Querpass
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Der Ungeliebte

Immer wenn die Nationalmannschaft spielt, denke ich über meinen Beziehungsstatus zu Mario Gomez nach. Wenn er mir seit 2009 begegnet, weiss ich nicht so richtig, was ich fühlen soll. Er schoß uns zur Meisterschaft 2007, oiner von uns, dem man anmerkte wie sehr er es liebte, für den VfB zu spielen. Aber auch einer, der nach München wechselte, nachdem er vier Tore gegen Wolfsburg schoß. Das nahm ich ihm damals wirklich übel, ich dachte, er könne sich den bequemen Zwischenschritt in München sparen und gleich zu Real Madrid, Chelsea oder ManUnited gehen. Anstatt dessen ließ er sich vom Rekordmeister vereinnahmen, hampelte in Lederhosen rum und wurde gebrainwasht mit der „Mia-san-mia“-Doktrin bis er schließlich selbst dran glaubte, ein geborener Bayer zu sein. Das schmerzt.

In München mochten sie Gomez allerdings nicht. 33 Millionen für einen Chancen-Verstolperer und -Versemmler, so die langläufige Meinung. Für diesen schwerfällig wirkenden Stürmer, der nicht selten unbeholfen durch den Strafraum tapste. In München sah er deshalb aus wie ein großer, trauriger Bär. Er hat sich zwischendrin auch an ein paar Dribblings versucht, bei denen man aber nie wusste, ob es nicht doch Weitschüsse waren. Der Ball ist ihm so vom Fuß gehüpft als wäre er heiß und Gomez könnte sich an ihm verbrennen.

Gomez hat nicht viel falsch gemacht in seiner Karriere, mit seine beste Leistung bot er, als er den Karlsruher Maik Franz öffentlich als Arschloch bezeichnete. Gut, er hat ein paar dicke Dinger grotesk vergeben. Ok, er hat bei Interviews dieses Bibergrinsen im Gesicht und ein bisschen zu viel Gel im Haar. Aber ist seine Frisur wirklich alles, was man ihm vorwerfen kann? Schon richtig, gerade in großen Spielen taucht er gerne unter, dann denkt jeder, Gomez’ Team spiele nur mit zehn Mann. Aber das denkt man bei Mesut Özil und Marco Reus auch manchmal.

Trotz aller – vielfach auch unsachlicher – Kritik hat Gomez nie seinen Stolz, seine Würde und seinen Instinkt verloren. Was ihm allerdings fehlt, ist Tiefe. Gomez. Strafraum. Tor. Man braucht nur drei Worte, um sein Spiel zu beschreiben und das führt dazu, dass er oberflächlich nur nach Toren bewertet wird.

Nur mit Toren lassen sich seine Kritiker besänftigen. Schoß er die nicht, wuchs die Häme. Sogar in Stuttgart war die Skepsis anfangs groß, Spitzname „Stolperhannes“. Trifft Gomez nicht, trifft ihn die Kritik. Er wird nur wegen seiner Tore respektiert. Ein bisschen wie Cristiano Ronaldo. Den kann auch keiner leiden. Und das trotz vieler Tore.

EM-Spicker_Hitzlsperger

Selbst Tore reichen manchmal nicht. Genau vor vier Jahren machten wir mit dem heutigen VfB-Vorstandsbeauftragten Thomas Hitzlsperger eine App mit dem Namen „EM-Spicker“. In der schrieb Kollege Sebastian einen offenen Brief an Mehmet Scholl, weil der Gomez als Schütze des goldenen Tores gegen Portugal beleidigt hatte. Was soll Gomez denn noch machen? Weizenbier auf dem Spielfeld servieren?

Wäre Gomez doch einfach beim VfB geblieben. 200 Tore später wäre er heute Kapitän und eine Legende in Stuttgart. Und um ein paar Millionen ärmer. Aber lieben würde man ihn hier. Auch ohne Tore.

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3 Kommentare

  1. Titagru sagt

    Das gilt für Kuranyi noch mehr! Jedes 2. Fantrikot war die 22. Zudem hat er überall wo er spielte 15+ Tore geschossen. Und – er wurde geliebt!
    Was man für das ein oder andere Milliönchen doch alles aufgibt….Anstatt ewigen Legendenstatus und über der Schwabenmetropole hinaus ausgerollte rote Teppiche, Einladungen noch und nöcher nun Häme und Hass.

    • @buzze sagt

      Stimmt. Wobei Kuranyi immerhin so ehrlich war, um klar zu kommunizieren, dass das Geld eine wichtige Rolle (vor allem beim Wechsel zu Moskau) gespielt hat.

      • @abiszet sagt

        Bei Kuranyis Wechsel nach Schalke standen offiziell sportliche Gründe im Vordergrund (neben dem besseren Gehalt), ärgerlich nur für KK, dass der VfB 2007 Meister wurde und nicht Schalke.

        Meine Behauptung, wenn Gomez geblieben wäre, man hätte ihm hier ein Denkmal gebaut, ist natürlich hochromantisch, vollkommen naiv und total realitätsfremd. Mario Gomez war nicht zu halten. Genauso wenig wie Sami Khedira. Schade nur, dass Gomez bei seiner beeindruckenden Torquote von fast allen in Deutschland sehr kritisch gesehen wird. Ich würde ihm wünschen, dass die EM 2016 sein Turnier wird. Aber auch das ist wohl romantisch, wenn nicht naiv.

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