wechsel zu Bayern München auf jeden Fall. Und natürlich, dass er keine 25 mehr ist und alles in Grund und Boden schießt. Aber dafür kann er nichts. Das ist Gomez’ Hauptproblem gewesen bei seiner Rückkehr nach Stuttgart: Wir alle haben den jungen Gomez vor Augen gehabt. Ein Kerle wie ein Baum, ausgestattet mit einem untrüglichen Torinstinkt. Den hatte er bei seinem Comeback immer noch und kleiner und schmäler ist er auch nicht geworden. Nur ein bisschen langsamer. Und deshalb präsentierte er sich bei seinem zweiten Engagement nicht mehr als die absolute Tormaschine. In der Rückrunde 2017/2018 kamen dennoch Erinnerungen hoch an den jungen Gomez. Unvergessen die Aussage des schlechten Verlierers Julian Nagelsmann: „Diesen Haken vor dem 2:0 habe ich von Gomez schon gefühlt 4,7 Millionen Mal gesehen und wir fallen drauf rein!“, als Gomez zwei Tore gegen Hoffenheim schoss. Zu verteidigen war es dennoch nicht. Aber ab der Saison 2018/2019 war Mario nicht mehr so fresh, oder um ihm Bild zu bleiben: Der …