Autor: @abiszet

House of Ehrenmänners

ZEIT Online hat heute in einer effektheischenden Artikelserie für Aufsehen gesorgt. In vier Texten lässt sie alle schlecht aussehen: Claus Vogt, Thomas Hitzlsperger, Wilfried Porth, André Bühler, „rund 100 Leute, die auf Twitter das Meinungsbild in Stuttgart bestimmen“ und die aktuelle Mannschaft auch gleich mit. Nur die Ehrenmänner Rainer Mutschler und Bernd Gaiser kommen gut weg. Komisch eigentlich. Dabei hat ZEIT Online den eigentlichen Skandal gar nicht aufgedeckt: Die internen Dokumente, die uns von der kleinen digitalen Elite zugespielt wurden, und die vielen Gespräche, die wir über Monate mit der subversiven Gegenöffentlichkeit geführt haben, werfen Fragen auf, gar einen ungeheuren Verdacht. Wir haben Erkenntnisse, die vieles bisher Erzählte in ganz neuem Licht erscheinen lassen. Wir wollten eigentlich eine mehrteilige Artikelserie machen, aber es hat dann doch nur zu diesem Text gereicht (sorry, aber es ist Freitag Abend!). Es geht dabei um nichts weniger als grundsätzliche Fragen, die sich in vielen Clubs stellen oder stellen werden: Was muss man mitbringen, um heutzutage einen Profiklub erfolgreich zu trainieren? Und wer entscheidet eigentlich darüber, was man als Trainer …

Steiger vs. Vogt in der Schwemme

Es war das Wort des Abends. „Nochmal“. Pierre-Enric Steiger verwendete es in jedem zweiten Wortbeitrag, sichtlich genervt davon, seinen Zuhörerinnen und Zuhörern seine Konzepte erneut zu erläutern. Und sicher auch von sich selbst genervt, weil ihm das mit zunehmender Veranstaltungsdauer nicht gelang. Das VfB-Fanprojekt hatte in den Gourmet-Tempel „Schwemme“ in Bad Cannstatt geladen, dort gab es ein sogenanntes „Duell“ zwischen Amtsinhaber Claus Vogt und Herausforderer Steiger. Überdies stellten sich die Präsidiumskandidaten Rainer Adrion, Hubert Deutsch, Christian Riethmüller und Markus Scheurer vor. Die Moderatoren des Abends, Autor Bernd Sautter und Vertikalpass-Blogger und STR-Podcaster Sebastian, hatten den Abend thematisch eingeteilt in die vier Blöcke „Stimmung“, Datenskandal“, „Gesellschaft“ und „Wahlprogramm“. Nach Steigers angriffslustigen Interview in der Stuttgarter Zeitung hatten nicht wenige einen harten Schlagabtausch zwischen Vogt und seinem Herausforderer erwartet. Ein bisschen in den Infight gingen die Kontrahenten jedoch erst in der zweiten Hälfte des Abends. „Ich weiß nicht, was Sie in Mathe hatten, bei mir war es gut bis sehr gut“, kommentierte Vogt die Ideen seines Widersachers zur Neubesetzung des Aufsichtsrats. „Sich flapsig als „Mindestlohn-Präsident“ zu bezeichnen, …

Im Style einer Betriebsmannschaft

Ein neues Trikot ist immer wie eine Fashion-Show. Die VfB-Fans sitzen in der Front Row und schauen mindestens so grimmig wie Vogue-Chefin Anna Wintour. Wird das neue VfB-Trikot eine Style-Sünde oder zum Fashion-Favourite? Regel 1 im Fashion-Guide: Um einen rosafarbenen Anzug zu tragen, muss man in Miami leben oder Don Johnson heißen (remember die Serie Miami Vice?). Regel 2: Ein Trikot mit einem roten Brustring und VfB-Logo ist immer ein schönes Trikot und kann zu jeder Gelegenheit und überall getragen werden. Das sogenannte „First“ (oder „Heimtrikot“ wie wir älteren sagen) überraschte in der Vergangenheit selten mit ausgefallenen Looks: Weißes Trikot, roter Brustring, mehr braucht es nicht. Und 2021/2022? Der VfB präsentierte jetzt das neue Outfit und bezeichnet es selbst als „eine Verbindung zwischen traditionellen Farben und modernen Details“. Schauen wir mal im Detail drauf, wie so Mode-Blogger. Farben: Weiß und rot. Plus schwarz am Kragen, am Brustring und an den Ärmeln. Das gabs so ähnlich in der Saison 2017/2018. Damit wurde immerhin der siebte Platz erreicht. Würden wir nehmen. Roter Brustring: Klar, was sonst. Es …

Zu geil für diese Welt?

Eins hat Pierre-Enric Steiger seinem Mitbewerber Claus Vogt, dem Ex-Kandidaten Christian Riethmüller, dem abgelehnten Bewerber Volker Zeh und vielen Ex-Präsidenten voraus: Er hat ein Konzept. Schriftlich fixiert auf 18 Seiten, juristisch geprüft und abgesegnet und für jedermann nachlesbar veröffentlicht. Das ist weit mehr als ein schnell herunter gerotztes 11-Punkte-Programm und konkreter als wolkige Absichtserklärungen, die flüchtig in Interviews und Podcasts geäußert werden. Hier ist das Strategiepapier nachzulesen, damit sich alle ein Bild davon machen können. Steigers Kernpunkte: Er will die Mitgliederinteressen und das Mitbestimmungsrecht stärken. Das hört sich erst einmal gut und ein bisschen populistisch an. Sein Konzept erfüllt dies nicht unbedingt, im Gegenteil. Auch die Stärkung des Vereins im AG-Aufsichtsrat wirkt für mich wie eine Luftnummer. Oder verstehe ich es nur nicht? Das sagte Steiger bei Danny Galm und Simeon Kramer in deren Podcast des ZVW. Die Fans würden sein geiles Konzept nicht verstehen, er fühlt sich unverstanden, von Teilen der Fans und Mitglieder vorverurteilt, es scheint, als meine er, er sei zu geil für diese (VfB-)Welt. Dein Konzept ist Deine Party, die Dir …

Love is all around

Kennt noch jemand DJ Bobo? Er war mal sowas wie die Helene Fischer der Schweiz und stilbildend bei Frisuren, Kostümen und Choreos wie nach ihm nur noch Jeanette Biedermann und Ed Sheeran. Fast die gesamte Saison saß ich bei den Spielen des VfB vor dem Fernseher und machte diesen Signature-Dancemove von DJ Bobo (ich bin ein benadeter Sitztänzer): Weit ausgebreitete Arme, mit denen ich die Welt umarmen wollte, weil der VfB so überraschend gut spielte. Und DJ (Freunde dürfen ihn DJ nennen) schrieb auch schon vor rund 30 Jahren den Soundtrack für die VfB-Saison 2020/2021. Mit dem titelgebenden „Love is all around“ natürlich, aber auch mit „There is a Party“, „VfB can make it a better place (aus „Pray“) und „VfB is what I’m living for“ (aus „Everybody“). Mein Resümee zur #VfB Saison auch wenn keiner danach gefragt hat: War gut, gerne wieder. — 𝒩𝑒𝒸𝓀𝒶𝓇𝓅𝑒𝓇𝓁𝑒 💋 (@snowwhizzl) May 22, 2021 „Wir verfügen über sehr gute Qualität, sehr viel Potenzial, ein gutes Gerüst, eine gute Mischung – wir können uns auf die Bundesliga freuen.“ Für diesen …

Wataru Endo: Der Equalizer

Es ist ein bisschen ungerecht gegenüber Svonimir Soldo und Pavel Pardo. Gegenüber Carlos Dunga, Srecko Katanec und Roland Hattenberger, gegenüber VfB-Legende Guido Buchwald sowieso, der lange im defensiven Mittelfeld, spielte, auch gegenüber Jürgen Hartmann, der einst sogar gegen Diego Maradonna im direkten Duell antrat. Gegenüber William Kvist weniger, der beim VfB eher unglücklich agierte und dafür gegenüber dem unermüdlichen Zwieikampfmonster Serey Dié. Würde es im Moment eine Umfrage unter VfB-Fans geben, wer der beste Sechser aller Zeiten beim VfB war, Platz 1 für Wataru Endo wäre keine Überraschung. Manche nennen ihn den „Bodyguard, der Staub saugt“ oder „Den Raumschließer“. Wir haben die Endokratie ausgerufen und ihn den Endonator genannt. Dabei ist er kein draufgängerischer Superheld, sondern eher ein introvertierter und zurückhaltender Typ mit einem ausgleichenden Charakter. Er ist immer dort, wo man ihn braucht. Um Schnittstellen zu schließen, Passwege zuzustellen oder einfach mit einem seiner vier Beine den Ball zu erobern. Darin ist er ebenso versiert wie in der Fähigkeit, den Ball zu behalten. Oft sieht er sich beim Pressing einer Überzahl an Gegenspielern gegenüber, …

Sasa Kalajdzic: King of Cool

Er ist der König des Strafraums, der Herr der Lüfte, der Fürst der Field-Interviews und das emotionale Herz des VfB-Teams. Er vereint scheinbar alle positiven Eigenschaften in einer Person: Teamspirit, Torinstinkt, Charme, Cleverness, Humor, Spielintelligenz, Mut, Übermut und Demut. Der in Wien geborene Sohn serbischer Eltern ist einer der spannendsten Spieler der Bundesliga. Er weiß nicht, was eine Jugendakademie ist und profitiert von seinem ungewöhnlichen Werdegang, in dem er als junger Fußballer fast alle Positionen im Mittelfeld gespielt hat. Denn ihn nur auf seine Körpergröße von zwei Metern und ein gutes Kopfballspiel zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht. Sein Bewegungsablauf wirkt zwar manchmal tolpatschig, wenn er mit rudernden Armen zu sprinten versucht, aber im Grunde ist er einfach nur cool. „Ich bin nicht der klassische Riese, der vier Meter breit ist und sich vor lauter Kraft kaum bewegen kann, sondern eher der Schlaks, der mit dem Ball umgehen kann“, sagt er. Wenn Sasa das 2:2 gegen Union Berlin schießt, denke ich „Ok, cool“. Wenn er den Fuß hinhält zum 2:1 gegen Gladbach, „Ok, cool“. Wenn …

Waldemar Anton: Auf Boss Level

Eins kann man sagen: Waldemar Anton hat beim VfB Stuttgart mehr Glück und ein deutlich höheres Standing als zuvor Karim Haggui, Konstantin Rausch und Mo Abdellaoue, die ebenfalls von Hannover nach Stuttgart wechselten. In Hannover war Anton allerdings zum Verhängnis geworden, dass er so talentiert ist: Er kann in der Innenverteidigung auf allen Positionen der Dreierkette spielen, er kann auf der Sechs agieren, er ist zweikampfstark und mutig im Spielaufbau. An der Leine wurde er zudem zum Kapitän befördert und doch überfordert, weil die Mannschaft strukturell und charakterlich unrund zusammen gestellt wurde, wir kennen das in Stuttgart nicht nur von Herrn Reschke. Auf Anton lagen stets hohe Erwartungen – vielleicht manchmal auch zu hohe. Am Ende wirkte der U21-Europameister von 2017 (ohne Einsatz allerdings) orientierungslos bis er nach seinem Wechsel zum VfB das wurde, was ihm im Blut zu liegen scheint: der Abwehrchef. Die englische Webseite Soccer Souls schrieb 2019 über ihn: „The German is a top tackler and relies more on positioning than pace. He can pick out a pass, bring the ball out …

Gregor Kobel: Der Shouter

Das einzig Gute an den Geisterspielen ist: Wir können jeden Spieltag dabei zuhören, wie Gregor Kobel Impulsvorträge zum Thema „Motivation“ im Strafraum hält. Er lobt, er muntert auf, er feuert seine Kollegen an. Nebenher hält er auch noch den einen oder anderen Ball. Aber nicht nur mit seinem lauten Organ und seinen Motivationssprüchen, sondern durch seine fast schon beängstigende Präsenz gibt er dem Team Sicherheit und Orientierung. Mir übrigens auch. Bei vielen Keepern in der Vergangenheit hatte ich Angst, wenn eine Flanke in den Strafraum fliegt. Bei Kobel mache ich mir ein Bier auf. Der Schweizer ist das Alpha-Männchen im Tor des VfB, ohne dabei so lächerlich zu wirken wie einst Oliver Kahn. Nach dem Spiel gegen Schalke 04 schrieben wir: „Dann in der 82. Minute eine Parade wie ein Kunstwerk. Der eingewechselte Allessandro Schöpf mit einem fein gezirkelten Fernschuss: Kobel fliegt, er steht in der Luft, aus seiner Körperspannung lässt sich der Strom für ein Einfamilienhaus speisen, mit der rechten Hand lenkt er den Ball ans Lattenkreuz.“ Timo Hildebrand hatte zu Beginn seiner Karriere …

Borna Sosa: Der Soul Surfer

„Das könnte sein Jahr werden!“ Sven Mislintat war im „kicker“ vor der Saison optimistisch, dass Borna Sosa nach diversen Verletzungen und Formkrisen in seiner dritten Saison den Durchbruch beim VfB schafft. Wie so oft hatte Mislintat recht. Seine Flanken sind wie Wellen, kurvig und mächtig und gefährlich für den Gegner. Und er berührt das Herz mit seinem ernsthaften Blick, der erst freundlich wird, wenn Sasa Kalajdzic zu ihm kommt, um sich für eine Torvorlage zu bedanken. Sosa hat diese melancholische Eleganz, die seine Verletzlichkeit erahnen lässt, er ist sensibel und emotional, wie seine Aussagen rund um seine Einbügerung in Deutschland zeigen. Über seine Flanken, die meist nicht scharf, sondern hoch fliegen und plötzlich runter fallen, spricht jeder. Die übt er auch in jedem Training. Die englische Fußballseite „First Time Finish“ schrieb: „Sosa’s crossing ability is unique in an era where crossing is becoming a ‘dying art’ in the game. Perhaps only Trent Alexander-Arnold compares to the 23 year old in the current generation when it comes to this unique attribute. When Sosa is about to …