Ich muss zugeben: Ich hatte vor Atletico Angst. Der Vorjahres-Halbfinalist liegt dem VfB nicht, zu robust, zu fies, ähnlich wie Porto letzte Saison. Nach dem 1:1 muss ich sagen: Der VfB hätte diese enttäuschende Truppe mit 4:1 aus dem Stadion schießen müssen.
Vor dem Spiel rief mich mein Kollege Daniel an, wollte mir Glück wünschen:
„Und, wie geht’s aus?“
Was man halt so fragt, wenn man von Fußball keine Ahnung hat.
„Glück werden wir brauchen und ein Spaß wird das nicht. Thomas Müller bezeichnete die mal als Rabauken. Und meinte eher Halunken, Schurken, Bösewichte.“
„Was heißt das?“
„Mein Nebenmann im Stadion nennt das Asshole-Ball: Sie wollen eigentlich gar nicht Fußball spielen, die wollen das Spiel zerstören. Die machen den Gegner kaputt, sie sind mehr am Gegenspieler interessiert als am Ball. Versteckte Fouls, Schauspielerei, Diskussionen mit dem Schiri. Madrid wird maximal nerven und plötzlich schießen sie aus dem Nichts ein Tor!“
„Aha.“
Was man halt so sagt, wenn man kein Wort verstanden hat
Dass der VfB eine mitreißende erste Halbzeit hinlegt, damit hatte ich nicht gerechnet. Eine riesige Torchance durch Bilal El Khannouss bereits nach 20 (!) Sekunden, nach einer Minute (!) hatte Josha Vagnoman erneut die Führung auf dem Fuß.
Was ist denn hier los?
Zuvor hatte die Cannstatter Kurve den Vorhang aufgezogen und eine atemberaubende Choreo präsentiert. Wir standen da, ohne einen leisen Hauch, was passiert und danach spielte der VfB alles auf Geschwindigkeit, alles federleicht. Vor allem El Khannouss zeigte, dass er auf der Zehn deutlich wichtiger für das Spiel ist als auf der Außenbahn. Er lief mit Lust an, zeigte sein ganzes Repertoire an Tricks und Täuschungen, er war on fire, wie alle seine Mitspieler. Der VfB erzielte hohe Ballgewinne, stresste Madrid maximal, die fahrig und überfordert wirkten, Marcos Llorente verlor fast jeden Ball im überfallartigen Pressing in den ersten Minuten.
Allein: Der Ball wollte nicht rein.
Angelo Stiller versuchte es aus der zweiten Reihe, Chris Führich dribbelte die Atleti-Abwehr auf links, nur Jamie Leweling verhedderte sich meistens. Ausgerechnet er schoss das erlösende 1:0, nachdem Stiller am Madrider Strafraum (!) den Ball zurück eroberte. Jetzt hatte der Abend Manchester-Vibes, spätestens als „Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!“ durchs Stadion schallte, weil sich alle, wahrscheinlich alle, einen Screenshot vom Zwischenstand der Champions League-Tabelle gemacht haben.
„Und das sollen Halunken sein?“, schrieb mir Daniel in der Pause eine SMS, weil wir irgendwann mal anfingen, uns SMS zu schreiben und einfach dabei blieben.
Ich antwortete ihm in der 47. Minute nicht. Die Schurken hatten einen Asshole-Angriff über den eingewechselten Ademola Lookman gefahren, in der Mitte standen gleich zwei Madrider frei und Julian Alvarez – bis dahin unsichtbar – traf locker zum Ausgleich. Für mich war er wahrscheinlich auch deshalb unsichtbar, weil ich Giuliano Simeone, Alex Baena und ihn verwechselte. Gleiche Statur, gleiche Frisur, gleich theatralisch im Zweikampf.
Da war er wieder, der typische VfB-Downfall nach der Pause. Die Mannschaft wackelte zehn Minuten, Dennis Seimen musste seinen Fuß ausfahren und Maxi Mittelstädt rettete und lief alles ab, was ihm zwischen die Füße kam. Jeff Chabot mit einigen Boss-Moves gegen Madrilenen, die halb so groß sind wie er. Gegen Spielende bekam er mit Alexander Sörloth wenigstens einen Gegner auf Augenhöhe, auch der lag meist auf dem Rasen, weil ihn Chabot nur angeguckt hatte.
„Jetzt weiß ich, was Du meinst“, meldete sich Daniel wieder.
Der grobmotorische Morten Hjulmand holzte Stiller um und sah Rot. Das sah Madrids Trainer Diego Simeone eigentlich seit Beginn der Partie, hochunzufrieden mit seiner Mannschaft, er spielte seit Minute eins am Spielfeldrand mit und war kurz davor sich selbst einzuwechseln. Schiri Serdar Gözübüyük – nicht immer auf der Höhe und im Bilde – hatte irgendwann ein Einsehen und zeigte ihm Gelb. Simeone ohne Karte ist wie wie VfB ohne Brustring.
In Überzahl schaltete Madrid wirklich in den Schurken-Modus, zog Fouls, lag lange auf dem Boden rum, verzörgerte das Spiel. Das hinderte den VfB nicht, sich große Torchancen gegen immer tiefer stehende Rojiblancos zu erspielen. Zwei Mal Grischa Prömel, El Khannouss und Chabot, dessen Kopfball ich schon drin gesehen habe.
Allein: Der Ball wollte nicht rein.
Der VfB muss sich vorwerfen lassen, Madrid nicht geschlagen zu haben, eine Wiederholung von Manchester 2003 verpasst zu haben. Auf die Leistung kann der VfB trotzdem stolz sein, die erste Halbzeit nimmt uns keiner. Aber sie ist zugleich der Maßstab für die Spiele, die noch kommen. Nicht nur gegen Schurken, Halunken und Rabauken sollte der VfB diese Energie auf den Platz bringen. Nicht nur an einem Festtag in der Champions League. Sondern auch an einem kalten Freitagabend gegen Gladbach und in einem regnerischen Auswärtsspiel in Paderborn.
Zum Schluss schrieb ich noch Daniel eine SMS:
“Und es war doch ein großer Spaß!”
Zum Ausdrucken:
Falls sich jemand den Zwischenstand der CL-Tabelle ausdrucken und einrahmen will: Hier gibt es eine Druck-Datei davon. Viel Spaß!
Bilder: Alex Grimm/Getty Images

Werbefuzzi, Autor der VfB Stuttgart Fußballfibel, eintätowierter Brustring, Kessler-Ultra.



Wir sind uns wohl alle einig, das war seit langem die beste Halbzeit vom VfB.
Ein grandioser Oblak verhinderte gleich am Anfang die Führung. Aber genau dafür sind Torhüter da.
Wenn Du solch eine Mannschaft wie Atletico schlagen willst, musst Du eben nicht nur eine Chance nutzen. Zumindest hat man nach dem Ausgleich nicht wieder gleich komplett die Ordnung verloren, sondern weiter dagegen gehalten. Die rote Karte half dem VfB hier.
Als Resümee bleiben Fragen: Warum nicht immer so, warum nicht immer dieses Pressing, warum nicht immer dieser Biss ?
Ich hatte es schonmal in einem der vorigen Threads gesagt, manche Spiele kamen mir vor, als wären es noch Vorbereitungsspiele. Gegen Madrid war es die Leistung, die ich so oder zumindest ähnlich immer sehen möchte.
Also ich bin hochzufrieden, dieser eine Punkt könnte noch Gold wert sein. Der VfB mit einer ganz anderen Körpersprache als in Hamburg und vor allem viel schneller im Kombinationsspiel, Atletico war völlig überfordert in der ersten Hälfte. Da fragt man sich nur, weshalb diese Griffigkeit zuletzt gefehlt hat. Nach dem 1 : 1 hatte ich natürlich kurzzeitig Angst, dass das Ding jetzt vollends den Neckar runter geht, aber die rote Karte hat sofort geholfen. Einige werden jetzt sagen, gegen 10 Mann musst du gewinnen, aber man sollte doch froh sein, dass nicht kurz vor Schluss wie gegen den HSV, durch einen dämlichen Konter verloren wurde. Mit dieser Einstellung, und das ist jetzt Pflicht, wird das gegen Gladbach einen ganz klaren Sieg geben. Auf geht’s, weiter so !