Autor: @abiszet

Sie wollen einfach nur spielen

Angstgegner? Trainerkiller? In dieser Saison ist so vieles anders beim VfB. Eine Mischung aus Widerstandsfähigkeit und Spielfreude bringt dem in grün spielenden VfB nach dem Sieg beim FC Augsburg Platz 1 in der Auswärtstabelle. Auf den Spielzug in der 29. Minute ist sogar Usain Bolt neidisch: Einem Traumpass von Marc-Oliver Kempf folgt ein unwiderstehlicher Sturmlauf von Borna Sosa und ein wunderbares Zuspiel des Kroaten auf Silas, der cool zum 0:2 einschiebt. 11 Sekunden dauerte das, schneller ist nur der jamaikanische Olympiasieger – ohne Ball wohlgemerkt. Eine schnörkellose Kombination, die symbolisch für den VfB in der Saison 2020/2021 steht. Schnell, direkt, selbstbewusst. Ich würde den Pass von Kempf gern heiraten. — Philipp Maisel (@philmaisel) January 10, 2021 Bis auf ein paar Situationen seriös in der Abwehr mit einem einmal mehr überzeugenden Waldemar Anton und offensiv heißt das Motto beim VfB „Ich geb’ Gas, ich will Spaß!“. Es ist die reine Spielfreude, die dann letztlich auch weitere Tore verhindert. Manchmal hat man den Eindruck, der VfB spiele extra-schön für die Fans, die nicht im Stadion sind, um …

Kobels Energieleistung reicht nicht

„Wichtig ist auf dem Platz“, sagte Otto Rehhagel oder Karlheinz Feldkamp oder ein anderer Fußball-Philosoph aus einer anderen Zeit. Wenn kurz vor Anpfiff Thomas Hitzlsperger und Claus Vogt via Twitter so etwas wie eine klitzekleine Annäherung beziehungsweise Gesprächsbereitschaft andeuten, dann wird das Geschehen auf dem Platz trotzdem kurzfristig zweitrangig. Was vielleicht auch am Gegner liegen könnte. Er hieß RB Leipzig und für viele ist die Partie gegen den Brause-Club reine Energieverschwendung. Der Rasen sieht aus als ob Vogt und Hitz ihre Schlammschlacht der vergangenen Tage da drauf ausgetragen haben 🤔#VfB #VfBRBL — FörsterGoat (@vfbtom) January 2, 2021 Die prickelnde Energieleistung von Gregor Kobel hat leider nicht gereicht, um gegen Leipzig zu punkten. Seine artistische Parade beim Elfmeter von Emil Forsberg war nur die spektakulärste Aktion. Bereits in der dritten Minute verhinderte er einen Rückstand. Den Schuss von Angelinho hätte wohl kein VfB-Torhüter der letzten Jahre gehalten. Nicht Zieler, nicht Langerak, erst recht nicht Tyton und Ulreich, selbst Lehmann wäre in seinem fortgeschrittenen Alter nicht mehr so schnell ins Eck geflogen. Kobel hielt den VfB lange …

Eine Mannschaft zum Verlieben

Wäre dieser Text ein Instagram-Post, er würde nur aus Herzleaugen und Love-Emojis bestehen. Damit wäre fast alles gesagt. Aber eben nur fast. Als VfB-Fans haben wir viel erlebt. Aber diese 102 Tage? Kann mich nicht erinnern, dass der VfB einmal 13 Bundesligaspiele und zwei Pokalrunden gespielt hätte, ohne ein einziges schlechtes Spiel absolviert zu haben. Von Mitte September bis Ende Dezember machte der VfB auf dem Platz nur Freude. An Heiligabend sprach ich mit meinem Vater immer über den VfB. Das ergab sich meist von selbst, wenn er statt Würstchen mit Kartoffelsalat eine der französischen, griechischen oder italienischen Spezialitäten von mir aufgedrängt bekam, die wir zusätzlich zum Weihnachtsklassiker reichten. Da bekam mein Vater automatisch schlechte Laune und das brachte ihn wie von selbst zum VfB. Hätte mein Vater Twitter gekannt, er hätte mit seinem Bruddeln viele Follower begeistert. Was hätte er zu dieser Mannschaft gesagt, zur Rumpfhinrunde der Saison 2020/2021? Selbst er, der zwar alle VfB-Spieler liebte, aber doch immer bei jedem Verbesserungsbedarf sah, hätte nicht meckern können. Der arschcoole Sportdirektor Sven Mislintat hat zusammen …

„Schiri, bitte gucken!“

Als Nicolas Gonzalez nach einem vermeintlichen Foul an ihm aufstand, murmelte er dies in Richtung Schiedsrichter Florian Badstübner. Das war Mitte der zweiten Halbzeit und ja, hätte der Schiri nur hingeschaut. Hätte er in der 9. Minute so hingeschaut wie in der 86. Minute. In der rempelte Orel Mangala seinen Gegenspieler im Mittelfeld um, ein klares taktisches Foul und auch die gelbe Karte absolut berechtigt. Zu dieser Bewertung hätte Badstübner auch in der Anfangsphase kommen müssen. Ridle Baku checkte Gonzalez im Strafraum rustikal um. So rustikal, dass er sich nicht wundern sollte, wenn er demnächst eine Einladung vom Deutschen Eishockey Bund im Briefkasten findet. Es war das nahezu identische Foul wie von Mangala kurz vor Schluss. Nur: Die Pfeife des Schiris blieb in der 9. Minute stumm, auch der VAR Günter Perl sah keine Veranlassung einzugreifen. Entweder, weil er in Bakus Aktion ebenfalls kein Foul sah oder weil er es für keine „klare Fehlentscheidung“ hielt, den Elfmeter nicht zu geben. Es gibt auf der Welt wenige Konstanten. Unsere Auswärtsauftritte in Wolfsburg gehören dazu. Die Spiele …

From Sasa with Love

Nach der Gala gegen Dortmund hatte Pellegrino Matarazzo davon gesprochen, dass die Partie gegen Union Berlin ein Charaktertest sei. Nach dem sehr späten 2:2 kann man sagen, sein Team hat ihn bestanden, nachdem es sich mühsam in das Spiel hinein gekämpft hatte und weil es der VfB schaffte, auch in einem suboptimalen Spiel noch zu punkten. Der VfB-Trainer stellte seine 5:1-Erfolgsmannschaft um, brachte statt Orel Mangala und Tanguy Coulibaly in der Startelf Gonzalo Castro und Nicolas Gonzalez. Was zunächst arrogant wirkte nach dem Motto „Union schaffen wir auch ohne die beiden“, hatte triftige Gründe: Mangala hatte sich beim Aufwärmen verletzt, Coulibaly leichte muskuläre Probleme, so hieß es. Es sah ein bisschen nach Hangover aus, was der VfB am Anfang bot. Nach der Riesen-Party bei den Schwarz-Gelben waren der Kopf und die Beine schwer, zudem präsentierte sich Union als ekelhafter Gegner. Frühes Anlaufen, viele Zweikämpfe, kaum Räume, also das genaue Gegenteil zum Dortmund-Spiel. Dass ein Standard den 0:1-Rückstand bringt, ist Standard beim VfB. Es ist bekannt, dass Union bei ruhenden Bällen durch Christopher Trimmel (by the …

Präsident auf Abruf?

Wird Claus Vogt der Präsident mit den größten Sympathiewerten und der kürzesten Amtszeit in der VfB-Geschichte? Hört sich absurd an, aber der VfB ist und bleibt der VfB, und eine weitere, vollwertige, Amtszeit von Vogt ist anscheinend nicht so selbstverständlich, wie man meinen könnte. Wir sind misstrauisch geworden über die letzten Jahre. Wir Mitglieder wurden belogen und verarscht. Immer wieder wurde uns vollmundig eine Verbesserung versprochen, es gab viel Selbstlob für die optimalen Rahmenbedingungen, ausgeklügelten Konzepte und Strategien. Das alles on repeat von Leuten, die heute schon längst nicht mehr für den VfB tätig sind. Aber auch von solchen, die noch heute in Führungspositionen tätig sind. Und wir? Haben schmerzvoll gelernt, ganz genau hinzuschauen. So gut es sportlich läuft, so sehr knirscht es ganz offensichtlich hinter den Kulissen. Es herrscht beim VfB Stuttgart ein Richtungsstreit, vielleicht sogar ein Kampf der Kulturen: Zwischen denen, die den Status Quo bewahren wollen und weiter so arbeiten wollen, wie es sich in den letzten zehn bis zwanzig Jahren „bewährt hat“. Die Ergebnisse sind bekannt und wenig überzeugend. Aber den …

New Kids on the Blöckle

Boybands haben beim VfB Tradition: In den 90ern hießen sie „Das magische Dreieck“, Anfang dieses Jahrtausends feierte eine Gruppe namens „Die jungen Wilden“ große Erfolge. Sie begeisterten tausende Fans und Zuschauer und brachen mindestens so viele Herzen. Als der VfB Stuttgart noch eine Boygroup war pic.twitter.com/3IRavtkx8Q — Kitto (@KittoDario) October 6, 2020 Boybands sind beim VfB ein echtes Phänomen, denn sie bedienen die Sehnsucht, sich wieder mit einer jungen, motivierten, womöglich selbst ausgebildeten Truppe identifizieren zu können, der man auch Fehler zugesteht und verzeiht. Die aktuellen New Kids On The Block beim VfB heißen Mangala, Coulibaly, Klimowicz und Silas, kurz MC-KS (gesprochen: Em-si Kay-es). Wären Zuschauerinnen und Zuschauer im Stadion erlaubt: MC-KS wären der Garant für fliegende Teddys und BHs, Kreischalarm und ohnmächtige Fans. Denn im Vergleich zu den atemberaubenden Choreografien von MC-KS wirken selbst die Mitglieder des magischen Dreiecks wie Grobmotoriker. Aber warum sind die neuen VfB-Posterboys eigentlich so erfolgreich? Wir stellen euch die Bandmitglieder vor, nichts fällt ihnen leichter als cool zu sein: Orel Mangala Der junge Belgier spielt schon im dritten Jahr …

Der VfB reißt Dortmund den Arsch auf

Sorry, für die Überschrift, aber das wollte Mats Hummels auch im Interview nach dem Spiel sagen. „Wir haben keine gute erste Halbzeit gespielt, gehen glücklich mit 1:1 in die Pause und dann reißt uns … macht das der VfB richtig gut“ Und ja: Hummels hat Recht. Punkt. Natürlich erwischt der VfB die Dortmunder in einer guten (aus Stuttgarter Sicht) bzw. schlechten (aus Dortmunder Sicht) Phase. Durch viele Spiele kommen sie auf dem Zahnfleisch daher, unter der Woche noch in St. Petersburg auf dem Platz, die Formkurve am Sinken und Top-Scorer Erling Haaland ist auch noch verletzt. Wie der VfB allerdings den BVB herspielt, ist sensationell. Wenn man die vergebenen Chancen von Matteo Klimowicz dazu zählt, geht das Ding 1:8 aus! Schützenfest! Schützenfest! Das wirklich aberwitzige am 5:1 Sieg beim #BVB ist eigentlich, dass er noch deutlich höher hätte ausfallen können#VfB — Admiral_Iblis (@Admiral_Iblis) December 12, 2020 Ich glaube, ich hatte gerade zum ersten Mal im Leben 90 Minuten Sex. @VfB — MEBO (@mebo___) December 12, 2020 Philipp Förster sagte nach dem Spiel: „Wir hatten einfach …

Keine Frage von Moral und Anstand

Das „Trödel-Tor“ von Silas Wamangituka zur Frage von Moral und Anstand im Profi-Fußball zu machen, ist deutlich übertrieben. Was ist passiert? Ein Tor entstand aus der Dummheit der Bremer Jiri Pavlenka und Ömer Toprak: Silas schnappte sich den Ball und hatte sich nach seinem Steal ein bisschen zu lange Zeit gelassen, den Ball über die Linie zu drücken. Es hat sich dabei keiner verletzt, aber die Bremer und viele Fans fühlen sich beleidigt. Soundtrack to the cleets!#SVWVfB #VfB #SVW @VfB pic.twitter.com/qM4DEdyevp — mcbruddaal (@mcbruddaal) December 7, 2020 Die Silas-Verteidiger berufen sich auf Karl-Heinz Rummenigge (siehe Video). Das ist allein wegen Rummenigge schon komplett daneben und auch die 80er Jahre waren nicht nur in Mode- und Musik-Themen speziell: Die Fußballer trugen Bärte und Frisuren, die gegen Moral und Anstand verstießen und brutalste Fouls nicht nur an Diego Maradona oder Bernd Schuster waren an der Tagesordnung. Es war eine andere Zeit, in jeder Hinsicht, da war vieles möglich, was heute undenkbar ist. Aber es gibt Schwalben, es gibt Zeitspiel, es gibt versteckte Fouls, es gibt Notbremsen, taktische …

Förster on fire!

Zugegeben: Die Bayern spielen alle drei Tage, haben verletzte und angeschlagene Spieler zu beklagen, kommen auf dem Zahnfleisch daher, aber trotzdem: dass der VfB so ein tolles Spiel hinlegt, wer hätte das gedacht? Pellegrino Matarazzo überrascht mit seiner Aufstellung: Philipp Förster steht in der Anfangself, was nicht wenige direkt dazu verleitet, ein Bierchen zu verhaften. Wie soll man es sonst aushalten? Aber was soll man sagen: Förster macht das Spiel seines Lebens. Zumindest eine Halbzeit lang. Nach gutem Beginn der Mannschaft, nur ein Pfostenkopfball von Lewandowski lässt den Puls nach drei Minuten steigen, läuft ein Konter über eben diesen Förster. Er treibt den Ball in seiner unnachahmlichen Art und er verpasst diesmal nicht den richtigen Zeitpunkt für das Abspiel auf Silas. Der dribbelt nicht, der macht keinen Übersteiger oder sonstige Fisimatenten, womit sein Gegenspieler Lucas Hernandez vermutlich rechnet, sondern passt perfekt temperiert in die Mitte. Manuel Neuer fällt wie eine Bahnschranke und verpasst den Ball, so dass Tanguy Coulibaly den Ball ins Tor stecken kann. Sein Tordebüt! Überhaupt Coulibaly: Er ist überraschend nicht außen, sondern …