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Gefühle, die wo man schwer beschreiben kann

Wir kennen das: Wenn ein hoher Funktionsträger über Facebook völlig überraschend und unter nebulösen Andeutungen seinen Rücktritt bekannt gibt und der Club noch nichts davon weiß. Ist dem VfB so gegangen mit dem Ex-Präsidenten Wolfgang Dietrich. Und wiederholte sich nun offensichtlich bei Jürgen Klinsmanns Abtritt als Trainer bei Hertha BSC. Der kommt wie bei Dietrich so überraschend, dass sich die meisten nicht sicher waren, ob nicht doch jemand Klinsmanns Account gehackt habe oder ob es sich um eine clevere Marketing-Kampagne für die Zwei-Faktor-Authentifizierung handele.

Kein guter Stil, meint 11Freunde. In Berlin ist man sauer:

Mir tut das Ganze weh. Jürgen Klinsmann war ein phantastischer Fußballspieler beim VfB Stuttgart. Remember Fallrückzieher Bayern, Rückennummer drei. Aber natürlich war da viel mehr als diese ikonische Szene. Klinsmann war das sympathische Aushängeschild für den VfB, ein Symbol für Tempo, Leidenschaft und Siegeswillen. Er war auch mein Vorbild in Kleidungsfragen, damit ich auch endlich so sunnboyhaft rüber komme wie er. Gelungen ist mir das selbstredend nicht. Aber Klinsmann hat mich mit seinen Auftritten für den VfB mitgerissen. Das lag nicht an seinem Laufstil („Galopper des Jahres“), es war seine Ausstrahlung: Diese Lebensfreude, dieser Begeisterung für das Spiel und für den VfB Stuttgart konnte ich mich nicht entziehen. Und bei aller Lockerheit zeichnete ihn eine extreme Zielstrebigkeit aus.

Das UEFA-Cup-Finale gegen den SSC Neapel ist noch so ein Highlight, das untrennbar mit den Namen Klinsmann verbunden ist. Später dann „The Diver“ (Tottenham) oder „Die Tonne“ (Bayern München). Überall hat Klinsmann Spuren hinterlassen. Beim DFB beeindruckte mich sein Veränderungs- und Gestaltungswillen, mit vielen (am Anfang unorthodox wirkenden) Maßnahmen legte er dort den Grundstein für den WM-Titel 2014.

In der jüngsten Vergangenheit war er dann als Vorstandsvorsitzender beim VfB im Gespräch, wurde stattdessen aber erst Aufsichtsrat und dann Trainer in Berlin. Lizenz in Kalifornien verlegt, mit großspurigen Aussagen wie „Big City-Club“ und „spannendstes Fußball-Projekt Europas“ sowie allerlei dick aufgetragenen Funktionsbezeichnungen für sein Trainer-Team („Arne Friedrich, der Performance-Manager“) hat er den Bogen deutlich überspannt. Das führte bis an den Rand der Lächerlichkeit, was kein Thema ist, wenn der Tabellenplatz stimmt, wenn sich die Mannschaft spürbar entwickelt hätte. Nur: Der sportliche Erfolg ließ leider auf sich warten.

Nachdem er sich einfach vom Acker gemacht hat, wird ein Kübel aus Häme über ihm ausgeladen. Mir tut das weh und ich frage mich: Ist Klinsmann dabei gut beraten gewesen? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich Klinsmann größer empfindet als Hertha. Big Klinsi Club statt Big City Club sozusagen. Wo wäre das Problem gewesen, erst einmal als Trainer weiter zu machen, um zu einem späteren Zeitpunkt – sportlichen Erfolg vorausgesetzt – über Dinge wie Vertragsverlängerung und Erhöhung der Kompetenzen zu verhandeln. Anstatt dessen lauten die etwas larmoyanten Abschiedsworte, dass er sein „Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen“ und seiner „Verantwortung somit auch nicht gerecht werden kann“. Die ganze Affäre beschädigt den Sportsmann Klinsmann nachhaltig. „Öffentliches Nachtreten, eine katastrophale Kommunikation – Klinsmanns Rückzug ist ein PR-Desaster für die Hertha. Klinsmann hat sich mit diesem Abgang selbst geschadet, genauso wie den Klubbossen und dem Verein als Ganzes“, schreibt DER SPIEGEL. Es wird überdies spannend werden, wie er in dieser Atmosphäre seinen Aufsichtsratsposten bei der Hertha noch ausüben kann.

Was bleibt also? Es wurde viel Geld umgesetzt und viele Leute haben davon profitiert. Allein 80 Millionen, die in Neuzugänge investiert wurden, von denen einige den Trainer, der sie wollte, nie sehen werden. Auf der anderen Seite wurden arrivierte Spieler wie Kalou oder Ibisevic komplett kalt gestellt, Talente wie Arne Maier vergrätzt und verdiente Mitglieder des Trainerstabs kurzerhand ausgetauscht. Die eigentlich Leidtragenden sind aber mal wieder die Fans, die tatenlos beobachten mussten, wie die Hertha in Rekordzeit am HSV und dem VfB in der Peinlichkeitstabelle vorbeizog. Was bleibt, ist auch die Erkenntnis, dass man sich gründlich überlegen sollte, ob man man eine einzige Person in einem Club mit so großer Macht ausstattet.

Bei mir hingegen bleiben meine Erinnerungen an „meinen Klinsi“.
Remember Fallrückzieher Bayern. Aber nicht nur.

(Photo by Simon Bruty/Allsport/Getty Images)

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10 Kommentare

  1. drhuey sagt

    Der Klinsi … es war wohl in den frühen Achzigern als ich nach Winterbach ins Sportgeschäft von Jürgen Schwab gepilgert war. Da sass er unter bis unter die Decke gestapelten Sportschuhkartons und schrieb Autogramme. Das war lange bevor Jürgen Schwab diversifizierte. Klinsi transportierte diese Leichtigkeit wie kein anderer und war im Verfolgen seiner Ziele doch stets sehr hartnäckig. Er hat vielen mit seinem Fallrückzieher ausgerechnet gegen die Bayern einen nie zuvor erlebten Gefühlsausbruch beschert. Doch als ich erfuhr, dass er schon länger italienisch lernte und wohl andere Pläne als lebenslang beim VfB zu bleiben hatte, bekam mein Bild erste Risse. Wie konnte er es nur wagen seine begrenzte Fussballerzeit zu optimieren ? Aber Klinsi war ganz schnell wieder auf dem Thron im Fussballidol-Land. WM in Italien 1990 nach der Spuckattacke von Rijkaard und dem Platzverweis von Völler ist er für zwei gerannt und hat den Sieg mit einem Tor eingeleitet. Seine Wechsel nach Monaco (keine Besteuerung) und nach England (Fussballer bezahlten eine 6%ige Künstlersteuer damals) deuteten auch damals schon eine ausgeprägten Nase fürs Geschäft an. Ich brauche nicht weiter ausführen was im persönlichen Ranking passiert, wenn ein Ex-VfB-Spieler zu den Bayern geht. Er war schon immer egozentrisch und seine analytischen Fähigkeiten waren, wenn es nicht um seine eigene finanzielle Situation ging, schon immer begrenzt. Ein Nationaltrainer Klinsmann ohne Löws ausgezeichnete Fähigkeiten wäre undenkbar, und, spätestens wenn Klinsmann als Kommentator ein Spiel analysiert, ist es Zeit den Kaltgetränkbestand zu checken, um dem Plattitüdenfestival zu entkommen. Das ist nicht seine Sache und wird es auch nicht mehr. Insofern muss man bei Klinsmann auch immer einen umfangreichen Stab dazukaufen, möchte man die Kompetenz, die heute notwendig ist einen Fussballclub sportlich professionell zu führen. Für ihn persönlich hat das entscheidende Vorteile, denn er kann sich so immer aus der direkten Schusslinie nehmen. So war wohl seine Strategie auch bei Hertha ausgelegt. Leider sitzt Klinsmann hierbei einem Denkfehler auf. Auch beim englischen Modell mit hoher Machtkonzentration in einer Hand, ist es notwendig die Arbeit der untergebenen Fachleute beurteilen zu können. Man kann den Leuten, die diese Machtfülle für Klinsmann beim VfB verhindert haben, nur gratulieren. Leider steht Klinsmann seine eigene Selbstüberschätzung im Weg und es wäre wohl besser Hertha würde das faule Ei gänzlich entfernen. Ein Klub, der um den Klassenverbleib kämpft benötigt kompetente Mitstreiter, die das Ziel ins Zentrum ihres Handels stellen und nicht sich selbst.

    • @abiszet sagt

      „Klinsi transportierte diese Leichtigkeit wie kein anderer und war im Verfolgen seiner Ziele doch stets sehr hartnäckig.“ 😀

  2. Franzi May sagt

    „Klinsmann war das sympathische Aushängeschild für den VfB, ein Symbol für Tempo, Leidenschaft und Siegeswillen.“

    Ja, das war er mal, aber heut ist nicht mehr einst, und dieser Beschreibung entspricht er schon lange nicht mehr. Deshalb kann ich auch nicht in diese romantisierend-nostalgische Rückschau einstimmen.

    Klinsmann ist sehr „amerikanisch“ geworden mit seinen illusionären Visionen und Versprechungen, die er als Trainer in keinem seiner Jobs voll erfüllen konnte. In Bayern gescheitert, mit dem US-Team gescheitert, in Berlin gescheitert und rücksichtslos hingeschmissen, hat er sich nicht als überragender Trainer oder Mensch bewiesen.

    Amerikanisch wirkt er auch in seiner Selbstüberschätzung und den damit einhergehenden überhöhten Ansprüchen (unbedingter Führungsanspruch). Die Hertha hat diese Trainerwahl gleich in doppeltem Sinn teuer bezahlt. Der ganze Auftritt dort ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten.

    Kein Wunder, dass viele VfB Fans offen oder insgeheim aufatmen, dass Klinsmann unserem Verein vergangenen Herbst erspart geblieben ist. Als er für den Job als Vorstandsvorsitzender im Gespräch war, leckten wir Fans uns noch die Wunden, die uns ein anderer Champions League Visionär geschlagen hatte.

    Ach wie gut geht es uns doch mit unserem Hitz, der sich auch als „Boss“ im Gegensatz zu Klinsmann Bescheidenheit, Besonnenheit und jugendlichen Charme bewahrt hat.

    Unseren einstigen, mitreissenden „Klinsi“ gibt es schon lange nicht mehr.

  3. @abiszet sagt

    „Unseren einstigen, mitreissenden „Klinsi“ gibt es schon lange nicht mehr.“
    Vollkommen richtig und genau deshalb schaue ich ja „romantisierend“ zurück.

    „Ach wie gut geht es uns doch mit unserem Hitz, der sich auch als „Boss“ im Gegensatz zu Klinsmann Bescheidenheit, Besonnenheit und jugendlichen Charme bewahrt hat.“
    Genau! Es ist zu hoffen, dass es so bliebt.

  4. Peter Schäuble sagt

    Ich wiederhole mich gerne: dieser Blog ist allererste Sahne. Auch im „Fall klinsi“ alles auf den Punkt gebracht. Danke sehr, ihr lieben Leute !

  5. hulkster sagt

    Mich erschauderts bei dem Gedanken das die Gremien beim VFB seine Wünsche erhört hätten und man hätte Klinsi dann abschliessend noch zum Präsidenten gekürt.

  6. Die Überschrift „trifft“ es sehr gut, Klinsi war einer von uns.
    Ein Mann, der auch immer für Phantasie gesorgt hat(te).
    Einen Stich in meinem Herzen hat aber seine Ankündigung getan, er wäre schon immer Hertha-Mitglied, man wechselt statistisch gesehen Frauen öfter als Vereine, und er sei schon so lange Herthamitglied, was ist mit dem VfB?
    Diese respektlose und anstandslose Flucht in Berlin hat bei mir sein Image komplett in den Boden versinken lassen. Ich baue lieber an meinem Mario-Gomez-Denkmal weiter, der hat es verdient, auf das Podest gehoben zu werden!

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