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Zocker mit Vision

Wataru Endo kann alles: Zweikämpfe, Kopfbälle, Vertikalpässe, Tore.  Vielleicht ist er sogar dafür verantwortlich, dass der VfB aktuell dort steht, wo er ist. Rückblende in den Mai 2020: Für den VfB Stuttgart lief es im Aufstiegsrennen eher schlecht als recht. Trotzdem wurde der Vertrag mit Pellegrino Matarazzo vorzeitig verlängert.

Sportvorstand Thomas Hitzlsperger damals: „Mit der seit mehreren Wochen geplanten Vertragsverlängerung möchten wir deutlich zum Ausdruck bringen, dass wir Kontinuität leben wollen. Nach der bisherigen Zusammenarbeit mit Pellegrino Matarazzo sind wir der festen Überzeugung, dass er alle fachlichen und persönlichen Fähigkeiten in sich trägt, die eine lange Zusammenarbeit möglich machen.“

Nicht wenige von frühzeitigen Vertragsverlängerungen traumatisierte VfB-Fans hielten diesen Move für unnötige Symbolpolitik und sahen sich nur einen Tag später bestätigt, als der VfB im vorentscheidenden Spiel gegen den HSV zur Halbzeit mit 0:2 zurücklag. Das Projekt „Mislintatarazzo-VfB“ schien gescheitert.

Aber wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Endo her. So auch in diesem Spiel, als der Japaner gleich nach der Pause den Anschluss-Treffer erzielte – sein einziges Tor in dieser Saison. Der Rest ist bekannt: Nico Gonzalez glich in der 60. Minute aus und Gonzalo Castro erzielte in der 92. Minute das legendäre 3:2. Ein Sieg der Moral, ein Sieg für Matarazzo, Mislintat und Hitzlsperger. Sie hatten gezockt – und gewonnen.

Ausnahme? Keine Ausnahme! Denn auch in der Vorbereitung für die Erstliga-Saison 20/21 wurde gezockt. Während andere Aufsteiger möglichst viele bundesligaerfahrene Spieler mit Mengenrabatt verpflichten, vertraute die sportliche Führung in Cannstatt der Mannschaft, die mit zehn Punkten Rückstand auf Arminia Bielefeld den Aufstieg gerade so geschafft hatte. „Für den Mislintat-Kader gilt das Prinzip Hoffnung“ schrieben wir kurz vor dem Auftakt der neuen Saison. Und tatsächlich gingen fast alle Wetten von Mislintat und Matarazzo auf: Sasa Kalajdzic, ohne eine einzige Bundesligaminute in die Saison gestartet, schoss sich mit 16 Toren auf die Notizblöcke der Scouts europäischer Topvereine und wird den VfB vermutlich nur dann verlassen, wenn richtig viel Geld nach Cannstatt überwiesen wird. Gregor Kobel hielt den Kasten sauber und die Abwehr zusammen – und wechselte für 15 Millionen nach Dortmund. Nico Gonzalez spielte nicht oft. Aber wenn, dann meist spektakulär – und wechselte für 23 bis 27 Millionen nach Florenz.

Zum Glück noch im VfB-Trikot: Silas, dessen Anlagen in der zweiten Liga zwar schon deutlich sichtbar waren, der dann aber in der Bundesliga erst so richtig durchstartete, bevor ihn ein Kreuzbandriss stoppte. Der Lohn: Der Titel „Rookie der Saison“. Ebenfalls noch im Trikot mit dem Brustring: Borna Sosa, der sich mit seinnm unvergleichlichen Flanken fast bis in die Nationalmannschaft spielte. In die deutsche wohlgemerkt. Die Liste lässt sich beliebig fortführen: Coulibaly, Klimowicz, Förster, Anton, auch ein Mangala und ein Endo: Fast jeder Spieler performte, fast jede Wette auf die Zukunft ging auf. Sogar die Kombiwette von Mislintat und Matarazzo ging durch. Der Lohn: Platz 9 als Aufsteiger.

Aber mit großem Erfolg kommen große Begehrlichkeiten. Und wie bereits beschrieben, musste der VfB Stuttgart mit Kobel und Gonzalez zwei Leistungsträger ziehen lassen und entschied sich, den Vertrag von Kapitän Gonzalo Castro nicht zu verlängern.

Vor Beginn der neuen Saison könnte VfB-Fans also angst und bange werden, zumal auch Orel Mangala und Gonzalez-Ersatz Chris Führich verletzt sind und Wataru Endo sowie Kobel-Nachfolger Florian Müller olympiabedingt weite Teile der Vorbereitung und eventuell sogar den Saisonauftakt verpassen werden.

17 von 18 Sportdirektoren wären aktuell hektisch auf der Suche nach Ersatz. Nicht so Sven Mislintat. Der spricht Chris Führich nicht nur das Vertrauen aus und erklärt ihn zum „Mehrjahres-Projekt“, sondern stellt Pellegrino Matarazzo auch gleich noch eine Jobgarantie aus – sogar im Abstiegsfall. Früher hätten VfB-Fans über ein solches Statement herzlich gelacht, aber mittlerweile ist klar: Mislintat meint das ernst. Er und Pellegrino Matarazzo teilen die gleiche Vision, wie sie den VfB Stuttgart nach vorne bringen wollen: mutig und wild. Eine vielversprechende Vision mit hohem Risiko. Aber alleine die Tatsache, dass Trainer, Sportdirektor und Sportvorstand einen gemeinsamen Plan haben, ist bereits ein großer Fortschritt für den VfB.

Ob der Plan aufgeht, wird die kommende Saison zeigen müssen. Bislang sind fast alle Wetten auf die Zukunft aufgegangen. Diese Quote wird Mislintat vermutlich nicht halten können.

Aber jedes Mal, wenn man sich fragt, ob junge Talente wie Beyaz, Sankoh, Nartey oder Meyer dem VfB wirklich durch das schwierige zweite Bundesligajahr helfen können, sollte man sich daran erinnern: Es ist noch gar nicht so lange her, dass die VfB-Neuzugänge von der Ersatzbank von Hannover 96 kamen.

Bild: Imago

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1 Kommentare

  1. Estrella sagt

    Mir ging es anfangs auch so…
    Pellegrino wer… ???

    Trotzdem eine geniale Entscheidung.
    Matarazzo ist authentisch, intelligent und
    ein akribischer „Arbeiter“. Bei den PKs finde
    ich ihn gut. Sei. Lächeln schmilzt Eisberge☀

    Denke schon, irgendwann kommt ein richtig grosser Verein und erkennt seine
    Fähigkeiten…

    Ich hoffe, daß Rino und Sven noch lange bei unserem VfB bleiben…

    Mag auch Die Sprüche von Mislintat wie Boss move oder dergleichen. Der Umgang mit Silas eine 1 mit vielen Sternchen.

    Hört sich erstmal komisch an, aber fuehlt sich rund, gut, familiär an und erzeugt maximale Identifikation.

    In Reschke Zeiten und seinem Gelaber, was geht mich mein geschwätz von gestern an, ging das gar nicht…

    Wenn man heut sieht, was gegen Barcelona mal schnell geleistet wurde…Chapeau.

    Nur das mit einige nicht geimpft finde ich total doof, auch phasenweise Sasa Kalajzic, den ich immer super süss fand. Von ihm haette ich gerne mal ein: der VfB hat mich besser gemacht, auf mich in schlechten Zeiten gebaut, mich nie fallen gelassen.
    Selbstverständlich gebe ich noch ein Jahr das Vertrauen zurück, welches mir geschenkt war…

    Mislintat sagt das, Ich habe eine Aufgabe hier angenommen und Spielern ein Versprechen gegeben.

    Schön wäre, wenn das auch von Spielerseite
    Zurück kommen und ausgedrückt werden könnte.

    Unser ehemaliger Chancentod und Abstiegsabseitsheld hat seit er mit messi spielt immer ausgedrückt, daß stuttgart ihm eine Nummer zu klein ist. Ich vermisse ihn tatsächlich wegen mehrere Vorkommnisse nicht.

    Auch wenn mir Gonzo schlimm fehlt, habe ich weiterhin maximales Vertrauen und maximale Identifikation mit mislinterazzo.

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