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Meine WM-Lieblingsspieler, Folge 8: Jon Dahl Tomasson (2002)

Vor der Saison 2005/2006 machte der VfB einen großen Schnitt: Die Identität wurde verkauft – Kuranyi und Hleb verließen den Verein, ebenso Philipp Lahm, dessen Leihe endete. Es kam Giovanni Trapattoni oder wie Präsident Erwin Staudt sagte: „Habemus Trap“.      

Das internationale Flair mit der Verpflichtung Traps verflog jedoch sofort mit der Bekanntgabe seines Co-Trainers: Andreas Brehme. Ok, der konnte früher ganz gut kicken, aber ausserhalb des Platzes traute ich ihm nichts zu, außer dass er Weißbier aus der Flasche trinkt. Ein bisschen aufatmen sollte ich, als der VfB Jon Dahl Tomasson von AC Mailand verpflichtete. Das war doch der, der bei der WM 2002 so richtig rockte!

Für mich ist eine WM ein reines Fernseh-Ereignis, so kenne ich es, seit ich mit meinem Vater als Kind WM-Spiele schaute. Das heisst: Fussball zu Hause schauen, kein Public Viewing, nicht zu viele Leute um mich herum, ich habe die Spielerlisten immer griffbereit, um jederzeit zu wissen, wer bei welchem Verein spielt, wieviele Länderspiele er hat, wie alt er ist, wieviele Tore er geschossen hat. Die wichtigsten Daten eben. Die WM in Japan und Südkorea 2002 war allerdings komisch für mich, denn ich war die Hälfte der Zeit in Australien.

Wie konnte ich nur meinen Urlaub für die WM-Zeit planen? Komplett daneben, gedankenlos (siehe auch aktuellen Beitrag von Abenteuer Fussball), lag aber wahrscheinlich daran, dass Deutschland aus meiner Sicht für die WM 2002 kaum eine Rolle spielen sollte. In der Quali mit 5:1 von England erniedrigt, gegen die Ukraine in Play-Offs gerade noch qualifiziert, im Kader so illustre Typen wie Jörg Böhme, Frank Baumann und Marko Rehmer. Nur mal so: Rudi Völler nominierte vor 12 Jahren fünf (!) Stürmer: Gerald Asamoah, Oliver Bierhoff, Carsten Janker, Oliver Neuville und Miroslav Klose.

Mitten in der WM ging ich nach Down Under und verpasste die ersten WM-Tore Kloses beim 8:0 gegen Saudi-Arabien, weil ich in Alice Springs mit Andrew Langford, Australiens berühmtestem Didgeridoo-Spieler, essen war. Das 1:1 gegen Irland schaute ich mit England-Fans in einer Sports-Bar in Kings Cross in Sydney. Vorsichtshalber gab ich mich nicht zu erkennen und klatschte wohlwollend beim späten 1:1 der Iren. Fast die komplette Vorrunde ging in Australien drauf, in Hotelbars, Strandbars, Clubs, Kneipen. Ich weiß nicht mehr, wo ich Dänemark gegen Uruguay sah, aber an eins kann ich mich erinnern: An den Doppelpack von Jon Dahl Tomasson. Ein sympathischer, unaufdringlicher Spieler. Freundlich formuliert, war seine Spielweise ökonomisch, seine Laufwerte sicher nicht berühmt. Der Däne ging mit seinen Kräften sparsam um, ein Schleicher, der dann zur Stelle war, wenn er gebraucht wurde. Ich dachte mir, so einer würde doch perfekt nach Stuttgart passen. Viorel Ganea und Sean Dundee hießen damals die VfB-Stürmer, Ihr wisst, was ich meine?

2002 war in Deutschland von Euphorie keine Spur, die deutsche Elf mit Ausnahme von Ballack noch eine Ansammlung von Rumpelfüßlern, keine feinen Füßchen, keine Hipster wie heute. Auf dem Weg nach San Pellegrino zu einer Hochzeit sah ich in Konstanz das Viertelfinale Deutschland gegen die USA. Ich bin in eine Kneipe gestolpert und da war nichts los. Freitag Nachmittag, ein paar Unentwegte saßen an der Bar, an der Wand ein Bildschirm, kaum einer schaute hin, die glotzten mehr in ihr Bier. Keiner sprach und wenn, dann hörte es sich mehr nach einem Rülpsen an, die Stimmung war in etwa so wie das Spiel des deutschen Teams: durchschnittlich. Mein Vater würde sagen: Drei minus. Ich verhielt mich so, als ob ich im Stadion wäre, kommentierte viel und laut, sprang bei den unfassbaren Paraden Oliver Kahns immer wieder auf und nervte alle (inklusive meiner Partnerin).

Deutschland rumpelte sich ins Halbfinale, Dänemark war da bereits zu Hause, schied mit einem unsichtbaren Tomasson gegen England aus. Drei Jahre später spielte der Däne beim VfB. Nach anfänglich großem Hallo war seine Zeit in Stuttgart eher ein großes Missverständnis, wie im Achtelfinale gegen die Engländer blieb er beim VfB auch unauffällig: Wettbewerbsübergreifend 38 Spiele, 11 Tore, eine rote Karte. Nach eineinhalb Jahren verließ Tomasson Stuttgart in Richtung Villareal, ein gewisser Mario Gomez hatte ihn verdrängt.

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