Allgemein, Querpass
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Danke, Kloppo!

Jürgen Klopp

Lieber Herr Klopp,

ich weiss, Sie mögen Stuttgart: Jeden Tag können Sie von der Weinsteige oder Karlshöhe in den Kessel schauen, auf das Lichtermeer meiner Stadt blicken, die Abends ein bisschen wie die Cote d’Azur aussieht. Oder Sie können mit dem Fahrrad aus dem Westen zum Max-Eyth-See fahren oder durch den Rosenstein- und Schlosspark joggen, wo ganze Ochsen gegrillt werden. Wenn das neue Schloß in der Abendsonne liegt, geht mir das Herz auf. Wie wäre es, erst im Palast ein Bierchen zu trinken, da trifft man alle, erst kürzlich sprach ich dort mit André Trulsen.

Denken Sie zurück wie das mal war mit der Freitreppe und Pauls, seiner Boutique und Musique, ich hab’ ja die Sampler geliebt, Sie auch? Ich weiss nicht wie es Ihnen geht, aber ich höre ihn gerne, den nicht ganz so harten schwäbischen City-Dialekt. Wenn schon Feinstaub, dann schon wegen der vielen Porsches und Doimlers, die in dieser Stadt erdacht und gebaut werden. Ok, ok, vieles ist-gewollt-und-nur-halb-gekonnt: Da werden Einkaufszentren hingeflanscht, weil man a bissle Weltstadt sein will, obs passt oder nicht. Die S-Bahnen verfahren sich, der Cannstatter Wasen macht auf Après Ski und der Neckar wird links liegen gelassen, er muss einsam durch meine Stadt mäandern. Aber man kann nicht alles haben.

Ja, Sie mögen auch den VfB: Eine Top-Marke, deren Profil derzeit von Präsident Wahler hauptamtlich geschliffen wird. Die herausragende Jugendarbeit kennen Sie, auch wenn Sie Julian Schieber nicht so richtig fresh gemacht haben. Eine Trainer-Ausbildung, die dazu führt, dass jeder Fussballlehrer, der es in den letzten Jahren zu etwas gebracht hat, irgendwie mit Bad Cannstatt verbunden ist. Und schließlich Top-Sponsoren, um die der VfB beneidet wird. Von den Fans möchte ich gar nicht sprechen, deren Frustrationstoleranz ist hoch. Aber der VfB macht nix aus seinem Potential. Potential kommt beim VfB von Po: Die riesigen Möglichkeiten werden vers(ch)enkt, das Ergebnis ist, zumindest derzeit, „am Arsch geleckt“, würde Ihr Trainerkollege Bruno Labbadia sagen.

Was wenige erkennen: Der VfB ist eine reine Pressingmaschine, das lieben Sie sicher. Ständig gib’ts Druck, entweder von der Tabelle oder die internen Gremium schwätzet rein oder die Medien haben wieder ganz tolle Personal-Ideen. Der einzige, der pressing-resistent zu sein scheint, ist offenbar Robin Dutt. Der ist ’nen ruhiger Typ, ganz unaufgeregt. Nach außen zumindest. So hat er auch die neue Trainer-Personalie moderiert. Alexander Zorniger sieht ein bisschen aus wie Smudo von den Fantastischen Vier. Wahrscheinlich kann er nicht ganz so flott sprechen. Aber schnell denken und konsequent handeln, was man so hört.

Jede Stadt hat den Verein, den sie verdient. Und jeder Verein den Trainer, den er (sich) verdient. Der VfB braucht keinen Lautsprecher und keinen Coach, der den Club auf links dreht. Von ihm kann der Impuls kommen, ja, aber ansonsten muss dies bitte schön der Vorstand machen (und das ist by the way auch notwendig). Ich will den Abgang der Jugendtrainer Hinkel und Tedesco nicht dramatisieren – kennen Sie die eigentlich, Herr Klopp? – aber es müssen endlich Strukturen her, die leistungsfördernd sind und es müssen die gehalten werden, die Leistung bringen. Aber das nur nebenbei. Der VfB braucht einen klugen Schaffer wie es Huub Stevens ist, nur ein bisschen moderner. Durchsetzungsfähig muss er sein, das auf jeden Fall, aber er muss nicht heiss sein wie Frittenfett und mit Vollgas durchs Clubhaus rennen. Das passt nicht zum VfB.

In der allgemeinen Hektik um Sie und Kollege Labbadia hat sich der VfB zu einem klugen Schritt entschieden: Die Personalie Zorniger öffentlich zu machen. Oder besser gesagt: Öffentlich machen zu lassen. Während alle über den Scherbenhaufen HSV und die Tränen von Aki Watzke diskutieren, bleibt der VfB unter dem Radar, kann weiter ungestört am Klassenerhalt arbeiten und hat auch einen Trainer für die nächste Saison, falls die Mission von Stevens scheitert.

Danke, Kloppo, dass Sie mit so viel Brimborium zurück getreten sind. Aber bitte nicht vergessen, am Samstag Paderborn aus dem Stadion zu schießen. Erlauben Sie sich keine Sentimentalitäten, geweint werden kann am letzten Spieltag!

Titelfoto: Fingerhut / Shutterstock.com

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3 Kommentare

  1. „Während alle über den Scherbenhaufen HSV und die Tränen von Aki Watzke diskutieren, bleibt der VfB unter dem Radar, kann weiter ungestört am Klassenerhalt arbeiten und hat auch einen Trainer für die nächste Saison, falls die Mission von Stevens scheitert.“

    Da steckt einiges an Wahrheit drin. Wirklich guter Beitrag. Den VfB habe ich nur selten auf dem Radar. Klasse Blog!

    • abiszet sagt

      Herzlichen Dank! Dann hoffen wir, dass Du weiterhin hier immer wieder einen Blick reinwirfst!

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