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Ist ein Rauswurf von Fredi Bobic die Lösung?

Paderborn Erster, VfB Letzter. „Eine Momentaufnahme“, beruhigt Paderborns Trainer Andre Breitenreiter. Dann ist es ja gut. „Wenn wir so weiter arbeiten, mach ich mir keine Sorgen“, meint Sport-Vorstand Fredi Bobic. Prima, also weitermachen wie bisher, das wird schon. Nur die Ergebnisse stören irgendwie und die VfB-Fans auch, oder?

Die Stimmung vor dem Hoffenheim-Spiel ist gut: „Gegen die haben wir immer gut ausgesehen“, „Wir gewinnen heute, so schlecht wären wir sonst noch nie gestartet“, „Ich erinnere mich noch an das Fussballfest vom letzten Jahr!“, ruft man mir zu, bevor ich ins Stadion gehe. Ja, Hoffnung hat man beim VfB nur, wenn man in die Vergangenheit blickt. Das ist alles, was der VfB noch hat: Erfolge, die weit zurück liegen.

Daran denke ich mich, als ich die Daimlerstraße entlang gehe und mir ein Bier hole beim Stand am toom Markt. Vor vielen Jahren stand hier eine Tankstelle. Sie gehörte dem ehemaligen, beinharten Vorstopper der SG Untertürkheim, Gerd Essig. Mein Vater parkte da oft und gab ihm den Auto-Schlüssel oder wir stellten uns beim Kohlen Zweigle in den Hof. Ich wollte dann immer in die Gaststätte Cronmüller, der Eingang sah so verrucht aus. Ich hatte die kindliche Vorstellung, dass in der Kneipe etwas Unerhörtes passiere, etwas, bei dem ich mir die Hände vor die Augen halten müsste. Es hatte in meiner Phantasie etwas mit unbekleideten Frauen zu tun. Wie es im Cronmülller aussah, habe ich nie erfahren, mein Vater hat mich immer vorbei gezogen. Wir mussten ja zum Spiel, noch Sitzkissen leihen und eine „Rote“ kaufen. Die Wurst war mir dann wichtiger als Bernd und Karlheinz Förster, wichtiger als Georg Volkert und Didier Six. Heute verzichte ich auf die Wurst, wichtig is‘ aufm Platz.

Was fiel auf?
Armin Veh verzichtet auf offensive Außenspieler und lässt ein 4-4-2 mit Raute spielen. Daniel Didavi auf der Zehn, Gentner und Leitner auf den Halbpositionen, Werner und Harnik im Angriff. Darin scheint sich die Mannschaft wohl zu fühlen, die ersten zehn Minuten sind lebhaft und offensiv, inklusive einer Großchance von Harnik. Nach dem Rückstand ist die Mannschaft trotz Systemumstellung nicht in der Lage, Torchancen zu generieren. Man muss kritisch fragen: Warum gelingt es Armin Veh nicht, dem Team ein spielerisches Konzept beizubringen?

Was hat sich gegenüber der letzten Saison geändert?
Nichts.

Man kann sich des Eindrucks nicht verwehren, dass dies nicht der vierte Spieltag der neuen Saison war, sondern der 38. der letzten Saison. Eine positive Entwicklung ist nicht erkennbar: Individuelle Fehler in der Abwehr, schwerfälliger und ideenloser Aufbau, Harmlosigkeit in der Offensive. Was kaum verwundert, schließlich befinden sich mit Klein und Romeu lediglich zwei neue Spieler in der Startaufstellung. Dies dokumentiert die fatale Fehleinschätzung des Sport-Vorstands: Dass die Mannschaft gut genug sei, „nur“ ein guter Trainer hätte gefehlt.

Was machen die Fans?
Die etablierten Stuttgarter Medien machen es sich einmal mehr einfach und trauen sich nicht zu schreiben, was sie denken. Deshalb lassen sie in Leserbriefen Fans zu Wort kommen und geben dem kritischen offenen Brief vom CC97 ein breites Forum. So entsteht der Eindruck: Die VfB-Fans bruddeln nur, sind mit allem unzufrieden. Mit der Aufarbeitung der Gründe für die Misere beschäftigt sich niemand und keiner stellt Fragen oder fragt nach, wie das oberflächliche und weichgespülte Bobic-Interview vom Samstag zeigt. Und im Stadion? Die Fans sind seltsam teilnahmslos, lassen die trostlose Vorstellung über sich ergehen. Kaum Pfiffe, die Cannstatter Kurve unterstützt während des gesamten Spiels lautstark und rollt zwischendurch ein paar kritische Transparente aus. Nach dem Spiel hat keiner der Spieler den Arsch in der Hose, in die Kurve zu gehen. Auf Höhe der Mittellinie wird sich klatschend bedankt, als sich die Mannschaft abdreht und die Kurve pfeift, winkt Schwaab ab. Er hat kein Gefühl für die Situation, zumal er es ist, der den 0:1-Rückstand verschuldet.

Was muss passieren?
Gegen Ende des Spiels fordert die Cannstatter Kurve lautstark die Ablösung Fredi Bobics. Bei all seinen Fehlern und seinem unmöglichen Auftreten in der Öffentlichkeit: Was ändert dies? Spielt die Mannschaft dann besser? Es ist schon richtig – es muss ein Zeichen gesetzt werden, spätestens nach dem Hannover-Spiel (unabhängig von den Ergebnissen!). Nur sollte dies sportlicher Natur sein. Hier ist Armin Veh gefragt. Sowohl personell als auch führungs- und spieltaktisch ist es an ihm, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Unter Umständen ist es eine Option, Spieler, die Angst haben (Sakai, Gentner) oder ganz offensichtlich Motivationsprobleme haben und Alibi-Fussball spielen (Leitner, Harnik, Schwaab, Klein), nicht mehr zu berücksichtigen. Zum Thema Hierarchie und Menschenführung haben wir bereits alles gesagt.

Ja, ein Rauswurf Bobics würde der Fanseele gut tun, er ist das Gesicht des Misserfolgs seit 2010 und müsste damit die Konsequenzen tragen für seine vielen falschen Entscheidungen. Aber Punkte werden damit keine geholt, es wäre lediglich ein populistisches Signal. Dass nun alle auf „Hallschlag-Fredi“ einschlagen, ist auch der stümperhaften Kommunikationspolitik geschuldet: Ergebnisse werden schön geredet, Ankündigungen nicht eingehalten, Vereinspolitik nicht transparent gemacht, der Kontakt zur Basis vernachlässigt. Es scheint so, dass Fans und Mitglieder als notwendiges Übel empfunden werden.

Was sagt Clueso dazu?
„Lass‘ den Kopf nicht hängen!“

Und sonst so?
Auf dem Nachhauseweg treffe ich Jan-Thorsten, den ich sonst nur in der Minibar treffe. Er bietet mir seine Dauerkarte an, zu „einem günstigen Preis“.

Demut

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6 Kommentare

  1. Schöner Text, schöne Hinführung insbesondere. (Aber nicht nur.)

    Die Ausführungen zu Bobic unterschreibe ich sofort, auch einiges mehr. Den Eindruck des Alibi-Fußball bei Harnik, Leitner und Klein teile ich indes nicht (fast sogar: gerade bei ihnen nicht), aber so ist das eben mit der Wahrnehmung beim Fußball.

  2. abiszet sagt

    Vielen Dank, lieber Heinz Kamke! Ich weiss, bei Leitner sind wir total verschiedener Meinung. Aber diese Pässe, die unbedrängt ins Nichts gehen. Dieses bemüht Engagierte, aus dem nichts Produktives entsteht, stört mich extrem. Ich habe immer den Eindruck, dass es Leitner darauf ankommt, wie etwas wirkt, dass die Frisur sitzt und das Trikot eng am Körper liegt. Er sollte dem VfB-Spiel Struktur geben, aber er hatte nur die meisten Ballkontakte und viele (Alibi-)Kurzpässe. Und bei Klein und Harnik habe ich Läufe in die Tiefe gesehen, nur um dann wieder den Ball zurück zu spielen oder auf Verdacht in die Mitte zu schlagen. Da lobe ich mir Werner und Kostic, die gehen Risiko und sehen dann mal schlecht aus, wenn sie den Ball verlieren.

  3. Klar, die Sache mit Leitner, ich weiß. Ich bin da bestimmt nicht ganz objektiv, lasse mich vielleicht von seinem Umgang mit dem Ball blenden. Hab ich übrigens mit vielen im Stadion gemeinsam, den Mangel an Objektivität, wenn auch gemeinhin andersrum – womit ich nicht Dich/Euch meine, sondern den einen oder anderen von jenen, die da immer in meiner Nähe stehen. Dass dann eine Aktion wie jener sorglose Ballverlust kurz vor Schluss nicht gut ankommt, ist mehr als nachvollziehbar. Ansonsten habe ich das nicht so wahrgenommen, dass er nur Kurzpässe spielt, bzw. vor allem: spielen möchte, aber es ist nicht ganz leicht, wenn die Sache mit den Abnehmern auch nicht so recht funktioniert. Geht Didavi ja ähnlich, der halt einen schönen Lauf zur Grundlinie hatte, ansonsten aber in erster Linie mit Fehlpässen in meiner Erinnerung haften blieb. Vielleicht, weil er es mit mehr Risiko versucht hat, das will ich nicht in Abrede stellen.

    Bei Klein kann man immer mal wieder eine gute Dynamik erahnen, noch dazu schöne (schwierige) Annahmen von Flugbällen kurz vor der Grundlinie sehen, die manches versprechen, nicht zuletzt Querpässe, wenn da jemand ist. Leider haben die Flugbälle selten gepasst.

    Dass Harnik unglücklich spielt, steht außer Frage, bei ihm tu ich mich nur mit „Alibi“ schwer. Klar freue ich mich über Werner und Kostic, aber Werner treibt sich halt auch überall rum und versucht, was weiß ich, Diagonalbälle zu spielen; in die gefährlichen Bereiche kommt er indes auch sehr selten. Womit wir wieder bei den Zuspielen wären, klar.

    Aber, ach! Letztlich ist es egal, ob wir einzelne Spieler etwas unterschiedlich sehen. Zum Heulen ist es so oder so.

  4. abiszet sagt

    Ja, über Spieler lässt sich trefflich streiten. Aber ich finde, es gehört mehr dazu, als mit dem Ball gut umgehen zu können. Darüber hinaus passen Leitner, Gentner und Didavi nicht zusammen. Wenn dann noch Maxim dazu kommt, sind sich die Spieler zu ähnlich. Sie wollen finale Pässe spielen, in Schnittstellen, nur auf wen? Ist ja keiner mehr da. Ich würds mal ohne Gentner probieren, mit Romeu (sehr schöner Text übrigens!) und Gruezo, auch wenn ich weiss, dass es in Dortmund wohl nichts zu holen gibt. Die wahrscheinliche Bobic-Demission wird sowieso alles überlagern. Finde ich nicht gut. Aber das ist ja bekannt.

    • Ja, zu viele ähnliche Spieler, oder zu viele Spieler, die in ähnliche Räume (spielen) wollen. Vielleicht könnte man würfeln; ich persönlich würde halt, vertragliche Fragen außen vor lassend, Leitner (Akkusativ) stets Didavi (Dativ) vorziehen, aber egal.

      Und die Demission: nun ja. Viele Fragezeichen. Und ein Ausrufezeichen. Wenn man überzeugt war, es setzen zu müssen, bin ich ganz dankbar, dass man dann auch mal konsequent gehandelt hat – ohne die allem Anschein nach bestenfalls diskutablen Umstände gutzuheißen.

      (Bei mir hatte er mit der Balakov-Nummer seinen verbliebenen Kredit ziemlich verspielt.)

      (Sorry, ich hör mal auf. Ist ja kein Forum hier.)

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