Beliebt, VfB
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Bussi Baby!

Wenn jemand fragt, wofür Sasa Kalajdzic steht, dann sag’ Amore! Er wird geliebt von den VfB-Fans. Er selbst liebt Flanken, ob von Borna Sosa, Marc-Oliver Kempf, Silas oder Erik Thommy. Er liebt es, wieder auf dem Platz zu stehen nach seinem 2019 erlittenen Totalschaden im Knie. Und er würde es lieben, in einem vollen Neckarstadion aufzulaufen: „Wenn Du Dir neun Monate den Arsch aufreißt, um wieder vor 60.000 Zuschauern zu spielen, dann ist die augenblickliche Situation ein bisschen komisch.“

Sasa Kalajdzic hat also ein volles Neckarstadion noch nicht auf dem Rasen erlebt. Die VfB Fans haben ihn – außer bei den zwei Spielen mit ein paar Zuschauern im Herbst gegen Freiburg und Leverkusen – noch nicht live gesehen. Das ist ebenso tragisch, wie durch die Pandemie generell der Kontakt zu den Fans unterbunden ist. Mit seiner offenen Art, seinem sympathischen Auftreten und seinem Wiener Humor würden ihm weitere Herzen zufliegen. Alle 11 Minuten verliebt sich jemand in Sasa. Der VfB, ein Club für Fans und Mitglieder mit Niveau.

Der 23-jährige ist in jeder Beziehung ein besonderer Spieler. Er kommt aus keiner Jugendakademie, „er ist einfach nicht so durchfrisiert und konventionell wie andere Kicker“, sagt Daniel Mandl, Chefredakteur und Gründer der hervorragenden Webseite abseits.at. „Wir hatten in Österreich immer wieder solche Spieler, vor allem Stürmer, wie etwa einen Stefan Maierhofer oder derzeit Ercan Kara. Wir nennen solche Kicker „Scheiss-mir-nix“, also welche, die nicht nachdenken, nicht das Erwartete machen, sondern etwas, womit die Gegenspieler nicht rechnen.“

Damit musste auch erst einmal Trainer Pellegrino Matarazzo zurecht kommen. Die Vorbehalte des Trainers bekam Kalajdzic in der Vorbereitung zu spüren. Er setzte auch am Anfang der Saison nicht wirklich auf den Wiener, obwohl sich Nicloas Gonzalez verletzt hatte. Aber nach Toren gegen Freiburg, Mainz und Leverkusen war klar: Kalajdzic ist keinesfalls schiach, sondern Easy Baby. Und wir singen:

1, 2, 3, 4 – alle sehn‘ gerne Tore von Dir.
5, 6, 7, 8 – und der Trainer lacht!

Sasa kann fliegen, er kann in der Luft stehen, wie wir bei einigen Kopfbällen gesehen haben und er ist mehr als ein Wand- und Zielspieler. Er ist zwar mit 2 Metern der längste Bundesligaspieler in dieser Saison, aber technisch, läuferisch und spieltaktisch kommt ihm zugute, dass er in Jugend- und Reserveteams schon alles gespielt hat: vom Sechser, über den Zehner bis zum Stürmer. Zum echten Stürmer wurde Kalajdzic in der zweiten Mannschaft von Admira Wacker Mödling, wo ihm später auch der Durchbruch als Profi gelang. „Ich bin froh, dass das so passiert ist. Mittlerweile fühle ich mich im Angriff viel wohler“.

Das sieht man, in den letzten sechs Spielen trifft er wie er will und zeigt vielfältige Talente: Gegen Leverkusen windet er sich wie ein Schlange um seinen Gegenspieler Tapsoba, um dann den Ball zärtlich über Keeper Hradecky zu streicheln. Gegen Schalke und Berlin sind es seine Körpergröße, die er einmal in die Luft hebt und einmal über die Grasnarbe katapultiert, um zu treffen. Gegen Frankfurt macht er sich im Rücken das Gegenspielers unsichtbar, um die Flanke von Kempf von der Brust tropfen zu lassen und mit einem Giraffenbein zwischen Hinteregger und Trapp ins Tor zu spitzeln. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Kalajdzic zum ersten Mal in seiner Profikarriere mehr als 20 Spiele in einer Saison gemacht hat.

„Spieler wie Sasa – nicht unbedingt Stürmer, aber allgemein Spieler dieser unkonventionellen Art – erleben derzeit in Österreich einen Boom. Es gibt schon einige davon in der Bundesliga, andere sind noch in den Regionalligen „versteckt“, meint abseits.at-Macher Mandl. „Sasa ist so etwas wie das neueste Role Model, das zeigt, was mit der nötigen Arbeit möglich ist. Es wundert mich auch nicht, dass er in Stuttgart so einschlägt – einfach weil er kicken kann. Aber es ist eine Frage der Einstellung, ob es am Ende zu einer Karriere reicht oder nicht. Sasa hatte diese Einstellung offensichtlich, war immer bescheiden, wohnte bis vor kurzem noch mit seinen Eltern und Geschwistern in einer Wohnung zusammen, pendelte täglich in einen Wiener Vorort zum Training.“

Kalajdzic kombiniert Ernsthaftigkeit und Ehrgeiz mit Lockerheit und guter Laune und wird es damit – vorausgesetzt, er bleibt gesund – noch weit bringen. „Im Nationalteam ist er definitiv auch ein heißes Thema“, so Mandl. „Ich denke, dass er gut reinpasst, gar nicht so sehr als Torschütze, aber als Türöffner für mehr Tiefenläufe. Vor allem Sabitzer oder Baumgartner können massiv von seinem Antizipationsspiel profitieren.“

Sein Karriereweg nach dem Fußball ist dagegen bereits vorgezeichnet: Er wird Comedian. Beim VfB übt er schonmal in den Interviews nach den Spielen: Da nennt er sich selbst „Trottel“, bezeichnet einen Treffer des Gegners als „Kacktor“ oder möchte die Augen seines Keepers Gregor Kobel küssen. Er könnte „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann vorlesen und würde dafür Lacher bekommen.

Zum Weiterlesen:
abseits.at – das Fußballportal mit der größten Redaktion Österreichs: ausführliche Artikel über Taktik und Taktiktheorie.

„Die Welt von oben“ im österreichischen Standard.

Sasa-Porträt in „Stadion aktuell“

Zum Weiterschauen:
Kalajdzic wurde vom SWR bei seiner Reha begleitet (2 von 3 Teilen online).

Zum Weiterhören:
Bussi Baby und Bologna und 1, 2, 3, 4

Bild:
Imago

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3 Kommentare

  1. Motzbackenbruddler sagt

    Der Junge ist quasi der Daniel Ginzcek der diesjährigen Saison – nur (bis jetzt) ohne Verletzungspech und ohne nervige Influencer-Trulla an seiner Seite; einfach super sympathisch, der Typ mit dem Du gerne mal ein Bier trinken gehen würdest, der neue Freund von Deiner Ex, den Du plötzlich mehr magst als Deine Ex etc… Hoffentlich bleibt er uns noch eine Weile erhalten!

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