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Schadenfreude ist der neue Autokorso

Sommerpause beim Vertikalpass. Ziemlich wenig los hier in letzter Zeit. Aber, verständlich: Schließlich gucken wir fleißig Fußball-WM. Moment, machen wir nicht! Aber warum eigentlich nicht?

Bis kurz vor dem Eröffnungsspiel Russland gegen Saudi Arabien war ich mir sicher, dass ich Feuer und Flamme sein werde, sobald die Kugel rollt. So wie immer. Erst meckern, weil wieder so viel Geld in Stadien und Infrastruktur gepumpt wird, das woanders viel besser investiert worden wäre, aber sich dann mit Hingabe jedes noch so schlimme Spiel angucken.

Doch 2018 ist alles anders. Mit Ausnahme des Spiels Deutschland gegen Schweden habe ich noch keine Partie in voller Länge geschaut und bei den Nachmittagspartien hatte ich erstmals nicht den Drang, heimlich auf dem Bürorechner einen Livestream laufen zu lassen.

Und ich behaupte: Ich bin nicht der einzige, dem es so ergeht. Klar, da sind die notorischen WM-Verweigerer. Menschen, die mit Fußball nichts am Hut haben und sich auf die Spiele der deutschen Nationalmannschaft nur deswegen freuen, weil Straßen und Supermärkte dann wie leergefegt sind.

Doch, wenn ich mein Umfeld so betrachte, dann sind da viele, die bei früheren Turnieren kaum ein Spiel verpasst haben, aber diesmal kaum Interesse an der WM zeigen. Der Enthusiasmus ist bei vielen einer ordentlichen Portion Gleichgültigkeit gewichen.

Noch schärfer lässt sich dieser Trendwechsel an der deutschen Nationalmannschaft ablesen. Denn hier hat es fast den Anschein, als wünschten sich die “Fans” das historische erste Vorrundenaus überhaupt. Und diese Haltung hat sich sogar bis zum Team selbst durchgesprochen wie das Interview mit Toni Kroos nach dem Schwedenspiel zeigte. Aber warum ist das so?

Liegt es am überheblichen und stromlinienförmigen Auftreten der Spieler, am aalglatten Auftreten von Oliver Bierhoff, an spooky Grindel, an lächerlichen Hashtags und am Eindruck, die Nationalmannschaft sei nur noch ein Marketingprodukt? Es kommt gerade alles #zsmmn, denn auf einen Fehltritt von Spielern mit Migrationshintergrund haben offensichtlich viele gewartet – allen voran durchgeknallte Politiker, Schundblätter und sogenannte Experten, die blindlings und unsachlich auf einen Spieler wie Mesut Özil einprügeln, obwohl sie selbst nicht annähernd so viel für den deutschen Fußball geleistet haben wie der Arsenal-Profi.

Aber ist die Entwicklung nicht nur konsequent? Irgendwann wurde aus Jogis Jungs “Die Mannschaft”: Eine Marke, ein Produkt. Und die Fußball-Weltmeisterschaft ist sowieso schon lange ein bis ins letzte Detail durchchoreographiertes Event. Und die Fans haben sich entsprechend angepasst: Sie fordern Unterhaltung und Erfolg. Bleibt letzterer aus, werden sie ungehalten. Kein Wunder: Das aktuelle Schland-Trikot kostet mit Flock schließlich stabile 139,95 Euro. Bei einem Vorrunden-Aus sind das knapp 47 Euro pro Public Viewing. Das gefällt auch dem größten Event-Fan nicht.

Der DFB und die Nationalmannschaft kämpfen also gegen die Geister, die sie riefen: Der unsägliche DFB-Fanclub, abgeschottete Trainingslager mit streng diktierten Regeln, Presse-Konferenzen ohne Rückfrage-Möglichkeiten für Journalisten und grundsätzliche Debatten, die von Oliver Bierhoff für beendet erklärt wurden. Diese totalitäre Kommunikationsstrategie funktioniert nur, wenn das Team Erfolg hat. Ein Geniestreich von Mesut Özil im ersten Gruppenspiel und niemand hätte mehr über das Erdogan-Foto geredet … schön wäre es gewesen. Aber das Problem scheint viel tiefer zu liegen. Und den Geniestreich gab es sowieso nicht. No Erfolg, no Party.

Das größte Problem in Deutschland ist sicher nicht die “Überfremdung”, sondern die Entfremdung: Der Fußball und insbesondere die Nationalmannschaft entfernen sich immer mehr von den Fans. Das Publikum wird zu Kunden degradiert, der Fußball zum Produkt gemacht. Alles wird beim DFB schön geredet, oberflächlich und vereinzelt falsch kommuniziert, jedes noch so kleine Ereignis wird „inszeniert“.

Die Nationalmannschaft war ab 2010 ein sympathischer Vertreter Deutschlands mit Spielern die polnischen, tunesischen, brasilianischen und türkischen Migrationshintergrund hatten und für (Spiel)Freude, Weltoffenheit und Zusammenhalt standen. Das hat sich geändert, im Zusammenhang mit „Die Mannschaft“  sind die beherrschenden Gefühle mittlerweile oft Neid, Ignoranz und vor allem Schadenfreude – auch ein deutsches Trademark.

Insofern ist das, was sich aktuell rund um die deutsche Nationalmannschaft abspielt, nicht mehr als ein Abbild der momentanen gesellschaftlichen Situation. Und die Kommunikationsprofis des DFB sollten vielleicht umdenken. Die Menschen, die zuhause einen halben Tag Urlaub nehmen, um das entscheidende Gruppenspiel gegen Südkorea angucken zu können, wollen Authentizität, keine Hashtags. Meine Güte, sogar die mexikanische Nationalmannschaft, die als finale Vorbereitung eine derbe Orgie feierte und mit Rafa Márquez einen Drogenboss als Kapitän haben soll, hat mehr Profil als “Die Mannschaft”.

Um im Marketingsprech zu bleiben: Das einzige Asset, das dem deutsche Team mittlerweile noch bleibt, ist der sportliche Erfolg. Bleibt dieser aus, wenden sich die Kunden Fans ab und suchen sich ein neues Team, dem sie zujubeln können.

Ich tendiere aktuell zu Kroatien oder Belgien. Bei letzteren könnte ich mit ein wenig Bastelarbeit sogar die Autofähnchen weiterverwenden.

Titelbild: shutterstock.com

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4 Kommentare

  1. Vincent der Falke sagt

    Guter Beitrag,
    Da sind wir doch alle gleich, erfolgsverwöhnt, emotionslos und nur noch dabei wenn es ins Halbfinale geht.
    Ein Produkt wie der Rekordmeister, ich komm nach Haus: Haben wir gewonnen, wie hoch, steht noch etwas im Kühlschrank für mich ?

    Der Titelgewinn war eine Erlösung nach zehn Jahren Streben danach.
    Eine Titelverteidigung nur der Epilog dazu.
    Sinnbildlich die Fans der anderen Nationen, wobei das wirklich noch Fans zu sein scheinen.
    Mit ganzem Herzen dabei und nicht nur entsetzt wenn es unseren hohen Erwartungen entgegenläuft.

    Sollte es zu einem Achtelfinale gegen Brasilien kommen sind wir trotzdem alle wieder mit dabei.
    Denn das sind die Spiele, für die wir als Fans gemacht wurde.

    Apropo: Das ganze Eventpublikum vermisse ich trotzdem nicht.

  2. Chris3003 sagt

    Entschuldigung, die Meinung des Autors zur Özil/Gündogan-Affäre teile ich überhaupt nicht.
    In dem Beitrag wird der Skandal kleingeredet, dabei hat es diese unselige Aktion mit Erdogan erreicht, dass sich sehr viele Fans der sogenannten „Mannschaft“ von ihr abgewendet haben.
    Dass sich Özil niemals zur Sache geäußert hat, spricht Bände, dass er seinen Schnabel nicht mal beim Singen der Nationalhymne aufbekommt, signalisiert für alle auch, dass er sich nicht zu 100% engagiert. Und dieses mangelnde Engagement sah man auch in seinem Spiel! Wer nach 15 Spielminuten den Eindruck erweckt, es handle sich um die 90., der gehört an den Bosporus und nicht in das deutsche Nationalteam.

    • @buzze sagt

      Dass die ganze Geschichte der Stimmung geschadet hat, ist eindeutig. Das lag meiner Meinung nach aber ebenso sehr an der Aktion selbst wie an dem völlig mangelhaften Umgang seitens des DFB damit. Und ernsthaft: Die unsägliche Hymnen-Theorie? Ob jemand singt oder nicht hat doch nichts mit seinen fußballerischen Qualitäten zu tun. Dass Özil in den zwei Spielen, in denen auf dem Platz stand, nicht gut war: Da sind wir einer Meinung. Aber er war auch nicht schlechter als Spieler wie Kimmich, Kroos oder Müller.

      • Chris3003 sagt

        Tja, du magst ja recht haben. Aber Kimmich, Kroos oder Müller haben eben auch nicht einem Diktator wie Erdogan hofier, ob wohl sie in der DEUTSCHEN Nationalmannschaft spielen. Hast du jetzt den klitzekleinen Unterschied begriffen?

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