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House of Ehrenmänners

ZEIT Online hat heute in einer effektheischenden Artikelserie für Aufsehen gesorgt. In vier Texten lässt sie alle schlecht aussehen: Claus Vogt, Thomas Hitzlsperger, Wilfried Porth, André Bühler, „rund 100 Leute, die auf Twitter das Meinungsbild in Stuttgart bestimmen“ und die aktuelle Mannschaft auch gleich mit. Nur die Ehrenmänner Rainer Mutschler und Bernd Gaiser kommen gut weg. Komisch eigentlich.

Dabei hat ZEIT Online den eigentlichen Skandal gar nicht aufgedeckt: Die internen Dokumente, die uns von der kleinen digitalen Elite zugespielt wurden, und die vielen Gespräche, die wir über Monate mit der subversiven Gegenöffentlichkeit geführt haben, werfen Fragen auf, gar einen ungeheuren Verdacht. Wir haben Erkenntnisse, die vieles bisher Erzählte in ganz neuem Licht erscheinen lassen. Wir wollten eigentlich eine mehrteilige Artikelserie machen, aber es hat dann doch nur zu diesem Text gereicht (sorry, aber es ist Freitag Abend!).

Es geht dabei um nichts weniger als grundsätzliche Fragen, die sich in vielen Clubs stellen oder stellen werden: Was muss man mitbringen, um heutzutage einen Profiklub erfolgreich zu trainieren? Und wer entscheidet eigentlich darüber, was man als Trainer mitbringen muss?

Wir fragen uns:
Kann dieser Mann wirklich den VfB trainieren?

Dass es mit dem neuen Cheftrainer Pellegrino Matarazzo und der sogenannten „alten Seilschaft“ um Mario Gomez, Holger Badstuber, Gonzalo Castro und Daniel Didavi von Anfang an nicht funktionierte, hat wohl vor allem mit Matarazzo selbst zu tun, der schon in den ersten Wochen seiner Amtszeit überfordert scheint und streckenweise, so schildern es Beteiligte, kaum ein Training vernünftig leitet. In Mannschaftssitzungen hat er Spielernamen nicht parat, schreibt sogar einmal zwölf Namen in die Mannschaftsaufstellung, er verschleppt Entscheidungen zu Fragen der taktischen Aufstellung, er kann sich hinterher sogar an seine taktischen Vorgaben nicht mehr erinnern. Das zeigen interne Dokumente, die uns vorliegen.

Vieles von dem, was in dieser Anfangszeit und in den folgenden Monaten schief läuft, wie sich die Fehler und Versäumnisse des neuen Trainers aneinanderreihen, ist der Öffentlichkeit unbekannt. Aber Dokumente, die vertikalpass vorliegen (klar, wem sonst?), zeigen, wie Matarazzo wirklich arbeitet.

Noch zwei Jahre zuvor war Matarazzo bei seiner Bewerbung zum Co-Trainer, bei der er mit einer Hoffenheim-Trainingsjacke auftrat, mit 0:5-Stimmen durchgefallen (Die Bewerbung liegt uns vor). In der Wahlkommission saßen damals Wolfgang Dietrich, Rainer Mutschler, Bernd Gaiser, „Jordi Stuttgart“ und Oliver Schraft, fünf ausgewiesene Sportkompetenzler. Nun will dieser Mann die Sehnsucht der leidenschaftlichen VfB-Fans nach mutigem und offensivem Fußball stillen. Mit seiner Klage, es sei im Fußball zu viel Taktik im Spiel, spricht er in Zeiten von abkippenden Sechsern und falschen Neunern vielen aus dem Herzen. Matarazzo sucht den Kontakt zu den Fans, den Fußballromantik-Bloggern und Influencern auf Social Media.

Als in Stuttgart im Frühjahr 2020 der Aufstieg in die erste Bundesliga zu misslingen drohte, geriert sich Matarazzo, der Fan-Trainer, öffentlich zum Retter. Der Mann, den seine Anhänger „Rino“ nennen, mag nicht der brillante Trainer sein, als der er sich darstellt, aber er weiß sich gut zu verkaufen. Von seiner Arbeit drang immer nur das an die Öffentlichkeit, was dem VfB-Trainer in die Hände spielte, während alle Informationen, die seine Eignung als Trainer in Zweifel zogen, verborgen blieben. Der Italo-Amerikaner ist kein Architekt des Erfolgs, denn Erfolg muss sich in Stuttgart erst einstellen. Und Rang 9 ist zwar ordentlich für einen Aufsteiger, aber nicht mehr. Alleine in den letzten vier Jahren landeten drei von neun Aufsteigern weiter vorne in der Tabelle, darunter der damalige Bundesliga-Debütant RB Leipzig und der VfB selbst (2018). Glanz erhielt die vergangene Saison vor allem dank dem 5:1 in Dortmund, dem Konfettisieg, als die gegnerische Mannschaft aus Dortmund ihren Trainer Lucien Favre erfolgreich los wurde. Die drei anschließenden Spiele gewann der VfB wieder nicht. Das war typisch: Die Mannschaft, angeleitet von einem Trainer, der zuvor noch nie auf diesem Niveau gearbeitet hat, spielt leidenschaftlich, aber instabil. Sie erinnert an eine A-Jugend. Das zeigen interne Dokumente, die uns vorliegen.

Doch es geht auch um große Gefühle. Zwei Spieler, mit denen vertikalpass im Zuge der monatelangen Recherche sprach, weinten als wir sie auf die Gehaltskürzungen ansprachen, die durch die Corona-Pandemie notwendig wurden. Ein dritter Spieler lehnte unsere Anfrage ab, weil ihn das Thema VfB zu sehr aufwühle. Die neue Mercedes G-Klasse ist halt auch eine Herzenssache.

Offen ist, ob Matarazzo im Dezember 2019, als er neuer VfB-Trainer wurde, mit besten Absichten beim Verein für Bewegungsspiele antrat. Womöglich schon, und vielleicht hat er dann die gleiche Erfahrung gemacht wie einige vor ihm: Es plappert immer irgendeine ehemalige Vereinsgröße mit einer Wochenzeitung oder irgendein Spieler weint sich immer beim Vorstand aus oder der Sportdirektor will in die Aufstellung hineinreden. Für einen Anfänger wie Matarazzo ist das eine große Aufgabe. Vielleicht ist es am Ende eine Systemfrage, wie erfolgreich Pellegrino Matarazzo beim VfB ist.

Aber womöglich geht es ihm gar nicht um Erfolg, sondern nur um sich selbst. Matarazzo gibt doch tatsächlich damit an, mit Rudi Völler befreundet zu sein – weil der ihm auf dem Weg zur Toilette mal über den Weg lief! Und von einigen ehemaligen Spieler ist zu hören, dass sich Matarazzo, das selbsternannte Mastermind auf der Trainerbank, von ihnen gerne als „Principe“ anreden ließ.

Disclaimer:
Nur damit Ihr es wisst: Sollte aus diesem Text ein Shitstorm entstehen, werden wir uns in einem Facebook-Post darüber beklagen.

Zum Weiterlesen:
Bruddelei nennt den Text „Zeit-Verschwendung“ und widmet sich dem Artikel im Detail.
Rund um den Brustring findet viele Schwachstellen in der Zeit-Serie.

Darf gerne geteilt werden:

12 Kommentare

  1. Andreas sagt

    Dass man so viel Effekthascherei aus einem Zeit Artikel kopieren kann, verwundert mich noch immer.
    Hätte mir von dem Blatt echt mehr erwartet als die Tagebücher der Ehrenmänner überprüft abzudrucken

  2. Carlitos sagt

    dass die Zeit nicht mehr ernst zu nehmen ist, hatte sich ja schon beim Steuerhinterziehungs-Interfiev mit U.Hoeneß angedeutet („ich schwitze in der Nacht“). Dass dann 2 Tage vor der Mitgliederversammlung, in der Hr. Vogt zur Wahl steht, ein tendenziöser und verschwurbelter Möchtegern-Skandal ans Licht gezerrt wird zeigt: die Zeit hat den Kompass noch nicht wieder gefunden… was heißt außerdem nochmal ‚Geschmäckle‘ auf Hamburgerisch?

  3. Thomas Obermüller sagt

    Wenn mir ein Zeitungsartikel nicht passt, muss ich nur die Seriösität der Verfasser und des Blattes in Frage stellen; so einfach ist das.
    Ich war während der nun schon fast 2 Jahre andauernden Querlen beim VfB tendenziell pro CV unterwegs. Nur tendenziell, weil mich in der ganzen Zeit eine Frage im Hinterkopf beschäftigt hat, die mir bis heute niemand beantworten konnte. Warum gab es Menschen im Verein, die von der Aufklärung der Datenaffäre nichts zu befürchten hatten und trotzdem lieber zurückgetreten sind, als mit CV weiterzuarbeiten. Warum lässt sich Thomas Hitzlsperger zu solch einer Verzweiflungstat hinreißen, nur um CV zu verhindern. (Dass er von den „alten Seilschaften“ benutzt wurde soll glauben wer will. Dazu ist er zu intelligent und selbstbewusst; das war sein Ding.) Was ist der Grund, dass ein nur kurze Zeit im Amt befindlicher Präsident in so kurzer Zeit so vehementen Widerstand erzeugt?

    • Bernd sagt

      Als jemand, der tendenziell contra Vogt eingestellt ist, vermute ich dass Vogt von den Seilschaften als Nestbeschmutzer wahrgenommen wurde, insbesondere durch die Art und Weise wie er den Datenskandal für seine Zwecke instrumentalisiert hat. Immerhin hat er dadurch die Art und Weise wie der VfB eigentlich seit dem Abgang von MV geführt wurde angegriffen. Hitz als Ziehsohn der Seilschaften wird sich da nicht komplett rausgenommen haben, und ich glaube ihm sofort, dass ihm die Aufsichtsratsführung unter Vogt im Vergleich zu Dietrich wie eine mittlere Katastrophe vorgekommen ist. Ich bin da aber insofern bei Vogt, dass eine Erneuerung des VfB ohne Abgang der Seilschaften nicht funktioniert hätte, und dass der von Vogt angezettelte Machtkampf zwar kurzfristig dem VfB Schaden zugefügt hat, aber langfristig notwendig war. Vorausgesetzt natürlich, man tauscht nicht einfach den Freundeskreis durch den FC PlayFair aus, aber da sehe ich ein Präsidium mit Adrion und Riethmüller als weit genug entfernt von an. Ich kann nur hoffen, dass in den nächsten Jahren ein vernünftiger Ausgleich der verschiedenen Interessenslagen gelingt.

      • drhuey sagt

        Chapeau, dem ist jetzt nun wirklich hinzuzufügen. Möge jetzt eine neue Zeit beginnen, in der Integrität mit sportlichem Erfllg einhergeht. Auf dem Papier hat der VfB nun eine grandiose Ausgangslage.

  4. Jayaaress sagt

    Ist das aber ein billiger 3-Groschen Roman. Früher gab es im Radio mal den Frauenarzt von Bischofsbrück. Erinnert mich sehr stark daran. Nur hatten diese Verfasser mehr Fantasie, und mischten Märchenwelt und Realsatire gekonnter als diese bedeutungslosen Anfänger. Wenn sich die Zeit so einen Bockmist antut, war und ist meine Entscheidung dieses Blatt nicht zu lesen absolut richtig.

  5. Eckart Weidle sagt

    Was haben Vorhaltungen gegenüber dem Trainer mit der Präsidentenwahl zu tun? Das, bitte, muss mir mal jemand erklären!
    Und wenn -wie unterschwellig behauptet wird- „Rino“ untauglich sein soll, wer hat dann für die positive Entwicklung im Team verantwortlich gezeichnet? Handelt es sich auch da um rein persönliche Befindlichkeiten irgendwelcher Schattenmenschen, denen ich geneigt bin jegliche „Eier in der Hose“ abzusprechen mit anonymen Vorhaltungen am Tag vor der Mitgliederversammlung? Und nur kurz angemerkt: ch bin kein VfB-Mitglied sondern neutraler externer Beobachter!

  6. Bernd sagt

    Irgendwie kann ich die Stoßrichtung der ZEIT-Artikel nicht nachvollziehen. Es wird ja ein Konflikt zwischen Erfolg und moralischer Integrität unterstellt. Man kann aber kaum bestreiten, dass die toxische Führungskultur unter Dietrich, Reschke und Porth einen entscheidenden Anteil am zweiten Abstieg hatte. Deren Tricksen und Täuschen hat uns vielleicht einen Maffeo-Transfer ermöglicht (herzlichen Dank dafür nochmal) , aber halt vor allem den Zusammenhalt in der Mannschaft kaputtgemacht.

    Mit der aktuellen sportlichen Führung erleben wir das genaue Gegenteil. Es gibt klare und verlässliche Absprachen mit den Spielern, bis dahin dass die Verantwortlichen dafür auch persönlich einstehen (siehe Mislintats Äußerungen warum er aktuell gar nicht vom VfB weg kann). Es mag noch zu früh sein, um zu beurteilen ob dieser Weg auch langfristig erfolgreich ist, momentan kann ich hier aber keinen Konflikt zwischen Tabelle und Moral erkennen, ganz im Gegenteil. Sollte das bei der ZEIT ein Versuch linker Kapitalismuskritik werden? Finde auch den Vergleich mit St. Pauli etwas schräg, man hätte ja genauso auch Freiburg nehmen können, und mit der stärkeren Wirtschaftskraft der Region um Stuttgart sollte mit so einem Modell irgendwann auch wieder Tuchfühlung mit dem internationalen Geschäft drin sein. Aber es geht halt nur durch harte Arbeit, nur weil man der große VfB ist reicht nicht.

    Ich sehe da Vogt und Hitz thematisch auch gar nicht so weit auseinander. Verteilung der Fernsehgelder, Regenbogentrikots sind ja auch Themen, wo sich die AG auf positive Weise eingebracht hat. Von daher würde ich trotz aller Differenzen im persönlichen Bereich davon ausgehen, dass Hitz nicht hinschmeißt, nur weil Vogt eine volle Amtszeit bekommt. Aber wäre vielleicht trotzdem keine schlechte Idee, im Rahmen der Aussprache auf der MV nochmal ein klares Bekenntnis einzufordern, wie ich oben schrieb, scheint das bei uns ja tatsächlich noch was wert zu sein …

  7. Nikolaus sagt

    Ich finde es schwierig, dass hier nicht einmal die Möglichkeit in Erwägung gezogen wird , dass Claus Vogt sich falsch verhalten haben könnte.
    Stattdessen wird hier mit beißender Ironie auf den Artikel einer Zeitung reagiert, die nicht gerade bekannt dafür ist, unsauber zu recherchieren oder reißerisch zu schreiben, sondern sogar einen sehr guten Ruf genießt.

    Ich kann mich des Eindrucks nicht vollständig erwehren, dass Claus Vogt in Teilen der Anhängerschaft den Status eines Unantastbaren genießt und Kritik an ihm generell als inakzeptabel angesehen wird, weil er sich zum leuchtenden Symbol im Kampf gegen die sogenannten „alten Seilschaften“ und den „Kommerz“ aufgeschwungen hat.
    Die allein symbolische Sicht auf einen Menschen ist nicht gut, befreit sie uns doch vom kritischen Denken, das so ungemein wichtig ist.
    Mit Sicherheit gibt es auch beim VfB Menschen in den Gremien, die dort nicht wegen der Sacharbeit sitzen, sondern, um ihr eigenes Ego zu befriedigen. Nicht weniger wichtig als diese Personen ausfindig zu machen sollte aber der neutrale und kritische Blick auf einen Mann sein, der sich um das vielleicht wichtigste Amt in einem Verein bewirbt – und an dem es aus den verschiedensten Quellen übereinstimmende, harsche Kritik gibt.
    Es wäre ungemein wichtig, dass sich jedes VfB Mitglied auch mit dieser Kritik zumindest vorurteilsfrei auseinandersetzt, um die bestmögliche Entscheidung bei der Wahl zum Präsidenten und damit für den VfB Stuttgart treffen zu können.

    • Bernd sagt

      Natürlich hat sich Vogt zum Teil auch falsch verhalten, ich erinnere nur an die unsägliche Nummer mit der Veröffentlichung des Esecon-Berichts. Das heißt aber nicht, dass ich die von Vogt Weggebissenen nebst ihren Steigbügelhaltern weiter beim VfB in Amt und Würden sehen möchte. Insofern hat gestern das geringere Übel gewonnen, hoffen wir mal, dass jetzt mit dem gestrigen Tag eine dunkle Ära beim VfB endgültig beendet ist (mal schauen ob Porth noch zurücktritt), und wir wie von Hitz angekündigt gemeinsam den Blick nach Vorne richten können. Ohne Rumgestochere in Datenskandalen, Ausgliederungen und Esecon-Mauscheleien.

  8. Fritz sagt

    Wie wärs mal mit Fakten und sachlicher Kritik an dem Artikel in der ZEIT? Wenn da nur Polemik und Stimmungsmache kommt, wertet sich der Vertikalpass selbst ab

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