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Der Spielerversteher

Joachim Löw wurde während seiner gesamten Trainerlaufbahn unterschätzt. Trotz Pokalsieg, Finale im Pokalsiegerwettbewerb gegen Chelsea, magisches Dreieck, zwei vierten Plätzen und schönem Fussball meinte VfB-Präsident Mayer-Vorfelder, das „Buale“, wie er Löw intern nannte, durch den ehemaligen KSC-Trainer Winni Schäfer ersetzen zu müssen. Dass Löw durchaus nachtragend sein kann, beweist sein Engagement in Karlsruhe zwei Jahre später, als er die Badener konsequent in die Amateurliga coachte. Eine Leistung, für die er von manchen Stuttgartern immer noch verehrt wird.    

Belächelt wurde Löw als Co-Trainer von Jürgen Klinsmann, den Bundestrainer ab 2006 trauten ihm nur wenige zu. Zu lieb, zu weich, der nette Herr Löw sei er schon in Stuttgart gewesen. Er gehe Konflikten aus dem Weg, um der Öffentlichkeit keine Angriffsfläche zu bieten.

Der Spielerversteher
Löw ist ein Harmonie-Mensch, er versetzt sich in die Lage seiner Spieler, kann sich vorstellen wie sie fühlen, kann fühlen wie sie denken und zeigte in der Vergangenheit dadurch Führungsschwäche: Er will es stets allen recht machen, den Teamgeist hoch halten und versäumte es, Spielern wie Ballack, Frings, Kuranyi, Kießling, zuletzt Gomez, bald wohl Mertesacker, klipp und klar zu sagen, dass er nicht mehr auf sie zähle. Erst in Brasilien konnte man erkennen, dass er seine Linie kompromisslos durchzieht. Lahm im Mittelfeld, der nachnominierte Mustafi rechts hinten, kein echter Angreifer, Neuer als Libero, das war sein Modell für die Ko-Spiele. Löw wollte einmal konsequent sein, einmal nicht zaudern. Es war eine Demonstration von vermeintlicher Führungsstärke, personell und taktisch lag er damit aber daneben.

Mustafi rettete Löw
Als sich Mustafi in der zweiten Halbzeit gegen Algerien eine Muskelverletzung zuzog, musste Löw reagieren. Erst Lahm zurück in die Viererkette, dann gegen Frankreich Mertesacker raus aus dem Team. Mustafi zwang Löw zu seinem und unserem Glück. Ohne die Verletzung des Verteidigers von Sampdoria Genua wäre das deutsche Team – ja, das mag im nachhinein abenteuerlich klingen – im Achtelfinale gegen Algerien ausgeschieden. Es ist wichtig, auf Überraschungen und Veränderungen richtig zu reagieren. Diese Fähigkeit hat Löw bei der WM 2014 erstmals nachgewiesen. Zweifel bleiben bei seiner Zusammenstellung des Teams, zu offensichtlich ist sein Unwillen, klar erkennbare Baustellen wie die Außenverteidiger-Positionen und den zentralen Angreifer konstruktiv anzugehen. Löw wirkt hier wie ein Zahnarzt, der Löcher nur mit Provisorien stopft.

Vier Innenverteidiger, ein einziger geriatrischer Stürmer, aber auch Persönliches wie seine Frisur, der obligatorische Schal, das ganze Styling, das Schaulaufen am Strand: Heute ist das als Weltmeister alles cool, vor fünf Wochen war es Gegenstand von ironischen und kritischen Kommentaren. Und diese werden ganz sicher wieder kommen in den nächsten zwei Jahren. Löw hätte es sich einfach machen können wie unser Kapitänle und als Weltmeister zurücktreten. Aber er will beweisen, dass er zu Unrecht unterschätzt wird.

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