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Der alte Mann und der Pass

Wir haben es vor dem Spiel als Ziel ausgerufen, der VfB hat es nach den 2:0-Sieg gegen Hoffenheim geschafft: Wir sind die stärkste Kraft in Baden Württemberg.

Das Konzept der Expected Goals erschließt sich mir nicht. Aufgrund von aktuellen Spielsituationen und zurückliegenden statistischen Erkenntnissen errechnen irgendwelche Nerds die Torwahrscheinlichkeit. Dabei ist es ganz einfach: Wenn Robert Lewandowski mitspielt, ist die Torwahrscheinlichkeit mindestens 1,5 und bei Silas und Sasa Kalajdzic zusammen genommen um die 2, dazu muss ich kein Statistiker sein. Kalajdzic muss nur in der Nähe des Balls sein, schon ist er drin, wie beim Eigentor von Kasim Adams zum 1:0. Das 2:0 macht er dann nach einem Turboangriff über Silas selbst. Damit traf er sieben Spiele in Folge, das gelang zuletzt Fredi Bobic in der Saison 1995/96. Unser „Scheiss-mir-nix“-Spieler hat sich damit seinen Platz in der VfB-Geschichte gesichert. Und das nach nicht einmal einer ganzen Saison.

Aber wir müssen über Gonzalo Castro sprechen. Wir hier im größten Kalajdzic– und Endo-Blog sahen ihn ja schon immer kritisch. Er ist nicht der Schnellste, beim Gegenpressing ist er eigentlich kaum zu gebrauchen, er täuscht das Anlaufen mit seinem berühmten Gonzo-Trab nur an. Aber Castro ist intelligent, er hat ein Gespür für Spielsituationen und er besitzt eine magische Technik. Zu beobachten bei seinem Pass vor dem 2:0 auf Silas, als er mit dem Außenrist den Ball genial, genau und im perfekten Timing in den freien Raum spielte. „Der alte Mann und der vorletzte Pass“ müsste es richtig heißen: Vor dem 1:0 bietet sich Castro zum Doppelpass an und auch dieses Mal öffnet er für Silas einen riesigen Raum, in dem er den Ball nur klatschen ließ. Gonzo beherrscht die kleinen Dinge, die große Wirkung entfalten können. Nicht mehr 90 Minuten lang, aber er kann ein Mann für die entscheidenden Momente sein, wie in so einem engen Spiel gegen Hoffenheim.

Bis zu dieser Saison war Castro eher einer, der mitlief, statt vorne weg zu gehen. Aber die Kapitänsbinde hat ihn offensichtlich beflügelt. Es wirkt in manchen Situationen immer noch so, als ob er die Schultern hängen lassen würde, Castro ist keiner, der durch Mimik und Gestik mitreißt. Aber es scheint so, als ob das eher stille Führen bei den jungen Kollegen ankommt. Borna Sosa spricht respektvoll von „unserem besten Mann in der Kabine“, Castro bringt seine Erfahrung offenbar nicht so ein wie Holger Badstuber, der mit seinen fordernden Art und seinen Erzählungen von der guten alten Bayern-Zeit wohl nicht so gut ankam.

In einem Interview mit der FAZ sagte Castro: „Für einen Trainer ist es wichtig, wenn er einen Mannschaftskapitän bestimmt, wie er mit ihm reden kann. Was auch an Feedback zurückkommt. Ich sage immer, wenn etwas nicht stimmt, oder aber, wenn etwas richtig gut läuft. Das gebe ich immer ehrlich weiter. Es ist wichtig auf dieser kommunikativen Ebene mit dem Trainer den richtigen Ton zu finden“. Pelle Matarazzo und Castro, das scheint zu passen, beide sind nach außen eher ruhige Typen, die aber auch emotional werden können. Eine Mischung, die zur Mannschaft passt.

Der Vertrag von Gonzalo Castro läuft nach dieser Saison aus und der VfB-Kapitän kann sich noch ein weiteres Jahr vorstellen, in dem er für die jungen Spieler im Kader den elder statesman gibt. Auch für Naouirou Ahamada, der noch in der ersten Halbzeit für den verletzten Orel Mangala ins Spiel kam. Der 18-jährige Franzose spielte gleich mit, als ob er schon ewig in dieser Mannschaft stehen würde. Ballsicher, zweikampfstark, technisch anspruchsvoll und mit dem richtigen Gefühl, nach vorne zu stoßen und aufzudrehen. Dabei traf er nicht immer alle Entscheidungen richtig, nun, es war sein zweites Bundesligaspiel.

Was ist noch drin in dieser Saison für den VfB? Den Status als bestes Team aus Baden Württemberg zu verteidigen. Aber will jemand in dieses Ding namens „Europa Conference League“? Ich bin da voll bei Max Kruse von Union Berlin: „Das sollen andere machen!“.

Zum Weiterlesen:
„Oh Captain, my Captain“ bei Rund um den Brustring.

„Onkel Gonzo, bitte ins Bällebad kommen!“ in der Süddeutschen Zeitung.

Das VertikalGIF zur Partie findet ihr hier.

Bild: imago

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3 Kommentare

  1. Sebastian sagt

    Ich finde es toll, dass ihr hier Castro rausgepickt habt. Ich glaube, er ist unheimlich wichtig und wertvoll für die Mannschaft. Neben all seiner Erfahrung, die er als Spieler gesammelt hat, ist er als Dolmetscher für die Gaucho-Connection ein wichtiger Ansprechpartner (ähnlich wie Orel bei unseren franzözischen Raketen).

    • @abiszet sagt

      Wir haben ihn immer kritisch gesehen (auch wenn er das entscheidende Tor gegen den HSV geschossen hat), aber in dieser Saison spielt er wirklich eine gute Rolle. Ist ihm absolut zu gönnen und ja, seine Rolle für die jungen Spieler (nicht nur bei der Sprache) ist sicher wichtig.

  2. Bernd sagt

    Ich sehe das mit der Conference League inzwischen nicht mehr so kritisch. Wir werden nächste Saison eine Menge junger Spieler im Kader haben, die ansonsten wenig Aussicht ordentlich Spielzeit hätten (Suver, Churlinov, Cisse, Egloff, Nartey, und da sind die Streichkandidaten Mack, Aidonis und Awoudja noch gar nicht mitgezählt). Da wäre ein bisschen Rotation für die internationalen Spiele sicher besser als eine Leihe zu irgendwelchen Rumpelkickern in der zweiten Liga. Im Vergleich zu der alten Regelung mit der EL wird einem durch eine Teilnahme auch nicht die Vorbereitung zerschossen, da man direkt in die Playoffs einsteigt.

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