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Eine Unverschämtheit

Es gibt Niederlagen, die aus einem unglücklichen Spielverlauf entstehen, aus Pech, falschen Schiedsrichter-Entscheidungen oder individuellen Fehlern. Und es gibt Niederlagen, die etwas über die Mannschaft verraten, die als Verlierer den Platz verlässt.

Das peinliche 2:3 gegen Gladbach gehört zur zweiten Kategorie. Nach fünf Minuten führt der VfB gegen eine verunsicherte Truppe, bei der wenig zusammenläuft. Alles sieht nach einem klaren Sieg aus. Um dann zu verlieren und das völlig verdient. Einen Gegner, der am Boden liegt, wieder ins Spiel zu bringen, braucht schon eine besondere Mischung aus Nachlässigkeit, Selbstüberschätzung und fehlendem Respekt. Gegen den Tabellenletzten kam beim VfB offenbar alles zusammen. Das muss man erst einmal hinkriegen.

Gegen Atlético sorgte der VfB für Aufsehen in ganz Europa, gegen Gladbach wird er zur Lachnummer in Deutschland.

Der Auftritt war respektlos gegenüber allen, die im Stadion waren, und gegenüber den Fans und Mitgliedern, die diesen Club tragen. Nach dem Spiel gegen Atlético am Dienstag waren sich alle einig, dass dieser Auftritt der Maßstab sein müsse. Und dann das. Die Aussagen von Spielern und Verantwortlichen lassen sich kaum mehr ernst nehmen, wenn nur drei Tage später eine Mannschaft auf dem Platz steht, der es an der nötigen Ernsthaftigkeit fehlt.

So ist Fußball.

Faszinierend, wie aus einer überlegenen Mannschaft binnen weniger Minuten eine Ansammlung selbstzufriedener Einzelspieler werden kann. Und aus einer verunsicherten Gladbacher Mannschaft ein Team, das plötzlich an sich glaubt, Fehler gnadenlos ausnutzt und am Ende verdient gewinnt. Der VfB hat Gladbach nicht nur zurück ins Spiel gelassen. Er hat den Gegner dazu eingeladen, die Partie zu übernehmen. „Nehmt Euch das Spiel, ich will mit meiner Protzkarre nach Hause fahren“ … sorry, das war jetzt unnötig, da habe ich mich zu schnell dem Niveau der Mannschaft angepasst.

Es lag nicht an der Rotation von Sebastian Hoeneß.

Auch wenn Dzenan Pejcinovic wie ein Fremdkörper wirkte, Leo Sauer bei Ballannahmen, Passqualität und Laufwegen erstaunlich viele Basics vermissen ließ und Finn Jeltsch Stockfehler unterliefen, die eines Golden Boys unwürdig sind: Diese Mannschaft muss Gladbach schlagen können, wenn sie das Spiel ernsthaft angeht. Stattdessen landeten Pässe im Rücken der Mitspieler, im Aus oder beim Gegner. Nach Ballverlusten fehlte zu oft der Wille zum Rückwärtsgang. Besonders deutlich wurde das beim Slapstick zum 1:3 durch Wael Mohya. Dennis Seimen sah dabei nicht gut aus.Trotzdem hätte das Tor verhindert werden können, wenn Vehemenz und Wille vorhanden gewesen wären.

Obwohl es mir rausgeruscht ist, liegt es auch nicht an den dicken Protzkarren, die manche Spieler fahren. Natürlich ist das ein dankbares Boulevardthema, offensichtlich hat es mich getriggert. Aber mit einem Angeber-Auto verliert man kein Fußballspiel.

Der entscheidende Fehler liegt woanders:
Der VfB behandelt offenbar nicht jeden Gegner mit derselben Ernsthaftigkeit. Gegen Atlético stimmte die Spannung, gegen Gladbach schien es für die Spieler zu genügen, dass es schon irgendwie mit halber Kraft reichen wird. Die Bundesliga als lästige Pflicht zwischen den großen europäischen Abenden.

Nach dem Spiel wurde Sebastian Hoeneß gefragt, was er den Spielern in der Kabine gesagt habe. Das tat er natürlich nicht und meinte lediglich: „Nach so einem Spiel muss man entgegenwirken.“

Genau das! Denn die Probleme waren nicht erst gegen Gladbach zu erkennen. Auch in anderen Bundesligaspielen fehlten dem VfB phasenweise Kontrolle, Konsequenz und die Selbstverständlichkeit, die ihn auszeichnen solltn. Die Niederlage ist deshalb mehr als ein Ausrutscher. Sie wirft die Frage auf, ob in dieser Mannschaft etwas grundsätzlich aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Wahrscheinlich verrät es am allermeisten über diese Mannschaft, wie sie mit dieser Niederlage umgeht. Sebastian Hoeneß kann die richtigen Worte finden, Konsequenzen ziehen, die Fehler ansprechen und taktisch umstellen. Aber den Schalter muss die Mannschaft selbst umlegen. Es braucht Spieler, die sich gegenseitig in die Pflicht nehmen, die korrigierend eingreifen, die Konflikten nicht aus dem Weg gehen und daran erinnern, für was und für wen (Spoiler: nicht nur sich selbst) gespielt wird.

Der VfB braucht nach diesem Spiel nicht nur eine Reaktion.
Er braucht einen anderen Spirit.

Bild: Christian Kaspar-Bartke/Getty Images

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Werbefuzzi, Autor der VfB Stuttgart Fußballfibel, eintätowierter Brustring, Kessler-Ultra.

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