Mini-Feature, VfB
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Der Trainer ist beim VfB nicht das Problem

Der Präsident ist nicht das Problem. Der Manager ist nicht das Problem. Ja, ganz neue Töne bei uns. Das musste doch mal gesagt werden.   

Aber ich komme ja kaum dazu: Jürgen Schlensog vom VfB-Freundeskreis schießt in der StZ gegen den Vorstand („Treten Sie zurück!“), Afrob heute live und in Schräglage und dann die ganzen bescheuerten süßen Tier-Videos, die ich liken muss.

Also, der VfB hat schon alles versucht: Mit Bruno Labbadia hatte man einen Trainer, der die Spieler jeden Tag belehrte, was sie nicht richtig machen. Thomas Schneider war ein Trainer, der die Spieler ernst nahm und mit Argumenten zu überzeugen versuchte. Aber es funktionierte leider viel zu selten, was er sagte. Huub Stevens war einer, der den Spielern die Anweisungen zubrüllte, keinen Widerspruch duldete und persönliche Befindlichkeiten seiner Spieler zurückstellte. Armin Veh hat sich Mannschaft und Umfeld angeschaut und festgestellt, dass keiner Spaß an seiner Arbeit hat. Gute Stimmung zu verbreiten, das war seine Mission in den ersten beiden Monaten.

Nach dem Saisonstart mit zwei Niederlagen und einem Remis ist aber auch er nicht gerade bester Laune. Er hatte wohl denselben Eindruck wie die Medien und die Fans: Das ist eine ganz passable Mannschaft, die sollte mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Anstatt dessen kämpft er mit dem sogenannten „VfB-Phänomen“: Gute Spieler werden in Stuttgart nach kurzer Zeit schlecht. Wiliam Kvist, Shinji Okazaki, Martin Harnik, Vedad Ibisevic, Christian Gentner, ja selbst Gotoku Sakai, waren zu ihrer Anfangszeit besser drauf als nach Jahren beim VfB. Jetzt kann man beobachten wie die Leistungskurve von Timo Werner, Daniel Didavi und Alexandru Maxim langsam aber sicher nach unten geht. Man hat den Eindruck, die VfB-Spieler treffen immer die falschen Entscheidungen, und zwar kollektiv: Sie bewegen sich ohne Ball falsch und mit gar nicht. Oder laufen mit Ball falsch und ohne gar nicht. In den 90 Minuten von München konnte man das ganz hervorragend bei Harnik und Werner sehen, wie wir Heat Map-Analytiker wissen.

Tu was, Trainer!
Jetzt kann man es sich einfach machen und die Verantwortung auf den Trainer schieben. Und auf den Manager. Und schließlich auf den Präsidenten. Aber das ist wohl so nen Vereins-Ding, die Symptome waren schon vor den drei aktuell handelnden Personen da. Es scheint so, dass der VfB kein förderndes Leistungsumfeld bietet. Es scheint so, als ob sich alle eingerichtet haben in der Situation. Es sich bequem gemacht haben und immer auf den anderen schauen, dass der den Karren schon aus dem Dreck zieht:
Wahler schaut auf Bobic, Bobic guckt zu Veh und Veh schaut seine Spieler an und die schauen auf den Boden mit ihren verunsicherten Gesichtern.

Wie kommt der VfB aus dieser Situation? Damit:

Spieler führen und nicht sich selbst überlassen.
Verantwortung übernehmen.
Vorbild sein.

Es gibt sie kaum mehr, die Spieler mit Eigenverantwortung, wie Sami Khedira oder wie Thomas Hitzlsperger. Was man so liest, kaufen die doch sowieso nur Autos, teure Klamotten beim Winnie und trinken Latte im Oggi. Die heutigen Spieler brauchen Führung, Orientierung und Werte. Kommt‘ mir jetzt nicht mit „furchtlos und treu“, da lachen die Spieler drüber (mit mir zusammen). Es müssen Maßnahmen her, dass Spieler an sich glauben, dass Spieler ihre Stärken erkennen, dass Spieler an ihren Schwächen arbeiten und verstehen, dass sie gemeinsam stärker sind als alleine. Im Moment ist die Mannschaft eine Gruppe, die zusammen ist. Ziel sollte sein, dass es ein Team ist, das zusammen steht. Ausgangspunkt dafür ist eine Hierarchie, die sich nicht am Gehalt, Länge der Vereinszugehörigkeit und Alter festmacht, sondern an Leistung, Wille und Persönlichkeit. Daran arbeitet Veh im Moment (Ulrich, Gentner, Ibisevic, siehe auch Heinz Kamkes Beitrag).

Nicht nur Luftnummern ankündigen (Wahler), sich hinter Phrasen verstecken (Bobic) und ironische Kommentare abgeben (Veh)! Wie sagte Maurizio Gaudino in einem Interview „Bei Bayern München wird gehandelt und nicht nur geredet!“. Denken – machen – reden, wie wir Unternehmensberater sagen.

Dass eine Führungskraft Vorbildfunktion hat, muss man als Selbstverständlichkeit betrachten. Aber ist das beim VfB so? Wird dahin gegangen, wo es weh tut? Werden Versprechen eingehalten, wird sich kritischen Situationen gestellt, wird gesagt, was getan wird und getan, was gesagt wird?

Wie das geht, kann in jedem Führungshandbuch nachgelesen werden. Wobei dann doch wieder der Trainer das Problem ist. Und der Manager. Und der Präsident. Denn sie sollten Führungsprinzipien (er)kennen, ergreifen und umsetzen.

Um die Theorie mit Leben zu erfüllen, schaut Euch Thomas Tuchel an. Das Video ist 27 Minuten lang, … ja, ich weiss, das geht gar nicht, alle sind voll im Stress, der Text war eh schon so lang und das iPhone hupt, die Verabredung im Palast wartet. Aber vielleicht mal nicht „Das perfekte Dinner“ schauen und weniger bescheuerte süße Tier-Videos liken. Tuchel ist sehr kurzweilig und interessant. Besonders aufschlußreich sind seine Führungs- und Trainingsmethoden.
Übernehmen Sie, lieber Vorstand, Manager und Trainer! (Danke Heikx, für den Link)

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