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Mitgliederversammlung: Was wir wissen und was nicht

Per Definition ist die Mitgliederversammlung:

Oberstes Organ des Vereins ist die Mitgliederversammlung (§ 32 BGB), in der Praxis teilweise auch als (Jahres-)Hauptversammlung bezeichnet. Sie entscheidet in allen Vereinsangelegenheiten, die nicht vom Vorstand oder einem anderen in der Satzung bestimmten Organ zu besorgen sind. Insbesondere bestellt die Mitgliederversammlung den Vereinsvorstand und beruft diesen ab (§ 27 BGB), soweit die Satzung diese Zuständigkeit nicht einem anderen Organ zuweist.

Morgen wird das oberste Organ des VfB Stuttgart 1893 e.V. also nicht nur entscheiden, wer den freien Platz im Präsidium einnimmt, sondern auch darüber, ob die Amtszeit von Wolfgang Dietrich vorzeitig endet. Eigentlich kein großes Ding, sollte man meinen. Zumal die Hürde für eine Abwahl mit 75 % sehr hoch ist. Also hingehen, Knöpfchen drücken, Ergebnis zu Kenntnis nehmen und akzeptieren. Sollte man meinen.

Stattdessen herrschen in der Woche vor der Mitgliederversammlung Zustände wie im amerikanischen Wahlkampf um das Präsidenten-Amt. Nur ohne russische Beteiligung. Aber wer weiß? Wundern würde einen auch das nicht mehr wirklich. Aber der Reihe nach:

Schon seit längerer Zeit finden sich im Netz ausführliche Texte, die nüchtern und fundiert darlegen, welche Gründe für eine Abwahl Wolfgang Dietrichs sprechen. Die Links zu diesen Texten – geschrieben von VfB-Blogs und Ultra-Gruppierungen – findet man in diesem Twitter-Thread.

Dass man in der Mercedesstraße ganz anderer Meinung ist, erstaunt wenig und ist selbstverständlich legitim. Eine lange Liste mit ausführlichen Texten, die gegen eine Abwahl Wolfgang Dietrichs sprechen, findet ihr deshalb … nein, nur Spaß: so etwas gibt es natürlich nicht. Um eine Abwahl von Wolfgang Dietrich mit allen Mitteln zu verhindern, greift der VfB nicht zu Inhalten, sondern zu anderen Mitteln. Schauen wir uns mal an, was sich in den vergangenen Tagen ereignete:

Den Auftakt macht am 3. Juli die Facebookseite „Fokus VfB“ (die unseren Informationen nach übrigens nicht aus Heilbronn bespielt wird, wie das Impressum einen glauben lässt, sondern aus dem externen Beraterumfeld von Wolfgang Dietrich): Dort zieht man den komplett unangebrachten Vergleich zwischen beleidigenden Tweets gegen Wolfgang Dietrich und dem rechtsradikal motivierten Mord am Politiker Walter Lübke. Um das klarzustellen: Beleidigungen oder gar Drohungen haben im gegenseitigen Umgang miteinander keinen Platz. Verbale Entgleisungen mit einem Kopfschuss gleichzusetzen ist allerdings genauso unappetitlich.

Noch am gleichen Tag wird der Beitrag auf der Facebookseite „Vereinsleben 1893“, der offiziellen Seite des VfB Stuttgart 1893 e.V., geteilt. Versehen mit folgendem Kommentar von Wolf-Dietrich Erhardt, dem Vorsitzenden des Vereinsbeirats: „Ein bemerkenswerter Beitrag zu einem in unserer Gesellschaft leider sehr aktuellen Thema. In der VfB Familie soll jeder seine Meinung frei äußern. Als VfBler müssen wir aber immer mit Anstand, Respekt und Offenheit untereinander in die Diskussion gehen!“  Während der zweite Teil des Statements selbstverständlich 100% korrekt ist, bleibt der Vergleich eines Mordes mit einer Beleidigung absurd.

Next stop 9. Juli: VfB im „Dialog“:  Geladen sind ausgewählte Mitglieder der Fanclubs. Die Fragen für den „Dialog“ konnten über Facebook und Twitter eingereicht werden und wurden im Vorfeld selektiert. Fragen aus dem Publikum gibt es auch: exakt zwei werden zugelassen. Die beiden Glückspilze stellen jedoch keinerlei inhaltliche Fragen, sondern schimpfen über die bösen Menschen im Internet und fordern, dass alle verklagt werden. By the way: Wie kommt man eigentlich an so eine VfB im Dialog Dauerkarte mit garantierter Redezeit wie sie der ältere Herr offensichtlich hat, da er in nahezu jeder Veranstaltung zu Wort kommt? Die einzigen Inhalte im Dialog kommen übrigens von Sven Mislintat. Warum der überhaupt bei einer Veranstaltung, die sich um das Präsidium des e.V. dreht, dabei ist, erschließt sich allerdings nicht. Wolfgang Dietrich hingegen bleibt gute Argumente gegen seine Abwahl schuldig: Mitgliederzuwachs, aussichtsreiche Gespräche mit Investoren, Chaos nach seiner Abwahl. Das übliche halt. Aber das Framing ist gesetzt: Anonyme Hetze aus dem Netz ist das größte Problem, nicht der Abstieg oder der massive Vertrauensverlust.

Einen Tag später, am 10. Juli, passiert dann das, auf das alle gewartet hatten: Gunter Barner droppt seinen unvermeidlichen Artikel. Im Fadenkreuz (sorry!) diesmal: die Ultras. Oder wie Barner sie darstellt: straff organisierte, aber selten denkenden Krawallos auf Drogen, die den Präsidenten bedrohen und kleinen Kindern die Schals klauen. Das Echo auf den tendenziösen und durch Unwahrheiten auffallenden Text ist so schlecht, dass die Redaktion sich offenbar genötigt sieht, dem Artikel das Label „Kommentar“ zu verpassen. In den nächsten 24 Stunden findet sich das Stück mal vor, mal hinter der Paywall, mal als Kommentar gekennzeichnet, mal nicht. Aber auch hier: das Framing ist gesetzt. Normale Fans sind für Dietrich. Wer für seine Abwahl stimmt, ist hingegen entweder ein anonymer Psychopath aus dem Darknet oder ein gewaltbereiter Dummkopf. Oder beides. So einfach ist das.

Dass sich in der Zwischenzeit auch noch die Abteilungsleiter des VfB e.V. – darunter Wolf-Dietrich Erhardt –  an ihre Mitglieder, und Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth mit deutlichen Wahlempfehlungen an seine „dunkelroten Kolleginnen und Kollegen“ wenden, nimmt man dabei fast schon als Selbstverständlichkeit hin. Aber zu Erinnerung: Erhardt ist Vorsitzender des Vereinsbeirats, dessen Aufgabe es doch eigentlich ist, das Präsidium zu kontrollieren. Und Porth ist Angestellter des Ankerinvestors und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. Der VfB Stuttgart 1893 AG wohlgemerkt. Im Verein hat er nichts zu sagen. Theoretisch zumindest.

Aber zurück zu den Darknet-Psychopathen und den Dummköpfen in der Kurve: Geht natürlich gar nicht. Und deswegen geht der VfB am Freitag schließlich den finalen Schritt: Strafanzeige gegen die eigenen Fans. Wenn es wirklich konkrete Morddrohungen gab, ist dieser Schritt natürlich absolut legitim und es spielt keine Rolle, ob Fan oder nicht. Dass die Polizei jedoch auch wegen des „Spalter“-Doppelhalters ermittelt, lässt einen dann doch zweifeln, wie sie eine Morddrohung definiert.  „Man kann das so oder so interpretieren“, sagt Polizeipräsident Lutz. Nun, man muss schon sehr schlechte Augen haben, um in dem Stempel, der das Banner ziert, ein Fadenkreuz zu erkennen. Aber gut, die Stuttgarter Polizei hat in Kastanien auch schon Ziegelsteine gesehen. Doch selbst mit neun Dioptrin auf beiden Augen wird man schnell feststellen, dass eben jener Banner bereits seit 2016 im Neckarstadion eingesetzt wird. Was drei Jahre okay war, ist jetzt eine Morddrohung?

Egal, wie die Abstimmung über die Abwahl am Sonntag ausgeht: Der VfB hat im Vorfeld bereits viel verbrannte Erde hinterlassen. Die ohnehin breiten Gräben sind noch größer geworden. Und es ist nicht davon ausgehen, dass sie nach der Mitgliederversammlung schnell wieder zugeschüttet werden können. Der Vertrauensverlust ist immens. Übrigens nicht nur gegenüber des Clubs, sondern auch gegenüber den Medien, in denen jetzt offenbar haufenweise Gefälligkeitsartikel erscheinen.

Gibt es eigentlich irgendetwas positives an der ganzen Geschichte?
Ja, Tim Walter und sein Team können in aller Ruhe arbeiten, weil die Dietrich-Diskussion alles überlagert. Immerhin.

Wir sehen uns Sonntag!

Darf gerne geteilt werden:

5 Kommentare

  1. Harald Huchler sagt

    Hallo!
    Also für mich ist die ganze Geschäftsführung ein manipulierter Haufen, der nur eine diktierte Meinung vertreten darf. Wenn ein Hitzelsberger Morgen ein Plädoyer pro Dietrich wurde dies vermutlich bereits zensiert. Eine freie Meinung wird dies nicht sein. Dierich hat auch in seinen Kommentaren bereits als Sündenbock für die Weinzierl Angelegenheit abgestempelt. Ich könnte jetzt gerade so weitermachen. Aber eines noch, die Polizei in Stuttgart ist kein Freund der Fans, grundsätzlich sind Fans immer schuldig.
    Harald
    .

  2. Fahne sagt

    Ich hoffe, dass sich die VfB-Mitglieder auf der Mitgliederversammlung nicht in eine Diskussion hineinziehen lassen, welche durch die VfB-Propaganda-Maschine veranlasst worden ist (siehe Text oben von @buzze), alles nur Nebelkerzen. Das lenkt nur vom eigentlichen Problem ab und hilft der sachlichen Klärung bzw. dem Anliegen der VfB-Mitglieder in keiner Weise.
    Auffällig war in der Porth-Mitteilung an die Dunkelroten beim Daimler, dass keine Kommentierung des Textes zugelassen war. Zu gerne hätte ich gelesen, welcher Shitstorm sich dabei entwickelt hätte.
    Ich hoffe auf viele Mitglieder gleich in der Mitgliederversammlung. Auch wenn eine Abwahl unwahrscheinlich ist, wäre ein Ergebnis von über 50% für eine Abwahl ein super Signal und meiner Meinung nach auch ein starkes Zeichen. Ob sich davon die Vereinsführung beeindruckt zeigt oder sogar Konsequenzen daraus ziehen, darf bezweifelt werden. Entsprechende Aussagen gäbe es ja bereits seitens WD.

    Bis gleich in der Mitgliederversammlung.

  3. Jon Schmill sagt

    Als Kickers-Fan wünsche ich den VfB-Fans heute gute Nerven. Was die Vereinsführung veranstaltet ist gruselig.

  4. Pingback: Ein Armutszeugnis

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