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Herr der Augenringe

Es war für uns der Moment der Saison. Bereits hier wurden die dramatischen Weichen für eine erfolgreiche Runde gestellt, an deren Ende die Champions League Quali und das Pokalfinale standen. Man stelle sich vor, der VfB hätte nach der Super-Cup-Niederlage gegen Bayern München und dem 1:2 gegen Union Berlin zum dritten Mal nacheinander verloren, der Saisonstart wäre ein Katastrophenfilm gewesen mit FSK 18. Dann wäre noch der Woltemade-Abgang dazugekommen, Sebastian Hoeneß hätte schlechte Laune gehabt und Stuttgart hätte gebrannt wie ein Die-hard-Set.

Lange sah es nach fear and loathing in Braunschweig aus. Der VfB spielte in der ersten Pokalrunde erst Penalty Fiction und es endete schließlich mit The Good, The Bad and The Assignon. Ein Pokalspiel wie ein Tarantino-Film: zu lang, völlig absurd, voller Wendungen und immerhin mit ein paar lustigen Dialogen (Alex Nübel: „Ich weiß nicht, wie gut ich einschlafen kann“).

Tiago Tomàs zeigte hier schon seinen Sinn für große Momente, ohne dass wir ahnten, dass er gegen Freiburg und Hoffenheim mit den Dingern in Serie gehen würde. Sein absurder Trick vor dem 3:4 war Artistik und Wahnsinn zugleich. Andere hätten sich dabei mindestens einen Bänderriss oder eine Muskelverletzung zugezogen. Und trotzdem reichte es nicht.

Im Elfmeterschießen legte Braunschweig vor und der VfB musste nachziehen. Maximale (An)Spannung. Traute ich Jamie Leweling, Ramon Hendriks, Josha Vagnoman und Atakan Karazor zu, diesem Druck standzuhalten? Ehrliche Antwort: nein. Ab Ermedin Demirovics Elfer zum 4:4 konnte ich wie bei einem Horrorfilm nicht mehr hinschauen, maximal zwichen den Fingern durchlinsen.

Das Happy End schießlich beim 20. Elfmeter!
Zuvor hatte der Eintracht-Spieler Lukas Frenkert verschossen:
Lorenz Assignon lief an, nachdem er in 120 Minuten alles andere als überzeugte und bei zwei Gegentoren seine Füße im Spiel hatte. Ron-Thorben Hofmann ahnte zwar die Ecke, der Stuttgarter Neuzugang hatte aber zu gut geschossen. Ende. Abspann. Fortsetzung im Pokal gesichert. Assignon wurde damit zum Herr der Augenringe – denn mit denen wachten wir am nächsten Morgen auf, nachdem der letzte Schuss gegen Mitternacht einschlug und wir danach ebenso wie Nübel kaum schlafen konnten.

Als Titelverteidiger in der ersten Runde auszuscheiden, das war Frankfurt zuletzt 2018 gelungen. Aber bei einer VfB-Niederlage hätte sich wohl Eintracht-CEO Axel Hellmann zu sehr gefreut. Diesen Gefallen wollte ihm keiner tun.

„VfB überlebt Pokal-Spektakel“ lautete eine der Überschriften ziemlich martialisch. Es war kein Spiel um Leben oder Tod, aber der Start in eine neue Saison war in Gefahr. „Es ging hier darum, zu überleben – und das haben wir gemeinsam geschafft“, den Ton setzte Sebastian Hoeneß weil er wusste: Nach einer Niederlage und einem damit verbundenen Fehlstart wäre es zu einem Psycho-Thriller in Stuttgart gekommen.

Zum Weiterhören:
Im Rasenfunk kürten wir etwas anderes zum Moment der Saison. Hier geht’s lang zur Royale-Ausgabe des VfB mit Sebastian.

Zum Weiterlesen:
Neben dem Moment der Saison küren wir in den nächsten Tagen mit unseren vp-Awards auch den MVP, den Aufsteiger der Saison und die Überraschung der Saison.

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