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Keine Frage von Moral und Anstand

Das „Trödel-Tor“ von Silas Wamangituka zur Frage von Moral und Anstand im Profi-Fußball zu machen, ist deutlich übertrieben.

Was ist passiert? Ein Tor entstand aus der Dummheit der Bremer Jiri Pavlenka und Ömer Toprak: Silas schnappte sich den Ball und hatte sich nach seinem Steal ein bisschen zu lange Zeit gelassen, den Ball über die Linie zu drücken. Es hat sich dabei keiner verletzt, aber die Bremer und viele Fans fühlen sich beleidigt.

Die Silas-Verteidiger berufen sich auf Karl-Heinz Rummenigge (siehe Video). Das ist allein wegen Rummenigge schon komplett daneben und auch die 80er Jahre waren nicht nur in Mode- und Musik-Themen speziell: Die Fußballer trugen Bärte und Frisuren, die gegen Moral und Anstand verstießen und brutalste Fouls nicht nur an Diego Maradona oder Bernd Schuster waren an der Tagesordnung. Es war eine andere Zeit, in jeder Hinsicht, da war vieles möglich, was heute undenkbar ist.

Aber es gibt Schwalben, es gibt Zeitspiel, es gibt versteckte Fouls, es gibt Notbremsen, taktische Fouls und Spieler, „die einen Kontakt clever annehmen“, um einen Elfmeter zu ziehen.

Aber diese Argumentation ist genauso ungenau wie Borna Sosas Flanken am Sonntag: Hier wird klar betrogen oder zumindest geschummelt. Das Tor von Silas war schlicht nicht zu verhindern. Er hat sich dieses Tor selbst verdient, weil er in der 91. Minute seinen hundertsten Sprint anzog und sich für diesen Einsatz belohnte. Ob er den Ball schnell über die Linie geschoben hätte oder nicht – Tor ist Tor. Es ist also eher eine Stilfrage. Silas hat gegen eine ungeschriebene Regel verstoßen, den Gegner nicht zu verhöhnen, sich über einen Verlierer nicht lustig zu machen. Und sein zurückhaltender Tor“jubel“ lässt erahnen, dass dies nicht seine Intention war.

Aber grundsätzlich: ein Panenka beim Elfmeter? Ist das nicht auch eine Verarschung? Lebt der Fußball nicht (auch) von Neppern, Foppern und Tricksern? Übersteiger, Beinschüsse, Rabonas, Hackentricks: Es geht auch immer darum zu zeigen, dass man dem Gegner überlegen ist und sich solche Spielereien erlauben kann. Wer zieht die Grenze zwischen Überlegenheit und Verhohnepiepelung? Der Moralist Davie Selke? Hat Deutschland im WM-Halbfinale 2014 Gastgeber Brasilien verhöhnt, weil sie nach dem 4:0 nicht aufgehört haben Tore zu schießen? War Bayern München am 1. Spieltag besonders anständig, weil sie gegen Schalke nur 8:0 gewannen obwohl ein zweistelliges Ergebnis möglich war? Und darf man per „Schnick-Schnack-Schnuck“ den Freistoßschützen ermitteln?

Trotzdem:
Die Aktion von Silas war etwas herablassend und sehr unnötig. Jugendlicher Leichtsinn, gedankenlos und im Rausch der eigenen Leistungsfähigkeit. Kein Grund zur Aufregung. Der Untergang der Fußballkultur ist es bei weitem nicht. Es hat dem Profi-Fußball vielmehr wieder ein Stück Bolzplatz-Romantik zurück gebracht. Denn dort sind solche Aktionen nicht selten.

Spätestens mit Silas‘ Statement sollte die Sache dann aber auch erledigt sein.

 

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Ein Beitrag geteilt von Silas Wamangituka (@silas_wamangituka_14)

Foto: imago images/Pressefoto Rudel/Robin Rudel

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6 Kommentare

  1. Thomas Draffehn sagt

    Also ich kann mich gut erinnern, ca. 20 Jahre her, und es war immerhin Landesliga, da haben wir auch schonmal Tore mit dem Hinterteil, oder auf der Torlinie noch einen getunnelt, wenn es der Spielstand zuließ…danach ordentlich abgefeiert… grade wenn man vorher ordentlich auf die Socken bekommen hat… ohne Emotion kein Fußball, das sollten sich die Corona-Technokraten mal einschenken… weiter so Silas und VfB…

  2. drhuey sagt

    Das habt ihr völlig korrekt zurechtgerückt! Man muss sich die Szene mal im ausverkauften Neckarstadion in der Cannstatter Kurve vorstellen. Silas wäre vermutlich noch auf den Ball gestanden und hätte den durchdrehenden Fans salutiert bevor er eingeschoben hätte. Na und? Wir leben in Zeiten, in denen an Schulen ernsthaft diskutiert wird, ob Jägerball nicht diskriminierend ist, weil der/die (auch hier Obacht) Getroffene blossgestellt wird und sich vielleicht schlecht fühlt. Warum denken wir nicht zuallererst an den Gewinner, der den verdienten Lohn seiner Anstrengung und seines Talents einstreicht? Warum denkt der Verlierer (in dem Fall Selke) nicht zuallererst „sch…, verdammt gut gemacht“? Wir müssen aufpassen, dass in dieser allzu politisch korrekten Welt nicht jede Jubelszene, die ja gleichzeitig immer eine Machtdemonstration ist, verboten wird, und sich der Gewinner im Idealfall leise davonschleichen soll, vielleicht noch mit einem schüchternen „Tschuldigung“ auf den Lippen.

  3. Ich weiß nicht, warum Respekt vor dem Gegner in der Wahrnehmung Einiger einen so geringen Stellenwert einnimmt. Erstens war die Aktion von Silas völlig unnötig. Zweitens hat er sich dafür entschuldigt. Auch das gilt es zu respektieren. Der interne Zirkel wird ihm seine Aktion und deren negative Aussenwirkung in erzieherischer Weise erklärt haben. Und das reicht dann auch. Wenn jetzt aber unerzogen Claqueure ihm dafür weiter Applaus spenden und zum „Weiter so!“ animieren, tun diese nicht nur dem Spieler, sondern auch dem Verein schlechthin das ohnehin angekratzte Image noch weiter demolieren. In die Ecke! Schämen!

    • Thomas Draffehn sagt

      Knut: Wieviele aktive Spiele in 1. Mannschaften? Erzähl was von Dir… Klingt eher nach Funktionär… bewusst provoziert von mir… los komm raus… bist Du ein Kicker?

  4. Wie bereits im vorherigen Artikel kommentiert, ist die einzige Peinlichkeit Pavlenkas Schlafmützigkeit und der in die falsche Richtung geäußerte Frust von Selke. Wamangituka sollte hier nicht für etwas gerüffelt werden, was er im Vorfeld ’seiner‘ für manchen so despektierlichen Aktion gemacht hat, nämlich kongenial seinen Torriecher eingesetzt und dann einfach nur auf Zeit gespielt. Ich frage mich, worauf Pavlenka eigentlich in der Szene gewartet hat? Auf einen Pfiff vom Schiri? Und ich frage mich auch, nach dem Lesen einiger merkwürdigen Kommentare auf Twitter etc., ob es eine ähnliche Aufregung gegeben hätte in der Öffentlichkeit, wenn statt Wamangituka Kalajdzic auf dieselbe Weise den Treffer erzielt hätte…? Evtl. haben manche Leute hier ein Problem mit Silas‘ Spielweise, weil er schwarz ist?! Der Junge ist 21, hat eine Spiellust wie sau und jetzt kommen ein paar alte weiße Männer und zeigen mit dem Finger auf ihn für was?! Weil er nicht ‚politisch‘ korrekt ein Tor erzielt hat? Come on…

    Und Danke an Thomas Draffehn und drhuey für ihre Kommentare, die mir aus dem Herz sprechen!

  5. Oldfan sagt

    Unsportlich? Ach Quatsch! Selke hat den Frust über den Sch…, den er gebaut hat, postwendend am Torschützen kompensiert. Da passieren pro Spiel jede Menge „echte“ Unsportlichkeiten. Verbale und körperliche. Das Ding wurde – wie nicht anders zu erwarten – sofort gehypt. Ei drüber. Ende.

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