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Das Lernspiel

Wer dachte, es könnte ein gutes Konzept für die Zukunft sein, dass die Bayern aufgrund ihrer Überlegenheit immer mit einem Mann weniger antreten, um die Spiele spannender zu gestalten, muss nach dem 4:0 gegen den VfB zugeben: Auch das macht keinen Sinn, die Bayern werden auf Jahre hinweg unschlagbar sein (Franz Beckenbauer-Voice).

Der Knackpunkt der Partie war die rote Karte von Alphonso Davies nach einem bösen Tritt gegen Wataru Endo in der 12. Minute: Nach einer hervorragenden Anfangsphase wurde der VfB euphorisch und übermütig und von den Bayern auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Drei Tore innerhalb von fünf Minuten und die VfB-Abwehr hatte ein Schleudertrauma, so schnell und flüssig kombinierte der Rekordmeister sogar im Strafraum. Da war so viel Platz, dass die Münchener Angreifer gemütlich Schafkopf hätten spielen können. Gregor Kobel sagte nach dem Spiel, dass der Platzverweis in der Zuordnung Unsicherheit brachte und dazu kam die furchtbare Qualität der Bayern und ihr Ehrgeiz, trotz Unterzahl zu gewinnen. Das muss man nicht gut finden, beeindruckend ist es durchaus.

Pellegrino Matarazzo hatte sich gedacht: Ich kann von meinen Spielern nicht Mut verlangen, ohne selbst mutig zu sein. Er betraute den 18-jährigen Naouirou Ahamada mit der verantwortungsvollen Aufgabe im defensiven Mittelfeld als Ersatz für Orel Mangala und brachte Tanguy Coulibaly als gutes Omen, weil er schon im Hinspiel traf. Das sah auch alles gut aus, der VfB mit der ersten Chance nach 28 Sekunden. Es war ein ambitionierter Ansatz, die Partie aktiv gestalten und mitspielen zu wollen. Aber die Folge war, dass München enorme Räume bekam, die man ihnen auch in Unterzahl nicht geben darf. Die Frage ist: Mit wie viel Mann weniger hat das Gros der Bundesliga eine Chance gegen die Bayern? Steile These: Selbst gegen neun Mann hätten es die meisten Gegner schwer.

Nachdem sich die Defensive in den letzten Wochen stabilisiert hatte, zeigte der FC Bayern schonungslos, dass die Qualität der Abwehr – zu der nicht nur die Dreierkette mit Dinos Mavropanos, Waldemar Anton und Marc-Oliver Kempf zählt – gegen eine internationale Spitzenmannschaft (noch) nicht bestehen kann. Kein Beinbruch, gegen Bayern spielt der VfB nur zwei Mal in der Saison. Apropos: Nicht die 4:0-Niederlage schmerzt, sondern die Verletzung von Silas. Die ersten Einschätzungen gehen von einer schweren Knie-Verletzung aus – es wäre ein tragischer Rückschlag in einer geradezu phänomenalen Entwicklung, die er seit 2019 beim VfB nimmt. Nicht nur, dass er ein wichtiger Faktor in der Mannschaft ist, es macht so unendlich viel Spaß, ihn spielen zu sein. Dieser Speed, diese Wucht, diese Übersteiger und natürlich diese Scorer-Punkte. Gute Besserung, Silas, come back stronger! (Aktualisierung: Der VfB gab bekannt, dass sich Silas das vordere Kreuzband gerissen hat)

Kein Fan braucht diese Niederlage und es gibt nicht wenige, die insbesondere gegen Bayern äußerst ungern verlieren, aber das sind die Tage, aus denen die Mannschaft lernen wird (und auch muss). Wie man gegen einen Gegner auftritt, der das Nonplusultra in Europa ist. Wie man mit überraschenden Spielsituationen umgeht und wie man mal auf den Ball tritt, um einen Lauf zu unterbrechen, wie ihn die Bayern zwischen der 18. und 23. Minute hatten. Am 4:0 wird das Team wachsen und es wird es weiterbringen. Sie ist vor neun Monaten aufgestiegen und auch wenn sie eine grandiose Saison spielt und manche von Europa träumen (wirklich?), der diesjährige sechsmalige Titelträger Bayern München ist eine Nummer zu groß für den VfB. Mindestens.

Fazit:
Es ist ein echter Fortschritt, wie das Spiel angegangen wurde und welche Lehren hoffentlich daraus gezogen werden: Es ist kein Bonus-Spiel (Christian Gentner-Voice), in das ohne Anspannung und Ambition reingegangen wird, sondern ein Lern-Spiel. Dann wäre das 4:0 vielleicht für etwas gut.

Zum Weiterlesen:
Unser VertikalGIF „Halb so wild“ findet Ihr hier (Vorsicht Satire)
Rund um den Brustring konstatiert: „Ein Kontrollverlust mit Folgen“
Die Süddeutsche Zeitung meint, „es war ein bisschen wie auf dem Bolzplatz, wenn die großen Jungs den kleineren Jungs einen Mann mehr geben und dann mal kurz Ernst machen“.
Spiegel Online sieht bei den Bayern „Die Suche nach dem Kick!“
„Bayern zerlegt mutige Stuttgarter“, meinen die Kollegen von mia san rot.

Foto:
Imago, Poolfoto Peter Schatz, Pool via Mladen Lackovic

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10 Kommentare

  1. Der Groundhopper sagt

    Diese erste Halbzeit war leider Wasser auf die Mühlen aller Medienvertreter, welche immer so gerne an diesem unsäglichen „Super-Bayern-Mythos“ (der streng genommen ein Mythos des großen Geldes, also noch strenger genommen gar kein Mythos ist) stricken!
    Und ausgerechnet mein Herzensverein dient hierfür als Steigbügelhalter – bitterster Tag für mich persönlich seit der Niederlage bei Wehen Wiesbaden!

    Nüchtern betrachtet war es einfach ein Ergebnis, welches den krassen Etatunterschieden angemessen war und somit ein guter Grund mehr, den modernen Fußball Scheiße zu finden!

  2. Clemens sagt

    Das kann ich so unterschreiben. Das gestrige Spiel war ein so unfassbarer Klassenunterschied, dass es fast lächerlich ist, diesen Wettbewerb noch als Meisterschaft zu deklarieren. Die Bayern sind auf wirklich jeder Position besser besetzt als der VfB, eigentlich auch besser als alle anderen Mannschaften der 1. Liga. Das ist im Grunde keine neue Erkenntnis, aber leider eine schmerzhafte Bestätigung der Bayern-Dominanz gegenüber all denen, die geglaubt haben, die Münchner könnten nach einem CL-Spiel unter der Woche vielleicht ein wenig schwächeln.

    Daher betrachte ich auch nicht das Ergebnis als problematisch, sondern eher den Umstand, dass unserem Spiel ohne Mangala die komplette Statik fehlte. Mangala wäre im Mittelfeld vermutlich häufiger unter Bedrängnis in der Lage gewesen, einen Ball mit dem Rücken zum Gegner anzunehmen und nach kurzem Dribbling entweder in die Spitze weiterzuleiten oder zumindest das Foul zu ziehen. Endo ohne den Belgier ist wie Dani ohne Sahne oder Black ohne Decker. Zumindest fand Endo kaum mal einen Mitspieler, der den gespielten Ball im Mittelfeld nicht sofort wieder verloren hätte. Ahamada mach ich dabei keinen Vorwurf – der Junge ist 18! Seine ineffektiven Fernschüsse kann er sich natürlich schenken, aber wir wollten alle junge Spieler, also müssen wir ihnen auch solche Spiele zugestehen. Leider war aber auch der zuletzt hier gelobte Castro nahezu unsichtbar, was man von einem Führungsspieler so nicht akzeptieren sollte.

    Abschließend kann man vielleicht aber auch einen positiven Aspekt hervorheben: Ein Sieg oder Punktgewinn des VfB in einem Spiel gegen den FCB mit einer höheren Aufmerksamkeitsspanne, als gegen Mannschaften wie Augsburg, Mainz oder Schalke, hätte nur wieder zusätzliche Interessenten für den einen oder anderen VfB-Spieler generiert, was es Mislintat im Sommer dann schwerer machen würde, den Kader bei möglichen Angeboten zusammen zu halten. Und die jungen Spieler haben hoffentlich erkannt, dass ihre individuellen Qualitäten am besten im Kollektiv zum Tragen kommen und sie vielleicht gut beraten sind, den VfB noch eine Zeit lang zu begleiten.

  3. drhuey sagt

    Ganz objektiv betrachtet ist die bisherige Saisonleistung sehr sehr gut. Und heute ging es gegen einen Gegner, der in Europa höchstens von City gestoppt werden kann. Learnings? Man kann man sich letzte Woche noch über einen Ahamada freuen, der wie selbstverständlich die Rolle im Mittelfeld als 18jähriger übernimmt, aber heute teilnahmslos umhertrabt. Man kann einen Anton in der Nähe der NM sehen, um heute feststellen zu müssen, dass auch er komplett die Orientierung verlieren kann. Nicht neu, aber bestätigt: Coulibaly ist kein Mini-Sancho mit außergewöhnlicher Veranlagung und momentaner Flaute, sondern ein Rookie mit Schwächen in den Basics. Ein Ball kann bei der Annahme 5 Meter vom Fuss abprallen, muss aber nicht. Das ist selbst für die untere Tabellenhälfte höchst ungewöhnlich. Es ist ein Prozess und solche Niederlagen können dazu dienen den Kompass wieder richtig einzustellen. Auch in Bezug auf den Trainer übrigens.

    • Clemens sagt

      Wir sind uns weitestgehend einig. Aber was hätte Materazzo denn aus deiner Sicht in Punkto Aufstellung und taktische Ausrichtung anders machen können? Bei Ahamada hat er beispielsweise bereits zur Halbzeit reagiert (bei der Sosa Auswechslung kann man natürlich geteilter Meinung sein) und seine Fehleinschätzung korrigiert. Gonzalez hatte nur Luft für 45 Minuten, also kann man sich nur entscheiden, welche Halbzeit er spielen soll. Und dass nach der roten Karte auf einmal die Zuordnung nicht mehr stimmte, kannst du von außen im laufenden Spiel vermutlich kaum korrigieren, sondern erst zur Halbzeit ansprechen. Und da scheint er die richtigen Worte gefunden zu haben, denn die 2. Halbzeit war ein wenig besser. Materazzo trifft unterm Strich die geringste Schuld an der Niederlage. Wie würde es Sven Mislintat jetzt formulieren? „Dies ist alles Teil des Prozesses.“

  4. drhuey sagt

    Man kann in der Tat darüber diskutieren, ob ein 18jähriges Talent als Mangala!-Ersatz aufgestellt werden sollte. Dann kann man bei derartiger Überforderung auch während der Halbzeit reagieren. Ich finde Mut auch gut, aber hier einen Dauerläufer Förster zu haben hätte ich als die Default-Option gesehen. Einzelne Spieler und Trainer wurden für meinen Geschmack etwas zu sehr gehypt in den letzten Wochen und so ein Spiel ist mal ganz gut, um zu sehen wo man wirklich steht nachdem die Bayern 35 min. mit 9 Mann aufdrehen. Gegen Gegner der unteren Tabellenhälfte sieht man zeitweise gut aus und das ist für einen Aufsteiger auch ok so.

    • Clemens sagt

      Zugegeben, eine heikle Personalie. Hätte Ahamada ein ordentliches Spiel gezeigt, hätte man Materazzo für seinen Mut gelobt und die perspektivische Ausrichtung des Kaders gelobt. Schlussendlich ist es aber allein der Spieler, der sich hinterfragen muss, ob er die an ihn gestellten Aufgaben richtig gelöst hat. Und um fair zu bleiben, es ist auch ein undankbarer Job, ausgerechnet gegen die Bayern erstmalig über 90 Minuten eine so zentrale Aufgabe zu übernehmen. Wobei Mangala die Messlatte zudem auch extrem hoch gelegt hat.

      Ich hätte z.B. Castro neben Endo ins ZDM gestellt. Aber nach der gestrigen gezeigten Leistung von Castro hätte das vermutlich auch nicht viel verändert. Um ganz offen zu sein, ich habe beim Artikel von letzter Woche ein wenig die Stirn gerunzelt, dass ein Spieler in der Gehaltsspitze beim VfB für so wenig Leistung so sehr gelobt wird. Ja, das Tor zum 3:2 gegen den HSV, danke dafür. Ja, ein guter Saisonbeginn. Aber Lob für den Pass vor dem Assist? Keine Kritik für lediglich einen einzigen gewonnenen Zweikampf in 90 Minuten gegen Hoffenheim (von insgesamt 10)? Gestern hat Castro gezeigt, dass er weiterhin nur ein Mitläufer ist, wenn es drauf ankommt. Ich hoffe, das auch Sven Mislintat mit diesen Erkenntnissen in die anstehenden Vertragsgespräche mit dem Spieler geht.

      • @abiszet sagt

        Es waren zwei vorletzte Pässe, mit denen Castro das Hoffenheim-Spiel entschied. Ich hatte mich schon mehrfach geoutet, kein übergroßer Fan von Castro zu sein. Aber es nützt nichts, seine Schwächen (Tempo, Zweikampf) ständig zu wiederholen, die sind bekannt. Seine Fährigkeit, Spielsituationen mit einem Pass aufzulösen und damit Raum für Mitspieler zu schaffen, datum geht es. Matarazzo muss in jedem Spiel überlegen, ob diese Stärke die Schwächen aufwiegt.

        • Clemens sagt

          Ich habe schon rausgelesen, dass Castro auch von dir kritisch gesehen wird. Dennoch kommt er mir bei deiner Bewertung zu gut weg. Und genau in deinem letzten Satz sagst du etwas, was ich mich jedes mal aufs Neue Frage: Wiegen diese (wenigen) Qualitäten seine offenkundigen Defizite wirklich auf? Ich meine, dass für das Spiel des VfB grundsätzlich Laufbereitschaft, Dynamik und Geschwindigkeit Grundvoraussetzungen sind, um gegen Mannschaften in der Bundesliga zu bestehen. Durch seine fehlende Geschwindigkeit und eklatante Zweikampf Schwäche müssen Spieler wie Förster, Silas, Gonzales und Klimowicz immer für ihn mitlaufen. Vermutlich ist genau das aber auch der Grund, weshalb Förster mit seiner Laufbereitschaft immer gemeinsam mit ihm auf dem Platz stehen darf. Damit blockiert aber ein absoluter Holzfuß einen weiteren Platz in der Startelf.

  5. Frederic Gellert sagt

    DAS ist wie mit Didavi. Hoffe nur, dass der Trainer sieht, wie wenig dabei rauskommt. Und Mislintat dafür sorgt, dass er die 25 Spiele in dieser SAISON nicht schafft und damit der Vertrag einfach ausläuft und sich nicht wieder verlängert. Für das Geld, dass Didavi, Castro (und Badstuber bitte nicht vergessen ! ) kosten, bekommen wir auch andere Spieler die lauffreudiger, mannschaftsdienlicher Arbeiten und auch mal einen Freistoß oder Mörder(vorbereitungs)pass spielen können. Da bin ich mir sicher ;-)

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