Der VfB hatte an diesem Freitag schon gewonnen, bevor er überhaupt gespielt hatte. Die Cannstatter Karawane zog ganz in weiss durch Bad Cannstatt, die Mercedesstraße wurde zum Moshpit. Im Neckarstadion ging es genauso laut weiter.
Wer nach dem 1:5 in München wissen wollte, wie tief die Verbindung des Clubs mit seinen Fans ist, bekam die Antwort schon vor dem Anpfiff. Und nach 90 Minuten war klar: Der Wilde Westen liegt neuerdings am Neckar. Denn dort gibt es einen Freigeist, der macht, was er will. Er schießt scharf, reitet gerne mal quer durch die gegnerische Wiese und hat offenbar wenig Interesse daran, sich an (taktische) Regeln zu halten. Sein Name: Billy El Khannouss.
Sie nennen Bilal in Cannstatt Billy, er ist der Mann mit dem Spitznamen des berühmtesten Outlaws des Wilden Westens und er war gegen Köln nicht einzufangen. Beim 1:0 noch ganz alleine unterwegs, mit einem unwiderstehlichen Solo, das nur einer macht, der sich nix scheisst und keinem Duell aus dem Weg geht. Danach nahm Billy nochmal richtig Fahrt auf. Beim 2:0 von Grischa Prömel bekam er den weiten Ball von Jeff Chabot zwar direkt in den Fuß und ohne Gegendruck, aber das Spielgerät klebte an seiner Sohle. Eine Ballannahme wie ein Kunstwerk, anschließend ein Pass mit dem richtigen Timing, keiner zielt genauer als El Khannouss. Maxi Mittelstädt ging erst vertikal, lief perfekt, passte präzise und Grischa Prömel konnte nichts mehr falsch machen. Er schoss bei seinem Pflichtspiel-Debüt im Neckarstadion sein Tor vor Familie und Freunden, bissle kitschig, oder?
Billy, den der VfB verkaufen wollte und der selbst angeblich unzufrieden ist (war?), zeigte einen großen Auftritt gegen die Köln. Solo. Tempo. Haken. Noch ein Haken. Die FC-Verteidiger sahen aus, als wären ihnen die Pferde durchgegangen. Hilflos. Hektisch. Machtlos.
El Khannouss zog beim 1:0 durch, ließ mehrere Gegenspieler stehen und schloss mit ein bisschen Glück ab. Ein Treffer, bei dem ich kurz überlegen musste, ob ich gerade wirklich ein Bundesligaspiel sehe oder mich doch in einem altem Western befinde, in dem der Held am Ende die Schwingtür des Saloons öffnet, lässig in die Runde schaut und alle wissen: Jetzt wird’s gefährlich.
Der Mann hat Aura.
Aber der VfB hatte noch mehr Munition dabei. Ermedin Demirović erhöhte mit einem Traumtor: Ein gewonnenes Laufduell über 35 Meter und ein sau-cooler Abschluss, das hatte man schon lange nicht von ihm gesehen. Josha Vagnoman legte ebenfalls einen sehenswerten Treffer nach, nachdem er bereits in der ersten Halbzeit sehenswert an die Latte schoss. Er scheint heiss zu laufen im Moment. Sein gescheiterter Wechsel zu Hull City: scheint ihn zu beflügeln.
Der VfB spielte über weite Strecken einen Fußball, wie wir ihn kennen und lieben. Dominant, ballsicher, geduldig und wenn sich die Gelegenheit bot, mit Zug zum Tor. Ausnahme: die ersten 15 Minuten der zweiten Halbzeit, die auch Sebastian Hoeneß sauer aufgestoßen sind. Köln war also auch ohne Dallinga und El Mala nicht einfach nur Statist, nach der Halbzeit sogar ganz dicht am Ausgleichstreffer. Nach dem 2:0 hatte der VfB das Spiel wieder ziemlich gut im Griff. Es wurde immer wieder deutlich, dass diese Mannschaft einiges an spielerischer Qualität besitzt, wenn sie ins Rollen kommt. Der VfB spielte, als hätte er etwas zu beweisen nach dem 1:5 gegen München.
Und die Fans? Die waren längst auf Sendung.
Was bei der Cannstatter Karawane begonnen hatte, setzte sich im Stadion nahtlos fort. Lautstark, leidenschaftlich, mit dieser Mischung aus Euphorie und Wahnsinn, die ein Heimspiel in Bad Cannstatt meistens zu einer sehr speziellen Veranstaltung macht. Die Mannschaft hatte natürlich ihren Teil dazu beigetragen, es wurde der mittlerweile für die Gegner schon berüchtigte Doppelpass gespielt zwischen Stadion und Spielfeld.
Nach München also keine Panik, keine Cannstatter Westernstadt im Ausnahmezustand, in der schon alle Colts rauchen.
Vielleicht sollte Köln beim nächsten Mal den Steckbrief lesen.
Wanted: Bilal „Billy“ El Khannouss. Freigeist. Schießt scharf. Macht, was er will. Vorsicht: Torgefahr!
Bild:
vp/AI

Werbefuzzi, Blogger, Autor der VfB Stuttgart Fußballfibel, eintätowierter Brustring, Kessler-Ultra


Kurz vor Spielbeginn gab es eine infantile Pyroshow der Kölner, aber auf dem Rasen brannte der VfB ein Feuerwerk ab. Die Domstädter hatten kaum Zeit zum Durchatmen und viel Glück, dass es zur Pause nur 1 : 0 stand. Nach dem Seitenwechsel dann die Überraschung, die Gäste übernehmen das Kommando, beissen sich allerdings an Bredlow die Zähne aus. Mit dem zweiten Tor zog man dem Karnevalsverein dann den Stecker raus, und brachte einen souveränen Sieg nach Hause. Neuzugang Leo Sauer verursachte durch einen Ballverlust zwar den einzigen Gegentreffer, aber man hat gesehen, dass er einen brutalen Antritt hat. Was gestern mit Undav los war, dafür habe ich keine Erklärung, bei 26° läuft er mit XXXL Langarm Trikot wie ein Fremdkörper über den Platz, und wird zurecht, aber wohl auch leicht angeschlagen ausgewechselt. Heute Nachmittag werde ich unsere nächsten beiden Gegner im direkten Duell beobachten, und freue mich schon auf das Treffen mit der TSG Hoppegarten.