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Neckar Nine: The Skyfall of a Club

Ich fühle mich gerade so rough, warum eigentlich? Weil ich wohl als Einziger die Videos (look here) der Prenzlschwäbin langatmig und unwitzig finde. Oder liegts am drohenden Abstieg des VfB? Oder weil das Tegernseer beim Benz ausverkauft ist? Wahrscheinlich habe ich zu viele Interviews mit Noel Gallagher gelesen (wie hier), der ist ein mächtiger Stinkstiefel. Wenn ich jedenfalls an den VfB der letzten fünf bis sieben Jahre denke, kommen mir unweigerlich diese Filmtitel in den Sinn: „Inglorious bastards“, „Das dreckige Dutzend“, „I know what you did last summer“, „Skyfall“, „The Expendables“. Wenn ich die Besetzung als International Head Of Some NextGen Creative Casting machen dürfte, dann fällt meine Wahl weniger auf Trainer oder Spieler, als vielmehr auf das Management.

Hier sind meine Hauptdarsteller beim VfB im Blockbuster „Neckar Nine: The Skyfall of a Club – aus meiner Sicht allesamt als Schurken besetzt:

Der Blockbuster aus dem Hause VfB. Alternativer Untertitel: "The Klassenerhalt is not enough"

Der Blockbuster aus dem Hause VfB. Alternativer Untertitel: „The Klassenerhalt is not enough“

Fredi Bobic:
In seiner Paraderolle als Nepper, Schlepper, Bauernfänger. Von ihm wird übrig bleiben, dass er Bernd Wahler den Bären aufgebunden hat, dass Transfers immer erst in den letzten 2 Stunden der Wechselfrist vollzogen werden. Da gibt’s die angesagtesten Spieler, die am besten gescouteten Akteure, echte Schnäppchen und extrem viele Statisten und Laiendarsteller. Die hat Fredi immer an Land gezogen und wenn er mal Zeit hatte, ging er im kicker die Ersatzbänke durch und schaute, ob sie Berater hatten, die er kannte. Oder bleibt von ihm übrig, dass er dem Aufsichtsrat allen Ernstes seinen Kumpel Krassimir Balakov als Trainer vorschlug? Oder ist es seine unbestritten große Leistung, den VfB von den Herren Mäuser und Hundt befreit zu haben? Nein, es ist der Satz „An diesem Kader lasse ich mich messen“. Aktuelle Messungen haben Platz 18 ergeben, ich habe noch Hoffnung, dass die Messgeräte defekt sind und es doch noch was wird mit der Relegation.

Horst Heldt:
Er dachte, er wäre ein Superheld, er ist aber nur Horst Heldt, ein Manager’le halt. Auf sein Konto geht so manche Geldverschwendung. Und warum? „Weil mich niemand aufhielt“, so sagte er mal launig im Fernsehen. Is‘ auch logisch, is‘ ja nicht sein Geld gewesen. Aber auf sein Konto gingen auch die Transfers von Hilbert, Pardo, Osorio, da Silva, und wer weiss, vielleicht wurde der VfB nur deshalb 2007 Meister, weil Heldt vor und nach dem Spiel immer eine Zigarette mit Armin Veh rauchte. Später machte er mit Markus Babbel das Waranga unsicher und feierte Heavy Metal-Feste in seinem Loft in der Mozartstraße im Stuttgarter Süden. Letztlich war er der größte Geldverschwender in den letzten Jahren, Heldt war einfach zu nah an den Spielern, wollte selbst noch kurze Hosen tragen und so handelte er auch. Den Personaletat aufgepumpt mit generösen Vertragsverlängerungen und sinnlosen Transfers. Gledson, Farnerud und Schäfer kann man ihm fast verzeihen im Vergleich zu Bastürk und Ewerthon. Die Idealbesetzung für den Manager in kurzen Hosen.

Dieter Hundt:
Jetzt mal ehrlich, Didi, Du wolltest doch immer wie MV sein, oder? Komm‘, gibs zu! Immer polternd warst Du, stets besserwisserisch und von oben herab. Aber das hast Du verwechselt, MV hat viele Fehler gemacht, aber er hatte Charme, er hatte Ahnung und er hatte ein Gefühl für Menschen und Stimmungen. Das hattest Du nicht. Übrigens sorry, dass ich so duze. Aber ich habe mich über Jahre hinweg so über Dich geärgert, dass mir das „Du“ jetzt in der Aufregung rausgerutscht ist. Entschuldigen Sie, Herr Professor h.c. Sie haben einerseits Herrn Heldt freie Hand gelassen, andererseits ständig was von „solide wirtschaften“ gesagt. Wie passt das zusammen? Als Aufsichtsrats-Vorsitzender fehlte eine klare Linie, geführt wurde nach Gutsherrenart, Politik wurde über die Medien gemacht. Ihren fussballerischen Sachverstand haben Sie unter Beweis gestellt, als Sie Veh als „Übergangstrainer“ bezeichneten. Spätestens da hätten alle wissen müssen, Didi der Prof muss weg oder zumindest den Mund halten. Also lieber keine Sprechrolle für Herrn Hundt!

Ulrich Ruf:
Der Wächter über das Buch, denn nichts anders als ein Kassenbuch führte Ruf über die letzten zwei Jahrzehnte. Einnahmen und Ausgaben wurden handschriftlich in ein Journal eingetragen und jeden Tag mit nach Hause genommen, so dass niemand Einsicht bekam. Langfristige Planung, Forecasts, nee, das ist was für Bayern München. Ruf und Heldt müssen sowas wie Best Buddies gewesen sein, denn wie sind sonst die irrsinnigen Summen zu erklären, die Heldt ausgeben durfte? Danach sah es so aus, als ob das Journal nur Platz für zwei Millionen hätte. Denn das war lange der Kostenrahmen und insofern kamen nur Statisten und Laiendarsteller als Neuzugänge in Frage. Aber für die hatte Bobic ein gutes Händchen, das gefiel Ulrich Ruf.

Gerd Mäuser:
Musste für seine Rolle noch nicht einmal vorsprechen, ein beeindruckendes Naturtalent als Chef, den keiner haben wollte. Mäuser gefiel sich in dieser Rolle, fiel aber allzu oft aus der Rolle, in dem er jeden, der ihn nur schief anschaute, so richtig herbeleidigte. Ansonsten sagte er nur Sachen, die im Drehbuch von Herrn Hundt standen. Ablesen, das konnte er, muss man ihm lassen. Erstaunlich oft sagte er „Stuttgarter Weg“, ließ aber völlig offen, was das ist und wohin der Weg führt.

Joachim Schmidt:
Seine größte schauspielerische Leistung war es, Porsche als Sponsor zu verhindern, dafür musste er als Vertriebs-Chef von Mercedes noch nicht einmal Text lernen. Das war gut für Mercedes, aber nicht so gut für den Verein.

Bernd Wahler:
Der sympathische Held, mit dem man mitfiebert und mitleidet. Wenn ihm ein Unglück passiert, will man gar nicht hinschauen. Wahler ist für die witzigen Passagen des Films zuständig, wenn er von der Champions League spricht oder davon, dass „knallhart analysiert und aufgearbeitet wird“. Tollpatschig ist er, ein bisschen wie Pierre Richard (wie hier).

Christian Gentner:
Spielt seit Jahren eine tragende Rolle: nett, hilfsbereit, unauffällig. Man muss ihn mögen. Leider war er für eine Chefrolle vorgesehen und die füllt er seit Jahren nicht aus. Zusammen mit Georg Niedermeier, Sven Ulreich und Martin Harnik ist er die Konstante im Casting des VfB. Mit ihm ging es kontinuierlich nach unten, aber über die Besetzung wurde nie diskutiert. Wenn es zu viele gibt, die ihre Rolle als Führungsspieler nicht glaubwürdig verkörpern, dann wird’s kein Kassenerfolg.

Hansi Müller:
Er hat nur eine Nebenrolle im Aufsichtsrat ergattert. Aber da ist es recht gemütlich, es gibt immer starken Kaffee und dick belegte Wurst-Weckle in den Sitzungen, da kann er ein bisschen mitschwätzen und dass er wegen seiner angeblichen Sportkompetenz die Rolle erhielt, lächelt er einfach weg. Seine Rolle nimmt er so wahr wie im Gemeinderat von Korb im Rems-Murr-Kreis: „Ich möchte nur an den kleinen Rädern drehen!“ (siehe hier) Ja, danke. Sind die Räder in der zweiten Liga klein genug?

Wer hat es nicht ins Casting geschafft?
Alle Trainer, sie sind weitgehend diejenigen gewesen, die die Managementfehler ausbaden mussten. Wobei sie natürlich auch ihren Anteil am Skyfall hatten. Armin Veh drückte beispielsweise seinen Lieblingsspieler Bastürk durch und warf im November lustlos das Handtuch. Bruno Labbadia bremste den Nachwuchs aus und holte Jahrhunderttalente wie Tunay Torun und Sercan Sararer an den Neckar. Manager Robin Dutt ist erst zu kurz da und Ex-Präsi Erwin Staudt ist mir einfach zu sympathisch, als das ich ihm eine Schurkenrolle zuschustern wollte. Mir gefiel auch sein Größenwahn der Mitgliederaktion „Wir packen Schalke!“. Er war VfB-Fan und ist es noch.

6 Kommentare

  1. Wolfgang sagt

    Also wenn ich mich recht erinnere, hatte Schalke 04 zum Zeitpunkt der Kampagne „Wir packen Schalke“ 45.000 Mitglieder und der VfB ganze 9.000. Gegen Ende der Aktion hatte der VfB dann ca. 42.000 (heute 45.000) und Schalke ca. 50.000. Heute hat Schalke über 130.000 Mitglieder (wie auch immer die das geschafft haben). Aber zum damaligen Zeitpunkt war die Aktion gar nicht mal so größenwahnsinnig und alles in allem ein Erfolg.

    • abiszet sagt

      Hi Wolfgang, die Bezeichnung „größenwahnsinnig“ bezog sich wirklich auf die heutigen Verhältnisse. Und Gelsenkrichen haben ich irgendwie auch mehr zugetraut, da sah ich deutlich mehr Fan-Potential, denn die haben da ja nix anderes als Fussball ;-) Staudt war ein Mann mit Visionen und auch einer, der es nicht nur beim Ankündigen beließ. Und wie gesagt: Er ist keiner meiner Neckar Nine ;-)

  2. Matze sagt

    Der Staudt gehört aber auf einen der vorderen Plätze in dieser Liste! Hätte uns einst fast den Kohler als Trainer angeschleppt, hat den Fans ein Event-Center gebaut, in dem alles mögliche untergebracht ist, nur dass da eben keine Events stattfinden, hat die Manager Briem, Schneider, Heldt und Bobic maßgeblich mitzuverantworten, hat sich bei Heldts Abgang gegenüber Schalke total lächerlich gemacht (wie war das mit dem Ablösespiel?), und war, last but not least, an dieser miesen Lügenkampagne des Vereins im Vorfeld der Mitgliederversammlung 2011 maßgeblich mitbeteiligt. Nein, der Mann war weder sympathisch noch irgendwie kompetent! Ein Blender vor dem Herrn, aber letzendlich auch nur eine kleine vorlaute Marionette des Big Hundt…

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