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Fühlt sich wie fliegen an

Wir sind doch schon Fussball-Nerds geworden, können kein Spiel mehr genießen und reden nur noch Taktik-Deutsch: Verschieben, fluide Außenspieler, ball-orientiertes Zustellen, mit Überlagerungen überraschen, abkippende Sechser. Alles Bullshit(-Bingo)!     

Die deutschen Spiele gegen Ghana und Algerien waren ganz furchtbar, sagen viele Fans. Ein taktischer und spielerischer Offenbarungseid, doch nicht gegen diese Gegner, sagen viele Fachleute. Und wahrscheinlich sagt das Jogi seinen Jungs auch in der Nachbesprechung. Aber dann hätten wir einiges verpasst: Manu, den Libero ebenso wie den blutenden Müller, den krampfenden Schweinsteiger, den irrlichternden Lahm und den schimpfenden Mertesacker. Torchancen, Stellungs- und Stockfehler und Fehlpässe übertrafen sich gegenseitig. Sollten wir uns fragen, ob so guter Fußball aussieht? Nö, denn es war einfach großartig und vor allem war es erfolgreich!

Wir neigen dazu, die Spiele zu überanalysieren und zu sezieren wie die forensische Anthropologin Temperance Brennan in der US-Fernsehserie „Bones“. Das ist kalt und gefühllos und vernachlässigt den zentralen Faktor des Fussballs: die Emotionalität. Natürlich werden Spiele von den Trainerteams kühl durchkalkuliert, werden Matchpläne und Laufwege erarbeitet. Aber wirklich faszinierend wird es doch, wenn Anarchie das Spiel dominiert. Das macht den Fussball so groß: Er ist unkalkulierbar und lässt bei allen Beteiligten die Maske fallen.

Anstatt dessen werden wir mit Pass-Statistiken, Heat-Maps und gelaufenen Kilometern konfrontiert, in dem verzweifelten Versuch, das Spiel erklärbar zu machen. Auch Jogi Löw bedient sich dieser Hilfsmittel und möchte im Vorfeld alles durchdacht haben. Die Idee, mit vier Innenverteidigern in der Abwehr zu spielen, ist so entstanden. Die Idee, ohne klassischen Stürmer zu spielen, wurde am Taktiktisch entwickelt. Die Idee, ohne echte Außenspieler zu agieren, entstammt ebenso der grauen Theorie. Doch nach dem Anpfiff übernimmt die Zügellosigkeit des Spiels die Führung – und Löw sollte und muß darauf besser reagieren. Er muss sich auf das Spiel einlassen, uneinsichtig an einem Plan festzuhalten, wird bei dieser WM nicht funktionieren.

Auch wir Zuschauer sollten uns dem Spiel hingeben, ein wildes und improvisiertes 2:1 sollte uns lieber sein als ein durchkomponiertes 1:0. Wenn deutsche Spiele mitreißend und bewegend sind – und das waren die Spiele gegen Ghana und Algerien – dann sollten wir danach nicht die Fehler in den Vordergrund stellen, sondern die Freude. Versprochen: Das fühlt sich fast wie fliegen an.

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