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No country for old men

Wir haben da so eine Vermutung: Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat hatten während der letzten Saison unseren Vertikalplatz mit einem Richtmikrofon im Visier. Denn direkt hinter uns schimpfte während der kompletten Spielzeit ein Fan auf einzelne Spieler. Immer lautstark und leidenschaftlich und oft noch unter dem spielerischen Niveau der Begegnungen. Bevorzugte Ziele seiner Tiraden: Andreas Beck („Kauf Dir ein Fahrrad!“), Christian Gentner („Du Blinder!“), Dennis Aogo („Du kansch nix!“) und Alexander Esswein („Du kannsch gar nix, Essi!“). Alle vier wird er in der nächsten Saison nicht mehr sehen.

Andreas Beck ist der dritte Spieler, mit dem der Vertrag nicht verlängert wird. Thomas Hitzlsperger macht den Anti-Reschke: Verkündete der ehemalige Sportvorstand gleich nach dem 34. Spieltag der Saison 17/18 gleich fünf Neuzugänge in seiner legendären Pressekonferenz, so ist sein Nachfolger bemüht, einen Kader zu bauen, der möglichst schnell wieder aufsteigen soll. Dass weder Gentner, Aogo noch Beck dabei eine Rolle spielen sollen, verwundert. Zumindest bei einem der drei Routiniers hatte man insgeheim eine Vertragsverlängerung vermutet. Der Favorit: Andreas Beck.

Bei Andreas Beck wusste man, was man bekam: Solide Abwehrarbeit, solides Spielverständnis, sehr vorsichtiges Offensivverhalten, risiko- und manchmal mutloses Spiel nach vorne. Und Halbfeldflanken und fast schon eine Aversion bis zur gegnerischen Grundlinie zu laufen. Er war also gewiss kein Flankengott, sondern eher ein zuverlässiger Kämpfer. Kein Künstler, sondern Handwerker. Ein echter Schaffer halt. Seine Stellung in der Mannschaft und seine Bedeutung in der Kabine schienen groß zu sein, er war Ansprechpartner für junge Spieler, Motivator und Integrator. Andi Beck ist ein netter Kerle, der sich mit dem VfB identifizierte und der gut zum Club passte. Jetzt passt er sowohl von der Altersstruktur als auch vom Spielvermögen offensichtlich nicht mehr ins Raster des neuen Trainers Tim Walter. Schnell zu spielen, flexibel seine Positionen zu verändern, das wurde dem 32-jährigen nicht mehr zugetraut.

Auch wenn die Gespräche mit den Ur-VfB’lern Gentner und Beck und dem soliden Aogo sicher nicht einfach waren, so ist es zumindest formal-juristisch ein Leichtes, auslaufende Verträge nicht zu verlängern. Schwieriger wird es mit weiteren Oldies bzw. Großverdienern wie Daniel Didavi, Mario Gomez, Gonzalo Castro, Emiliano Insua und Holger Badstuber. Auch die werden von unserem Bruddler regelmäßig beschimpft. Sollten auch sie den Verein verlassen, müssen wir uns trotzdem um den Hintermann bei unserem Vertikaplatz keine Sorgen machen: Ihm wird der Stoff nicht ausgehen, er hat es auch auf Borna Sosa, Nicolas Gonzalez, Erik Thommy, Marc-Oliver Kempf und Chadrac Akolo abgesehen. Der eine oder andere Spieler wird schon beim VfB bleiben. Ansonsten sucht sich unser Verbalakrobatiker sicher neue Opfer.

Wie aus Andi und „dem Beck’le“ im Laufe der Jahre Andreas Beck wurde, findet Ihr in diesem Porträt „Beck for good“.

Titelbild: imago images / DeFodi

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4 Kommentare

  1. Clemens sagt

    Welch passende Überschrift. Wenn ihr da selbst drauf gekommen seid, … Respekt!

    Nach LeGente und Aogo nun also auch Beck. Hatte die fehlende Vertragsverlängerung unseres Ex-Spielführers noch ein wenig polarisiert, waren sich die Anhänger bei Aogo weitestgehend einig: zu Recht keine Zukunft für den Instagram-Heroe im Verein mit dem Brustring. Beck ist aus meiner Sicht grenzwertiger, als Gentners Ende beim VfB Stuttgart. Auf seiner Position hat der VfB nämlich bislang nur den vom SC Freiburg ausgeliehenen Stenzel, wenn man davon ausgehen kann, dass Maffeo (hoffentlich) nie wieder für die Schwaben auflaufen darf. Ich denke, man hat mit Beck über eine Backup-Funktion zu deutlich reduzierten Bezügen gesprochen, weshalb Beck später dann auch die Aussage tätigte, dass man sich „…auf keine weitere sportliche Zusammenarbeit einigen konnte.“ Als Nostalgiker und Fußballromatiker bin ich ein wenig traurig, aber als Realist und Zeuge der zurückliegenden Spielzeit kann ich vor unserer sportlichen Führung nur den Hut ziehen, wie konsequent man zuletzt agierte und dass man auch vor dem viel gerühmten Stallgeruch keinen Halt gemacht hat.

    Bleiben mit Didavi und Gomez zwei letzte Granden, die hoch dotiert auf der Payroll stehen, von denen man aber nicht mehr unbedingt sportliche Ruhmestaten erwarten darf. Ich glaube, dass man mit Didavi noch einen Unterschied-Spieler besitzt, der, wenn er denn gesund bleibt, dem VfB über eine Saison weiterhelfen kann. Mein persönlicher Heroe Gomez ist leider leistungstechnisch, als auch aufgrund fehlender Eigen-Motivation nicht mehr in der Lage, dem VfB weiterzuhelfen. Natürlich ist es kein Wunsch-Abgang für jemanden wie ihn, „seinen“ VfB nach einem Abstieg zu verlassen, aber ein weiterer Verbleib würde vermutlich nur noch weiter sein Andenken bei den Anhängern beschädigen.

    Wie gesagt, das konsequente Handeln der Führung sehe ich zunächst einmal positiv, dass der erforderliche Schnitt ohne Rücksicht auf falsche Sentimentalitäten vollzogen wird. Einzig eine Aussage nach fast jeder Verpflichtung stimmt mich aktuell ein wenig nachdenklich „dies war der Wunschspieler von Tim Walter“ oder „dieser oder jener Spieler (z.B. Marvin Mehlem) passt oder passt nicht in das Spielsystem von Tim Walter“. Ich hoffe stark, dass es sich hier lediglich um offizielle „Sprachregelungen“ handelt, die einfach nur unglücklich formuliert worden sind. Denn eigentlich war die Kernaussage von Thomas Hitzlsperger vor Wochen noch, dass der neue Trainer das System und eine Spielidee nach Vorgabe des Vereins umsetzen soll. Derzeit hört sich einiges eher danach an, als brächte der neue Trainer seine Idee mit nach Cannstatt.

  2. drhuey sagt

    There are no clean getaways ! …. Grossartiger Film. Konsequente Entscheidung, wenngleich er für mich VfBler ist ich ihn behalten hätte. Aber evtl. war es auch für Beck einfach eine materielle Abwägung. Im Ergebnis eine saubere Sache. Aber jetzt kommen die wirklichen Herausforderungen: Keine Leistungsbereitschaft oder -willigkeit + hohes Alter + lfd. Vertrag.
    „Age will flatten a man“

    • @abiszet sagt

      @Clemens
      Klar ist die Head von uns ;-)
      Wir hatten auch erwartet, dass mit Beck verlängert wird. Aber offensichtlich lernt man aus letzter Saison: Spieler, die sich aufgrund zurückliegender Leistungen als Führungsspieler und Teil einer Achse sehen, die aber keine Leistungsträger mehr sind und den jüngeren Spielern keinen Halt geben, sind kontraproduktiv. In der Tat wird sich zeigen, was mit Castro, Badstuber und vor allem Gomez passiert. Dass Mario keine Eigenmotivation mehr hätte oder satt und schlaff geworden ist, würde ich nicht sagen: Schau Dir mal seinen Sprint an nach Gentners 1:0 gegen Berlin. Er ist halt ruhiger geworden, „hat schon alles erlebt“, „muss niemandem mehr etwas beweisen“. Diese Distanz zur allgemeinen Aufregung kann schon gut tun, ob er ein Feuer entfachen kann, ist die andere Frage. Bei Didavi habe ich schon vor einem Jahr gesagt: ein reiner Luxusspieler. Mit ihm kannst Du aufgrund seiner Verletzungen nicht rechnen oder gar eine Mannschaft um ihn aufbauen. Wenn er gesund ist, dann ist es gut, wenn nicht, auch gut. Wenn sich der VfB so jemanden leisten kann …

      Dass der VfB den Kader nach Tim Walter ausrichtet, ist nur logisch. Dass man sich Walter ausliefert, ist nur zum Teil richitig. Der VfB will einen pro-aktiven, dominanten Fußball spielen, das ist die Vorgabe, danach wurde Walter ausgewählt. Sollte das mit Walter nicht funktionieren, wird ein Trainer geholt, der ebenfalls für diese Grundausrichtung steht. So hatte ich Hitzlsperger jedenfalls verstanden. Schaun mer mal …

      @HerrDoktor
      Ja, das ist die Frage: Nur weil er „ein echter VfB’ler“ ist, den Vertrag verlängern? Wegen der Romantik? Es sollten nicht Leistungen aus der Vergangenheit gewürdigt/belohnt werden, das hat schon Gentner nicht gepasst. Er sah es als selbstverständlich an, als „alter VfB’ler“, der alles mitgemacht hat, noch einmal einen Vertrag zu bekommen.

  3. drhuey sagt

    D’accord: Romantik sollte sich der VfB nicht mehr leisten und ich bin sehr für den konsequenten Weg. Daher würde ich mir auch eine externe Lösung für die Herren Didavi und Gomez wünschen. Ich befürchte, dass Didavi zwei Mal von einem humorlosen Zweitliga-Verteidiger auf die Socken kriegt und dann wieder Aua hat. Ich sehe sein Beitrag auch „gesund“ nicht so wertvoll (Anlaufen=keine Lust, Luftduell=mmmh, nö, etc.). Seine Technik und feinen Pässe könnten ihn nur bei geänderter Leistungsbereitschaft zu einem wertvollen Spieler im Walterschen System machen. Und Gomez‘ Zelebrierung der überkommenen Rolle des Stossstürmers ist mittlerweile eine Provokation. Tim Walters System braucht eher einen Typ Götze, der zwischen den Linien surft als einen, der vorne auf den Ball wartet. Er wird wahrscheinlich von einem laufenden Vertrag profitieren und wird der Öffentlichkeit als wichtigste Stütze des Umbaus und Gesicht des VfB verkauft.

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