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Unified by football

Ich habe es wirklich versucht. Ich wollte dieser EM in Deutschland eine faire Chance geben, nachdem mir die WM in Qatar wirklich komplett gleichgültig war. Ich habe mich auf Turnierspiele im frisch renovierten Stuttgarter Stadion gefreut. Ich war gespannt, ob Julian Nagelsmann für seine mutigen Nominierungen mit Erfolg belohnt werden wird. Und natürlich wollte ich unsere VfB-Spieler Mittelstädt, Anton, Führich und Undav im deutschen Trikot gewinnen sehen. Ich wollte mich wirklich für dieses Turnier begeistern und nach jedem Spieltag die hervorragenden Rasenfunk-Sendungen hören, die Max direkt nach Abpfiff im Stadion aufnimmt.

Nichts davon hat funktioniert. Oder zumindest nicht lange. Denn nach dem kurzen Hype nach dem Eröffnungsspiel begann mich diese EM kolossal zu nerven: Die immer gleiche Fahnennummer vor Anpfiff, die oftmals schlechten Spiele, die jede Entscheidung abnickenden Schiedsrichter-Experten der übertragenden Sender, die herumschreienden Kommentatoren und die ewig gleichen Co-Kommentatoren. Sogar das Stadionerlebnis nervte mich, was aber vermutlich auch daran lag, dass das Spiel zwischen der Ukraine und Belgien eines der schlechtesten war, das ich seit langem gesehen habe. Mich nervte auch das ganze Gehabe der UEFA, die große Teile der Ausrichterstädte vereinnahmt, sich die Taschen vollmacht und die tausenden Volunteers mit lätschigen Sandwiches im wahrsten Sinne des Wortes abspeist.

Aber natürlich hat die Europameisterschaft auch positive Folgen für Stuttgart. Die gute Laune der zigtausend Dänen, die Invasion der Tartan Army und vor allem der Soccer-Court, der aktuell vor dem Rathaus auf dem Marktplatz steht. Sattes Kunstrasen-Grün, 22 x 13 Meter groß, mit Bande und Netz ringsherum.

Exakt dort fand am vergangenen Samstag der Jubiläums-Cup der Diakonie Stetten statt. Denn die Einrichtung für Menschen mit Behinderung und ihre Familien, junge Menschen mit Förderbedarf, Kinder und Jugendliche, ältere und pflegebedürftige Menschen sowie Menschen mit psychischen Erkrankungen mit Heimat im Remstal ist sogar noch älter als der VfB Stuttgart und feiert in diesem Jahr 175-jähriges Jubiläum. Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle!

Bereits seit 2022 gibt es in Kooperation mit der SG Weinstadt ein Unified Fußball Team, also eine Mannschaft, in der einfach gesagt Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Fußball spielen. Sogar eine offizielle Unified-Liga unter dem Dach des WFV hat sich mittlerweile etabliert, deren Teilnehmer auch am Turnier am Samstag teilnahmen. Dazu schickte u.a. auch der VfB Stuttgart, der mit seiner Fußballschule Mitorganisator war, zum allerersten Mal ein Unified Team an den Start.

Gespielt wurde in zwei Gruppen á vier Teams und nach einer Mittagspause inklusive einem Einlagespiel der Blindenfußballer des MTV Stuttgart ging es in die Halbfinals bzw. Platzierungsspiele.

Natürlich möchten auch bei einem Unified Turnier alle gewinnen, ob mit Handicap oder ohne. Aber viel wichtiger ist dennoch, dass alle eine gute Zeit und Spaß am Spiel haben. Und das klappt ein ums andere Mal ganz hervorragend, so auch auf dem Soccer Court am Marktplatz. Fußball mitten in der Stadt und für jeden zugänglich und auf dem Feld Menschen, die nicht unterschiedlicher hätten sein können, und trotzdem gemeinsam die Leidenschaft am Fußball teilten.

Nach einer dramatischen Finalrunde und spannenden Halbfinals siegte am Ende “TVN/FCE United“, das Unified Team von TV Nellingen und FC Esslingen. Das Team, das für sein Engagement im April mit der neu geschaffenen Gerhard-Mayer-Vorfelder-Medaille geehrt wurde.

Gewinner waren am Ende aber natürlich alle, die auf und neben dem Feld gestanden hatten. Denn es war einfach schön, die integrative Kraft des Fußballs zu erleben, statt sich über gebrochene Versprechen, nicht mehr vermittelbare Handspielregeln oder den Turbo-Kommerz des Profifußball aufzuregen. Der wahre Fußball findet nach wie vor auf den Sportplätzen statt oder gelegentlich auch mal auf dem Stuttgarter Marktplatz. Und bei allem Ärger über den durchkommerzialisierten Profifußball kann man den Ultras nur Recht geben: “Der Fußball wird leben. Euer Business ist krank.”

Apropos Ultras: Schon am kommenden Samstag gibt es die nächste tolle Unified-Veranstaltung! Im Robert Schlienz-Stadion wird es insgesamt drei Spiele à 30 Minuten geben. Auf dem Feld: Sportler der PFIFF-Landesauswahl der Fußballer mit mentaler Beeinträchtigung und VfB-Fans aus der Cannstatter Kurve. Wir sehen uns!

Transparenzhinweis: Der Autor dieses Textes landete mit seinem Team am Ende auf Platz 6, machte in ca. 25 Minuten Spielzeit nur einen größeren Fehler, und wartet jetzt auf ein Angebot aus Dortmund für den Süle-Posten.


Bilder: Diakonie Stetten/Dennis Kupfer


In den letzten zehn Jahren gab es gute und schlechte Zeiten. Das haben wir anläßlich unseres zehnjährigen Blogiläums in einem Magazin zusammen gefasst. Wir würden uns freuen, wenn ihr unser 68 Seiten starkes Vertikalmagazin bestellt und uns damit unterstützt.

 

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4 Kommentare

  1. Konny sagt

    Endlich spricht mal jemand aus, was ich auch fühle und mich anhand des Euro Hypes schon fast nicht mehr getraut habe zu sagen…

    Die Euro hat mich gelangweilt. Natürlich auch weil ich mich zuvor so sehr über die Nominierungen der VFB Spieler, die dann plötzlich keine mehr waren oder erst gar nicht gespielt haben, gefreut und dann echt geärgert habe.

    Diese schrecklich PK von Führich / Undav (der wohl nur als Klassenclown mitgenommen wurde) oder die oberpeinliche Influenzinerin Mittelstädt, die erstmal den Ruhrpott disst und auch sonst nicht sehr gut die VFB Fans vertritt und endlich froh über Urlaub ist… der Anton, der bald auch auf der BVB Bank sitzt und einen extrem peinlich Auftritt mit Kollega Führich im DFB Taxi hatte. Selbst Undav war mir mit seinen vielen Kamers Showdowns zu nervig.

    War mir alles too much – ich war nach der überragenden Darbietung vom VfB von den DFB Spielen eher gelangweilt / enttäuscht… hat mich nicht mitgenommen.

    Das beste Spiel für mich seit langem: unser VfB gegen Hollenbach.

  2. Konrad sagt

    @buzze
    @abiszet
    Könnt Ihr mir bitte erklären, was genau ist, wenn Serhou nicht von DO genommen wird. Das scheint ja doch eine größere Verletzung zu sein. Theoretisch gekündigt hat er ja 🤔

    • @abiszet sagt

      Es scheint keine größere Verletzung zu sein (kommt zumindest so rüber, wenn man die Berichte dazu liest), sie beeinträchtigt ihn in den ersten Wochen der Saison. Der Vertrag geht über vier Jahre, da ist dieser Zeitraum “eigentlich” unerheblich. Sollte der Transfer nicht zustande kommen mit Dortmund (weil doch strukturelle Verletzung oder der BVB keine 2,5 Monate auf ihn warten will), dann wird ein anderer Verein kommen. Guirassy hatte deutlich gemacht, den VfB auf alle Fälle zu verlassen. Die Ausstiegsklausel wird konkret gezogen, wenn einer kommt und sie für SG zahlt. Genau dann endet das Arbeitsverhältnis nach meinem Verständnis.

      • Konrad sagt

        Ah ok vielen Dank, meinst Du, dass trotzdem jemand die Klausel zieht und dafür halt möglicherweise das Handgeld kleiner wird 🤔 wie auch immer, ein guter Start ist es nicht…

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