Mini-Feature, Spielbericht, VfB
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Ist der VfB wieder die schnellste Schnecke?

Didi Hamann mag Huub Stevens. Christoph Metzelder respektiert Huub Stevens. Lothar Matthäus glaubt an Huub Stevens. Ich bewundere Huub Stevens. Wie er nach außen immer ruhig bleibt, stets lobt, nie verzweifelt ist, immer das Positive sieht, das ist außergewöhnlich. Ich könnte das nicht. Klar, I’m a natural born Bruddler, aber wie kann man bei dem Spiel des VfB ruhig bleiben? Da spielt das Team nicht zum ersten Mal richtig gut (mit), hat sich Punkte verdient, nur um sich dann die Tore selbst einzuschenken. Und Huub? Er lenkt den Blick auf die guten Seiten des Spiels, versucht seine Spieler aufzubauen, redet sie stark und pusht sie weiter nach vorne.

Mir fällt es immer schwerer, die positiven Dinge zu sehen. Zu oft habe ich Spiele wie gegen den FC Augsburg gesehen, in denen gepunktet werden muss. Zu oft war ich frustriert nach 90 Minuten.

Es gibt ja nicht wenige, die glauben, dass der Huub Stevens beim VfB gar nicht der echte Huub Stevens ist. Beim VfB steht die Null so gut wie nie und im Umgang mit seinen Spielern scheint er weniger knurrig zu sein, als vielmehr wie ein Herbergsvater zu wirken: Er läßt die Jungs machen, denkt sich, dass er früher auch mal so war und greift nur dann ein und durch, wenn etwas grob aus dem Ruder läuft, wie zu Rückrundenbeginn bei Moritz Leitner, den hat er richtig zur Schnecke gemacht. Aber insgeheim mag er gerade die, die ein bisschen anders sind und die sich ihm ein bisschen widersetzen. So wie Filip Kostic. Der Serbe musste lange arbeiten und warten, bis ihm Stevens vertraut. Kostic läuft jetzt den Flügel rauf und, ja, auch runter, ist also auch defensiv fleißig, er zieht gleich mehrere Gegenspieler auf sich und bereitet auch noch Tore vor. Den hat der Trainer sauber hinbekommen, Kostic traut sich etwas zu, er merkt selbst, dass er gut drauf ist und fordert deshalb den Ball. Er kann neben dem Torjäger Daniel Ginczek zum entscheidenden Faktor im Abstiegskampf werden. Dass er Tore schießen kann, habe ich in Schwaikheim mal selbst erlebt, dass er es aber auch in der Bundesliga kann, ist für den VfB Gold wert. Habt Ihr es auch gesehen, nach seinen zuletzt fünf Toren ist doch Ginczek gleich größer geworden, der ist doch gewachsen, oder?

Es gibt einige, die dem VfB zum Trainerwechsel gratuliert haben. Denn der heutige Huub Stevens kann nicht der Huub Stevens zu Rückrundenbeginn sein. Aus einem defensiven Stevens wurde ein offensiv denkender Huub. Leider verläßt den Trainer in Augsburg der Mut: Statt Timo Werner für den gesperrten Martin Harnik zu bringen, oder meinetwegen auch Jerome Kiesewetter, stellt er Daniel Schwaab auf und schiebt Florian Klein auf die offensive Position. Die Folge: kein einziger vernünftiger Angriff geht über die rechte Seite, die Statik des VfB-Spiels ist komplett durcheinander geraten, was insbesondere in der Anfangsphase verheerend ist.

Warum holt der VfB keine Punkte in Augsburg?
In der Abwehr spielt der VfB nicht mit Abwehrkette, sondern mit Fehlerkette. Es ist nicht ein solitärer Fehler eines Einzelnen, es sind immer mehrere. Rumpelstilzchen Serey Dié jagt stets den Fehlern anderer hinterher, macht auch selbst Fehler, klar, aber er kann nicht überall sein.

Als Sven Ulreich einen Abschlag seines Gegenübers Marwin Hitz in so einem Manuel-Neuer-Me-Too-Moment außerhalb des Strafraums mit dem Kopf klärt, stehen alle mit offenem Mund rum und denken „Aber das ist doch gar nicht Manuel Neuer!“ und Tobias Werner spitzelt derweil den Rebound von Esswein ins Tor. Beim 2:1 lenkt Ulreich einen Fernschuss zur Seite ab, alle freuen sich, dass er nicht wie so oft nach vorne abklatschen lässt und zu fünft (!) steht die Abwehr im Raum und lässt Bobadilla ungedeckt. Nur im Raum zu stehen, ohne auf Gegenspieler zu achten, reicht nicht. Und es reicht nicht, sich schön und schnörkellos bis zum Strafraum zu kombinieren, wenn die Konsequenz fehlt, das Ding auch reinzumachen. Der VfB verpasste deshalb den großen Befreiungsschlag: Mit einem Sieg wäre der Druck auf alle Konkurrenten groß geworden, es wäre ein Sieg gewesen zum berühmten „psychologisch wichtigen Moment“. So heissts wieder: Schütteln, trainieren, zuversichtlich sein. Mir fällts zunehmend schwerer, aber das sagte ich ja schon.

Warum schafft der VfB den Klassenerhalt?
Die Mannschaft des HSV scheint ein rechter Sauhaufen zu sein. Ich traue Bruno Labbadia zwar zu, das wieder hinzubekommen. Aber er hat nur noch fünf Spieltage Zeit. Bei Hannover 96 gehts auch drunter und drüber, es wird so offen über Tayfun Korkut diskutiert wie über Martin Winterkorn bei VW. Mirko Slomka soll der Nachfolger werden (also bei H96), ein absoluter Retro-Trend auf den Trainerbänken. Nach Huub und Bruno also Mirko. Kommt bald Jupp Heynckes zurück, wenn Pep Guardiola das Champions League-Viertelfinale vergeigt?

Freiburg wird es dagegen packen, Paderborn ist nicht zu unterschätzen. Bei beiden ist der Trainer unantastbar und sie haben den unschätzbaren Vorteil, dass ein Abstieg nicht so ein absoluter Weltuntergang wäre wie bei den Traditionsteams aus Hamburg und Hannover. Der VfB scheint die Ruhe selbst zu sein, was angesichts der Tabellensituation wirklich bemerkenswert ist. Kostic on fire, Ginczek treffsicher, Christian Gentner und Dié als Leader im Mittelfeld präsent: Bringt alles nix, wenn man auf dem vorletzten Platz steht. Das bedeutet den direkten Abstieg, nur so zur Erinnerung. Team und Trainer sollten sich nicht auf ansprechenden Leistungen ausruhen. Viel g’lobt isch au abg’stiega, es müssen Ergebnisse und Punkte her!

Es muss weiterhin Schwung in die Kiste rein. Nur dann kann der VfB die schnellste Schnecke im Abstiegsrennen werden. Jeder Punkt ist wichtig, auch einer in Augsburg – die nach neun Spielen mal wieder gewinnen – wäre ein Signal gewesen. Mal sehen, wie sich Augsburg nächste Woche in Hamburg schlägt. Zuversichtlich bin ich nicht, die Fuggerstädter haben bisher gegen jeden aus dem Tabellenkeller verloren, außer eben gegen den VfB.

Was sagen Depeche Mode zum Abstiegskampf in der Bundesliga?
Slow, slow, as slow as you can go
Slow, slow, I’ll go with your flow

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