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Rückschritt statt Fortschritt

Beim VfB wird seit der Ausgliederung stets von „klaren Plänen“, von „Weiterentwicklung“, von „Professionalisierung“ und nicht zuletzt von „Erfolg“ gesprochen. In manchen Bereichen tut sich in der Tat etwas: Sei es das Nachwuchsleistungszentrum, die Auslandsvermarktung (auch wenn man das kritisch sehen kann) und die Mitgliederanzahl. In anderen Bereichen hakt es dagegen merklich, so zum Beispiel bei der vor sich hindümpelnden U21, bei der Suche nach einem zweiten und dritten Investor und nicht zuletzt im Kerngeschäft, bei der Profimannschaft. Vor einem Jahr stand der VfB mit 17 Punkten und 13 geschossenen Toren auf Platz 14, aktuell sind es 14 Punkte mit 12 Toren und Platz 16. Vor einem Jahr waren es 21 Gegentore, aktuell 35. Weiterentwicklung? Fehlanzeige!

In den letzten 12 Monaten bzw. im Jahr 2018 mussten oder wollten folgende Spieler gehen:
– Simon Terodde
– Josip Brekalo
– Ailton
– Matthias Zimmermann
– Takuma Asano
– Jacob Bruun Larsen
– Dzenis Burnic
– Anto Grgic
– Marcin Kaminski (Leihe)
– Orel Mangala (Leihe)
– Daniel Ginczek

Gekommen sind in den letzten rund 12 Monaten:
– Mario Gomez
– Erik Thommy
– Marc-Oliver Kempf
– Pablo Maffeo
– Borna Sosa
– Gonzalo Castro
– Daniel Didavi
– David Kopacz
– Nicolas Gonzalez
– Alexander Esswein

In Hannes Wolf, Tayfun Korkut und Markus Weinzierl haben sich drei Trainer in den letzten 12 Monaten am Kader versucht. Geändert oder gar verbessert hat sich: nichts.

Genau wie vor zwölf Monaten hat der VfB Stuttgart massive Probleme, offensive Schlagkraft zu entwickeln – vom Toreschießen gar nicht erst zu sprechen. Viel zu oft hat man den Eindruck, dass ein offensiver Plan fehlt, wenn man einmal von Flanken aus dem Halbfeld absieht, die eine Viertelstunde in der Luft sind. Genau wie vor 12 Monaten beobachtet man die Spiele und kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass irgendeiner irgendwann einen individuellen Fehler macht, der zu einem Gegentor führt. Badstuber, Zieler, Pavard, Ascacibar, Kempf: You name it. Das Engagement der VfB-Spieler wirkt in der Regel brav, wenn nicht sogar mutlos und je weiter das Spiel fortschreitet, zunehmend desillusioniert und frustriert. Den Zuschauern geht es nicht anders.

Basis für Erfolg oder in unserem Fall Misserfolg ist der Kader. Und hier muss zum jetzigen Zeitpunkt festgestellt werden, dass der VfB sich durch die Personalentscheidungen der letzten 12 Monaten nicht weiter entwickelt hat. Klar, es ist erst eine Halbserie gespielt und ein gewisses Verletzungspech ist nicht von der Hand zu weisen. Dennoch muss Sportvorstand Michael Reschke seinen mit 37 Ausgliederungsmillionen verstärkten Kader, der mit dem Abstieg nichts zu tun haben sollte, im Winter pimpen – was schwierig genug wird. Hoffen wir, der diffizile Wintertransfermarkt wird nicht als Ausrede herangezogen. Fehlervermeidung ist wirkungsvoller als Fehlerbehebung und wenn Reschke jetzt seine eigenen Fehleinschätzungen korrigieren muss und darf, so darf er sich nicht über die Rahmenbedingungen beschweren. Dass es überhaupt so weit gekommen ist, liegt schließlich in seiner Verantwortung.

Die Ausleihe des Berliners Alexander Esswein mit bislang null Bundesligaspielen in dieser Saison zeigt das ganze Dilemma: Der VfB ist gezwungen zu nehmen, was der Markt hergibt. Und nicht alle wechselwilligen Spieler wollen unbedingt an den Neckar wechseln. Nachdenklich stimmt, dass Esswein von Karlheinz Förster beraten wird. Aber das ist bestimmt nur ein Zufall, oder? Markus Weinzierl kennt Esswein immerhin aus seiner Zeit aus Augsburg, von daher ist zu hoffen, dass er mit ihm etwas anfangen kann. Hoffnungsschimmer: Auch bei Erik Thommy waren wir anfangs skeptisch. Trotzdem: Fängt jetzt wieder die Bobic-Zeit an, wo der VfB die Ersatzbänke der Konkurrenten aufkauft?

Von diesen Maßnahmen, die erneut Geld kosten werden, einmal abgesehen: Es stimmt etwas strukturell nicht, wenn es innerhalb eines Jahres keinen Fortschritt gibt und vor allem die gleichen Fehler stets wiederholt werden. Der VfB agiert nicht, er reagiert – und das stets auf seine eigenen Fehler. So entsteht kein stabiles Gebilde, es wird immer nur kurzfristig repariert, renoviert, gestrichen, gespachtelt und das Ganze ohne Konzept. Wo ist der berühmte sportliche Plan, von dem Wolfgang Dietrich immer spricht?

Es ist ermüdend. Zumal schon heute die Entwicklung der nächsten 12 Monate eigentlich absehbar ist: In der Winterpause werden zwei bis drei Spieler geholt, die in der Rückrunde mithelfen, dass der VfB den Klassenerhalt schafft. Als Dankeschön erhalten sie nach der Saison langfristige Verträge. Im Sommer werden scheinbar interessante Transfers getätigt und die Verträge von „verdienten Spielern“ ein weiteres Mal verlängert. Der VfB legt zu Saisonbeginn einen Fehlstart hin, im Herbst wird der Trainer entlassen und zum Ende der Rückrunde steht der VfB auf Platz 15, mit 16 Punkten und 14 Toren.

Fußball sei unberechenbar, heißt es. Leider trifft das nicht auf den VfB zu.

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2 Kommentare

  1. Dr. Huey sagt

    Oft habe ich mich gefragt an was es denn liegt, dass der VfB seit nunmehr zehn Jahren stagniert. Die Grundvoraussetzungen waren nicht immer so rosig wie jetzt, aber Vereine mit wesentlich kleinerem Budget leben es seit Jahren vor wie man eine Mannschaft auf den Platz stellt, die nicht nur Fussball verhindern möchte und dabei stets erfolgreicher ist als der vermeintlich grosse VfB. Diese Region ist seit je eine Schaffer-Region mit Erfindergeist, die Weltmarktführer hervor gebracht hat. Nur in diesem und vor allem um diesen Verein herum ist nichts von diesem Geist zu spüren, der die Region so erfolgreich gemacht hat. Ein Christian Streich lebt diesen Geist mittlerweile viel besser vor. Ein Rangnick, Gross, oder auch ein Zorniger wären alle geeignet gewesen hier langfristig wieder das zu implementieren was schon ewig keine Rolle mehr spielt: Leistungskultur. Eine rheinische Frohnatur und phantasielose, arbeitsscheue Trainer passen nicht zur DNA dieser Region. Ich bin überzeugt, dass es für den VfB zu spät ist das Ruder herumzureißen und endlich die Basics im Verein zu implementieren. Die Vetterleswirtschaft tut ihr übriges und nimmt jedem Kader (denn eine Mannschaft steht hier nicht auf dem.Platz) den Biss. Und hört endlich auf von einem schwierigen Umfeld zu sprechen. Es ist ein Umfeld von gut ausgebildeten und wettbewerbsfähigen Menschen, die auch gerne für Ihren Arbeitgeber die Extrameile gehen. Statt Sonntagsreden verlangen diese Menschen einfach mindestens dasselbe von ihrem Verein, dem sie Geld Zeit und Herzblut entgegenbringen. Kapiert das endlich !

  2. Klaus sagt

    Ja, derzeit macht sich wirklich ein Gefühl von „same procedure as every year“ breit. Bitter.

    Aber es gibt auch ein paar Faktoren, die dafür sprechen, dass wir in 12 Monaten vielleicht endlich mal diesen Todeskreislauf durchbrechen:
    – Nach dem Korkut-Debakel und Rohrkrepierer-Transfers ist Reschke angeschlagen und kann sich weitere schnelle Trainerwechsel wohl kaum mehr leisten. Vorausgesetzt, es wird eine Entwicklung der Mannschaft sichtbar, gehe ich davon aus, dass Weinzierl länger als bis nächsten Herbst Trainer bleibt.
    – Unter Weinzierl haben bereits mehr Nachwuchsspieler ihr Bundesligadebut gegeben als in den letzten 3 Jahren zusammen. Ja, das war aus der Not geboren. Aber mit der U19 haben wir zum ersten Mal seit Jahren wieder einen echten Talentpool. Gehe davon aus, dass nach Dajaku und Aidonis weitere Talente aus dem Nachwuchsbereich in die Bundesliga aufsteigen werden.
    – Es wird eine weitere Führungskraft im sportlichen Bereich gesucht. Ja, das kann auch nach hinten losgehen. Aber allein dass man die sportlichen Geschicke und Entscheidungen auf mehr Schultern verteilen will, ist ein guter und richtiger Ansatz.

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