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Der neue und der alte VfB

„Der lupft gerne“, das sagte mein Vater oft. Weniger im Fußballumfeld, er meinte eher jemand, der stark am Glas war. Tanguy Coulibaly lupft auch gerne, ich denke, nur auf dem Spielfeld. Kurz vor dem Halbzeitpfiff hatte er nach einer sasa-tyischen Ablage von Kalajdzic die Chance zum 2:1. Er lupfte, Timo Horn brachte die Fingerspitzen dran und nix war es mit der Pausenführung. Da hätte ich mir den verschmitzten Matteo Klimowicz gewünscht: Der hätte den Ball am Keeper vorbei gelegt und locker eingeschoben. Das Spiel wäre ganz anders gelaufen.

Ganz anders gelaufen wäre das Spiel auch, wenn Daniel Didavis Freistoss von der Latte ins Tor und nicht ins Feld gegangen wäre. Didavi hält sich ja für einen begnadeten Freistossschützen und das ist die einzige Parallele zu Cristiano Ronaldo: Auch der meint, jeden Freistoss verwandeln zu können und versucht es immer wieder, mit immer weniger Erfolg. Statt 2:0 nach 2 Minuten stand es 1:1 nach 22 Minuten. Ein saublöder Elfer und ein verletzter Marc-Oliver Kempf brachten Köln ins Spiel und den VfB aus dem Tritt. Coulibaly hätte den VfB zurück in die Spur bringen können, wenn er nicht gelupft hätte.

Ganz anders gelaufen wäre das Spiel noch vor gar nicht so langer Zeit. Da hätte der VfB in der zweiten Halbzeit den Rückstand kassiert und verloren. Der VfB hätte wieder den Aufbaugegner gegeben, so etwas wie eine Trademark der Stuttgarter. Warum blieb Köln auch im 15. Spiel ohne Sieg? Weil Gregor Kobel gegen Sebastian Andersson in der 53. Minute rettete und der VfB sich ins Spiel zurück kämpfte. Die Spieler wussten, dass das heute nicht ihr bester Tag ist, aber das war kein Grund, weniger zu laufen, weniger dagegen zu halten. Die Leistung war nicht berauschend, auch wenn zwischendrin immer wieder die Spielfreude zu sehen war und der Wille, zu kombinieren und schnell zu spielen. Das Blitztor von Orel Mangala zum Beispiel, dem eine wunderbare und geradlinige Kombination von Karazor über Castro, Didavi und Kalajdzic vorausging. Oder der Lupfer von Coulibaly: bei schnellem und direktem Spiel waren die Kölner überfordert. Ebenso beim Pfostentreffer von Nicolas Gonzalez, den der lebhafte, aber meist hektische Darko Churlikov mit vorbereitete. Da macht es Spaß zuzusehen, denn es ist eine Lust am Spielen und Kombinieren zu sehen und Mut. Mut, den direkten Weg zu gehen. Mut, auch einmal Fehler zu machen, im Wissen, dass diese Fehler dann gemeinsam behoben werden können. Und schließlich hat der VfB auch Wataru Endo, der jedes Loch zuläuft. Ganz alleine.

Dass gegen Köln nach dem 1:1 wenig klappte, macht nichts. Denn wenn beim VfB in der Vergangenheit wenig klappte, verlor er und als Ausrede hätte man genommen „das Spiel wäre ganz anders gelaufen, wenn …“. So blieb immerhin ein Punkt in Stuttgart, denn jeder Punkt ist wichtig im Kampf um den Klassenerhalt. Spannend wird es auf Schalke, die Knappen warten seit über zehn Monaten auf einen Sieg. Dem alten VfB würde man ohne weiteres zutrauen, zu verlieren. Eine ganz leichte Übung für den alten VfB. Beim neuen VfB allerdings muss man nicht unbedingt mit einem Spannungsabfall rechnen, wobei es noch zu früh ist, von einem neuen VfB zu sprechen. Skepsis ist angebracht, sechs Spiele inklusive Pokal sind nicht viel mehr als eine Momentaufnahme. Aber die Tendenz ist vielversprechend. Das ist keine Mannschaft, die schulterzuckend einen Rückstand hinnimmt. Kein Team, das Dienst nach Vorschrift macht, das sich kampflos ergibt und schon auf dem Spielfeld nach Ausreden sucht. Schon klar, wir alle wünschen uns in erster Linie, dass es einen neuen VfB gibt. Aber es scheint so, als ob alle beim VfB den berühmten nächsten Schritt gemacht haben. Manager, Trainer, Spieler. Das Ganze stabil zu halten, auch bei Rückschlägen, das wird die Kunst sein.

Ihr könnt’ übrigens sagen, ich bin Schuld am Remis gegen Köln. Die letzten Siege des VfB habe ich immer verpasst, irgendwas war immer, gelupft habe ich auf diversen (Famillien-)Festen. 2010 beim 1:5 mit vier Toren von Cacau. 2017 beim 2:1 mit der Last-Minute-Explosion, ausgelöst durch Chadrac Akolo. 2018 beim 2:3 in Köln mit den Slapstick-Toren von Mario Gomez und dem wohl einzigen Treffer, den Andi Beck je in seiner Karriere erzielte. Beim Spiel am Freitag schaltete ich in der 25. Minute den Fernseher an …

Zum Weiterlesen:
Unser vertikalGIF: „Köln, Kampf, Kempf“

Rey fragt auf Stuttgart.International:
„Wie enttäuscht dürfen wir nach dem 1:1 gegen Köln sein?“

Christoph Ruf in der Süddeutschen Zeitung:
„Eine gewisse Labilität ist eben das Privileg der Jugend.“

Bei effzeh.com: „Das leichte Lächeln des Keepers“

Foto:
THOMAS KIENZLE/AFP via Getty Images

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6 Kommentare

  1. Motzbackenbruddler sagt

    Gegen Köln muss man aktuell nicht nicht gewinnen, aber ich kann mit dem Punkt leben. Mich ärgert dagegen immer noch die knappe Auftaktniederkage gegen Freiburg – dort wäre auch ein Punkt drin gewesen. Ich hoffe einfach, dass das nicht am Ende dieser eine fehlende Punkt ist, der uns zum Klassenerhalt fehlt. Weil dann hätte man doch gegen Köln gewinnen müssen…

  2. drhuey sagt

    Sehkraft, Pragmatismus und Bescheidenheit. Wenn man die Erfolgskomponenten des neuen VfB beschreiben möchte, so haben diese drei Begriffe eine zentrale Bedeutung. Das vielzitierte Diamantenauge hat uns Spieler beschert, die in Teilen eine grosse Karriere vor sich haben können. Der Trainer ist mit einem so heilvollen Pragmatismus ausgestattet und kann diese Spieler wirklich besser machen offensichtlich. Und dann haben wir noch einen VV, der sich die Skills einer solchen Funktion on the fly aneignet und dabei eine so gesunde Bescheidenheit vorlebt, die kulturprägend ist. Hier hat eine Reinigung von toxischen Persönlichkeiten stattgefunden, dass die Vereinsfarben wieder heller strahlen lassen. Insofern können wir nach fünf Spieltagen zurecht von einem neuen VfB sprechen. Da läuft soviel in die richtige Richtung nach diesen vielen schmerzhaften Jahren, dass es wieder richtig Spass macht. Nicht auszudenken was ein volles Stadion mit dieser Truppe anstellen würde.

  3. Cubbie sagt

    Überragender Text von abiszet und grandioser Kommentar von drhuey!
    Der (hoffentlich nachhaltig) neue VfB macht wieder Spaß und schafft endlich wieder so etwas wie Identifikation mit vielen Spielern und den Akteuren neben dem Spielfeld.
    Noch etwa 30 Punkte bis Klassenerhalt…

  4. Frank Schuler sagt

    Leidenschaft und Teamspirit stimmen mich zuversichtlich für die Zukunft. Man kann ohne abzuheben optimistch in die Zukunft schauen. Auf junge, hungrige Spieler zu setzen ist absolut der richtige Weg

  5. Fritzo62 sagt

    Korrekter Artikel und korrekte Kommentare. VfB wird momentan nicht besser, aber der Einsatz ist top. Alter VfB meint die Schlampigkeiten, die wieder unübersehbar werden, aber auch die Unruhe die der Datenskandal in den Verein trägt. Hitz und Vogt haben jetzt die Chance aufzuräumen und vor allem den Daimlereinfluss nachhaltig zurückzudrängen – 1 Bobic als Opfer dieses Sumpfs reicht auf Dekaden. Zurück zur Mannschaft bzw. Trainer: ein bisschen mehr Risiko, mal nicht 1 Punkt sichern, sondern auch mal auf Sieg gehen.

  6. Es macht wieder Freude, der Mannschaft beim spielen zuzuschauen. Nach einem Rückstand habe ich endlich wieder das Gefühl, egal die packen das noch. Lasst den Trainer und die Mannschaft, auch nach einer Niederlage, in Ruhe arbeiten. Dann haben wir in Zukunft viel Freude, wenn es keinen Ausverkauf gibt.

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