„Wir standen schon ein wenig unter Druck.“ Ein typischer Wohlgemuth. Trocken, leicht untertrieben, unaufgeregt, gesagt nach dem zähen 2:0 in Paderborn. Aber es steckte unübersehbar das Wort „Fehlstart“ in diesem Satz, natürlich auch „Unruhe“, ob der Sport-Vorstand den Begriff „schwieriges Umfeld“ kennt?
Unter Druck standen der Club und die ganze Mannschaft, aber einer ganz besonders: Dennis Seimen.
Denn auf ihm lagen enorme Erwartungen. Der erste NLZ-Spieler seit langem, dem ein Stamplatz zugetraut wird. Im Tor der erste seit Sven Ulreich … und Bernd Leno. Sein Bundesliga-Debüt ausgerechnet in Paderborn, wo er in der letzten Saison so tiefe Spuren hinterließ, dass ihn die gegnerischen Fans feierten. In einem wegweisenden Spiel, in dem der VfB richtig in die Saison starten wollte und die enttäuschenden Ergebnisse der letzten Wochen vergessen machen wollte.
Für Seimen ging es dabei um mehr als drei Punkte. Er wollte zeigen, dass er die Nummer eins sein kann. Bei dem Club, dem er seit der U12 angehört. Jahre der Ausbildung, unzählige Trainingseinheiten, Rückschläge, Hoffnungen und nun geht der Traum in Erfüllung: endlich Bundesliga. Nur eben nicht in einem beliebigen Spiel, sondern in einem, in dem der VfB dringend einen Sieg brauchte. Dass er nervös war, gab Seimen nach Abpfiff mit feuchten Augen selbst zu. Wer wollte es ihm verdenken?
Man muss es so sagen, er hat Glück gehabt.
Die ein, zwei Unsauberkeiten im Spielaufbau hätten durchaus zu einem Gegentor führen können. Dann war da der Ball nach einer Ecke, den er unbeholfen und tapsig wegklatschte. Schließlich die Slapstick-Szene in der 82. Minute, als er durch den Strafraum irrte, bis er den Ball unter sich begrub. Wäre das schief gegangen, wären vielleicht auch Tränen nach Spielende geflossen, aber solche der Wut und Enttäuschung.
Ein junger Torwart bekommt nicht jeden Tag die Gelegenheit, sich auf dieser Bühne zu zeigen. Umso wichtiger ist es, solche Situationen unbeschadet zu überstehen. Gerade am Anfang einer Bundesligakarriere kann ein unglücklicher Moment lange nachwirken. Da braucht es Glück, ein Ergebnis, das für einen spricht, und möglichst wenig Raum für Diskussionen und schon gar keine Zweifel. Sonst kann es ganz schnell zu Ende sein.
Man muss es so sagen, er hat es richtig gut gemacht.
Er strahlte durchaus Ruhe und (Selbst)Sicherheit aus. Blieb stabil, als Raphael Obermair alleine auf ihn zukam, wehrte einen tückischen Aufsetzer von Santiago Casteneda souverän zur Seite ab. Mit diesen Aktionen holte er sich Selbstvertrauen, er merkte, dass er der Situation gewachsen ist. Aus Nervosität wurde Überzeugung und Seimen wusste: Ich kann das. Ich bin hier richtig. Ich gehöre hier hin.
Natürlich war nicht alles souverän. Natürlich hatte Seimen Glück und natürlich wird aus einem Bundesliga-Debüt noch keine Karriere. Ob aus Seimen wirklich einmal die Nummer eins wird, muss sich erst zeigen. Aber der VfB hat an diesem Nachmittag nicht nur einen jungen Torwart ins Bundesliga-Tor gestellt. Er hat einem seiner eigenen Jungs die Chance gegeben, seine ganz eigene Geschichte in weiss und rot zu schreiben. Das ist, bei aller berechtigten Skepsis am Fußball-Business, tatsächlich etwas zum Verlieben.
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Bild: Selim Sudheimer/Getty Images

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