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Niemals war mehr Anfang als jetzt

An Ende einer fast zehnstündigen Mitgliederversammlung wurde Claus Vogt mit 92,25 % Ja-Stimmen im Amt bestätigt. Klingt überragend, war aber das schwächste Ergebnis im Präsidium. Rainer Adrion erhielt 95 % Ja-Stimmen, Christian Riethmüller 96 %. Das ist nicht das von ZEIT online mühsam herbeigeschriebene „Vogt-Land“. Das ist Vogtopia.

Und dort gab es nicht nur bestes Sommerwetter, sondern auch 100 %ig gute Stimmung. Von 11 bis 20:45 Uhr wurde ein einziges Mal gebuht und gepfiffen. Ansonsten herrschte eine für VfB-Mitglieder ungewohnte Harmonie. Bester Beweis: Die Aussprache mit 17 Rednerinnen und Rednern wurde nicht vorzeitig beendet – nicht mal vom Verein selbst wie früher regelmäßig geschehen. Wann hat es das zum letzten Mal gegeben? Vielleicht freuten sich die knapp 2.000 Menschen einfach darüber, endlich mal wieder im Stadion zu sein und waren deswegen so tiefenentspannt und freundlich. Vielleicht lag es auch daran, dass es keine Mitmacherplätze und Zweiklassen-Gesellschaft gab. Es hätte sich auch niemand gewundert, wenn die Anwesenden den Wahlhelferinnen und Wahlhelfern eine Pause gegönnt hätten und stattdessen selbst mit den Tablets durch die Reihen gegangen wären oder kurz mal für eine Schicht an den Catering-Ständen eingesprungen wären. Das war nicht Vogt-Land, das war Vogtstock. Zum Glück ohne Anfassen. Aber vermutlich nur wegen Corona. Achja: Selbst die Maskenpflicht wurde den ganzen Tag ziemlich diszipliniert eingehalten.

Dass der Tag so enden würde, war am Morgen noch ungewiss. Keine Spur von der späteren zen-haften Stimmung, sondern knisternde Spannung. Würde es doch noch den einen letzten verzweifelten Versuch geben, die wahrscheinliche Wiederwahl des Amtsinhabers zu verhindern? Würde irgendjemand die Vorwürfe in der ZEIT-Recherche als letzte Patrone nutzen? Es sah fast danach aus, als das Gerücht die Runde machte, Aufsichtsrat Wilfried Porth würde sich im Zuge der Aussprache persönlich zu Wort melden – mit schweren Vorwürfen Richtung Vogt. Doch dazu kam es nicht – aus welchen Gründen auch immer. Im Gegenteil: Porth hielt Wort und trat zwar nicht auf die Bühne, aber am Montag zurück. Erstaunlich: Auch darüber hinaus gab es im Zuge der Aussprache keinerlei kritische Nachfragen in Richtung des Präsidenten. Die genannten Vorwürfe wie Protokollfälschung oder Geldverschwendung konnte Vogt einfach weglächeln. Dennoch wäre ein konkretes Statement von seiner Seite nach wie vor wichtig. Und so fragte man sich schon, ob die viel zitierten „alten Seilschaften“ eventuell doch nur noch ein paar dünne Fäden in der Hand halten. Nach der Aussprache war die Mitgliederversammlung aufs Gleis gesetzt. Um im Bild zu bleiben: Der Vogt-Zug rollte.

Neben guter Stimmung und klaren Abstimmungen gab es aber auch noch mehr: z.B. wurde der Mitgliedsbeitrag erhöht und gleich zehn Satzungsänderungen verabschiedet. Die Satzung hat jetzt u.a. eine Präambel und dank Ron auch einen Paragraphen, der dafür sorgt, dass „definierte Organe des VfB Stuttgart 1893 e.V. keine ehrenamtliche oder bezahlte Tätigkeit oder Funktion innerhalb der VfB Stuttgart 1893 AG und deren Tochtergesellschaften ausüben“ dürfen. Oder kurz gesagt: Wenn sich Thomas Hitzlsperger nochmals für das Präsidentenamt bewerben, müsste er seinen Posten als CEO der AG aufgeben.

Apropos Hitz: Der wurde wohlwollend empfangen, hielt eine durchaus gute Rede mit vielen wichtigen Punkten zum Thema gesellschaftliche Verantwortung und Vielfalt, reagierte dann aber äußerst unsouverän auf die Kritik eines Mitglieds auf seinen Brief („Ich bin es leid, mich zu entschuldigen“), bevor er sich vom Podium in den VIP-Bereich auf der Tribüne verzog. Die Gespräche zur angekündigten Vertragsverlängerung des CEOs dürften spannend werden. Was man nicht unerwähnt lassen darf: Die starke Performance von Interimsfinanzvorstand Tobias Keller. Der hatte coronabedingt zwar keine guten Zahlen, aber tolle Charts und einen guten Vortrag im Gepäck. Stefan Heims Hausbeschreibung wurde nicht vermisst.

Aber jetzt mal Schluss mit Wortspielen: Es ging am Sonntag nicht um Vogt, es ging um den VfB. Es ging darum, dass die Mitglieder ernst genommen werden wollen. Sie wollen sich nicht als ahnungslose Vollidioten oder Krakeeler beschimpfen lassen, sie wollen kein „weiter so“, diktiert von den Leuten, die den VfB Stuttgart schon zwei Mal in den Abstieg begleitet haben. Mit den klaren Wahlergebnissen hat die Mitgliederversammlung deutlich gemacht, wie ihre Vision vom VfB aussieht. Eine Vision, für die auch die neu gewählten Präsidiumsmitglieder und Vereinsbeiräte stehen.

Die Mitglieder wollen ein starkes Präsidium in einem starken e.V. Und das macht Sinn. Wie ein Fan in der Schwemme zu den Kandidaten sagte: „Wir wählen euch, weil wir euch vertrauen. Wenn wir das Vertrauen verlieren, wählen wir euch ab.“ Natürlich haben die neu gewählten Funktionäre einen Vertrauensvorschuss für vier Jahre erhalten. Aber sollte dieser schon nach einem Jahr aufgebraucht sein, kann die Mitgliederversammlung handeln. Das ist der große Unterschied zur AG, auf die die Mitgliedschaft keinen bzw. kaum Durchgriff hat.

Muss man jetzt Sorge haben, dass eine alte Seilschaft durch eine neue ersetzt wird? Man kann auf jeden Fall kritisieren, dass die Organe des Vereins zukünftig sehr homogen besetzt sind, vielleicht zu homogen. Die Verantwortlichen werden beweisen müssen, dass sie vor lauter Harmonie nicht in sich gegenseitig bestätigender Selbstgefälligkeit erstarren. Wir Fans, Blogger und Podcaster sind gefragt, ihnen auf die Finger zu schauen. Bei aller Transparenz und Sympathie: Ohne alte Seilschaften und mit dem (hoffentlich) bald endenden Einschränkungen durch Corona gibt es keine Ausreden mehr.

Ehrlichkeit, Transparenz, Vielfalt, Toleranz, Emanzipation, Diversität, Empowerement: Das war der Zeitgeist, der durch das Neckarstadion wehte. Und auch, wenn sich das am Sonntag wie der schwäbische Frühling Sommer anfühlte, als ob in Stuttgart Großes passiert wäre, als ob sich die Fans ihren Verein zurückgeholt hätten: Die Zukunft wird zeigen müssen, was das alles wert ist. „But can they do it oncold rainy night in Stoke“ lautet ein berühmtes Zitat aus der Fußballwelt. Auf den VfB gemünzt: Wie viel bleibt vom Zauber der Mitgliederversammlung 2021 übrig, wenn es sportlich kriselt und ein potenzieller zweite Investor so ganz und gar nicht zur Fußballromantik passt?

Der VfB Stuttgart hat auf jeden Fall einen spannenden Weg eingeschlagen. Eine Garantie, das der an das gewünschte Ziel führt, gibt es nicht. Aber es fühlt sich richtig an, ihn (mit) zu gehen. Ohne alte Seilschaften, aber mit neuen Idealen.

Zum Weiterlesen:
Redebeitrag von Ron
Redebeitrag von Christoph
Rede von Benno (CC97)
Rede von Chris

Kommentar zur MV bei Rund um den Brustring
Kommentar zur MV von Florian Regelmann (SPOX)

Titelbild: imago Images
Headline: Walt Whitman

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