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Kobel, du bist so ein Gott, Junge!

Erstaunlich: Der VfB am 23. Spieltag im Gleichschritt mit Bayern München. Beide mit einem 5:1, beide mit schwierigen Phasen, in denen der Gegner die Wende hätte schaffen können. Beide nur in der ersten Hälfte souverän, beide mit Joker-Toren, beide mit Siegen, die letztlich zu hoch ausfielen. Aber beide erledigten ihre Pflichtaufgabe, das war besonders beim VfB schon ganz anders, Stichwort „Aufbaugegner“.

Schalke 04 kam mit einem Trainer ins Neckarstadion, der beim VfB durchaus Spuren hinterlassen hat: Als Nachfolger von Markus Babbel kam Christian Gross im Winter 2009, in 19 Spielen unter dem Schweizer gelangen 14 Siege und drei Unentschieden. Nur gegen Vizemeister FC Schalke 04 und den HSV gab es Niederlagen. Keine Mannschaft spielte in dieser Saison eine so erfolgreiche Rückrunde wie der VfB. Das Highlight war sicher das Champions League-Hinspiel gegen Barcelona, als der VfB die Katalanen am Rande einer Niederlage hatte. Gross forderte stets absoluten Einsatz: „Ich verlange von meinen Spielern immer volle Leidenschaft“. Er galt als hart, aber herzlich und legte großen Wert auf Disziplin. Es ist traurig anzusehen, wie der Schalker Sauhaufen seinen Trainer im Stich läßt und letztlich die Schuld nicht bei sich, sondern bei Gross sucht. Aber das Kapitel ist für ihn nun nach der Entlassung beendet. Ein Glück für ihn!

Dem VfB kann es nur recht sein: Wataru Endo, der wunderbare Endo, mit einem Doppelpack. Zwei Tore nach Ecken, zwei Tore nach dem gleichen Muster. Absetzen an den zweiten Pfosten, warten bis der Ball kommt, einschieben, jubeln. Wobei „Absetzen“ übertrieben ist: Endo blieb einfach stehen und alle liefen von ihm weg. Der Japaner hat es verdient: Seit seinem Debüt gegen den KSC im November 2019 ist er der konstanteste und formstärkste Spieler des VfB. Unschlagbar im Kopfball, hart im Zweikampf, resistent gegen Pressing, klares Stellungs- und Passspiel, die Einstellung immer tadellos. Kein Wunder, dass er mittlerweile der Kapitän der Mannschaft ist, wenn Gonzalo Castro nicht auf dem Platz steht.

Sein obligatorisches Tor erzielt Sasa Kalajdzic, nach der obligatorischen Vorlage von Buddy Borna. Der formstarke Kroate gibt seinen Flanken stets Gedichte mit auf den Weg: „Sasa, der ist für Dich, mach‘ ein Tor für mich“ und „Lasst ihn durch für Endo, ich will ihn lachen sehn’“. Sosa nun mit sieben Assists in den letzten sieben Spielen, Sasa mit sechs Toren in den letzten fünf Spielen. Eine Freude nicht nur für Number Cruncher.

Obwohl der VfB fünf Tore schoss, heisst der Mann des Spiels Gregor Kobel.

Ein Torhüter Matchwinner bei einem Kantersieg? Weil trotz der beiden Treffer von Philipp Klement (Glückwunsch zur Tor-Premiere!) und Daniel Didavi in der Schlussphase nicht vergessen werden darf, dass der VfB gegen den abgeschlagenen Tabellenletzten Probleme hatte. Bereits in der 5. Minute verhinderte Kobel einen frühen Rückstand, als er gegen Amine Harit rettete, der am Fünfmeterraum völlig frei zum Schuss kam. In der zweiten Halbzeit, als der VfB wie gegen Hertha BSC und den 1. FC Köln seltsam nachließ und viel zu passiv agierte, parierte er in der schwierigsten Phase erst einen Schuss von Suat Serdar (67. Minute) und hielt fünf Minuten später den Elfmeter von Nabil Bentaleb. Gut, dass er nicht auf Kalajdzic vertraute, denn der hatte die andere Ecke angezeigt. Dann in der 82. Minute eine Parade wie ein Kunstwerk. Der eingewechselte Allessandro Schöpf mit einem fein gezirkelten Fernschuss: Kobel fliegt, er steht in der Luft, aus seiner Körperspannung lässt sich der Strom für ein Einfamilienhaus speisen, mit der rechten Hand lenkt er den Ball ans Lattenkreuz. Kobel, Du Gott!

Seine Bedeutung geht aber über Paraden hinaus. Zusammen mit Waldemar Anton forderte er in der zweiten Halbzeit mehr Konzentration und Seriosität von seinen Mitspielern. Wie er überhaupt erster Mahner und erster Motivator der Mannschaft ist, wenn er „Dinos, ganz stark“, „Kempfi, Du Gott!“ oder „Konzentration, Männer!“ durch den Strafraum brüllt. Ich hätte gerne ein Best-of-Kobel am Ende der Saison, das würde ich mir dann als Klingelton einstellen.

Der nicht gegebene Elfer für Silas ist kein Grund, sich zu ärgern bei einem 5:1? Ich bin da voll bei Sven Mislintat, der sagte: Der Schiri muss es sehen, der Linienrichter muss es sehen und der VAR muss es sehen. Die Anzahl der falschen Entscheidungen beim VfB ist auffällig und es ist gut, dass Mislintat das unmissverständlich anspricht. Wobei: Winkmann, we call it a classic. Ein Schiedsrichter, mit dem der VfB schon einige schlechte Erfahrungen gemacht hat (siehe hier).

15 Punkte auf den Relegationsplatz, das ist mal ne Ansage. Aber kein Grund, nachzulassen. Als nächstes geht es nach Frankfurt. Dort gab es schon das eine oder andere Freakspiel. Erinnert Ihr Euch noch an den Oktober 2014? Es fielen neun Tore!

Foto:
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9 Kommentare

  1. Boris sagt

    …aus seiner Körperspannung lässt sich der Strom für ein Einfamilienhaus speisen…
    Ihr seit absolut Weltklasse – freu mich auf jeden eurer Blogs!!!

  2. Clemens sagt

    Lieber Gast aus Gelsenkirchen,

    wir begrüßen Sie im *** Punkte Restaurant zu Cannstatt.

    Auf der Karte präsentieren wir Ihnen heute unsere Spezialität a la Carte „Flanke Sosa, Kopfball Kalajdzic“ oder das Tagesgericht „Doppelpack Endo“. Dazu empfehlen wir den Hauswein „Parade Kobel“ sowie als Überraschungs Dessert „Debüt Treffer Klement“.

    Wir möchten uns bereits im Vorfeld dafür entschuldigen, dass wir ihnen nicht über 90 Minuten einen aufmerksamen Service präsentieren können. Bitte beehren Sie uns in 2 Jahren gerne wieder.

  3. Clemens sagt

    Ergänzend möchte ich noch anmerken, dass ich einen Aspekt ausgesprochen positiv sehe. Die Verantwortung wird mittlerweile auf einer Vielzahl von Schultern verteilt. Hat man zwischenzeitlich das Wohl und Wehe im Offensiv-Spiel des VfB allein bei Silas und Gonzalez gesehen, springen mittlerweile ganz andere regelmäßig in die Bresche, wie z.B. Sosa und Kalajdzic. Kobel fängt an, uns auch Spiele zu gewinnen. Und nachdem zu Saisonbeginn in der Abwehr lediglich Kempf zu überzeugen wusste, hat sich auch Waldemar Anton als stabiler Fixpunkt etabliert. Die einzigen beiden, die seit Saisonbeginn unverändert stark und stabil aufspielen sind Endo und Mangala.

    In einem sportlich stabilen Umfeld mit einer verlässlichen Achse können sich auch andere junge Spieler entsprechend entwickeln. Ich denke es ist daher jetzt an der Zeit, dass Matarazzo auch anderen Spielern aus der bislang dritten Reihe, wie z.B. Mo Cissé, Ahamada und Aidonis, die Möglichkeit auf Einsätze ermöglichen sollte. Natürlich nicht dogmatisch, sondern mit Augenmaß. Und wäre Egloff fit, wäre er vermutlich ein Top-Kandidat auf Einsätze, aber vielleicht klappt es damit noch bis Saisonende.

  4. Cihat sagt

    Kann mich sehr gut daran erinnern als viele in anderen sozialen Medien laut aufgeschrien haben, als es hieß dass Kobel 4 Millionen Ablöse kosten würde, und wir doch lieber Ulreich verpflichten sollten. Ich habe ihn schon immer gefeiert. Weil er jung ist, sich immer noch weiter entwickelt und brutales Potenzial hat. Weil er sich ganz einfach zu einem Torwartgott entwickelt.

  5. Clemens sagt

    Mit der Entlassung von Gross ist nunmehr klar: Der VfB ist diese Saison für alle angeschlagenen Trainer gegnerischer Mannschaften absolut toxisch!

  6. Bernd sagt

    Wann haben wir eigentlich die letzten Male in dieser Phase der Saison mit 5:1 dank Doppelpack eines Defensivspielers gewonnen? Frage für einen Freund …

  7. drhuey sagt

    Heureka! Lange haben wir auf ihn gewartet, aber nun ist er da: der Nachfolger der besten Nummer Eins der Neuzeit, der Nachfolger von Jens Lehmann. We happy!

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