Lag es an der Hereinnahme von Atakan Karazor oder an der mangelnden Qualität der Paderborner, dass der VfB zu Null spielte? Oder war es einfach nur Glück, wie in der Slapstick-Szene in der 82. Minute, als Paderborn mehrfach den Ausgelich verballerte? Dass der VfB gegen den Aufsteiger ab der 55. Minute seine Souveränität verlor, ist jedenfalls kein gutes Zeichen für die kommenden englischen Wochen.
Außer Chris Führich waren ziemlich viele VfB-Spieler ziemlich fahrig. Vom Keeper Dennis Seimen angefangen, dem man die Nervosität bei seinem Bundesliga-Debüt deutlich anmerkte, über Ramon Hendriks, der manchmal wie aufgescheut herum lief bis zu Jamie Leweling, der zuverlässig die falsche Entscheidung traf. So entstand ein Spiel, das eher an Flipper als an Bundesliga erinnerte. Viele Ballverluste, Angriffe, die auf beiden Seiten nicht richtig ausgespielt wurden, Fehler im Aufbau und im Übergang, Fahrlässigkeit bei der Nutzung von Chancen. Auffällig, dass der VfB in vielen Statistiken Paderborn den Vortritt lassen muss. Und das in eigentlichen VfB-Kernkompetenzen, wie zum Beispiel Ballbesitz, Anzahl der Pässe und Passquote, laut Sky hatte der Aufsteiger sogar einen höheren xG-Wert als der VfB.
Letztlich entschied das Spiel die individuelle Qualität. Die Flanke von Angelo Stiller vor dem 0:1-Führung: genial. Der Abschluss von Führich zum 0:2: fresh und fuliminant. Der (f)linke Außenspieler auch der beste Stuttgarter. Manchmal nahm er es auch mit drei oder vier Gegenspielern auf, ohne den Ball zu verlieren. Würde man einen Film über ihn drehen, so würde er “Fast and führichios“ heißen.

Chris Führich agierte in Paderborn alles andere als Undercover. Was er mit seinen Dribblings mit seinen Gegenspielern machte, waren fast illegale Straßenrennen.
Mit seinen Dribblings sorgte er für deutlich mehr Gefahr als sein Pendant auf der anderen Seite. Der allerdings Pech bei einem Pfostenschuss hatte und bei einigen Umschaltsituationen deutlich zu wenig daraus machte. „Wir haben geschossen, wenn wir hätten passen müssen“, kritisierte Sebastian Hoeneß nach dem Spiel. „Und wir haben gepasst, wenn wir konsequent den Abschluss hätten suchen müssen.“ Damit meinte er nicht nur Leweling. Dazu kamen viele Ungenauigkeiten im Spiel nach vorne. Ein zu lommeliger Pass, ein falscher Laufweg, ein Zuspiel auf die falsche Seite.
Welche Erkenntnisse konnte der Chefcoach gewinnen?
Dass der VfB immer noch nicht so richtig in der Saison drin ist.
Dass das von ihm geforderte Game-Management noch nicht funktioniert. Dass sich seine Spieler so lange so tief hinten reindrängen ließen, ohne konsequent nach vorne zu verteidigen, ohne Zeichen zu setzen, dürfte ihm nicht gefallen haben.
Dass Karazor dem Mittelfeld mehr Stabilität verlieh, er lief in Räume, in denen kurze Zeit später der Ball auftauchte.
Dass Deniz Undav als hängende Spitze zwar viele Bälle schön verteilte und seinen Mitspielern viele Chancen ermöglichte, er aber auf der Position eventuell verschenkt ist.
Dass der VfB im Kader womöglich zu wenig Linksfüßer in der Abwehr hat. Jeff Chabot und Maxi Mittelstädt werden gegen Bratislava ausfallen. Bleibt nur noch Hendriks, der zwar vieles kann, aber noch nicht auf zwei Positionen gleichzeitig spielen.
Wirklich hängen bleiben von dem Auswärtssieg in Paderborn wird die rührselige Geschichte von Dennis Seimen:
Von der U12 in die Bundesliga. Das Debüt in dem Stadion, in dem er letzte Saison überragende Leistungen gezeigt und den Aufstieg des FCP ermöglicht hat. Von den eigenen UND den gegnerischen Fans gefeiert, von Mitspielern und dem ganzen Stuff geherzt. Seimens Traum ging in Erfüllung und wir sahen, wie ihn das beschäftigte. Im Spiel, aber vor allem danach.
Wie stabil er performen kann, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.
Bild:
Christof Koepsel/Getty Images
KI/vp

Werbefuzzi, Blogger, Autor der VfB Stuttgart Fußballfibel, eintätowierter Brustring, Kessler-Ultra

