Autor: @abiszet

Die Schein-Debatte um Deniz Undav

Der Stuttgarter Boulevard fragte im Anschluss an das Köln-Spiel nach Deniz Undav, sein Kollege wiederholte die Frage vor der Begegnung gegen Viking Stavanger. Beide Male wehrte sich Sebastian Hoeneß vehement gegen falsche und oberflächliche Einschätzungen. Die Folge: Die anderen Medienkollegen nehmen die Schein-Kritik an Undav auf, sei es aus Dankbarkeit, weil es Klicks bringt, sei es aus Einfallslosigkeit. Nach der 1:2-Niederlage gegen Hoffenheim müssen jedenfalls alle Stuttgarter vor dem Sky-Mikro etwas zu Undav sagen. Fabi Bredlow, Grischa Prömel und natürlich Trainer Hoeneß reagieren sichtlich genervt. Schließlich heißt der Club VfB Stuttgart und nicht VfB Undav. Es entsteht eine Schein-Debatte um Deniz Undav. Denn schon nach dem Champions-League-Spiel gegen Viking Stavanger schrieb der Boulevard: „Undav zeigt’s seinen Kritikern“. Die Kritiker, die genau aus dem Boulevard kommen. Der klassische Fall von: sich selbst eine Vorlage geben und sie dann auch noch verwandeln. Alles ist immer extrem, das Lob wie auch die Kritik, und alle machen mit. Geht’s eigentlich noch? Dass Undav schon besser gespielt hat: geschenkt. Dass er aber mit vier Scorern in fünf Spielen beschissen auftreten …

“Ein richtig gutes Auswärtsspiel“. Wirklich?

Ich verstehe den Hype um das Auswärtsspiel in Sinsheim nicht. Klar, das 18. Heimspiel des VfB, der beeindruckende Take-over der VfB-Fans. Aber gegen Hoffenheim gibt es zwar manchmal spektakuläre Spiele, aber der VfB gewinnt selten: Genau einmal in den letzten neun Begegnungen, das wunderbare 0:3 vor zweieinhalb Jahren, als die TSG schwindelig gespielt wurde. Auf das Spiel in Sinsheim freue ich mich nie, weil die Spiele oft gleich aussehen: der VfB nie schlechter, aber oft zu dumm, um zu gewinnen. Unter „unnötige Niederlage“ stehen im Fußballlexikon die Partien zwischen dem VfB und Hoffenheim ganz oben. Am 3. Spieltag hat sich der VfB gegen Hoffenheim selbst geschlagen. Mit anfängerhaften Fehlern bei den Gegentoren, die beide nach demselben Muster gefallen sind und man sich fragen muss: Wie oft will der VfB solche Tore noch bekommen? Und vorne mit besten Chancen, die leichtfertig vergeben wurden, auch weil Keeper Oliver Baumann gegen den VfB wie immer sein bestes Spiel zeigt (Ausnahme: 32. Spieltag letzte Saison). Fabi Bredlow, Sebastian Hoeneß und Maxi Mittelstädt hatten „ein richtig gutes Auswärtsspiel“ gesehen. Really? …

Der Unterschätzte

„Bin ich hier unerwünscht?“ – die Frage, die sich Ermedin Demirovic während der Sommertransferphase stellte, war nicht unberechtigt. Der VfB wollte ihn unbedingt zu Geld machen, um die Vorgabe aus dem Aufsichtsrat zu erfüllen. Und viele glaubten, er passe nicht zum feinfüßigen Spiel des VfB. Zu grobmotorisch sei er, zu wenig Spielverständnis habe er, so die vorherrschende Meinung. Beim 3:1-Auftakt in der Champions League gegen Viking Stavanger hatte Medo wenig Interesse an dieser Frage. Er machte drei Tore, schaute in die Runde und fragte: „War was?“ Denn es ist nicht die Frage, ob Demirovic zum VfB passt. Es ist die Frage: Wird Demirovic im Spiel des VfB richtig eingesetzt? Gegen die Norweger hat man gesehen: Der VfB und Demirovic, das passt einfach. Emotional tat es das schon immer. Der Mittelstürmer ist ein guter Typ, vertritt den Brustring mit viel Freude und hat ein großes Herz für den VfB. Jetzt passt’s auch spielerisch. Denn man muss wissen: Ermedin Demirovic will den Ball nicht am Fuß haben, er will ihn in den Fuß gespielt haben. Alle drei …

Billy schießt scharf

Der VfB hatte an diesem Freitag schon gewonnen, bevor er überhaupt gespielt hatte. Die Cannstatter Karawane zog ganz in weiss durch Bad Cannstatt, die Mercedesstraße wurde zum Moshpit. Im Neckarstadion ging es genauso laut weiter. Wer nach dem 1:5 in München wissen wollte, wie tief die Verbindung des Clubs mit seinen Fans ist, bekam die Antwort schon vor dem Anpfiff. Und nach 90 Minuten war klar: Der Wilde Westen liegt neuerdings am Neckar. Denn dort gibt es einen Freigeist, der macht, was er will. Er schießt scharf, reitet gerne mal quer durch die gegnerische Wiese und hat offenbar wenig Interesse daran, sich an (taktische) Regeln zu halten. Sein Name: Billy El Khannouss. Sie nennen Bilal in Cannstatt Billy, er ist der Mann mit dem Spitznamen des berühmtesten Outlaws des Wilden Westens und er war gegen Köln nicht einzufangen. Beim 1:0 noch ganz alleine unterwegs, mit einem unwiderstehlichen Solo, das nur einer macht, der sich nix scheisst und keinem Duell aus dem Weg geht. Danach nahm Billy nochmal richtig Fahrt auf. Beim 2:0 von Grischa Prömel …

VfB-Transfers: zum Glück gescheitert

Versetzen wir uns kurz in die Lage von Sebastian Hoeneß. Er dürfte deutlich zufriedener aus diesem Transferfenster gehen als vor einem Jahr. 2025 verließ nicht nur Enzo Millot den VfB, auch Nick Woltemade ging und ein kurzfristiger Ersatz fand sich nicht. Diesmal bleibt die Mannschaft weitgehend zusammen. Allerdings nicht unbedingt, weil das der große sport-strategische Plan des Clubs gewesen wäre. Der VfB wollte verkaufen. Die StZ meinte zwar, dass “der VfB das Geld im Hier und Jetzt nicht zwingend benötigt“. Und weiter: “Die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben wäre in diesem Sommer verkraftbar“. Aber Sky, kicker und ZVW vermuteten, dass Transfererlöse in diesem Sommer notwendig sein würden. Alex Wehrle sagte im Sport im Dritten: „Wir sind auch ein Stück weit auf Transfererlöse angewiesen.“ Das klang eher nach kaufmännischer Grundregel als nach Verkaufsalarm. Aber gegen Ende der Transferphase entstand der Eindruck: Hauptsache, es kommt Geld rein. Irgendwie. Bilal El Khannouss, Ermedin Demirović und Jamie Leweling wollten jedoch nicht weg, obwohl sie anderswo mehr hätten verdienen können. Romantik ist es trotzdem nicht. Transferentscheidungen von Fußballern sind keine …

Wir brechen ein, wie immer gegen Bayern

Ein anspruchsvolles und kräftezehrendes 1:1 über den ganzen Platz. Die Taktik ging jetzt zum dritten Mal nacheinander nicht auf gegen Bayern München, 12:3 Tore in den letzten Spielen. Trotzdem hält Sebastian Hoeneß die Vorgehensweise für alternativlos. Mut, Kraft, Energie: die Mannorientierung wurde fleißig, unnachgiebig und extrem aufwändig gespielt. Der VfB war unangenehm für den Rekordmeister, ohne Zweifel, das bestätigte auch Joshua Kimmich nach dem Spiel. Aber auf für München gute Art und Weise. Der VfB war nicht eklig, unterbrach nicht den Spielfluss, war nicht aggressiv, zog nicht mal ein Foul, spielte nicht auf Zeit, suchte nicht die offene Konfrontation. Sondern wollte auf Augenhöhe agieren, wollte mit eigenen Mitteln zum Erfolg kommen. Das ist aller Ehren wert, nur das kam den Bayern entgegen: Sie konnten alles spielerisch lösen, ihre überlegene individuelle Qualität entschied das Spiel ebenso wie ihre Lauffreude (mehr als 121 Kilometer) und ihre Fähigkeit, alles schneller zu machen als der VfB. Und wenn es nur ein blitzartig ausgeführter Standard ist. Viel anders spielen kann der VfB nicht. Neu ist zwar Grischa Prömel im Team, …

Der derzeit wichtigste Mann des VfB

Das ist eine dieser Geschichten, bei denen man aufpassen muss, nicht sofort in die üblichen Superlative zu rutschen. Der neue Finisher des VfB. Traumdebüt. Hattrick. Einstand nach Maß. Neuer Hoffnungsträger. #Euphoriebremse Sebastian Hoeneß sagte es schon richtig: Das war gut, aber es war eben auch nur Hansa Rostock, gegen die der VfB in die zweite Pokalrunde einzog. Ein ambitionierter Drittligist zwar, mit hitziger Atmosphäre auf den Rängen und einer Mannschaft, die dem VfB das Leben zumindest zeitweise schwer machen wollte. Trotzdem: Einen klaren Sieg darf man von einem Bundesligisten erwarten. Nicht erwarten durften wir allerdings, dass Dženan Pejčinović gleich dreimal trifft. Vielleicht war das Interessanteste an diesem Abend gar nicht die Anzahl seiner Tore, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der er sich im VfB-Spiel bewegte. Er beteiligte sich am Kombinationsspiel, war aufmerksam beim Gegenpressing und immer dort präsent, wo es gefährlich wurde. Andere Neuzugänge brauchen eine gewisse Anlaufzeit, ein paar Wochen, um die Laufwege der Mitspieler kennenzulernen und die Ideen des Trainers zu verstehen. Pejčinović ist 21, erst ein paar Tage beim VfB und hat nach …

Wohlgemuth bittet weiter zu Tisch

„He’s cooking“ oder „Let him cook“ kommt aus der amerikanischen Hip-Hop-Szene, ein Lil Irgendwas hat das mal gerapt, um den Swag aufzudrehen und das hat sich in den sozialen Medien verselbständigt. Schließlich wurde das englische „Let him cook“ eins zu eins ins Deutsche übersetzt und ist durch tausendfache Memes als „der kocht“ in der deutschen (Jugend-)Sprache etabliert. Im Sinne: Lass’ den mal machen, der macht das gut. Genauso ist es beim VfB: Fabian Wohlgemuth kocht. Der Aufsichtsrat ist auch der Meinung, bei Wohlgemuth ist alles in Butter: der Chefkoch darf weiter an seinem Pass stehen, sein neuer Vertrag läuft jetzt bis 2029. Das ist beim VfB durchaus bemerkenswert. Kontinuität auf der Position des Sport-Chefs kannte man in Bad Cannstatt lange nicht. Dutt, Schindelmeiser, Reschke, Hitzlsperger, Mislintat – bei allen konnte man nach kurzer Zeit den Braten nicht mehr riechen. Im Gegensatz zu Wohlgemuth. Absolute Perfektion auf jedem einzelnen Transferlöffel zu präsentieren, um das schwierige Umfeld zu überzeugen, das ist Wohlgemuth auch noch nicht gelungen. Was aber auch Kitchen Impossible ist im The Länd of Fußballexperten. …

Die nebulösen Infrastrukturprojekte des VfB

Nick Woltemade für 75+x Mio verkauft, der mit Jeremy Arevalo weder inhaltlich noch finanziell ersetzt wurde. Champions League erreicht mit um die 60 Millionen Mehr-Einnahmen 2026/2027, dazu Finanzrekorde im zurückliegenden Geschäftsjahr. Und trotzdem braucht der VfB Transfereinnahmen und steht angeblich sogar „unter Verkaufsdruck“? Mit großen Buchstaben wird vermeldet, der VfB-Aufsichtsrat habe „die Kohle für Leo Sauer und Dženan Pejčinović“ zwar freigegeben, verbunden aber mit der Vorgabe, durch Spielerverkäufe „viel Geld“ zu erzielen. Während der Boulevard wie immer nur an der Oberfläche kratzt und das einfach so stehen lässt, begründet ZVW die verlangten hohen Transfereinnahmen, ja sogar einen Transfer-Überschuss, mit „Infrastrukturprojekten“. Der Kauf des Carl Benz Centers soll sich dagegen laut Stuttgarter Zeitung selbst tragen und keinen Einfluss auf die Personalplanung des Profi-Kaders haben. Nebulös schreibt ZVW weiter vom „Umbau“ der Geschäftsstelle, ohne dezidiert (Zeit-)Pläne oder Zahlen zu nennen. Weitere Infrastrukturprojekte werden nicht aufgeführt, die sich auf die Kaderplanung auswirken sollen. Es bleibt unkonkret mit “die Strukturen des Klubs müssen wachsen“ bei der rasanten sportlichen Entwicklung. Schließlich wird der Verkauf von Bilal El Khannouss ins Spiel …

Die Goldgräber aus Cannstatt

Irgendwo im Wilden Süden. Der Neckar nicht weit. Feinstaub liegt in der Luft. Vier Männer reiten langsam auf die VfB-Geschäftsstelle zu. Alex “Goldfinger” Wehrle vorneweg. Natürlich. Dicht hinter ihm „Greenhorn” Petry, „Dusty” Röschl und “Old Digger” Allgaier. Es ist wieder diese Zeit des Jahres. Die Zeit, in der ein neues Ausweichtrikot her muss. Im Vorstandsbüro legt Greenhorn Petry einen Stapel Entwürfe auf den Tisch. „Alex, das sind unsere Ideen.” Goldfinger Wehrle blättert. Rot. Schwarz. Anthrazit. Ein Farbverlauf Irgendetwas mit Carbon. Er hebt kurz die Augenbraue. Dann schiebt Wehrle den Stapel von sich. „Grabt weiter.” Drei Tage später. Greenhorn Petry hat wieder Trikot-Designs dabei. „Wir hätten da etwas mit Camouflage.” „Grabt weiter.” “Wir könnten was mit ner Brezel machen!” „Grabt weiter.” Dusty Röschl übernimmt. „Wie wäre es mit schwarz und silbernen Blitzen?” „Grabt weiter.” „Oder ganz fancy: neon?“ Wehrle wütend: „Grabt weiter.” Goldfinger gibt bei seiner Marketingabteilung für alle Fälle ein Plakat in Auftrag: Wanted: Dead or alive! Ideen fürs Ausweichtrikot gesucht! Die Männer graben. Am Neckarufer. Im Schlossgarten. Unter dem Wasen. Zwischen Mercedes-Benz-Museum und Kursaal. …