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Ich weiß, was ich letzten Sommer getan habe.

Ich werde nie vergessen, wo ich am 8. Juli 1990 war, als Edgardo Codesal Méndez das WM-Finale in Rom abpfiff: In einer Kneipe in Gilching, denn meine wenig fußballverrückten Eltern hatten bei der Urlaubsplanung die Weltmeisterschaft nicht berücksichtigt und wir befanden uns auf der Rückreise aus dem Sommerurlaub, den wir am Balaton in Ungarn verbracht hatten. Ich weiß auch, wo ich am 30. Juni 1996 war, als Petr Kouba den harmlosen Kopfball von Oliver Bierhoff in Tor trudeln ließ: Angetrunken im heimischen Wohnzimmer mit einem Haufen noch stärker angetrunkener Austausch-Schüler aus Utah, die ihre temporäre Volljährigkeit in Deutschland ein letztes Mal genossen, bevor sie am nächsten Morgen völlig verkatert wieder Richtung Salt Lake City flogen.

Und natürlich weiß ich, wo ich am 13. Juli des vergangenen Jahres war, als André Schürrle von links flankte und Mario „Ausgerechnet“ Götze den Ball ins argentinische Tor spitzelte: In einem großen Wohnzimmer mit vielen Menschen, von denen ich nur die Hälfte kannte und Kindern, die in der Halbzeitpause im Regen barfuß draußen kickten und dabei auf Nacktschnecken traten.

Erstaunlicherweise kann ich mich aber auch daran erinnern, wo ich am 14. Juli 1991 war. Ich befand mich auf einer mehrtägigen Radtour auf dem Weser-Radweg von Rinteln nach Hannoversch Münden. Es ist wenig erstaunlich, dass meine Eltern bei ihrer Urlaubsplanung auch auf die Fußball-EM der Frauen keine Rücksicht nahmen. Und so sah ich das Finale gegen Norwegen nicht mal, sondern erfuhr aus dem Radio, dass Deutschlands Fußballdamen dank der Tore von Heidi Mohr und Silvia Neid zum zweiten Mal Europameisterin geworden waren. Beim ersten EM-Titel zwei Jahre zuvor gab es übrigens das berüchtigte Kaffeeservice als Prämie. Blümchendekor, 41 Teile insgesamt, Produktlinie „Mariposa“ von Villeroy & Boch. Bekommt man gebraucht übrigens immer noch.

 

Auch an einen weiteren großen Titel kann ich mich sehr gut erinnern: Am 30. September 2007 hatte ich in Berlin meinen zweiten Marathon absolviert und dabei von hinten anscheinend so viel Druck gemacht, dass Haile Gebrselassie mit einer neuen Weltrekordzeit ins Ziel kam. Anschließend lag ich in einer Ferienwohnung in Kreuzberg bewegungsunfähig auf der Couch, als die Brasilianerin Marta mit ihrem Elfmeter an Nadine Angerer scheiterte und Simone Laudehr in der 86. Minute das erlösende 2:0 erzielte. Ich wäre vor Freude aufgesprungen, wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre. Weltrekord, Weltmeister, welch ein Tag!

 

 

Zugegeben: Ich weiß nicht mehr, wo ich am 12. Oktober 2003 war, als Nia Künzer das Golden Goal zum ersten deutschen Damen-WM-Titel erzielte. Ich hatte gehofft, dies sei dem Austragungsort Carson City und der damit einhergehenden Zeitverschiebung geschuldet. Aber das ist leider auch keine Entschuldigung, denn das Spiel wurde um 10:00 Ortszeit angepfiffen. Hier in Deutschland fand das Finale also zur besten Sendezeit statt.

Dafür hatten wir zur Heim-WM 2011 in Deutschland sogar eine eigene App namens WM-Spickerin im Store und schrieben für jedes Spiel mit deutscher Beteiligung einen Live-Ticker, worauf wir auch heute noch sehr stolz sind. Nur der von uns als Killerfeature gedachte „Jubel-BH“ (mit und ohne Hupen) fand irgendwie nicht die gewünschte Resonanz. Hier ein schöner Verriss der Spielfeldschnitte mit einem vernichtendem Kommentar des jungen Heinz Kamke.

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Nach wie vor sensationell: Der von Timo gebaute „Bra-Flow“. Das stilsichere Design stammt von Klaus, der auch der Schöpfer des Titelbilds dieses Beitrags ist.

Wie man sieht, habe nicht nur ich, sondern auch mein Vertikalpass-Kollege abiszet ein Vorliebe für Frauenfußball, die sich aber zugegebenermaßen nur bei großen Turnieren Bahn bricht. Von Gero Bisanz über Tina Theune-Meyer bis Silvia Neid haben wir mitgefiebert, zahlreiche Titel gefeiert und wenige Enttäuschungen wie das Viertelfinal-Aus 2011 beweint – innerlich zumindest.

Aktuell wird in Kanada die beste Frauenfußballmannschaft der Welt ermittelt. Erstmals auf Kunstrasen und erstmals mit einem Feld von 24 Mannschaften. Die deutsche Nationalmannschaft hat das Auftaktspiel mehr als souverän gewonnen. Das 10:0 gegen die Damen von der Elfenbeinküste war so deutlich, dass man fast hätte denken können, die deutschen Herren spielen gegen Brasilien. Doch schon vor dieser Partie waren sie Mitfavorit auf den Weltmeistertitel.

Oli Fritsch schreibt bei Zeit online, dass der erhoffte Boom nach der WM 2011 ausblieb. Das mag stimmen, aber dennoch sieht man, dass sich der Frauenfußball dem der Männer angleicht: Vor Turbine Potsdam und dem 1. FFC Frankfurt stehen auf einmal zwei andere Teams: Der VfL Wolfsburg und der FC Bayern München. Das kommt einem irgendwie bekannt vor, oder? Und die besten Spielerinnen wechseln mittlerweile nicht mehr in schwedische Liga, sondern zu Paris St. Germain.

Aber wollen wir überhaupt, dass der Damenfußball so wird wie der der Herren? Natürlich sei es den Damen gegönnt, genau soviel zu verdienen wie ihre männlichen Kollegen, aber es wäre schade, wenn ihr Sport dadurch die Natürlichkeit und Unvorhersehbarkeit verlieren würde, die ihn immer noch auszeichnet. Vor vier Jahren schrieb ich dazu für unsere WM-Spickerin folgendes:

Eigentlich sollte man den Frauenfußball nicht immer dem Männerbereich vergleichen. In diesem Fall soll dies aber ausdrücklich getan werden. Denn wer bunte Schuhe, affektiertes Gehabe, Dramaqueens, Heulsusen und Lästerzicken sehen möchte, ist bei den Herren definitiv besser aufgehoben. Bei den Fußballfrauen steht in der Regel nur ein im Mittelpunkt: Das Spiel. Und da es weniger Unterbrechungen gibt, bekommen die Zuschauer auch mehr Fußball zu sehen. Kein Gemeckere, kein Gezeter, kein übles Getrete, keine Schwalben. Oder kurz: Fußball wie er sein sollte.

Frauenkenner Lothar Matthäus sieht allerdings den sportlichen Stellenwert der kickenden Damen nicht allzu hoch. Er denkt, „dass die Regionalliga-Mannschaft der Bayern gegen die deutsche Damen-Nationalmannschaft hoch gewinnen würde, wahrscheinlich zweistellig.“ Aber auch er hat für sich die Vorteile des Frauenfußballs entdeckt: „Sie sind hochbegabt, athletisch und sehr hübsch“. Und er muss es schließlich wissen.

Donnerstag Abend spielen die deutschen Damen um 22:00 gegen Norwegen, den vermeintlich stärksten Konkurrenten um den Gruppensieg. Ich werde wieder mitfiebern. Schließlich möchte ich mich in ein paar Jahren daran erinnern können, wo ich am 6. Juli 2015 war, als Deutschland mal wieder Fußballweltmeister(in) wurde. Zum Glück fahre ich nicht mehr mit meinen Eltern in den Urlaub.

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5 Kommentare

  1. Pingback: #Link11: »Wir kennen Bruns!« | Fokus Fussball

  2. Der vernichtend junge Heinz Kamke war da zwar auch schon nicht mehr jung, erinnert sich aber gut. Und wird heute Abend natürlich fiebernd vor dem Fernseher sitzen.

    • Sebastian sagt

      Auch wir waren damals nicht wirklich jung. Trotzdem bereuen wir nichts. ;-)

    • abiszet sagt

      „Spaß geht auch ohne BHs!“ (aha!) und dann die „Jubel-Penisse“ (wie bitte?) als Gegenvorschlag: Die Kommentare im Spickerinnen-Verriss von 2011 rund um Heinz Kamke (von dem diese natürlich nicht sind!) sind der Brüller!

  3. Frauenfußball hin oder her – die Kommentare des mittlerweile in Würde gealterten Heinz und die diversen Repliken sind ziemlich großartig und versüßen mir den Nachmittag. Fehlt bloß noch, dass ich heut Abend das Spiel tatsächlich schaue. Immerhin winkt mir ein Jubelpenis!

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