featured
Kommentare 5

Das ist alles nicht normal!

“Wir gewinnen sowieso“, sagten und sangen die Bayern Fans schon vor dem Spiel. Und das ist auch deren Haltung: Einen Titel zu gewinnen ist für sie normal, auch wenn der letzte Pokalsieg sechs Jahre her ist. Der VfB und seine Fans sind davon weit entfernt: Auch wenn es historisch und schlicht sensationell ist, zwei Mal hintereinander das Pokalfinale zu erreichen, das wird für uns nicht so „normal“ werden wie für den FCB.

Ich bekam schon am Donnerstag und Freitag Bilder von Freunden: „Es gibt einfach so viele tolle Menschen im VfB-Umfeld“. Es wurde das Zusammensein gefeiert, die Liebe zum Verein, die Entwicklung des Clubs und trotz eher geringer Chancen stieg die Vorfreude auf das Finale von Minute zu Minute. Weil es mehr als 90 Minuten auf dem grünen Rasen sind. Gemeinschaft, Zusammenhalt, Identifikation, Identität.

Die Stimmung in der Stadt ganz besonders, auch wenn ich von einem Berliner Fahrradfahrer mit einer leeren Zigarettenschachtel beworfen wurde, verbunden mit der Schrei „Stuttgart verrecke“. Er mag wohl Stuttgarter generell nicht, wie auch die BFC-Fans, zu denen ich in die S-Bahn nach deren Niederlage im Landespokal gegen Altglienicke gestiegen bin und mit „Stuttgarter Arschlöcher!“ begrüßt wurde. Auf meinen irritierten Blick reagierte ein BFC’ler achselzuckend: „Nimm’s nicht persönlich, jeder wird beschimpft, der kein Dynamo-Fan ist“. Ein bisschen also wie die Attitüde: „Hoffentlich verliert ihr alle“.

Dagegen fragte mich eine Frau, die deutlich in ihren 80ern war, wie ich als VfB-Fan bayerisches Bier trinken könne, und strich mir dabei über das gestickte VfB-Logo meines Frottesana-Trikots. Aus Bayern kommen eben auch ein paar gute Sachen.

Das Schöne an so einem Spieltag:
Die guten Leute treffen sich immer, ohne sich zu verabreden. Man läuft sich „irgendwie“ immer über den Weg. So wie ich am Hackeschen Markt meinem ehemaligen Nachbarn über mir, der ein Glück vor einigen Jahren auszog, weil sein Sky-Signal immer ein paar Sekunden vor meinem lag.

Das Finale war ein Fußballfest, von dem auch Harry Kane beeindruckt war und sichtlich emotionalisiert von einer einmaligen Atmosphäre sprach. An der die VfB-Fans den größten Anteil hatten, mit lautstarkem Support, auch während der sich abzeichnenden Niederlage. Mit einer intelligenten Choreo, die die Nachteile des Marathontors nutzte und für einen außergewöhnlichen Effekt sorgte – wer darüber nicht lachte, hat den Fußball nie geliebt.

Ich habe davon zunächst nichts gesehen, ich hielt ein rotes Schildchen hoch, was ganz gut war: Denn trotz der vermeintlichen Chancenlosigkleit war ich nervös. Gut, dass ich mit den anderen singen und hüpfen und klatschen konnte. Mein Hintermann war so aufgeregt, dass er mir mehrfach aus Versehen auf den Kopf schlug.

Das Finale auch ein Fest der Fußballkultur, in der sich die gegnerischen Fan-Szenen in herzlicher Abneigung verbunden sind, im wahrsten Sinne des Wortes. Erst von “FC Bayern Hurensöhne“ und „Bayern-Schweinen“ singen, dann eine gemeinsame Aktion gegen den DFB fahren. Die Bilder davon gingen weltweit steil. Was natürlich nicht ohne Kritik blieb von Leuten, die glauben ihnen gehört der Fußball und nicht den Fans.

Geniale Idee und geniales Bild, wie das durchgestrichene DFB-Logo durch das Stadion waberte.

Geniale Idee und geniales Bild, wie das durchgestrichene DFB-Logo durch das Stadion waberte.

Es ist nicht normal, dass zur Einstimmung auf das Spiel das Stuttgarter Kammerorchester die Fangesänge begleitet. Auch wenn es ein bisschen zu leise war, „Stuttgart kommt“ und “VfB allez“ wurde in der Kurve zigtausendfach verstärkt. Die Gesichter des Ochesters, ihre unübersehbare Freude, Teil des Finales zu sein vor einem riesigen Publikum, gab Energie und ließ uns euphorisch ins Spiel starten.

So ein Finale ist etwas ganz Besonderes.
Alles verdichtet sich in 90 Minuten.
Das nimmt einen mit und schafft Momente, die bleiben. Selbst bei einer Niederlage. Gerade die Reaktion darauf: Weltklasse. Die Mannschaft bekam die Probs, die sie verdiente. Allen ist klar, dass der VfB eine außergewöhnlich gute Saison gespielt hat. Auf die alle mit Stolz blicken können.

So ein Finale ist nicht normal.
Auch wenn wir es zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres erleben durften. Es bleibt trotzdem einmalig, es schafft Erinnerungen, von denen wir uns noch in vielen Jahren erzählen.

Nach 90 Minuten Plus war ich schließlich komplett am Arsch: Kaputt vom Support, verloren, down wegen des Ergebnisses und doch irgendwie glücklich. Weil alle alles gegeben haben. Auf und außerhalb des Feldes.

Zum Weiterlesen:
Unsere sportliche Einordnung des Finales: Eine Zwischenstation einer beeindruckenden Entwicklung.

Eine kleine Erinnerung an das letzte Finale: „Nur Amore für alle“.

Bilder: Christian Kaspar-Bartke/Getty Images (Aufmacher), Reinaldo Coddou H./Getty Images (Artikelbild)

Darf gerne geteilt werden:

5 Kommentare

  1. Poveretto sagt

    Auch wenn die Prediction der Bayern-Fans am Schluss eingetreten ist. Sieger der Herzen und moralischer Sieger ist der VfB und sind seine Fans. (aka: me)

    Was an Support auf die Beine gestellt wurde und wie die Mannschaft abgefeiert wurde ist, um einer meiner Lieblingsbegriffe im Zusammenhang mit den VfB zu benutzen “episch”.

    Klar, das Spiel wurde verloren, aber in einer Art und Weise, die einem nur Mut machen kann. Und wenn wir uns nächstes Jahr den Pokal nicht holen, dann spätestens übernächstes Jahr oder das Jahr darauf. Und falls auch da nicht: Na und?

  2. Ich hab mit meinem Kumpel Elias (jetzt noch ManU-Fan, aber den krieg ich schon noch zum Brustring, zumindest in der Buli) daheim vor dem Fernseher gesessen. Natürlich dachte ich bis zum ersten Tor, es ginge irgendwie vielleicht doch noch etwas, aber wenn ich ehrlich bin, hatte ich schon seit Mordors Finalqualifikation keinen Funken Hoffnung. Darum war’s dann auch nicht so niederschmetternd.

    Nach dem 2:0 hab ich dann zum Smartphone gegriffen und Elias alle Videos gezeigt, die ich im letzten Jahr in der Kurve in Berlin gemacht habe. Und das war für mich das perfekte Antidot gegen Harrys Hurensöhne – denn plötzlich war nicht nur alles wieder da, was ich letztes Jahr erleben durfte, sondern auch alles, was der VfB davor und seitdem geschafft hat. Die Mannschaft und alle Fans durften Samstag hocherhobenen Hauptes aus dem Stadion gehen – und ich saß hocherhobenen Hauptes und mordsstolz auf die Jungs auf dem Sofa.

    Wir haben uns anschließend noch das eine oder andere Glas Wein hineingeklappert und ein- zweimal, wenn ich mein Spiegelbild im gegenüberliegenden Fenster sah (ich trug natürlich weiß), hat es kurz im Herzen gezwickt. Aber nur ganz kurz. Denn ich kann mich einmal mehr über eine tolle Saison und auf eine tolle Saison freuen.

    Außerdem hat Elias etwas “gutzumachen”. Er war einmal mit mir im Stadion (wir wohnen in Vorarlberg), beim Auftakt der Niederlagenserie der letzten Saison, gegen VW. Samstag haben wir in seiner Anwesenheit schon wieder verloren. Diesen Fluch werden wir schon bald brechen, weil er vor dem dann kommenden Spiel einen weiß-roten Schal von mir umgehängt bekommt. Und wenn wir dann gewinnen, hat der VfB einen Fußballromantiker mehr hinter sich, da wette ich drauf.

    Euch allen eine schöne Sommerpause voller Vorfreude.

    • @abiszet sagt

      @Michael
      episch – sehr treffende Bezeichnung. Liam Gallagher hätte “biblical” gesagt ;-)

      @VDL
      herrlich – da wollen wir Bilder sehen, wenn Elias einen weiss-roten Schal trägt!

  3. Klaus sagt

    Jetzt habe ich es endlich begriffen: Es geht nicht um Fußball, um Sport, um die Holding Six und den Wegklappenden Zehner, es geht um Macht. Wer ist Herr im Haus? Die Fans? Offensichtlich und egal, ob mit oder ohne Anführungszeichen. Zum richtigen Zeitpunkt zeigen, dass die da unten auf dem Rasen, vor allem die eigene Mannschaft, sich nicht einbilden soll, sie hätten Einfluss auf den Spielverlauf, das Ergebnis. Soweit kommt’s noch. Falsch gedacht? Dann soll mir jemand erklären, warum vorgestern nach Beginn der zweiten Halbzeit, als immer noch genügend Widerstand in der Mannschaft war, um die Bayern aus dem Konzept zu bringen, in der Marathon-Kurve so gezündelt worden ist, dass die Sensibelchen vom VfB nicht mehr wussten, wo links und rechts und oben und unten ist. Geschenkt, dass die Bayern-Zündler sich da gleich mit dran gehängt haben. Denen war es grad recht; der Engländer wird schon eins, zwei, drei reinmachen – und Schweinchen Schlau, „das Eberl“, feixt sich eins.
    Vorschlag zur Güte: Die Pyromanen gründen ihre eigenen Liga, die Pyro-League, in der sie für Sicherheit sorgen und weltweit ihr Produkt vermarkten: Abfackeln was abzufackeln geht. Was auf dem (Kunst-)Rasen stattfindet ist unwichtig, also der ideale Spielplatz für abgetakelte Spieler und Trainer (Goretzka, Labbadia usw). China dürfte ein dankbarer Abnehmer sein. Die haben das Feuerwerk ja bekanntlich erfunden und mit Fußball nix am Hut, also die ideale Kombination. Da stimmt dann wahrscheinlich auch der Trend, immer näher ran zu wollen, an die Spieler (Opfer): sehen, wie die Haare brennen und das Blut spritzt. Kameras im Notarztwagen etc. Expertise wäre bei der WWE zu holen: World Wrestling Entertainment. Die haben kein Problem, das Kind beim Namen zu nennen: Entertainment! Die Amis wären vermutlich auch dankbar für eine weitere Variante, ihren Bürgerkrieg mit anderen Mitteln fortsetzen zu können. Mit Fußball (Soccer) haben auch die nix am Cowboy-Hut.
    Das Gegenstück wäre eine Liga, zu deren Spiele der Vater gerne mit den Töchtern hingeht, die Mutter mit den Söhnen, in der es wieder um die Holding Six und den Wegklappenden Zehner geht, die Dreier – und die Viererkette, in der der Schiedsrichter das Spiel abbricht, sobald das erste Streichholz angezündet wird. Nebenbei: Vorgestern hat der Stadionsprecher per Durchsage allen Zuschauern mit Atemwegsbeschwerden empfohlen, die nächste Krankenstation aufzusuchen, während der Schiedsrichter das Spiel seelenruhig hat weiterlaufen lassen.
    Also: Gründet eure Pyro-League, sofort, geht hinaus in die Welt und lasst uns das Spiel, das wir lieben und von dem wir wollen, dass es unter regulären Bedingungen stattfindet.
    PS: Interessant wäre es einmal zu erfahren, wie Wochenende für Wochenende, immer wieder Tonnen von Brennmaterial in die Stadien geschafft werden.

    • @abiszet sagt

      Hallo Klaus, Du hast Dir mit Deinem Kommentar viel Mühe gegeben, Herzlichen Dank dafür.

      Was ganz interessant ist bei Dir und anderen Kommentaren zu Pyro und Protesten, ist die Stellvertreter-Diskussion. Gerne wird der Vater mit den Töchtern und die Mutter mit den Söhnen angebracht, dass die sich wegen Pyro und Protesten gestört fühlen und deshalb nicht zu den Spielen kommen. Familien, die sich selbst nicht melden. Warum für andere sprechen und nicht für sich selbst: Wer das nicht gut findet, kann das doch sagen/schreiben, ohne Familien als (Schein-)Argument vorzubringen.

      Ob Pyro-Liga oder nicht – Du hast auf alle Fälle die Chance selbst (und nicht für andere) zu entscheiden, was Du gut findest und was nicht und ob Du zu Spielen gehst oder nicht. Kann ich verstehen, dass Du auf ein Spiel verzichtest, wenn Du wegen Rauchs 5 Minuten nichts siehst.

      By the Way: Es geht natürlich im Fußball nicht Holding Six und den wegklappenden Zehner, wie kommst Du denn darauf. liest Du etwas spielverlagerung.de? ;-)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.